01.12.1980

AUSTRALIENGeister der Traumzeit

Die Ureinwohner des Kontinents, seit Jahrhunderten verfolgt, sehen sich von einem neuen Feind bedroht: Multis auf der Jagd nach Rohstoffen.
Die Männer am Steuer der Schwertransporter versteckten ihre Gesichter hinter Masken und angeklebten Bärten. Getarnt -- mit neuen Nummernschildern -- waren auch die fünfzig schwer beladenen Lastwagen, die sie durch das unwegsame westaustralische Hinterland steuerten. Über der Karawane kreiste ständig ein Polizeihubschrauber als Begleitschutz.
Sobald der Zug in bewohnte Gebiete kam, gaben die Fahrer Gas und preschten durch die von wütenden Bürgern errichteten Straßenbarrikaden. Demonstranten schleuderten Steine, Gewerkschafter wie Geistliche stellten S.199 sich den Lastern in den Weg. Im ganzen Land verhaftete die Polizei 50 Demonstranten.
Ziel der zornerregenden Kolonne war Noonkanbah, eine 400 000 Hektar große Farm der "Aborigines", der Ureinwohner Australiens. Die schwer geschützte Fracht bestand aus einem zusammengelegten Bohrturm und Ölsuchgeräten des amerikanischen Konzerns Amax Petroleum.
Der Multi will ausgerechnet auf jenem Fleck Erde nach Öl bohren, wo eine Kultstätte der Eingeborenen liegt. In Noonkanbah ist nämlich die Große Goanna zu Hause, so sagen die Stammesführer, die Rieseneidechse aus dem Traumreich, welche die Ureinwohner von alters her mit Nahrung versorgt. "Die Geister der Traumzeit ruhen in unserem heiligen Land", klagen die Aborigines, "wer uns unser Land nimmt, zerstört unser Leben, unseren Leib und unsere Seele." Monatelang bettelten und flehten die 200 Eingeborenen des Yungngora-Stammes, daß die Fremden ihr Land verschonen möchten.
Der kleine Stamm bekam von vielen Seiten Hilfe. Der australische Kirchenrat rief die Vereinten Nationen an, Sympathisanten der Aborigines besetzten das Amax-Büro in Perth, und Senator Donald Chipp, Führer der Australischen Demokraten-Partei, bat US-Präsident Carter um Intervention bei der Amax-Zentrale in Houston/Texas.
Der Ölbohrertrupp hatte Noonkanbah schon erreicht, da traten im letzten Augenblick neue Verbündete der Aborigines auf. Die Arbeiter der Bohrstelle weigerten sich, die heiligen Stätten auch nur einen Zentimeter tief anzubohren, bevor die Amax sich nicht mit den Aborigines geeinigt habe. "Ich bin stolz auf meine Gewerkschaft", freute sich Australiens Gewerkschaftsboß Robert Hawke.
Doch der hemdsärmelige Premier des Bundesstaates Westaustralien, Sir Charles Court, wollte zeigen, wer Herr im Haus ist. Flugs übernahm die westaustralische Landesregierung mit Hilfe einer einheimischen Firma statt der Amax die Regie bei den Bohrungen und trickste damit die Gewerkschaft aus. Als die Yungngora von einem Rodeo in der Nachbarschaft zurückkamen, standen sie hilflos vor der abgeriegelten Baustelle.
Das Vertrauen der Aborigines in die Weißen war wieder einmal schwer erschüttert, obgleich sie von den Zugewanderten ohnehin seit zwei Jahrhunderten nichts Gutes erwarten können.
So hatte zwar vor vier Jahren die Bundesregierung in Canberra den Yungngoras die Farm zurückgekauft, damit sie auf ihrem alten Stammesland nach ihrer Fasson leben konnten. Doch für den westaustralischen Landeschef Court ist "in einem zivilisierten Land wie Australien kein Platz für Eingeborenen-Tradition". Court vergab an die Amax und 32 andere Konzerne Lizenzen, um die Hälfte des Noonkanbah-Landes nach Öl und Diamanten durchwühlen zu lassen.
Da hilft den rund 200 000 Ureinwohnern des fünften Kontinents auch nicht das 1977 vom Parlament verabschiedete Gesetz, wonach sie Einspruchsrecht und Mitbestimmung bei der Erschließung von Rohstoffen auf Stammesland haben. Doch Bodenschätze sind Staatseigentum, deren Abbau von "nationalem Interesse" ist. Und damit bleib das Gesetz "nichts als ein Stück Papier", wie der schwarze Direktor S.201 des Aborigines-Forschungszentrums in Melbourne klagt.
"Die Aborigines gehören zwar zum Land, aber das heißt nicht, daß das Land ihnen gehört", urteilte 1965 ein findiger Bundesrichter und verwarf die Klage des Yirrkala-Stammes im Nordwesten Australiens gegen Bauxit-Schürfungen auf seinem Stammesland.
Hätte der englische Kapitän Arthur Phillip 1788 bei der Ankunft der ersten Siedler und Sträflingstransporte in Australien eine offizielle Vertretung der Ureinwohner vorgefunden, so der scheinheilige Richterspruch, wäre die heutige Rechtslage eine völlig andere.
So aber konnte Kapitän Phillip ohne Brief und Siegel Australien zum Besitz der britischen Krone erklären, obwohl die Aborigines dort schon seit etwa 60 000 Jahren gewohnt hatten.
Die Weißen verjagten die nomadisierenden Ureinwohner von deren Stammesgebieten und Wasserstellen, und damit brach das strenge Sozialgefüge der Aborigines zusammen.
"Die weißen Farmer hetzten ihre Hunde auf die hungernden Ureinwohner", schreibt der australische Schriftsteller Bill Beatty. "Wie Ratten und Mäuse wurden die Aborigines mit vergiftetem Schaffleisch ausgerottet."
Auch das 1901 begründete "Commonwealth of Australia" zeigte wenig Einsicht. Als "primitive Klasse von Schmarotzern und Alkoholikern" bezeichnet noch 1974 ein Parlamentsreport die übriggebliebenen 50 000 reinrassigen Aborigines und die 150 000 Mischlinge. Sie leben "in erschütternder Armut in den Slums am Rande der Großstädte", so eine verständnisvollere offizielle Kommission neueren Datums, oder "in entlegenen Reservaten der Regierung unter diktatorischer Bevormundung durch australische Beamte".
Doch jetzt beginnen sie sich zu wehren. Die 1977 eingerichtete National Aboriginal Conference will in einem Friedensvertrag zwischen Farbigen und Weißen nachholen, was die Engländer den Eingeborenen versagten, und retten, was zu retten ist: ihre Kultur und die Unverletzlichkeit des ihnen noch verbliebenen Landes.
"Wenn wir nicht weiterkämpfen, werden ganz Westaustralien, Queensland und das Nordterritorium von den gierigen Multis durchwühlt werden", warnt der Aborigines-Aktivist, Schriftsteller und Schauspieler Gary Foley.
Seit dem Handstreich von Noonkanbah agitieren die Aborigines auch international. Anfang September flogen drei Eingeborene nach Genf, um die liberal-konservative Regierung Fraser bei den Vereinten Nationen wegen Rassendiskriminierung anzuklagen.
Premier Fraser hatte gerade Wichtigeres zu tun: Die jüdische B'nai-B'rith-Organisation in New York zeichnete ihn mit der Goldmedaille für Humanität aus, weil er so mutig die Apartheid-Politik Südafrikas gerügt hatte.

DER SPIEGEL 49/1980
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