08.03.1982

ÖLPREISKlare Führung

Die Rohölpreise rutschen. Das Öl-Kartell Opec steckt in seiner bislang schwersten Krise.
Der Trittbrettfahrer schwang sich vergangene Woche zum Steuermann auf.
Die Staatsgesellschaft British National Oil Corporation (BNOC), die stets als eine Art stiller Kartell-Teilhaber die Preise für ihr Nordsee-Öl den steigenden Opec-Tarifen angepaßt hatte, koppelte sich am Dienstag vergangener Woche von der Opec ab: Die Briten senkten ihren Ölpreis um 4 Dollar auf 31 Dollar je Barrel (159 Liter).
Schon vor drei Wochen hatten die Engländer ihr Öl um 1,50 Dollar verbilligt. Durch ihren neuen Tarif-Schnitt werden sie nun wohl den stärksten Preis-Rutsch auf dem Weltmarkt für Rohöl auslösen, den die Opec je zu überstehen hatte.
Denn im Vergleich zu dem Nordsee-Stoff ist das Öl aus Opec-Quellen jetzt viel zu teuer. Die Opec-Mitglieder Nigeria, Algerien und Libyen beispielsweise, die ähnlich leichtes und schwefelarmes Öl wie die Briten fördern, verlangten Ende vergangener Woche noch 5,50 bis 6 Dollar mehr als ihr westeuropäischer Konkurrent. Und selbst den Preis für minderwertigeres Saudi-Öl unterbieten die Briten nun um 3 Dollar.
"Britannien hat jetzt erstmals", meldete ein wenig nationalstolz die Londoner "Times", "eine klare Führung beim Festsetzen des Weltmarktpreises für Öl übernommen."
Wahrer Preisführer indes ist auch die mittelgroße Erdöl-Macht Großbritannien nicht (Förderung: 1,9 Millionen Barrel pro Tag, fast zehn Prozent der gegenwärtigen Opec-Produktion): Bestimmt werden die Preise vom Markt. Und auf den strömt derzeit reichlich Öl.
Nach Schätzungen der Petro-Branche bieten die Ölexporteure täglich zwei Millionen bis drei Millionen Barrel mehr an, als Auto- und Hausbesitzer sowie die Industrie verfahren und verheizen mögen. Die Überschuß-Mengen landen auf dem freien Markt, wo sogenannte Spot-Partien bereits für weniger als 30 Dollar je Barrel verkauft werden.
In Zeiten der Öl-Knappheit hatten Opec-Preistreiber wie Algerier, Libyer und Iraner stets an den Spot-Preisen Maß genommen. Als beispielsweise die freien Preise nach dem Umsturz im Iran und dem Ausbruch des iranisch-irakischen Kriegs durch Spekulations- und Hortungs-Käufe zeitweise auf über 40 Dollar schossen, zogen die Opec-Falken Ende 1980 auch ihren offiziellen Kartell-Preis auf bis zu 40 Dollar hoch.
Auf Dauer aber war, so hatte schon damals der saudische Ölminister Ahmed Saki el Jamani seine Kartell-Brüder gewarnt, ein solcher Ölpanik-Pegel nicht zu halten. Die Autofahrer trainierten sich ihren Bleifuß ab, die Wohnungsinhaber dichteten ihre Fenster, und die Industrie schaltete notgedrungen auf Rezessions-Kurs um.
Der globale Öl-Bedarf sank so rapide, daß die tägliche Förderleistung der Opec-Staaten gegenwärtig um über 11 Millionen Barrel unter der Rekord-Produktion von 31,3 Millionen Barrel im Jahre 1977 liegt. Seit 1969 war die Nachfrage nach Opec-Öl nicht mehr so schwach wie heute.
Vor zehn Jahren dagegen hatten BP und andere Mineralölkonzerne noch geschätzt, daß die Opec Mitte der achtziger Jahre bis zu 53 Millionen Barrel täglich fördern müsse, um den Öl-Durst der westlichen Welt zu stillen. Und die BP-Prognose, daß bei einer täglichen Opec-Förderung von unter 30 Millionen Barrel die westlichen Industrieländer in eine neue Versorgungskrise schlittern würden, ist sogar erst drei Jahre alt.
Neben dem Minder-Konsum der Ölverbraucher verschärfte das zunehmende Öl-Angebot aus Nicht-Opec-Quellen die Absatznot der Kartellmitglieder. Während die Opec-Produktion seit 1977 ständig fiel, nahm die Förderung von Nicht-Opec-Öl (vor allem aus Mexiko, Alaska und der Nordsee) seit 1974 kontinuierlich zu - durchschnittlich um 3,4 Prozent im Jahr.
So ist der Abstieg des Kartells denn auch an den Marktanteilen abzulesen. Hatten die Opec-Länder zu ihrer Glanzzeit in den siebziger Jahren den Weltmarkt noch zu fast 70 Prozent beherrscht, so stammten heute keine 50 Prozent des in der westlichen Welt verbrauchten Öls aus Opec-Feldern.
Dieser Marktanteil aber ist zu klein, als daß er den durch frühere Boom-Zeiten aufgeblähten Devisen-Bedarf der meisten Öl-Länder decken könnte. Von den 13 Opec-Mitgliedern setzen derzeit nur die dünn besiedelten Wüsten-Monarchien Saudi-Arabien, Vereinigte Arabische Emirate und Katar sowie der fernöstliche Insel-Staat Indonesien genügend Öl ab, um ein Loch in der Leistungsbilanz zu vermeiden. Selbst so bevölkerungsarme Länder wie Libyen und Kuweit nehmen neuerdings weniger Petro-Dollar ein, als sie für ihre Waren- und Waffenimporte brauchen.
Mit versteckten Rabatten, Tauschhandel, verlängerten Zahlungsfristen und ähnlichen Tricks gehen etliche Opec-Staaten daher schon seit geraumer Zeit auf Kundenfang. Und die besonders devisenhungrigen Iraner versuchten gar, durch offene Preis-Nachlässe neue Kunden anzulocken.
Bereits dreimal senkten sie in den vergangenen Wochen ihre Preise, aber neue Käufer ließen sich damit kaum ködern. Denn selbst der iranische Opec-Tiefstpreis von 30,20 Dollar je Barrel ist noch ein bis zwei Dollar höher als der Preis am Spot-Markt.
Nach dem drastischen Preis-Nachlaß der Briten rief Opec-Präsident Mana el-Oteiba, der Ölminister der Vereinigten Emirate, seine Kartell-Kollegen denn auch sogleich zu einem außerordentlichen Treffen auf. Dort sollen die Opec-Staaten sich auf einen einheitlichen Preis-Schnitt einigen, um so einen unkontrollierten Preis-Wettlauf der einzelnen Kartell-Mitglieder zu vermeiden.
Angelsächsische Kartell-Auguren wissen angeblich auch schon, wie diese Krisen-Sitzung enden wird - mit einem neuen Eckpreis für Opec-Öl von 28 Dollar (derzeit: 34 Dollar). Diesen Preis hatte Saudi-Arabiens Jamani schon im vergangenen Jahr für angemessen erklärt.

DER SPIEGEL 10/1982
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