03.08.1981

USA/ISRAELVerrückter Alliierter

Menachem Begin bombardiert in Nahost, ignoriert amerikanische Interessen und versucht, die US-Politik zu beeinflussen. Ergebnis: Die traditionelle Freundschaft beider Staaten ist belastet wie nie zuvor.
Die Wahlniederlage im vorigen November erschütterte Jimmy Carter, aber sie erlöste ihn von einem Übel: von Menachem Begin. Den israelischen Premier, so bekannte damals der geschlagene US-Präsident, reiche er gern an seinen Nachfolger weiter.
Nun hat Ronald Reagan die Plage am Hals, und der starrköpfige Israeli treibt es schlimmer denn je mit der amerikanischen Schutzmacht:
* Begin schickt seine Luftwaffe zum Angriff auf Bagdads Reaktor, während Reagans Außenminister Alexander Haig eine strategische Allianz von Israelis und Arabern gegen Moskau zu zimmern bemüht ist;
* Begin läßt das Zentrum von Beirut bombardieren, während Reagans Sonderbotschafter Philip Habib den Ausbruch eines neuen Nahostkriegs zu verhindern sucht;
* Begin treibt die jüdische Besiedlung Westjordaniens voran, während die Reagan-Regierung den Besuch von Ägyptens Präsident Sadat vorbereitet, bei dem über den Fortgang der Camp-David-Lösung verhandelt werden soll.
"Es ist unumgänglich, daß wir unsere Beziehungen zu Israel neu definieren", fordert der frühere stellvertretende Außenminister George W. Ball. Zbigniew Brzezinski, Sicherheitsberater und Falke aus der Carter-Ära, nennt den Angriff auf Beirut "im Endeffekt terroristisch". Der Kolumnist William Raspberry erschrickt über Begin: "Wir haben einen Verrückten zum Alliierten."
Der Alliierte beißt die Hand, die ihn füttert: Allein in diesem Jahr erhält sein Staat amerikanische Hilfe im Wert von rund 2,2 Milliarden Dollar. Nach dem sendungsbewußten Moslem Chomeini, so scheint es manchmal, behandelt nun der sendungsbewußte Jude Begin die westliche Supermacht wie einen Bananenstaat. "Der israelische Schwanz", so ein Washingtoner Radio-Kommentator, "wedelt mit dem amerikanischen Hund."
Zudem erschüttern Fernsehbilder vom selbstgerecht dozierenden Eiferer Begin und von toten Kindern in Beirut das Klischee von den "guten" Israelis und den "bösen" Arabern.
36 Prozent der Amerikaner, so ergab eine "Newsweek"-Umfrage, haben in den letzten zwölf Monaten ihre Meinung über Israel in negativer Richtung S.94 geändert. Die Hälfte der US-Bürger verurteilt die Bombardierung von PLO-Zielen in Beirut (31 Prozent zeigen Verständnis), 57 Prozent wollen, daß Washington auf Jerusalem verstärkten Druck ausübt, damit im Nahen Osten eine Kompromißlösung zustande kommt.
Ronald Reagan folgt der Stimme seines Volkes -- widerstrebend und verstört, wie Insider sagen, denn das Wahlkampfengagement für Israel war dem konservativen Republikaner Herzenssache. Erst auf dringenden Rat seiner wichtigsten Mitarbeiter verschob der Präsident die Lieferung von vier F-16-Flugzeugen an Jerusalem, wofür ihm 61 Prozent der US-Bürger Beifall zollen.
Die Entscheidung ist nicht mehr als eine Geste, doch sie signalisiert einen Einschnitt in den Beziehungen zwischen den USA und dem Judenstaat: Denn zwar waren früher schon Ersatzteillieferungen und Termine für Verhandlungen über Waffen verzögert worden, nie aber Transporte von bereits gekauftem Kriegsgerät.
Im Kongreß sammelten denn auch gleich Abgeordnete aus dem von vielen Juden bewohnten Bundesstaat New York Unterschriften gegen die F-16-Entscheidung der Administration. Einer von ihnen, der Republikaner Jack Kemp, erklärte den Angriff auf die Bagdader Kernanlage: "Heimlich atmen sogar Israels (arabische) Kritiker darüber auf." Doch angesichts der Bomben auf Beirut formierte sich eine Gegenbewegung.
"Wir müssen", forderte der republikanische Abgeordnete Paul McCloskey aus Kalifornien, "die Tendenz der amerikanischen jüdischen Gemeinde überwinden, die Aktionen des Kongresses zu kontrollieren" und den Präsidenten zu zwingen, im Nahen Osten "nicht unparteiisch zu entscheiden".
Der Veteran unter den US-Publizisten, James Reston, wetterte gegen jene, welche die "nationalen Interessen Israels gleichsetzen mit den weltpolitischen Interessen der USA" und schon die Infragestellung von Begins Bombenangriffen auf Bagdad und Beirut als "Antisemitismus" anschwärzen.
Quälende Fragen über Israels Aktionen stellen sich neuerdings sogar die Treuesten der Treuen. Paul Tsongas, demokratischer Senator aus Massachusetts mit "Abstimmungsbilanz hundert Prozent pro Israel", hilft sich so aus der Klemme: Er mache "einen Unterschied zwischen dem Staat Israel und Premier Menachem Begin". Mitarbeiter des Weißen Hauses äußern sich im gleichen Sinne.
Das beunruhigt Amerikas jüdische Organisationen. "Dieser Unterschied zwischen dem Land und dem Regierungschef", so Hyman Bookbinder vom American Jewish Committee, "ist vor Begins Amtszeit nie gemacht worden."
Das stimmt, aber Ärger zwischen den Vereinigten Staaten und Israel hat es häufig gegeben:
1956 annektierten die Israelis im Suezkrieg Ägyptens Sinai-Halbinsel. Der damalige US-Präsident Eisenhower forderte die kriegstüchtigen Juden mit rüden Drohungen über den Abbruch von Militär- und Wirtschaftshilfe zum Rückzug auf. "Das war das letzte Mal", urteilt Nahost-Kenner Ball, "daß ein amerikanischer Präsident Klugheit und politischen Mut bewies" angesichts "gefährlicher Abenteuer" der Israelis.
Die begannen Anfang der 60er Jahre ihre Nuklearindustrie aufzubauen, griffen im Juni 1967 Ägypten an -- ohne ihren amerikanischen Mentoren auch nur einen Wink zu geben. Washington war verärgert. Sechs Jahre später mußte es den Freunden mit einer Luftbrücke zu Hilfe eilen, als die Ägypter überraschend zuschlugen und die Israelis an den Rand einer Niederlage gerieten.
Senator Charles Percy, heute Vorsitzender des Außenpolitischen Ausschusses im US-Senat, warnte 1975: "Israel macht einen Fehler, wenn es annimmt, die Vereinigten Staaten seien selbstverständlich immer für Israel, gleich, ob es im Recht ist oder im Unrecht."
Menachem Begin glaubt, sein Land sei immer im Recht. Er ist von den bisherigen Israel-Premiers der schwierigste Partner für die Amerikaner. Denn ihm gilt die Bibel als Grundbuch:
Westjordanien, "Judäa und Samaria", wie Begin zu sagen pflegt, soll auf ewig jüdisches Land sein. Deshalb läßt er dort siedeln wie nie zuvor eine israelische Regierung -- und reduziert damit das Camp-David-Abkommen von einem umfassenden Lösungsmodell zu einem Separatfrieden mit Ägypten.
Viele Amerikaner finden diese Politik unfair gegenüber Sadat, dessen mutige Reise nach Jerusalem im November 1977 erstmalig Friedenshoffnungen für den Nahen Osten geweckt hatte. Richtig aufgeschreckt wurden die US-Bürger aber erst durch Begins Angriff auf die Reaktoranlage bei Bagdad, denn so wenige Tage vor den israelischen Wahlen mutete die Aktion fatal wie ein innenpolitisches Manöver an.
Die US-Regierung jedoch liefert Waffen ausschließlich zu Israels Verteidigung. Washington geriet zudem in den Verdacht der Komplizenschaft mit Jerusalem, weil Israels F-16-Flugzeuge S.95 Saudi-Arabien überflogen, wo amerikanische Awacs-Aufklärungsflugzeuge stationiert sind. Die entdeckten die israelischen Maschinen nicht, und nun fordert Saudi-Arabien verstärkt Awacs für die eigene Luftwaffe. Begin hat Protest eingelegt. Der nächste Konflikt ist vorprogrammiert.
Nach dem Irak-Angriff schon hatten die Amerikaner die anstehende Auslieferung von vier F-16 an Israel verschoben. Just an dem Tage, an dem dann die Maschinen freigegeben werden sollten, ließ Begin gegen Beirut fliegen. Dort starben über 300 Menschen unter dem Bombenhagel, überwiegend libanesische Zivilisten.
"Ich habe den Bombenangriff im Irak gutgeheißen", bekannte der jüdische Politiker Meyer Berger gegenüber der "Washington Post", "aber das ist sinnlos, ethisch falsch, politisch falsch."
In Reagans Kabinett machte sich besonders Verteidigungsminister Caspar Weinberger für Sanktionen gegen Begin stark: Der Israeli erfuhr innerhalb von Stunden davon und griff Weinberger, einen persönlichen Freund Reagans, heftig an -- offenbar ein Fehler.
"Das Spektakel, daß ein ausländischer Regierungschef einen von Reagans Ministern attackiert, weil er in einer Sicherheitsratssitzung dem Präsidenten einen Rat gibt", schrieben die konservativen Kommentatoren Rowland Evans und Robert Novak, "ist im Weißen Haus nicht gut angekommen."
Dem israelkritischen Weinberger stellte Begin den israelfreundlichen Alexander Haig als leuchtendes Beispiel gegenüber. Der Außenminister zeigt mehr Verständnis für Jerusalem.
Vorige Woche setzte Haig durch, daß der US-Botschafter in Saudi-Arabien, Robert Neumann, seinen Abschied einreichte. Neumann hatte sein Land als Botschafter in Marokko und Afghanistan vertreten und die Abteilung Außenpolitik in Reagans Übergangsteam geleitet. Er ist ein Vertrauter des Haig-Rivalen Richard Allen, des Sicherheitsberaters im Weißen Haus.
Neumann war im Außenpolitischen Ausschuß des Senats über seinen Vorgesetzten hergezogen; das wurde Haig zugetragen, der Botschafter mußte gehen. Ihn trennen freilich auch politische Differenzen von Haig: Neumann, der einer jüdischen Wiener Familie entstammt, befürwortet bessere Beziehungen zu den Arabern.
Amerikas jüdische Organisationen hoffen mittlerweile auf eine Besserung des getrübten Verhältnisses der US-Regierung zu Begin. Präsident Reagan schätze Israel als "wichtigsten strategischen Alliierten der Vereinigten Staaten", weiß etwa Howard Squadron, Chef der "Conference of Presidents of Major American Jewish Organizations", und "schließlich ist Israel antisowjetisch".
Dieses Gütesiegel trägt freilich auch der Nahost-Politiker, der diese Woche die USA besucht: Anwar el-Sadat.
Nach Gesprächen mit Reagan will er nächsten Sonntag in Plains (Georgia) ein sentimentales Wiedersehen feiern -- mit Jimmy Carter, der, wäre er Präsident geblieben, gern mit dem Ägypter weitergearbeitet hätte.

DER SPIEGEL 32/1981
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