28.09.1981

Triefende Dichtung und banale Wahrheit

Wolf Biermann in eigener Sache "... erschien der Liedermacher nur in der Hose, dafür aber ein Töchterchen 'am' Oberkörper ... bis wir dann 'bei Gedichten und Rotwein' zusammen saßen an einem Holztisch im Garten ... Er ist stiller geworden, ganz leise - nicht trotzigrotzig. Sondern fast melancholisch ... in der sinkenden Dämmerung, auf dem Tisch flackernde Kerzen, ein Weinkrug ... Die Dunkelheit deckt uns zu, Biermanns Gesicht wird alle Härte genommen, die im Nachtwind glimmenden Kerzen geben dem Wein Tinten-Ton. Sind auch Biermanns Töne dunkler geworden? ... 'Was gehen mich letztlich die Probleme der Terroristen an ... daß ich ein Dichter bin ... diesen lächerlichen Pazifismusstreit ...' In meinem Kopf kreist auch der Wein ... und plötzlich merke ich: Biermann erzählt gar nicht mehr, er liest ein Gedicht vor, 'Mainacht', und mittendrin beginnt er zu summen, Takte zu intonieren ... die Kerzen sind in sich ertrunken. Biermann raschelt mit seinen Manuskripten ..."

Dies ist der Extrakt einer romantischen Wassersuppe aus dem Feuilleton der "Zeit". Unter dem Titel "Nächtlich bei Biermann" servierte Fritz Raddatz seinen Lesern Worte aus meinem Munde, die ich weder gesagt noch gedacht habe, er servierte einen politischen Sänger, der sich nun leise und weise ins Familiäre poetisch zurückzieht. Zudem hatte ich ihm Kopien einiger neuer Gedichte und Lieder in ein Couvert gesteckt und hatte ihm vorsorglich und strikt untersagt, irgend etwas davon zu drucken. Nun lese ich in seinem Nachtgesang sinnverstümmelnde Auszüge aus meinen neuen Texten, und die neue Ballade von der "Mainacht" ist zerkürzt bis zum Blödsinn. Das lächerliche Zitat vom "lächerlichen Pazifismusstreit" muß jeden verwirren, der mich und meine Lieder zu Krieg und Frieden nur oberflächlich kennt.

Fritz Raddatz schildert einen melancholisch und sanft gewordenen Weltveränderer, dessen ehemals frech gereckte Faust sich nun an den Hals einer Rotweinflasche klammert. Oh, wie gut ich mir meine guten Feinde vorstellen kann, wie sie bei solcher Lektüre ihren eben noch gebläuten Augen kaum trauen und sich vor Freude die Hände reiben!

Ja, hätte Raddatz der Menschheit nur eröffnet, daß sein Freund Biermann violette Unterhosen trägt, mit aufgestickten Hämmern und Sicheln -- und in der Hose einen rosa Luftballon --, ich hätte als hanseatischer Gentleman solchen tieferen Einblicken in mein Gemütsleben niemals öffentlich widersprochen. Aber hier ist ja von Leben und Tod unter diesem Atombombenhimmel die Rede und vom Terrorismus. In solchen ernsteren Dingen möchte ich auch in Zukunft lieber meine eigenen Dummheiten sagen, denn sie haben den Vorteil, daß ich sie gelegentlich korrigieren kann. Auch aus politisch-hygienischen Gründen will ich in klarer deutscher Prosa die dunkle Poesie meines melancholischen Besuchers durchleuchten.

Melancholie -- das ist die narzißtische Form der Trauer. Der fröhliche Narziß genießt sein Gesicht im Spiegel jeder Wasserpfütze. Aber der traurige Narziß sieht sich in jedem anderen Menschen. Und so suchte und fand mein melancholischer Reporter im Zwielicht dieses Abends im Garten seine eigene Hoffnungslosigkeit, seine Bedrückung und Trauer so eindimensional in meinen Liedern -- was ihn freilich nicht hinderte, sie dann fröhlich zu zerhacken und unbekümmert zu drucken und hoffnungsvoll darauf zu vertrauen, daß ich es mit einem privaten Klagebrief auf sich beruhen lassen würde.

Ich sang an diesem milden Abend nicht nur, wir sprachen auch über meine Methode beim Schreiben. Ich meine, daß die besten Gedichte und Lieder bei solchen günstigen Gelegenheiten entstehen können, wo sich das Familienalbum berührt mit dem Geschichtsbuch. Wo die allerprivateste Ebene sich überschneidet mit dem gesellschaftlich Bedeutsamen, da kann was Lebendiges entstehen.

Ich möchte ein vielleicht bekanntes Beispiel aus meinen früheren Liedern vorzeigen: "Großes Gebet der alten Kommunistin Oma Meume in Hamburg" -- diese Ballade hat das, was ich meine. Das große Enttäuschtsein, die beschämte, die bittere und zornige Ratlosigkeit vieler Kommunisten aus der alten Generation -- das ist, angesichts der verbrecherischen Praxis unter dem Firmenschild des Kommunismus, ein bedeutender Gegenstand, egal, ob die wirkliche Großmutter irgendeines Liedermachers zu diesen alten Kommunisten gehört. In der Regel haben die Leute in Deutschland andere Großmütter. Mir konnte solch eine Ballade gelingen, weil ich bei diesem großen Thema eben zugleich über mein Unmittelbarstes schreiben mußte -- oder, wie man im Feuilleton der "Zeit" sagen würde, weil es für mich zugleich existentiell war.

So auch in dem Lied von der Ermutigung: "Du, laß dich nicht verhärten ... -- dieses rote Kirchenlied schrieb ich, als ich selbst in der Gefahr war zu verhärten. Ich hatte es in der DDR zu Anfang eben noch nicht gelernt, unter dem Hammer des absoluten Verbotenseins trotz alledem die lebensnotwendige Heiterkeit im Leiden mir zu erobern.

Was mich politisch aufregte, als ich dann in den Westen kam, war zuerst die RAF. Ich sah in diesen Menschen Kämpfer gegen das Unrecht, die aber dem Unrecht in der Bundesrepublik Deutschland nicht in den Arm fielen, sondern die ihren Feinden unfreiwillig und tragisch, mörderisch und selbstmörderisch zur Hand gingen.

Mit dem Verbrechen gegen den ehemaligen Nazi Schleyer, gegen die Galionsfigur des Großkapitals, beförderten die RAF-Leute nicht den Klassenkampf, wie sie wohl gehofft hatten, nein, im Gegenteil, sie beförderten einen faulen Frieden der Klassen. Die Arbeiter in der Gewerkschaft, die eben noch über ihren knallharten Kontrahenten vom Unternehmerverband geflucht hatten, solidarisierten sich mit ihm im Moment seines Leidens. S.249

Damals schrieb ich in einem Song über Baader, Ensslin und Raspe: "Aber tote Mörder sind keine Märtyrer." Und ich sah, wie der bundesdeutsche Staat selbstgerecht und panisch seine Gewaltwerkzeuge vorführte, die Hatz gegen die sogenannten Sympathisanten widerte mich an. Und am meisten bewegte mich, daß unter den Tausenden jungen Leuten, auf die ich in meinen Konzerten traf, nicht wenige waren, die in ihrer hilflosen Erbitterung über diese Gesellschaft mit dem Gedanken spielten, das zu tun, was sie für Taten hielten. Und diesen Menschen wollte ich mich nützlich machen: Ich versuchte in neuen Liedern und Gedichten ein "Nein" zum Terrorismus der RAF zu formulieren, das dem offiziellen "Nein" von seiten der staatstragenden Terroristen entgegensteht. Ja, es war eine notwendige politische Fleißarbeit, und ich bin froh, daß ich ihr nicht ausgewichen bin.

Aber das eben versuchte ich meinem Besucher an diesem Abend zu erklären: Diese Lieder wären mir wohl besser gelungen, sie wären tiefer und schöner und verzweifelter und radikaler und ermutigender geworden -- wenn ich selbst Terrorist gewesen wäre. Oder mit einer Frau von der RAF gelebt hätte oder sonst irgendwie verstrickt gewesen wäre. Solche Überlegungen zum Verhältnis von Wahrheit und Wahrhaftigkeit bei der Arbeit des Schriftstellers war auch ein Thema meines letzten Auftritts in West-Berlin.

Dort sang ich vor zwei-, dreitausend Leuten mein neues Polen-Lied "Aber vorher", ich sezierte es und kommentierte es mit anderen neuen und alten Liedern. Für ihre Eintrittskarte hatten die Leute zehn Mark Solidaritätsbeitrag für die Gewerkschaft in Polen gezahlt, und sie verstanden solche Überlegungen offenbar sehr viel besser als der Literaturprofessor Raddatz vom Wochenblatt, der mir ohne Eintrittsgeld einen der wenigen sommerlichen Abende stahl und der mir nach all diesen Darlegungen nun den dürren dummen Satz in den Mund schiebt: "Was gehen mich letztlich die Probleme der Terroristen an ..."

Seit Jahren habe ich einen speziellen Freund im SPIEGEL, und er hat prompt reagiert. Er verkaufte Raddatzens Halbwahrheiten als komplette Lüge: Biermann -- der Liedermacher will mit Politik nichts mehr zu tun haben. So lebt ein Artikelschreiber vom anderen Artikelschreiber beim Konkurrenzblatt, und das ist eine Tendenz zu einer wirklichkeitsabgewandten Monotonie, wie ich sie in der brutalen Konsequenz aus dem Osten kenne.

Auf der Straße halten mich nun allerhand Leute an und fragen nach dem Verfasser des anonymen Artikels im SPIEGEL. Es ist ein Journalist unter vielen, und im harten Konkurrenzkampf leidet er offenbar an der galoppierenden Profilierungssucht. Er ist auch ein Dichter, der sich in einem miserablen Roman allzu voreilig von Vater und Mutter distanziert hat, weil sie Nazis waren. Sein rufmörderischer Stil würde besser ins "Neue Deutschland" passen, denn er hat sich in diesem Artikel an den schlechten alten Grundsatz gehalten: Wenn man schon die Unwahrheit sagt, soll man es lieber grob und frech tun. Die feineren Lügen werden ja vom Pack nicht geglaubt.

Zu solchem Pack gehören auch Linke in der Bundesrepublik, Wegwerf-Linke, die nur die Liebestirade in der "Zeit" und die Haßtirade im SPIEGEL brauchten, um ihren Biermann wegzuwerfen wie eine Flasche ohne Pfand.

20 Jahre habe ich nun meine verratenen Genossen ermutigt und habe meine Genossen Verräter gequält -beides so gut ich konnte. Ich war dabei immer ganz verzweifelt und ganz voller Hoffnung. Ich hab' mich geirrt und behielt recht, war stur und hab' mich verändert -- wie andere auch. Und auch jetzt bin ich vor lauter Vernunft tief niedergeschlagen und bin wie verrückt vor Hoffnung. Daran wird sich nichts ändern, egal, ob mich die Musen küssen oder die Hunde beißen. Poeta sum?

Wenn es an diesem schönen Abend im Garten einen Dichter gab, dann war es Fritz Raddatz. Triefende Dichtung und banale Wahrheit: Sogar der zerdichtete tinten-tonige Rotwein im Weinkrug war ein lyrisches Gesöff aus dem Born der Phantasie meines Besuchers. Ich trank gar nichts -- und Fritz vom Feuilleton trank an diesem Abend bei mir ein einziges Glas Apfelsaft. Ich schenkte es ihm ein, aus einer normalen Karaffe vom Supermarkt: ein Papp-Container mit dem Aufdruck "Mindestens 50% Fruchtsaftgehalt".

"Vielleicht wohn' ich mal 'ne Weile in Paris ..." -- so läßt Fritz Raddatz mich plappern. Ich gehe aber nicht vielleicht und irgendwann, sondern bestimmt und jetzt. Ich will in das Land, dessen Lieder ich kenne und in dem ich wunderbar unbequeme Freunde habe, die ich gern mehr und bequemer treffen möchte. Auch unter Mitterrand wird das Leben in Frankreich kein Honiglecken. Aber Dreck fressen werde ich dort nicht. Endlich komme ich mal in eine fremde Kultur, in eine politische Landschaft, in der die Linken sich streiten wie überall, aber sich nicht gegenseitig aus der Menschheit so leicht ausschließen.

In der DDR war ich all die Jahre doppelt festgenagelt -- nicht nur an einem Fuß, wie fast alle, denn ich durfte auch nicht in östliche Länder. Zum erstenmal komme ich nun ganz in eine Fremde, in der ich wieder neu eine Sprache lernen kann, die ja die allerschwerste bleibt: die eigene.


DER SPIEGEL 40/1981
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 40/1981
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Triefende Dichtung und banale Wahrheit