01.12.1980

Wie Polen verraten wurde

Die kurzlebige Selbständigkeit des polnischen Staates von 1918 bis 1946 (II)
Um fünf, im Morgengrauen, fuhr der polnische Kavallerie-Fähnrich Bronislaw Zielinski aus dem Schlaf. In der Tür seiner Unterkunft, unweit der ostpreußischen Grenze, stand, wie er später niederschrieb, "der Bauer Szymborski und sagte mit unsicherem Lächeln: 'Entschuldigen Sie bitte, mein Herr, aber ich glaube, es schießt'".
Der Fähnrich vernahm "in der Ferne in Richtung auf Chorzele das Gebrüll von Kanonen", warf einen Blick auf die Madonna im Hof und bat rasch noch die Heilige, "mein Land, meine Angehörigen, uns alle zu schützen". Dann setzte er das Fernglas vor die Augen: Über den Kartoffelacker, zwischen Nebelschwaden, kroch eine Schützenkette auf das Gehöft zu.
Fünf Stunden später verkündete in Berlin der Führer des Deutschen Reiches, Adolf Hitler: "Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen." Es war am 1. September 1939, der Zweite Weltkrieg hatte begonnen. Und sein erstes Opfer waren die Polen. Spätere Opfer waren auch Deutsche, wie schon der Regierungspräsident von Frankfurt/Oder, Friedrich von Schwerin, während des Ersten Weltkriegs hellsichtig, wenn auch in der umgekehrten Richtung an die Wand gemalt hatte: "An den Gedanken einer Umsiedlung großer Volksmassen heißt es sich rechtzeitig zu gewöhnen."
Die Deutschen hatten einen Angriffsplan. Sie marschierten mit 54 Divisionen gegen 38 Infanterie-Divisionen und elf Kavallerie-Brigaden der Polen (von denen 21 Divisionen und sechs Kavallerie-Brigaden tatsächlich kampfbereit waren).
Etwa 3000 deutsche Panzer walzten ostwärts, nur 550 konnten die Polen dagegenstellen. Ihre kärgliche Luftflotte, 66 Bomber und 277 Jäger, kam nicht ausreichend zum Einsatz, weil sie großenteils schon am Boden zerstört wurde.
Aber es gab ja das Pferd und die Lanze. Die polnische Armee gebot über 70 000 Reiter. Den deutschen Soldaten bot sich das altertümliche Bild heransprengender Schwadronen. Die Reiter trugen drei Meter lange, vorn mit Vierkantschliff versehene, fähnchengeschmückte Stoßlanzen aus Stahlrohr, die Offiziere elegante Stiefel, den deutschen Scharfschützen ein sicheres Ziel.
Es stimmt allerdings nicht, daß die Polen mit Roß und Reiter deutsche Panzer attackiert hätten, in der Annahme, diese wären aus Pappe. Vielmehr gerieten Schwadronen des polnischen 18. Ulanenregiments am 1. September 1939 bei dem Dorf Krojanty während der Verfolgungsjagd auf deutsche Infanteristen durch Zufall hinter einer Chausseekurve auf eine Kolonne deutscher Panzerfahrzeuge. Roß und Mann wurden niedergemäht.
Es stimmt aber, das letzte Gefecht, Kavallerie gegen Kavallerie, fand am 23. September 1939, bei Lublin, statt. Ostpreußische Reiter attackierten polnische Ulanen. Es kam zum Nahkampf S.203 mit Säbel und Pistole. Die wendigeren Polen gewannen, bis deutsche Panzer auftauchten.
Mit solchen Bravourstücken bewiesen die Polen sich ihren Mut. Kriegsminister Tadeusz Kasprzycki gedachte "einen Bewegungskrieg zu führen und gleich zu Beginn der Operation in Deutschland einzufallen". Der Oberste Befehlshaber, Marschall Edward Rydz-Smigly, hatte noch im August 1939 von einem Marsch auf Berlin gesprochen.
Der polnische Berlin-Botschafter Jozef Lipski rechnete bei Kriegsausbruch mit einer Revolution gegen Hitler. Warschauer Blätter berichteten gar, Deutschland könne überhaupt keinen Krieg führen: Es leide unter der "Schwarzen Paralyse" (Kohlenmangel).
Aber auch westliche Strategen trauten den Polen mehr zu. So urteilte der französische Generalstabschef Gamelin, nicht ganz uneigennützig: "Die Polen werden mindestens sechs Monate durchhalten." Grund genug, hinter der Maginotlinie gemächlich seine Wäsche zu trocknen.
Tatsächlich jedoch war Polen schon verloren, als Staatspräsident Ignacy Moscicki am 1. September 1939 das Volk aufrief: "Vom Allmächtigen gesegnet im Kampf für die heilige und gerechte Sache, mit der Armee vereint, werden wir Schulter an Schulter in den Kampf ziehen bis zum Endsieg."
"Wer die Karte von Europa aus dem Jahre 1939 ansieht", meinte später der Hitler-General Günther Blumentritt, "erkennt sofort, daß Polen strategisch schon erobert war, ehe noch ein Schuß fiel oder ein Soldat die Grenzen überschritten hatte." Müßig also das Fachgesimpel, ob Marschall Rydz-Smigly die wichtigsten Provinzen hätte opfern und hinter den Flüssen Njemen, Bobr, Narew, Weichsel, San anstatt einer Abwehrstellung von 1600 Kilometern eine halb so lange hätte aufbauen sollen.
Bevor noch der deutsche Blitzkrieg endgültig gewonnen war, bediente sich auch der Nachbar im Osten.
In knöchellangen, ausgefransten Mänteln, Harmonika-Stiefeln aus Segeltuch, die langen Gewehre oft nur an einem Strick über die Schulter gehängt, drängten russische Soldaten ins Polenland. Die moderneren Verbände schnitten den kaum noch kampffähigen Verteidigern den Rückzug in Richtung Ungarn ab. Ein guter Monat, dann war Polen wirklich verloren.
"Polen fiel wie vom Blitz erschlagen", erinnerte sich der Staatsmann und spätere stellvertretende Ministerpräsident Stanislaw Mikolajczyk. Polen war, wieder einmal, besiegt, besetzt, geteilt, "in einer Katastrophe, wie sie die Welt seit der Katastrophe Jerusalems nicht furchtbarer gesehen hatte", wie der Preußen-Historiker Heinrich von Sybel nicht den Hitler-Feldzug, sondern die Aufteilungen von ehedem, die zwischen 1772 und 1795, beschrieben hatte.
Es war der vorerst letzte Akt in dem schicksalhaften Drama der polnischen Nation: zerdrückt zu werden "wie ein Schiff zwischen zwei Eisbergen", so der englische Philosoph Arnold Toynbee, und, andererseits, ein verwirrender Gefahrenherd zu sein für den Frieden in Europa, in der Welt.
Polen war verloren, weil seine Armee technisch nicht kriegsbereit war, weil die Franzosen den Krieg nicht wollten und weil zwischen diesen beiden Verbündeten keine generalstabsmäßige Absprache bestand. Sonst, wieder einmal, hätte Hitler verloren.
In diesem Führer hat die uns bekannte Welt einen Machtmenschen, der seine eingefleischten Vorurteile und Obsessionen über ein Vierteljahrhundert bewahrte und der die Richtung seiner Aggressionssucht niemals änderte, einen seltenen Unmenschen mithin.
Er wollte Kolonialraum im Osten; S.206 wollte die dortige Bevölkerung zu Arbeitstieren erniedrigen; wollte die Judenpest ausrotten. An diesen drei Zielen hielt er unverbrüchlich fest.
So konnte er 1934 mit Pilsudski, den er vielleicht sogar bewundert haben mag, durchaus ein Abkommen schließen, das freundliche Beziehungen zu Polen vorsah.
So gab es denn Kutschpartien in Karinhall mit Göring und Oberst Beck (Sommer 1935) und Jagden mit dem Reichsjägermeister Göring und dem polnischen Staatspräsidenten Moscicki (Herbst 1935) im polnischen Bialowieza. Der Führer und der "Eiserne", wie Hermann Göring damals noch genannt wurde, besuchten 1937 in Berlin eine Ausstellung von Bildern polnischer Künstler.
Da Hitlers Wahnsinn Methode hatte, spielte Polen in seiner Rechnung keine Rolle. Entweder es würde sich ihm beizeiten fügen, würde Satellit von Hitlers Gnaden sein, wie später die Slowakei, oder er würde es zerschlagen. Daß Polen etwas zu groß geraten war, um dessen selbstbewußte und gebildete Oberschicht einfach als einen Bauern auf dem Schachbrett zu betrachten, ist dem verrückten Führer und den meisten seiner Generäle nie in den Sinn gekommen.
Schließlich, wer hatte denn mitgespielt, als es galt, die Tschechoslowakei auszulöschen? Polens Außenminister Oberst Beck, der Marschall Rydz-Smigly, Oberster Befehlshaber, und der Staatspräsident Moscicki.
So konnte sich denn der Führer, kaum daß die Tschechoslowakei als "Mutterschiff der Sowjet-Union" im Münchner Abkommen vom 29. September 1938 demontiert worden war, seinem eigentlichen Auftrag zuwenden, sei es mit Hilfe eines demoralisierten und zertretenen Polen, sei es durch Vernichtung Polens.
So dachte und so handelte er, unter enthusiastischer Mitwirkung seiner preußischen Generäle: nicht vergessen, bitte, daß Seeckt und Fritsch zwar nicht gerade Hitler-Anhänger waren, aber doch Polenfeinde, die so manches Risiko unter dem von ihnen zum Clause-Witz abgewirtschafteten Grundsatz "Primat der Politik" mitgemacht hätten. "Der Gehorsam blind", das galt gegenüber Hitler, nicht aber gegenüber Ebert und Noske, nicht gegenüber der Republik.
Daß Hitler opportunistisch vorging, wie jeder große Politiker, ist sehr wahr. Wer sich nicht nach den Umständen richtet, wird von ihnen gerichtet.
Aber er hatte, anders als etwa Bismarck, eine Mission, und zwar eine, die sich nicht nach den Möglichkeiten streckte. Vielmehr, die Möglichkeiten mußten sich seinen Wahnvorstellungen anpassen.
Hatte schon dem Plan des kaiserlichen Generalstabschefs Graf Schlieffen eine realitätsfremde "idee fixe" zugrunde gelegen, so kann man das Ostraum-Konzept des Führers nur mit den Mitteln der Psychiatrie erklären. Ein so umfangreiches Gebilde wie Polen, mit rund 35 Millionen Einwohnern, wurde nicht analysiert, sondern je nach Umstand entweder der eigenen oder der Feindseite zugeschlagen.
Wie Rußland erobern und Polen ungeschoren, wie "die Schafe heil und die Wölfe satt"? Ein nicht lösbarer Denksport. Die preußischen Fachleute, so sie sich nicht vorher wie der Generalstabschef Ludwig Beck aus dem Wahnsinns-Unternehmen ausgeklinkt hatten, gaben ihre Verstände in der Garderobe der Reichskanzlei ab. Schließlich wollte ein Mann wie Rommel ja etwas werden; S.208 einer der Schlimmsten, aber längst nicht der Schlimmste.
Wie bei so vielen Wahngeschädigten muß den Außenstehenden die Präzision des Uhrwerks verwundern. Hätte Hitler ein vernünftiges Ziel gehabt, so müßte man ihm Stetigkeit, Instinkt und eine hohe Intelligenz bescheinigen.
Rückblickend kann man feststellen, daß er seine beiden Möglichkeiten --Polen als Vasall mit ihm oder Polen gegen ihn -- von Anfang an ins Auge gefaßt und konsequent durchgespielt hat. Die Option sollte offenbleiben, nur leider war es eine Option ins Nichts, ohne Rücksicht auf die Realitäten.
Wer Rußland unter allen Umständen ausbeuten und vernichten wollte, für den gab es gar keine Option. Zwar hatte Stalin im Dezember 1931 seinen Nichtangriffspakt mit Polen so interpretiert: "Wir waren nie die Garanten Polens und werden es nie werden, ebenso wie Polen nicht der Garant unserer Grenzen war und auch nicht sein wird." Eine stilvolle Erklärung.
Hätte der Führer solch glasklares Denken beherzigen können: Wer weiß, ob er den Krieg nicht hätte vermeiden, ob er die Vormachtstellung des Reiches in Festland-Europa nicht ohne Krieg hätte sichern können (eine für etliche Menschengruppen entsetzliche Vorstellung). Aber es ging ihm nicht um Ziele als solche, sondern darum, sich opernhaft a la "Götterdämmerung" in Szene zu setzen, und das lief alles ganz geschäftsmäßig ab.
War Hitler mit seinem Polen-Pakt schon weiter gegangen, als Stresemann und die Republik je hätten können und wollen, so durfte er, da er sich an Abreden grundsätzlich nicht gebunden hielt, in den Augen der Zeitgenossen auch noch weiter gehen, konsequent und solide. Wer weiß, ob er seine geheimsten Gedanken auch nur seinem mächtigsten Paladin, dem "eisernen" Hermann Göring, anvertraut hat.
Nun gut, man würde einen Teil Polens zurückbekommen ("Korridor durch Korridor" würde nicht reichen). Man würde alles zurückbekommen, was die Polen "geraubt" hatten, man würde die Grenzen von 1914 zurückbekommen, samt einigen oder sogar beträchtlichen Korrekturen; würde England da nicht wieder hilfreich mitwirken?
Hitler ließ auch sein Auswärtiges Amt in diesem Glauben. Was konnte das Reich mehr wollen als alle Deutschen in einem Staatsgebiet, was mehr als die Hegemonie in Europa?
Pilsudski hingegen dachte lieber wie der Führer, obwohl er dessen Gleichung auch nicht lösen konnte. Im April 1934, nach dem Hitler-Pilsudski-Pakt, versuchte Frankreichs Außenminister Barthou, das verlorene Terrain zurückzugewinnen. Pilsudski, "toujours en vedette", hatte anfragen lassen, ob Frankreich dem erhöhten Rüstungshaushalt des Reiches entgegentreten wolle. Barthou in Warschau: Man werde ihn "nicht legalisieren". Pilsudski hingegen war der albernen Meinung, "illegale Kanonen schössen so gut wie legale".
Als Barthou den Helden herauskehren wollte, schlug ihm Pilsudski familiär aufs Knie und sagte lachend: "Nein, nein, glauben Sie mir bitte, Sie werden nachgeben. Sie wären nicht die, die Sie sind, wenn Sie nicht nachgeben würden." Barthou zog daraus den für ihn bequemeren Schluß, "daß die Warschauer Herrschaften im Grunde die Deutschen den Russen vorzogen". Dies war im Grunde nicht einmal völlig falsch, trotz etlicher Nuancen in der S.210 polnischen Führung. Die Wahrheit war es nicht.
Die Franzosen mochten nicht erkennen, daß Pilsudskis Haß auf die Russen das eine Paar Stiefel war, sein Realitätssinn hingegen ein anderes. Wenn Pilsudski wußte, daß Frankreich nicht marschieren würde, warum sollte er sich dann nicht Optionen offenhalten? Hitler hatte zumindest erreicht, daß die beiden Verbündeten einander mißtrauten.
Frankreich schlug 1934 einen "Ostpakt" vor, wo de facto jeder jedem die Grenzen hätte garantieren sollen, unter Einschluß der Sowjet-Union. Hitler lehnte ab, schließlich war er immer noch nicht "gleichberechtigt". Aber auch Polen lehnte ab, das nicht Rußland "in die Arme gestoßen" werden wollte (so Außenminister Jozef Beck).
Auch die Polen hatten ja Gebietsansprüche, wie Hitler. Im übrigen waren sie sich sicher, so berichtete es der französische Botschafter in Warschau Leon Noel seiner Regierung, daß die russischen Truppen, "einmal im Lande, nicht mehr hinausgehen würden".
Oberst Beck sagte Noel: "Wir haben keine Illusionen und wissen sehr genau, daß unser Bündnis mit Ihnen einseitig ist. Sollten Sie von Deutschland angegriffen werden, würde Polen zu Hilfe eilen, denn das wäre in seinem Interesse. Das Gegenteil ist aber nicht der Fall."
Wie recht der Oberst Beck hatte, zeigte sich aber erst am 7. März 1936, als Hitler mit recht fadenscheinigen Truppen das entmilitarisierte linksrheinische Deutschland "besetzte". Polen war zum Eingreifen bereit, Frankreich nicht. Oder besser: Polen wäre marschiert, wenn es hätte sicher sein können, von Frankreich nicht verraten zu werden.
Beck lavierte richtig und geschickt. Der tschechische Gesandte in London, Jan Masaryk, der am 10. März 1948 aus einem Prager Fenster stürzte, nannte ihn folgerichtig einen "ehrlosen Ränkeschmied in einem schlechten Detektivfilm".
Dazu Beck: "Im Falle eines ernsten Konflikts gibt es nur zwei Möglichkeiten. Entweder man schlägt sich, oder man verträgt sich." Frankreich ließ seine letzte Chance verstreichen. Es wollte sich um keinen Preis schlagen, obwohl kaum Blut geflossen wäre.
Der Oberst Beck setzte nun auf England, dem er als Hobbysegler und als Seemacht-Enthusiast ehrlich zugetan war. Hitler sagte seinem deutschen Volk, "einem so großen Staat wie Polen" könne man den Zugang zum Meer nicht einfach abstreiten.
Frankreich nun wiederum gab Polen Geld für Panzer und Flugzeuge. Aber angesichts seiner mittlerweile besseren Beziehungen zur Sowjet-Union, die in den Völkerbund aufgenommen war, die in Spanien auch die Interessen der französischen Volksfrontregierung verteidigte, weigerte sich Paris, die militärischen Verabredungen mit Polen zu präzisieren. Frankreichs Generalstabschef Gamelin wollte keine festen Verabredungen, nicht wieviel, nicht wann, nicht wo.
Polen nun wieder kaufte sich keine Waffen, sondern benutzte das französische Geld, um sich im "Sicherheitsdreieck" zwischen Weichsel, San und Karpaten eine eigene Rüstungsindustrie aufzubauen.
Hitler hatte Gegner, die es ihm leicht machten. Im Spanischen Bürgerkrieg sympathisierte Polen nicht mit der "roten" Republik, sondern mit Deutschland und Italien. Der Führer konnte zufrieden sein. Ja, vielleicht mußte er sogar übermütig werden.
Exotischen Besuch erhielten die Polen aus Moskau. Der in Ostpolen geborene Jude Karl Radek (im Zweiten Moskauer Schauprozeß 1937 zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt, nie mehr aufgetaucht), der schon in Berlin 1919 die Bindungen zur Reichswehr geknüpft hatte, erschien in Warschau und fragte seinen Schulkameraden Miedzinski, Schriftleiter der "Gazeta Polska": "Was macht ihr, wenn die Deutschen euch ultimativ auffordern, gegen uns mitzumachen, oder wenn sie mit Gewalt durchmarschieren?"
Miedzinski antwortete Radek, daß dieser als in Polen geborener und erzogener Verehrer des Dichters Mickiewicz die Polen doch zumindest insoweit kennen müsse, um zu wissen, "daß sie sich in einem solchen Fall der Übermacht entgegenstellen würden, ohne auch nur die Sieges-Chancen oder das Kräfteverhältnis zu überdenken".
Die Sowjets waren nicht beruhigt. Polens Botschafter in Berlin, Lipski, hielt auf dem antibolschewistischen Reichsparteitag in Nürnberg 1935 im S.213 Lager der SS eine herzliche Dankesrede. Sein Außenminister Beck: "Für Polen bedeutete es keine Attraktion, in Stalins Schoß vor Hitler Schutz zu suchen." Man kann es riechen, die Beteiligten tappten nicht so ganz im dunkeln. Die Sowjets behaupteten, und nicht völlig zu Unrecht, Polen befinde sich "im Schlepptau der deutschen Politik".
Das sah aber nur so aus. Denn immer noch hatte sich die geographische Lage nicht verändert. Wollte man Polen dazu bringen, alle ehemals deutschen und alle von Deutschen bewohnten Gebiete herauszugeben; wollte man es dazu bringen, gegen die Sowjet-Macht Krieg zu führen: so mußte man ihm, wie der Pilsudski-Kenner Hermann Rauschning, Senatspräsident von Danzig zwischen Mai 1933 und November 1934 berichtete, ein großpolnisches Imperium "von Meer zu Meer" versprechen, ein neues Reich der Piasten und Jagiellonen, von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer.
Das wollte Hitler nun keinesfalls. Und hätte er gewollt, die Polen hätten ihm nicht geglaubt. Die Ukraine, samt Verbindung dorthin, wollte Hitler ja selbst.
Das hinderte ihn nicht, den Polen dauernd Köder auszulegen. "Vorposten der Christenheit", "gemeinsame Erhaltung der europäischen Kultur", und was es an Sprüchen sonst noch geben kann. Als der preußische Ministerpräsident Hermann Göring Polen in Konkurrenz zu dem vorher dorthin gereisten Joseph Goebbels besuchte, deutete er taktvollerweise eine neue Teilung Polens an, selbstverständlich nicht erstrebenswert und zu gefährlich.
Dem kranken Pilsudski gaukelte er einen gemeinsamen polnisch-deutschen Marsch gegen Rußland vor, nachdem er der polnischen Generalität seinen Plan vorgetragen hatte: Nordwestrußland unter deutschen Einfluß zu bringen, wohingegen die Ukraine zur polnischen Einflußzone gehören sollte. Gewiß kein seriöses, weil allen Absichten Hitlers widersprechendes Angebot, wenn auch vielleicht guten Glaubens vorgetragen.
Der Marschall "stutzte", wie Göring erzählte, und meinte, man könne "doch wirklich nicht für alle Zeiten mit aufgepflanztem Bajonett eine so lange Grenze schützen". Dies war die Stimme der Vernunft, und es könnte sein, daß sie auf Göring Eindruck machte.
Pilsudski, der alte Russenhasser, kannte den Kreml besser als die Kreml-Besucher Anthony Eden und Pierre Laval. Ihnen gegenüber nannte er Stalin einen "Banditen" (blickt man auf beider Frühzeit, so waren sie es wohl beide).
Aber an eines hatte auch der Marschall nicht glauben können: Daß Hitler und Stalin sich zu einer gemeinsamen Politik, natürlich auf Kosten Polens, einigen könnten. Schon damals galt das spätere Wort von Rydz-Smigly: "Mit den Deutschen laufen wir Gefahr, unsere Freiheit zu verlieren, mit den Russen verlieren wir unsere Seele."
Den Unterschied zwischen Freiheit und Seele wird man, rückblickend. nicht perfekt ausmachen können. Hätte S.216 Hitler beispielsweise darauf verzichtet, die über zwei Millionen polnischen Juden umzubringen, was dann? Und liegen in Katyn nur die "Seelen" von jenen 4143 polnischen Offizieren, deren Leiber Stalin hat umbringen lassen?
Aber dies eine stimmt: Wollte man die Politik des Marschalls und des Obersten Beck nicht fortführen, so gab es nur den einen Ausweg, den Becks Stellvertreter Szembek, Gesprächspartner der höchsten Nazigrößen während der Olympischen Spiele in Berlin 1936, so bezeichnet hat: "Schluß mit Polens Schaukelstuhlpolitik", Anlehnung an Deutschland.
Man darf wohl zweifeln, daß dieser Weg Polen besser bekommen wäre. Seine jetzige Lage schiene dann wohlverdient. Immerhin, als Szembek zum Marschall Rydz-Smigly sagte: "Wenn wir uns für einen der beiden entscheiden müssen ...", fiel ihm der Marschall ins Wort: "Dann sicher nicht für die Bolschewisten."
Es waren nur, unglücklicherweise, nicht Bolschewisten, die Europas Landkarte aufrollten, sondern Hitler und seine Generale, und dies sehr viel schneller, als die Polen für möglich gehalten hatten. Hitler wußte, daß die Zeit der Überraschungen bemessen war, und er war von dem Gedanken besessen, schon recht alt zum Kriegführen zu sein.
Man kann dem arrogant-undurchsichtigen Oberst Beck so manches vorwerfen: seinen "Verrat" am Völkerbund und an Abessinien; schlechte Verhältnisse zu Litauen, zur Tschechoslowakei und zu Rumänien; seine Seemachts- und Kolonialattitüde -weil das Reich Wilhelms Kolonien besessen hatte, beanspruchte auch Polen Kolonien im Verhältnis der Gebietsabtretungen des Reiches an Polen: 1:10. Man kann Beck seine Schaukelei zwischen Rumänien und Ungarn vorwerfen; seine Hitlerschen Ultimatums-Methoden in der Außenpolitik; seine Komplizenschaft mit den Nazis während der sogenannten Sudetenkrise und seine Großmachtsträume von einem "Dritten Europa".
Nur einen Vorwurf wird man schwerlich begründen können: Er habe einen Ausweg, der sich bot, nicht probiert. Angesichts der Figur eines Hitler gab es keine vernünftige Selbstbescheidung. Es gab keinen Ausweg.
Der deutsche Führer war 1939 zum Losschlagen entschlossen. Zu sehr hatte ihn 1938 gefuchst, daß er die Tschechoslowakei friedlich hatte einsacken können, mit einem demnächst noch zu schaffenden "Protektorat". Auf Mord war er eingestellt und erpicht. Nun endlich sollte Blut fließen.
Die Entscheidung, die Becks Staatssekretär Szembek befürchtet hatte, wurde noch im Oktober 1938 eingefordert: Der Reichsaußenminister von Ribbentrop bat den polnischen Botschafter Lipski nach Berchtesgaden. Er traf sich mit ihm im dortigen "Grand Hotel", am 24. Oktober 1938.
Lipski, offenbar noch ahnungsloser als sein Außenminister, wünschte, die Karpato-Ukraine solle an Ungarn fallen, damit sein Land mit Ungarn eine gemeinsame Grenze habe, eine Barriere gegen den Kommunismus und sonstige fremde Agenten. Dazu muß man rekapitulieren, daß Beck für Rumänien die Version parat hatte, es handele sich darum, einen "Damm gegen Hitler" zu errichten.
Ribbentrop, sicher höchst befriedigt, ging auf diesen Wunsch nicht ein. Sein Auftrag hieß "Generalbereinigung". Er unterbreitete Lipski Vorschläge. Sie schlossen neben früheren Vorschlägen die folgenden beiden Punkte ein:
* Danzig kehrt zum Deutschen Reich zurück;
* Polen tritt dem Anti-Kominternpakt gegen die Sowjet-Union bei.
Ob der deutschfreundliche Szembek auf dieser Grundlage abgeschlossen hätte? Wohl kaum. Die Polen alle S.218 wußten jetzt Bescheid. Ribbentrop erschien Januar 1939 in Warschau. Wieder lockte er mit dem Köder Ukraine.
Aber die Polen, die sich an der Ausplünderung der Tschechoslowakei noch beteiligt hatten, wußten nun, wem die Stunde schlug. Beck lehnte ab.
Hitler ließ seine "Vorschläge" am 21. März 1939 durch Ribbentrop in nahezu ultimativer Form an Botschafter Lipski wiederholen. Nun machte Beck, vielleicht ein diplomatischer Leichtfuß, aber gewiß kein Dummkopf, keine Ausflüchte mehr.
Er lehnte am 26. März ab, seine Regierung berief Reservisten ein. Am 31. März garantierten England und Frankreich die polnische Unabhängigkeit. Am 3. April erließ Hitler seine Weisung ("Fall Weiß") an die Wehrmacht, die polnische Wehrkraft müsse notfalls zerschlagen werden, "Durchführung ab 1. 9. 39 jederzeit möglich". Am 28. April kündigte er einseitig das Nichtangriffsabkommen mit Polen, das er 1934 mit Marschall Pilsudski abgeschlossen hatte.
Vorausgegangen war Hitlers erster wichtiger Fehler, wenn es denn Absicht nicht war. Am 15. März 1939 hatte er die Rest-Tschechei annektiert, hatte England, Frankreich und Polen gezeigt, wie er mit Verträgen umging, deren Tinte noch feucht war.
Wie man in dieser eindeutigen Situation dem englischen Premier Neville Chamberlain Mangel an Weisheit vorhalten kann (so Joachim C. Fest in seinem großen Hitler-Buch); wie den Polen Mangel an "Klugheit, Balance-Bewußtsein und Anpassungssinn" (wieder Fest), muß wohl ein Rätsel bleiben.
Beck, so Fest, habe nicht gesehen, daß er angesichts der von Hitler verschärften Situation wählen mußte (den Hitler oder den Stalin). Acht Zeilen zuvor: "Kurzum, Polen sah sich seiner ureigenen Situation gegenüber: Es war ohne Wahl."
Chamberlain nun wiederum habe nicht gesehen, daß er Polen Beistandsverhandlungen mit der UdSSR hätte "aufnötigen" müssen. Aber: "Nur zwei Gegenspieler schienen zu wissen, daß die Situation ohne Ausweg war: Hitler und Beck", Katze und Maus also.
Je unvermeidlicher der Krieg schien, weil Hitler ihn so offenkundig wollte, desto mehr rückte die Haltung der Sowjet-Union in den Blickpunkt der Kontrahenten. Rußland war Polens Feind, aber Hitler war Rußlands Feind.
Die Denksportaufgabe der Westmächte hieß also: Wie die Sowjets in den Krieg ziehen? Die des Adolf Hitler: Wie die Sowjet-Union auf Kosten Polens neutral halten? Die Stalins: Wie alle anderen schwächen?
Die Geschichte dieses in jeder Hinsicht ungleichen diplomatischen Rennens ist oft genug beschrieben worden. Was Stalin dachte, weiß niemand. Er scheint die Stärke Frankreichs und S.219 Englands immer noch über-, die Hitlers demgemäß unterschätzt zu haben.
Zwar stimmt es, daß London und Paris sich gegenüber dem Kreml während dieses entscheidenden Sommers langwierig und ungeschickt verhalten haben, sehr im Gegensatz zu Hitler. Aber wahr ist auch, daß sie die weitaus schlechteren Karten hatten.
Hitler konnte den Sowjets Beute versprechen. Die Westmächte konnten das nicht. Sonst hätten sie Polen, um dessentwillen sie den Krieg beginnen würden, schon vorher verkaufen müssen.
Wichtiger aber noch: Die territoriale und sonstige Unversehrtheit Polens, um die der Krieg schließlich geführt werden sollte, war mit einem militärischen Eingreifen Rußlands auf seiten Polens nicht vereinbar (wie auch umgekehrt nicht, wenn Polen mit Hitler ging).
Wer immer auf westlicher Seite die Lage anders sah, die Polen jedenfalls wußten Bescheid. Es gab keine bessere und keine schlechtere Wahl. Die Polen sagten zu Hitler und Stalin "nein".
So entstand der Krieg da, wo er aufgrund der Ergebnisse des Ersten Weltkrieges am ehesten ausbrechen konnte oder gar mußte, ungeachtet der angeblich Handelnden. Aber wer den Krieg 1939 wollte, ohne Rücksicht auf Erfolgsaussichten und Rechtfertigungsgründe, war ein Handelnder allein: Hitler.
Zwar stimmt auch, daß Pilsudski und Beck und die anderen polnischen Legionäre mitgeholfen haben, das System von Versailles zu ruinieren, dem Polen seine Existenz verdankte. Aber wie sollten sie nicht? Die Kernmacht von Versailles, Frankreich, hatte vorher, als Polen noch zur Abwehr bereit war, sich selbst und den gesamten "Cordon" seiner Verbündeten aufgegeben.
Und so weigerte sich denn Polen, als Vasall Hitlers gegen die Sowjet-Union zu marschieren. Statt dessen verabredete sich die Sowjet-Union mit Hitler zu einer neuen restlosen Teilung Polens.
England und Frankreich erklärten zur Aufrechterhaltung der polnischen Freiheit und zur unbedingten Verteidigung des gesamten polnischen Territoriums dem Reich den Krieg. Beweisbar ist, daß Hitler diese Entwicklung mindestens so sehr für möglich gehalten hat wie ein nochmaliges Kuschen der Westmächte. Wer ihm "Irrtum" unterstellt, spinnt; allenfalls wurde er, wie Wilhelm 1914, in einer irrationalen Hoffnung enttäuscht (Dolmetscher Schmidt: "Wie versteinert saß Hitler da").
Denn schon am 23. Mai 1939 hatte Hitler den Oberbefehlshabern von Heer, Marine und Luftwaffe seine Absichten entwickelt. Erster Grundsatz: "Es darf nicht zu einer gleichzeitigen Auseinandersetzung mit dem Westen kommen." Zweiter Grundsatz: "Auseinandersetzung mit Polen -- beginnend mit dem Angriff gegen Polen -ist nur dann von Erfolg, wenn der Westen aus dem Spiel bleibt. Ist das nicht möglich, dann ist es besser, den Westen anzufallen und dabei Polen zugleich zu erledigen."
Ab 4. Oktober 1939 konnte man den Führer Adolf Hitler in der Ufa-Tonwoche erblicken, wie er, Orgasmus um die Mundwinkel, durch ein Scherenfernrohr das brennende Warschau betrachtete. Endlich hatte sich seine Sehnsucht, alles zu zerschlagen, erfüllt. Ein weiteres Mal seit 1933 war er am Ziel: Er hatte seinen Krieg.
Im nächsten Heft
Wie man die Intelligenz vernichtet

DER SPIEGEL 49/1980
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 49/1980
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Wie Polen verraten wurde

Video 01:35

"Viking Sky" Retter filmt die Evakuierung mit Helmkamera

  • Video "Kleinstadt in Südchina: Ein Elefant wollt' bummeln gehn..." Video 01:18
    Kleinstadt in Südchina: Ein Elefant wollt' bummeln gehn...
  • Video "Prügelei bei Motorradrennen: Kollision, Klammergriff, Faustkampf" Video 00:50
    Prügelei bei Motorradrennen: Kollision, Klammergriff, Faustkampf
  • Video "Kreuzfahrtschiff in Seenot: Geretteter schildert Helikopter-Evakuierung" Video 02:31
    Kreuzfahrtschiff in Seenot: Geretteter schildert Helikopter-Evakuierung
  • Video "Buzzer-Beater in der NBA: Sensationswurf in letzter Sekunde" Video 00:38
    Buzzer-Beater in der NBA: Sensationswurf in letzter Sekunde
  • Video "Amateurvideo von der Viking Sky: Als der Sturm zuschlägt" Video 01:22
    Amateurvideo von der "Viking Sky": Als der Sturm zuschlägt
  • Video "Bizarre Formation: Pfannkucheneis auf dem Lake Michigan" Video 01:07
    Bizarre Formation: Pfannkucheneis auf dem Lake Michigan
  • Video "Flughafen Bali: Orang-Utan-Junges vor russischem Touristen gerettet" Video 01:13
    Flughafen Bali: Orang-Utan-Junges vor russischem Touristen gerettet
  • Video "Kerber-Frust in Miami: Größte Drama-Queen aller Zeiten" Video 01:49
    Kerber-Frust in Miami: "Größte Drama-Queen aller Zeiten"
  • Video "Ekel-Rezepte aus dem Netz: Angrillen des Grauens" Video 03:57
    Ekel-Rezepte aus dem Netz: Angrillen des Grauens
  • Video "Duisburg: Wohnblock Weißer Riese gesprengt" Video 00:59
    Duisburg: Wohnblock "Weißer Riese" gesprengt
  • Video "Rettung aus Seenot: Havarierte Viking Sky erreicht sicheren Hafen" Video 01:15
    Rettung aus Seenot: Havarierte "Viking Sky" erreicht sicheren Hafen
  • Video "Deutsche Muslime nach Christchurch: Wie groß ist die Angst nach den Anschlägen?" Video 04:27
    Deutsche Muslime nach Christchurch: Wie groß ist die Angst nach den Anschlägen?
  • Video "London: Zehntausende demonstrieren gegen Brexit" Video 01:57
    London: Zehntausende demonstrieren gegen Brexit
  • Video "Morddrohungen gegen britische Abgeordnete: Verräter müssen geköpft werden" Video 02:52
    Morddrohungen gegen britische Abgeordnete: "Verräter müssen geköpft werden"
  • Video "Viking Sky: Retter filmt die Evakuierung mit Helmkamera" Video 01:35
    "Viking Sky": Retter filmt die Evakuierung mit Helmkamera