04.01.1982

„Komm nach Hagen, werde Popstar“

SPIEGEL-Redakteur Rainer Weber über die neue Kultur-Aufbruchstimmung im Ruhrgebiet
Wie im Ruhrgebiet Kulturträger über ihr Revier reden, das grenzt schon an Bewußtseinsspaltung.
"Nur Verrückte", beschwert sich der Bochumer Theaterdirektor Claus Peymann - er ist von Stuttgart in den Kohlenpott gekommen -, würden "in dem Vorortbrei progressive Arbeit" tun wollen. Und gleich darauf schwärmt er von dem "ungeheuren schöpferischen Potential" seiner neuen Heimat.
Eine "tote Hose" sei das Revier, klagte im vergangenen Juni das Szene-Blatt "Guckloch" aus Herne. Da walle der "Geistes-Smog" und ersticke "Kulturpflänzchen im Keime".
Im September aber erspähte "Guckloch" zwischen "Abacus" aus Dortmund und "Zoff" aus Iserlohn mehr als 200 Musikgruppen, schlug Szene-Treffs, Theatergruppen und Szene-Läden dazu und konstatierte: "Die Wüste lebt."
Der Disney-Filmtitel ist die bislang treffendste Beschreibung der Kulturlandschaft Ruhrgebiet.
Fast 150 Jahre lang, seit der Ruhrorter Franz Haniel an der heutigen Mülheimer Stadtgrenze begann, Grundwasser per Dampfkraft abzupumpen und Kohle unter Tage zu fördern, war das Revier verschrien als kulturelle Öde - Oper, Operette, ein bißchen Kurzfilmtage und in der Stadtsparkasse die Ausstellung: So malt der Bergmann.
Kaum etwas half. Ob Zadek und Peymann in Bochum, ob "Aida" in der Westfalenhalle - das Revier galt als Land der Kumpel und Malocher, denen Jürgen von Mangers "Tegtmeier" die Krone der Sprachkunst und Schalke 04 der Inbegriff des Trauerspiels zu sein hatte.
Schon gar nicht konnten Kulturbürokraten, ob von Partei oder Gewerkschaft, mit mühsamen Veranstaltungen wie den Recklinghäuser Festspielen, den lädierten Ruf des Ruhrgebiets kurieren.
Johannes Rau, Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, ahnte, wo das Kind in den Pütt gefallen sein mochte, als er 1979 forderte, "vom Selbstbewußtsein dieser Region" müsse ausgehen, was eine "ruhrgebietsspezifische Kulturarbeit" werden solle.
Jetzt, knapp drei Jahre später, gibt es sie, self-made, und unter Tage verzweigt wie Stollen im Bergwerk.
Die Wüste lebte auf, als sich in England ein paar jugendliche Punks Sicherheitsnadeln durch die Wangen stießen, Bürger und, besonders liebevoll, wohlmeinende Linke terrorisierten, in ihren Grobdruck-Gazetten die Gitarren-Ackorde für "A", "E" und "G" abdruckten und alle aufforderten: "Nun gründe eine Band."
Das war vor vier Jahren, der Aufforderung folgten auch in Deutschland Tausende, vor allem in Berlin und im Revier.
Weil Punk dort am besten blüht, wo eine Masse von Jugendlichen ihr Nofuture-Gefühl hauptsächlich den No-job-Erfahrungen verdankt - darum bot das dreckige Dreieck zwischen Duisburg, Gelsenkirchen und Dortmund für die Musik aus den Slums idealen Nährboden. Vergleiche mit Liverpool, wo 1961 Halbstarke sehr laute Akkorde zu dreschen pflegten, sind zulässig.
Ob die Künstler von, beispielsweise, "Geier Sturzflug" aus Essen, "Armutszeugnis" aus Wuppertal, von "Tanzdiele" oder "Kein Mensch" zu den Beatles von übermorgen werden, ist dabei weniger wichtig als das, was die rohe Musik-Bewegung hervorgebracht hat: eine eigene Infrastruktur.
Wie dilettantisch, ordinär und primitiv die ersten Pott-Musiker auch gelärmt haben mögen - sie brauchten Proberäume, S.103 Aufnahmestudios und Plattenläden, alles handgemacht, und aus dem Nichts.
Die Herner New-Wave-Band "Vorgruppe" - ein Beispiel von vielen - hatte ihre Debütplatte "Erste Auslese" 1980 noch in einem Studio in Berlin eingespielt. Die Platten Nummer zwei und drei entstanden, 1981, bereits daheim in Herne in "Zeppo's Tonstudio", zwei Lieder mischte das "Tonstudio Jedermann" in Herne. Titel der LP: "Im Herzen von Nielsen 2". Nielsen 2 ist der Marketing-Code fürs Fünfeinhalb-Millionen-Gebiet an Rhein und Ruhr.
"Was willst du in Brokdorf oder Kalkar, was in Hamburg oder Berlin", so spottet auf Platte die Hagener Gruppe "Extrabreit" über Mode, Moral und Metropolen und gibt gleich die Parole aus: "Komm' nach Hagen, werde Popstar."
Die gibt es in der 230 000-Einwohner-Stadt am Rand des Ruhrgebiets mehr als anderswo. Seit sich 1980 in der Küche der Kneipe "Grün-In" im Provinznest Gevelsberg-Silschede die Musiker der Rock-Gruppe "Deutsch Amerikanische Freundschaft" am billigen Vierspur-Aufnahmegerät zusammenfanden, klampfen und trommeln in Hagen rund 70 Gruppen. Innerhalb von sechs Monaten öffneten zwei Plattenstudios.
Längst schon haben sich, wie in Hagen, so in Bottrop oder Duisburg die Gruppen vom Primitiv-Punk gelöst, spielen Heavy-Metal-Rock, weiche oder maschinenhafte New-Wave-Musik.
Vorbilder fehlten, keine "Szene" wie in Hamburg, München oder Berlin übte Geschmacksdiktatur aus.
Jörg Hoppe, Mitgründer des Plattenlabels "58-Tonträger", studierter Sozialpädagoge und ehemals Chefredakteur der "Musiker/music news", über die Provinz: "Hier gibt's kein Nachtleben, das mußt du dir schon selber machen."
Die plötzliche Aufbruchsstimmung im Revier führt Roland Günter, Professor für visuelle Kommunikation an der Bielefelder Universität, darauf zurück, daß in den letzten Jahren im Revier ein Nachholbedarf gedeckt wurde. Günter: "Zum gleichen Zeitpunkt, da sich die Bevölkerungsstruktur im Ruhrgebiet normalisiert hat, lag der Schwerpunkt der Jugendkultur auf dem Selbermachen."
Normalisiert hat sich zumindest das Verhältnis zwischen der Gesamtbevölkerung im Revier und den Studenten.
Mit den neuen Universitäten in Bochum, Dortmund, Duisburg und Essen stieg die Zahl der Studierenden, dem Motor jeder Jugendkultur, auf knapp 100 000 an - rund 1,4 Prozent der Gesamtbevölkerung, das ist der Bundesdurchschnitt.
Anders als in den traditionellen Universitätsstädten, wie etwa Tübingen oder Göttingen, sind im Ruhrgebiet die Studenten Pendler. Um so größer ist die Chance, daß sich im anonymen Städtebrei S.104 in Zukunft Regional- statt Stadt-Identität entwickelt.
Am besten begriffen die Unternehmer - nicht nur die in der Subkultur - ihre Chancen für die Zukunft.
Anfang November nahm, anderthalb Kilometer Luftlinie von der Bochumer Ruhr-Universität entfernt, das Kommunikationszentrum "Zeche" den Kulturbetrieb auf.
Die 1000-Personen-Halle mit verstellbarer Bühne und eigener Verstärkeranlage ist eindringlicher Beweis für den neuen Glauben an die Zukunft des Reviers als Kulturzentrum: Die "Zeche" kostete zweieinhalb Millionen Mark, Zuschüsse gab niemand.
In der Schlosserei des stillgelegten Bergwerks Prinz Regent sollen sich auch Experimentalkünstler in Galerie- oder Proberäumen entfalten können.
Für die Underground-Gruppen der neuen deutschen Welle sorgt, eine Gründung von 1981, etwa der Schallplatten-Vertrieb "H'art" in Bochum, einer von sechs ähnlichen Unternehmen im Revier, die auch als Vermittler zu Aufnahmestudios auftreten.
Ähnlich gut meßbar wie bei der Rockmusik, wo ohne Anfangsinvestitionen für Instrumente, Verstärker und Studios gar nichts tönt, ist Kulturleben in der Kinobranche - dort, wo Kunst am spürbarsten eine Frage des Geldes ist.
Existierte vor fünf Jahren im Revier lediglich ein Programmkino, so gibt es zwischen Duisburg und Dortmund inzwischen ein halbes Hundert.
Aufgeschreckt vom Kassenerfolg des Subkultur-Streifens "The Rocky Horror Picture Show" und der Punk-Filme "Breaking Glass" und "Punk in London", wollen jetzt auch die Kinoketten ihr junges Publikum nicht länger ausschließlich mit der dicken Dampframme Bud Spencer oder - laß jucken, Kumpel - mit Porno deutsch nerven.
Im November eröffnete die Stadt Duisburg das "Filmforum", letztes Bindeglied in der Kinokette für den gehobenen Bedarf. Der Premierenfilm "Strommberg" der Essener Produktionsfirma "Doktor Muschnik" schildert die Abenteuer eines überforderten Privatdetektivs zwischen den heimatlichen Zechen und Gruben.
Die Firma, von vier jungen Regisseuren, Schauspielern und Drehbuchschreibern gegründet und nach einer Figur des US-Regisseurs Roger Corman benannt, läßt ihre Filmstoffe mit Vorliebe im Revier spielen. Ihre Komödie "Fünf Flaschen für Angelika" und das Jugenddrama "Die Abfahrer" des Dortmunders Adolf Winkelmann ließen ahnen, was am routiniertesten der erfolgreichste neudeutsche Film ausspielte:
Klotziges Revier-Bewußtsein läßt Drehbuch-Autor Matthias Seelig seinen Helden in Peter Bringmanns "Theo gegen den Rest der Welt" demonstrieren, der Film lief in manchen Großstädten ein Jahr ohne Unterbrechung.
Ruhr-Mensch Theo und sein Kumpan lehnen da an der Bar eines Flughafens in Italien. Theo, sinngemäß: "Wir lungern hier am Arsch der Welt, und zu Hause spielt Wattenscheid gegen Erkenschwick."
Oder ähnlich: Katlewski, der Anarch aus Winkelmanns "Jede Menge Kohle" (1981), taucht zu Film-Anfang aus der Finsternis eines Bergwerksstollens auf, in dem er dann irgendwohin wieder verschwindet. Und doch bleibt er dort, wo es angefangen hat - ob in Wanne oder Rauxel, Castrop oder Eickel.
"Das Ruhrgebiet im Film", eine Wanderausstellung des Kommunalverbands Ruhrgebiet, in dem die elf Großstädte und vier Kreise zusammengeschlossen sind, zeigt derzeit in deutschen Städten je zehn Tage lang ununterbrochen Filme aus dem Kohlenpott, von Werken wie "Kaputtgeschrieben - Ein Arbeiterjubiläum" bis hin zum Experimentalfilm.
Rund 140 Filmemachern im Revier gelang es 1980, ein subventioniertes "Filmbüro" einzurichten. Anders als etwa bei der Filmförderung des Bundes entscheiden dort nicht Behörden über die Zusammensetzung der Gremien, sondern die Filmemacher selbst.
Mit 100 000 Mark förderte das Büro etwa einen "entweder bahnbrechenden oder völlig scheiternden Experimentalfilm" (Winkelmann) mit dem Titel "Liebe und Tod" eines 22jährigen, bis dahin völlig unbekannten Filmemachers. S.105 Ebenso wichtig für die Entwicklung des Reviers zur Film-Metropole ist die Förderung des Vertriebs - 1981 mit rund 400 000 Mark. Denn jeder deutsche Verleih, der im Ruhrgebiet das Publikum mit Anspruchsvollem erreichen will, muß mit erheblichen Streuverlusten rechnen.
Gezielt sprechen die Szene-Blätter "Guckloch" aus Herne und "Marabo" aus Bochum junge Kultur-Konsumenten an. Die monatlich erscheinenden Kultur- und Programmzeitschriften behandeln die Region, als wäre sie ein Stück Berlin. Der "Marabo"-Anzeigenakquisiteur: "Von Duisburg nach Bottrop ist auch nicht viel weiter als von Zehlendorf zum Kurfürstendamm."
Bochum, Musikladen "Spektrum" am Nordring. Maschendraht trennt einen Teil der Bar vom Zuschauerraum. Tresen, Wände und Tische blinken von Chrom und Glas.
Getränkekarten preisen den "Filbinger-Flip", Eierlikör mit Limo zu 2 Mark, den "Buback-Becher", den "Christian Klaren" oder "Honneckers Pausentrunk": Cola und Korn zu proletarischen 1,80 Mark.
Auf einer kniehohen Bühne spielt, vor schwarzer Rückwand, die Gruppe "Konec". Der Name umschreibt das "Ende" tschechischer Filme, das Programm bietet ohrenbetäubenden Rock mit surrealistischen Texten.
Die "Abräumer im Ruhrgebiet" ("Guckloch") spielen ihre Mischung aus Punk, New Wave, Heavy Metal plus lateinamerikanischer Perkussion seit April, den ersten Auftritt wagten die zwei Frauen und drei Männer aus Dortmund im Sommer. Beim dritten Auftritt im November - so verwoben ist inzwischen der Ruhr-Untergrund - fordern Fans schon ein Kultlied.
"Nimm die Hose zwischen die Zähne und tanze den Beat", dröhnt Sängerin Anette Scholten ins Mikrophon - und gut ein Drittel der Zuhörer weiß vorher schon genau, wie die perfid eindringliche Refrainzeile "Tanze, -ze, Tango tanze" mitzuzischen ist. Fahrtzeit der Gemeinde von Dortmund nach Bochum: knapp 30 Minuten.
Daß Kultur im Revier eine Frage der Verkehrsverbindungen ist, gehört zum Glaubensbekenntnis des "Sekretariats für gemeinsame Kulturarbeit in Nordrhein-Westfalen".
Das Büro in Wuppertal - beteiligt sind 20 Städte - bemüht sich seit 1974 um die "Vernetzung" des "im Weltmaßstab größten Kulturballungsraums überhaupt". Jahresetat: knapp zwei Millionen Mark.
Dem Kulturkontor verdanken Kunstsinnige kleinerer Ruhr-Städte beispielsweise den Genuß eines Strawinski- und Hindemith-Zyklus, der sonst nur den Essenern oder Dortmundern vorbehalten geblieben wäre.
Am segensreichsten wirkt sich solche Hilfestellung für die Amateur- und freien Theatergruppen aus. Dramaturg Konrad Schrage, seit vier Jahren am Oberhausener "Theater im Pott" fürs jährliche Freien-Festival zuständig, hatte 1978 gerade 18 Gruppen zu koordinieren - für die gesamte Veranstaltung genügte Schrages Monatsgehalt als Haftsumme.
Ein Jahr später hatte er 28, 1980 rund 40 und im vorigen Jahr rund 60 Gruppen in seiner Obhut. Allein 17 beschäftigten sich mit Themen wie Arbeitslosigkeit und Betriebsschließungen, meist in Kabarettform: "Was werde ich? - Ein heiteres Beruferaten" veranstaltete das Bottroper "Albers-in-Aktion-Theater".
Das Dortmunder "Traumhaus" spielte Dario Fo, "Lolas Lach- und Krachtheater" aus Bochum brachte den Nato-Doppelbeschluß auf den Punkt: "Wer zuerst schießt, stirbt als zweiter." Zitat aus dem Stück "Was heißt hier Liebe?", von Sittenwächtern 1980 bemängelt: "Kein Schwanz ist so hart wie's Leben."
Inzwischen denken die Laienspielscharen im Großraum. Geplant ist die Ausweitung der Festival-Spielstätten auf Gelsenkirchen mit Schwerpunkt Rocktheater, Bochum (Straßentheater) und Wuppertal (Schülertheater).
Wenn so die freie Bühnenkunst im Viereck springt, wird halboffiziell nachvollzogen, was Untergrund und Avantgarde längst schon haben: ein System von Stützpunkten quer durchs Revier.
In zwei Baracken auf dem Schulhof des Gelsenkirchener Grillo-Gymnasiums residiert die Revier-Filiale der "Free International University", abgekürzt "FIU" und eine Erfindung des Joseph Beuys.
Dort wird jeden zweiten Donnerstag praktiziert, was Beuys den "erweiterten Kunstbegriff" nennt.
Das bedeutet nicht sehr viel mehr, als daß in jedem Menschen - also auch der Ruhr-Variante - jede Menge Kreativität steckt, die nur hervorgelockt werden müsse.
Aus den Versammlungen im Schulhof ging etwa eine "Mantelfabrik" genannte Hinterhof-Galerie hervor, in der auch Musik und Theatervorstellungen gegeben werden können - Gründung des "FIU"-Mitglieds Paul Sawitzki aus Gelsenkirchen-Buer. Dort tat sich dann bei einer Veranstaltungswoche zu Frauenfragen das Kabarett "Küchentheater" zusammen. Dies wiederum macht inzwischen Musik als die Rockgruppe "Salinos".
Die Gruppe, mit ihrem juchzenden Damenchor laut dem Kölner Fachblatt "Spex" ständig "an der Grenze von Genie und Kitsch", stieg um von Kunst auf Pop, als ihr klar wurde "daß Punk und Beuys dasselbe meinen".
Ruhrgebietsspezifisch, wie Johannes Rau es begehrt, mochten die "Salinos" (Eigenwerbung: "Vier fesche Mädels, drei starke Jungs") für die Innentasche ihrer ersten Langspielplatte "Du siehst nicht aus, wie ich ausseh" nirgendwo anders posieren als auf den Rängen der legendären Schalker Glückauf-Kampfbahn.
Der "Künstler, Gelsenkirchener, Musiker, Ur-Fanzine-Schreiber, Theoretiker, Einzelkämpfer" ("Spex") Jürgen Kramer gar brütete Kunst gleich mehrfach aus. Der Sohn eines Bergarbeiters ging von Beuys' Düsseldorfer Akademie zurück ins Revier, weil "die Frage war: Will ich in der etablierten Avantgarde arbeiten?"
Statt dessen etablierte er sich selbst als Avantgarde. Seine in splittrigem Punk-Stil aufgemachte Zeitschrift "Die achtziger Jahre" wütete gegen das "studentische Diktat" der Alternativszene und erklärte Gelsenkirchen zum "Zentrum der Welt". Dann machte Kramer klar, S.106 wie es weitergehen soll mit dem Planeten.
Als Musikgruppe oder "Weltende" trat er mit Kunst-Kollegen auf.
Aus der Truppe ging die Gruppe "Plan" hervor. Das Hamburger Fachblatt "Sounds": "Der Einfluß des 'Plan' auf eine deutsche Musik ist noch nicht abzuschätzen."
Die Experten ahnten: "Stelle dir bitte diese Gruppe in Hamburg vor. Sie wäre deplaciert. Würden zur falschen Zeit das richtige und zur richtigen Zeit das falsche tun/tragen."
Sogar die Kulturfunktionäre im Kohlenpott haben inzwischen gespürt, daß sich was regt in der toten Hose.
Anfang Oktober, Schauspielhaus Bochum an der Königsallee. Der Verein "Pro Ruhrgebiet" verheißt der Region kulturelle Entwicklungshilfe.
Die "pralle Kulturszene" des Gebiets, prophezeit Vereinssprecher Jürgen Gramke, im Hauptberuf Direktor des Kommunalverbands, werde durch eine "Marktplatz Ruhrszene" genannte Veranstaltung endlich übersichtlicher gemacht werden. Start: im kommenden April an der Dortmunder Westfalenhalle.
Bei dieser "Kunstbörse" kann sich jeder bewerben und seine Werke vorstellen - ob Musikgruppe oder Puppenspieler, Maler oder Theatermann. In "Kojen" an der Halle würden sich dann die Anbieter mit den "Abnehmern, von Kommunen über die Freiwillige Feuerwehr bis zu Jugendzentren" ("Westfälische Rundschau") handelseinig. Die Veranstaltung soll jedesmal an einem anderen Ruhr-Ort stattfinden.
Sollten solche offiziellen Bemühungen den Kunst-Untergrund fördern, ohne ihn seiner Ursprünglichkeit zu berauben, dann wäre kulturell jene Revier-Autonomie erreicht, die der Literatur-Kritiker und Stückeschreiber Jürgen Lodemann in seinem Stück "Ahnsberch" fordert.
"Ahnsberch", zu hochdeutsch Arnsberg, ist neben der Banken- und Boutiquenstadt Düsseldorf und dem westfälischen Münster einer der drei Regierungs-Bezirke des Ruhrlandes. Vom Leben im Kohlenpott sind alle drei weit entfernt.
"Ahnsberch", erster Akt, am Tresen vom "Krausen Bäumchen" lümmelt Revoluzzer Hötte und bramarbasiert. Seine rhetorische Frage: Wer denn die "Kollenie" Ruhrgebiet aus ihrer Unmündigkeit erlösen könne.
Hötte: "Ja, wer wohl. Wer wohl! Die Kirche? Die Gewerkschaft? Dat Färnsehn? Die SPD? Landschaftsverbände? Regierungsbezirke? Siedlungsverband? Bürgermeister? Johann Wolfgang Brecht? Boss Baruffke? Irgendein Polittiker? Wo sind se denn, de Polittiker? Weit wech sind die! In Ahnsberch! Kapiert? Da, wo't keiner ahnt. Nä, da hilft uns keine Sau, Freunde. Helfen tut sich allein der Ruhrtyp selber!"

DER SPIEGEL 1/1982
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