28.09.1981

EXPORTPelze und Geigen

Deutsche Waren sind in den Ölstaaten sehr gefragt. Die Bilanz im Handel mit Opec-Ländern weist erstmals seit Jahren wieder einen Überschuß aus.
Den Dreck von Bagdad wollen die Iraker künftig gründlich wegputzen -- mit Geräten aus Deutschland.
"So etwas gab''s noch nie", schwärmt Andreas Sonnleithner, Marketingleiter der Faun-Werke in Osterholz bei Bremen. Die Firma holte einen "Jahrhundertauftrag" herein: Für 85 Millionen Mark liefert Faun 500 Straßenkehrmaschinen in den Irak.
Ähnlich dicke Aufträge aus Opec-Staaten verbuchen deutsche Unternehmen derzeit häufig. Im Juli wurden für knapp 3,7 Milliarden Mark Waren in den 13 Ländern des Öl-Kartells
( Mitglieder der Organization of ) ( Petroleum Exporting Countries (Opec) ) ( sind Algerien, Ecuador, Gabun, ) ( Indonesien, Irak, Iran, Katar, Kuweit, ) ( Libyen, Nigeria, Saudi-Arabien, ) ( Venezuela und die Vereinigten ) ( Arabischen Emirate. )
abgesetzt, fast doppelt soviel wie im Vorjahr.
So kam es zu einer bemerkenswerten Trendwende. Das Defizit im Handel mit den Ölstaaten, das noch Anfang des Jahres Wirtschaft und Bundesregierung beunruhigt hatte, wurde stetig kleiner. Im Juli erwirtschafteten die S.80 Exporteure aus der Bundesrepublik sogar einen Überschuß von 564 Millionen Mark (siehe Graphik).
Während Verbandsfunktionäre noch klagen, die Deutschen seien nicht mehr wettbewerbsfähig, während Wirtschaftspolitiker warnen, die Deutschen könnten ihre Ölrechnung kaum noch bezahlen, haben viele Unternehmen ihre Chance genutzt.
Der Exportboom schließt fast alle Ölländer ein, von Algerien bis Nigeria, von Saudi-Arabien bis Indonesien. Selbst die kriegs- und krisengeschüttelten Iraner ordern wieder Waren "Made in Germany", mittlerweile gar mit dreistelligen Zuwachsraten -- rund 157 Prozent mehr als im Juli des Vorjahres.
Vor allem Investitionsgüter werden in Deutschland eingekauft, Maschinen und Lastwagen, Hafenmolen und Flughäfen, Kraftwerke und Fabrikanlagen. Auch Autobahnen und komplette Stadtviertel zählen zu den Schlagern des Geschäfts.
Im Irak etwa, nach Saudi-Arabien inzwischen der größte Auftraggeber in Nahost, sammelten deutsche Firmen in Jahresfrist Bestellungen über mehr als 25 Milliarden Mark ein. Sie bauen den Tigris-Staudamm in Mosul und die Drehbrücke über den Schatt-el-Arab bei Basra. Sie errichten Zementwerke und Ziegeleien, Druckereien, Textilfabriken und petrochemische Anlagen.
Mehr als 50 Wasseraufbereitungsanlagen, rund 80 Lokomotiven und über 100 mobile Stromerzeugungsstationen orderte der Irak obendrein. Die Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg (MAN) soll 600 Doppeldeckerbusse und 1500 Lastkraftwagen liefern.
"Ein ganz außergewöhnlicher Aufschwung", wunderte sich Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff.
Konkurrenz müssen die MAN-Manager kaum fürchten -- wenn überhaupt, dann allenfalls von Daimler-Benz. In Saudi-Arabien sicherten sich die Mercedes-Verkäufer im Geschäft mit Schwerstlastern bereits einen Marktanteil von rund 95 Prozent.
Die großen deutschen Konzerne teilen sich das lukrative Geschäft mit den Ölstaaten brüderlich. In Libyen darf Krupp für mehr als eine Milliarde Mark ein Stahlwerk hinstellen -- es ist der größte Einzelauftrag des Konzerns. Konkurrent Korf baut gleich nebenan ein zweites Werk, in gleichem Umfang. Die Gutehoffnungshütte errichtet gemeinsam mit mehreren Partnern eine ähnlich teure Stahlfabrik in Nigeria.
Am Aufbau von Nigerias neuer Hauptstadt Abuja arbeiten friedlich nebeneinander die Bauunternehmen Bilfinger & Berger, Strabag sowie SF-Bau mit. Die Ausschreibungen für Zementfabriken, die ebenfalls in den Opec-Ländern sehr gefragt sind, gewinnen abwechselnd die Firmen Klöckner-Humboldt-Deutz aus Köln, Krupp Polysius aus Beckum oder Babcock / Krauss-Maffei Industrieanlagen aus München.
Bislang sind die meisten Ölstaaten, reich geworden durch ihren begehrten Rohstoff, noch längst nicht an die Grenzen ihrer Möglichkeiten gestoßen. Und weil die Mark im Verhältnis zum Dollar günstig zu haben ist, kaufen diese Staaten nun bevorzugt deutsche Waren.
"Vor allem die breite Angebotspalette der deutschen Wirtschaft", meint Eckhardt Wohlers, Exportexperte beim Hamburger HWWA-Institut, "kommt ihren Importwünschen stark entgegen."
Tatsächlich können derzeit auch kleine Unternehmen aus der Bundesrepublik große Geschäfte mit den Opec-Staaten abschließen. Die Cuxhavener Firma Lohmann etwa baut reihenweise Hühnerfarmen in den arabischen Staaten. Sogar für die Grundausstattung sorgen die Niedersachsen: Hühnerküken werden im Düsenjet eingeflogen.
Die Stuttgarter Maschinenfabrik Werner & Pfleiderer montiert Brotfabriken im Iran und Irak, in Syrien und in Libyen. "Fladenbrote verschiedener Sorten" werden dort gebacken, berichtet Absatzleiter Harry König: "Der große Clou ist die besondere Technologie der Öfen." Jedenfalls hätten die Schwaben im internationalen Wettbewerb allemal "die Nase vorn".
Eine Marktlücke hat auch die Firma Intermed-Hospitaltechnik aus Hannover in der Wüste entdeckt. Vor allem in Saudi-Arabien und in den Vereinigten Emiraten verkauft das Werk seine mobilen Kliniken. Pilger, Krieger und Nomaden werden in den rollenden Spitälern medizinisch versorgt.
"Wir sind nicht gerade billig", erklärt Marketingchef Günter Wessel den Exporterfolg, "aber in der Qualität unerreicht."
Auch das Erste bayerische Butterwerk aus Schongau hat besondere Qualität zu bieten: Die Bayern fertigen einen Käse aus Kuhmilch, der wie Schafskäse schmeckt und deshalb im Vorderen Orient Abnehmer findet.
In diesem Jahr sollen rund 8000 Tonnen dieser bayrischen Spezialität in Persien verkauft werden. "Das Land ist für uns ein ganz wichtiger Handelspartner geworden", weiß Exporteur Ralf-Roland Butz. Nahezu die gesamte Produktion des Werkes rollt in den Iran.
Die Kaufwut der neureichen Staaten scheint vor nichts haltzumachen, nur deutsche Qualitätsarbeit sollte es sein -- in welcher Form auch immer.
So konnten deutsche Exporteure schon im Vorjahr, als der große Boom begann, über 600 Geigen nach Kuweit verkaufen. Die Saudis bezogen 129 Tonnen Kölnisch Wasser und die Libyer 629 Tonnen Badeschaum.
Und selbst die Kürschner kamen in der Wüste zum Zuge: Die Saudis kauften deutsche Pelze.
S.77 Mitglieder der Organization of Petroleum Exporting Countries (Opec) sind Algerien, Ecuador, Gabun, Indonesien, Irak, Iran, Katar, Kuweit, Libyen, Nigeria, Saudi-Arabien, Venezuela und die Vereinigten Arabischen Emirate. *

DER SPIEGEL 40/1981
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