25.05.1981

STAATSANWÄLTEVergraben und vergessen

Ein badischer Staatsanwalt wurde amtsenthoben, weil er bei vier Kapitalverbrechen nach Jahren noch keine Anklage erhoben hatte.
Eifrig und gründlich machte sich der Ankläger an die Aufklärung von Verbrechen, die oft durch seine forschen Ermittlungsmethoden erst so richtig spektakulär wurden. Und meistens konnte Ernst Hilbert, 55, von 1968 bis 1979 Leiter der Staatsanwaltschaft im südbadischen Lörrach, rasch einen Täter präsentieren.
Mal war es der Reitstallbesitzer Hans Brändlin, gegen den der Oberstaatsanwalt 1975 einen waghalsigen Mordvorwurf konstruierte: Brändlin habe, um eine Unterschlagung zu vertuschen, zwei Pferde mit Bedacht auf die Autobahn Freiburg -- Basel galoppieren lassen; eines der nach einer Kollision mit einem Auto notgeschlachteten und schnell zur Abdeckerei geschafften Tiere sei indes gar nicht das wertvolle Turnierpferd "Carre d'As" (Kaufpreis: 60 000 Mark) gewesen, sondern ein billiger Doppelgänger. Den echten Wallach, der ihm in Obhut gegeben war, habe Brändlin heimlich verkauft.
Den Unfalltod einer 42jährigen Frau aus Freiburg habe Brändlin, so die von Hilbert hartnäckig verfochtene These, billigend in Kauf genommen, was die Tat als Mord qualifizierte. Doch auch mehrere Gutachten brachten keine Klarheit, ob wirklich "Carre d'As" oder ein Double unter die Räder gekommen war. Zweieinhalb Jahre dauerte S.59 es, bis sich der Staatsanwalt endlich dazu durchrang, die Ermittlungen einzustellen.
Mal war es der Krankenpfleger Reinhard Böse, den Hilbert Ende 1975 zügig als denjenigen ausmachte, der für eine mysteriöse Serie von Todesfällen im Kreiskrankenhaus Rheinfelden verantwortlich sei. Der pressefreundliche und allzeit mitteilungsfreudige Ankläger sonnte sich im Erfolg des schnellen Zugriffs: "Damit die Sorge der Öffentlichkeit sich beruhigt", plauderte er aus, "was wir aus ermittlungstaktischen Gründen gern noch in der Schublade behalten hätten".
Jetzt stellt sich freilich heraus, daß Hilbert nicht immer so schnell und konsequent gearbeitet hat, sondern daß der Oberstaatsanwalt auch dazu neigte, selbst hochkarätige Kriminalfälle in irgendwelchen Schubladen zu vergraben und zu vergessen.
Vier Kapitalverbrechen, die schon sieben bis neun Jahre zurückliegen, konnten bislang nicht vor Gericht verhandelt werden, weil Hilbert versäumt hatte, Anklage zu erheben. Erst sein Nachfolger als Lörracher Behördenchef, Alexander Gramlich, stieß im August vorigen Jahres eher zufällig auf die unerledigten Verfahren:
* Im Oktober tötete in Weil am Rhein die damals 26jährige Maria Tott ihr drei Wochen altes Baby, indem sie es mit einem Federkissen zudeckte und sich mit ganzer Kraft auf das Köpfchen stützte, so daß das Kind Schädelbrüche und Gehirnquetschungen erlitt;
* am Heiligabend 1972 erschoß in Lörrach der 19jährige Dieter Kostic im Streit seinen 66 Jahre alten Vater mit einer Schrotflinte;
* bei einer Wirtshaus-Schlägerei im September 1973 soll der 43 Jahre alte Hilfsarbeiter Erwin Meier seinen Kontrahenten, den 65jährigen Metzgermeister Wilhelm Güdemann aus Lörrach, so malträtiert haben, daß der einige Tage später an schweren Schädelbrüchen starb -- die Anklage des Hilbert-Nachfolgers lautet auf Körperverletzung mit Todesfolge in Tatmehrheit mit versuchtem Mord;
* im November 1974 ertappte ein Polizist den 37jährigen Kurt Haschke beim Einbruch in eine Baubaracke, der daraufhin ein angespitztes, speerartiges Moniereisen gegen den Beamten schleuderte -- die erst jetzt erstellte Anklage wertet dies als Mordversuch.
Allen vier Fällen ist gemeinsam, daß die Täter bekannt und die Tatbestände kaum strittig sind. Die Beschuldigten waren auch alsbald aus der Untersuchungshaft entlassen worden. Merkwürdig ist freilich, daß sich über Jahre hinweg niemand ernsthaft für den Fortgang der angestaubten Verfahren interessierte. Mit preisenden Worten wurde Hilbert im Juli 1979 aus Lörrach verabschiedet und im nahe gelegenen Waldshut vom Stuttgarter Justizminister Heinz Eyrich als neuer Amtsleiter eingeführt.
Stutzig wurde Nachfolger Gramlich gut ein Jahr später, als er die Ermittlungsakten zu der Gasthaus-Rauferei suchte -- die Unterlagen blieben bis jetzt ebenso unauffindbar wie die in den anderen drei Fällen. Eilig ließ Gramlich Rekonstruktionen aus den Unterlagen der Polizei fertigen, um nun in rascher Folge Anklageschriften beim Freiburger Landgericht einzureichen.
Wegen des "Verdachts der nachlässigen Dienstausübung" kam ein Disziplinarverfahren in Gang, das bereits erhellte, daß Hilbert unter anderem auch bei drei jahrelang zurückliegenden Rauschgift-Fällen geschlampt hat. Und obschon der stellvertretende Stuttgarter Generalstaatsanwalt Gerhard Maier seine hochnotpeinlichen Befragungen noch nicht abgeschlossen hat, wurde Hilbert unlängst von Justizminister Eyrich amtsenthoben -- zumindest vorläufig.
Daß die Karriere des Anklägers definitiv beendet ist, steht kaum noch in Frage. Rätselhaft erscheint indes, warum Hilbert, der bei komplizierten Fällen so verbissen recherchierte, vergleichsweise einfache Verfahren verschluderte. Eyrichs Pressesprecher Ulrich Futter, der keine Begünstigung im Amt unterstellen mag: "Ein außerordentlich ungewöhnlicher Vorgang."

DER SPIEGEL 22/1981
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