03.08.1981

ENGLAND

Mannesmut und Keuschheit

Eine Neuerung im hochzeitlichen Wappen von Charles und Diana verblüffte die Experten: Löwe und Einhorn tragen erstmals steife Glieder.

Als es nach dem "I will" von Charles und Diana endlich soweit war, als der zukünftige König seiner jungen Braut den Goldring überstreifte und der Erzbischof von Canterbury diesen Bund fürs Leben segnete, da wußten Hunderttausende von Briten, welche Aktion als nächste folgen würde:

"Nun beläßt der Mann den Ring am Finger seiner Frau, sie werden niederknien, während die Versammlung stehen bleibt und der Erzbischof verkünden wird: ''Lasset uns beten.''"

Solch detaillierte Hinweise waren im offiziellen Programmheft enthalten, von dem die königliche Stiftung "Royal Jubilee Trusts" bereits Wochen vor der Hochzeit eine Million Stück drucken ließ. An manchen Stellen wie ein Filmdrehbuch, komprimiert auf 26 Seiten hoffähig geglätteten Papiers, erläuterte der vielfarbige Leitfaden, wofür etwa die ARD-Berichterstatter scheinbar endlos zähe Stunden brauchten.

Doch was da "mit gütiger Genehmigung Ihrer Majestät der Königin" zum Einzelpreis von 50 Pence vertrieben wurde, enthält auf dem Umschlag mit dem Traditionswappen des Prince of S.106 Wales zwei delikate, deutlich hervorragende Neuerungen.

Löwe und Einhorn, die das Charles-Wappen flankieren und die in der Heraldik seit alters her für Mannesmut beziehungsweise Keuschheit stehen, zeigen auf dem hochzeitlichen Titelblatt aus steifem Hartpapier jeweils ein kräftig erigiertes Glied.

Die strotzende Virilität ist deutlich auf jenen Wappenspruch gerichtet, der seit 1348 die Kavalierstugend britannischer Herrscher widerspiegeln soll: "Honi soit qui mal y pense", ein Schelm, der Böses dabei denkt. Das Leitmotiv wird König Edward III. (1312 bis 1377) zugeschrieben, der auf einem Hofball das zu Boden gerutschte Strumpfband einer Gräfin aufgehoben und es dann ans eigene Hosenbein geheftet hatte.

Nun, im ausklingenden 20. Jahrhundert, verblüffte das kühne hochzeitliche Titelblatt sogar die Experten des Londoner Wappeninstituts College of Arms, wo die Wahrzeichen britannischen Blutadels verwahrt und alle diesbezüglichen Änderungen festgehalten werden.

Nach einer raschen Durchsicht stellte sich heraus, daß weder in dem grundlegenden Fachwerk "Royal & Princely Heraldry in Wales" noch in der jüngsten Auflage des "Debrett''s", dem englischen Gegenstück zum Gotha, tierische Penisse im Prinzenwappen beschrieben werden.

Letztmals wurde ein dazugehöriges Emblem, und zwar dasjenige des roten Drachens mit vier Beinen, 1953 ausgeschmückt -- mit dem walisischen Kampfruf "y ddraig goch ddyry cychwyn", zu deutsch: mit dem roten Drachen voran.

Doch auch dieser eher geringfügige Zierat mußte, wie alle Eingriffe am Wappen königlicher Familienangehöriger, höchstpersönlich von der Queen gebilligt werden. Beim Hochzeitsprogramm war dies jedoch nicht notwendig, da die Ausschmückung ausnahmsweise einem Künstler überlassen worden war.

Ungeklärt blieb bis zur Trauung allerdings, ob Wappeninhaber Prinz Charles, dem der Buckingham-Palast immerhin "eine aktive Rolle bei den Vorbereitungen zur Hochzeit" zuschrieb, von der jähen Erektion wußte oder diese, gleichsam als richtungweisendes Signal für eine vielleicht kinderreiche Ehe, gar veranlaßt hat.

Anthony Wood, Urheber des geschlechtsbetonten Titelwappens und Dozent an der Kunsthochschule Reigate südlich von London, läßt alle Deutungsmöglichkeiten offen. "Wappenmalerei entsprach schon immer einer Art von Karikieren", äußert er vorsichtig reserviert, "was immer man gerade zeichnet, wirkt leicht übermäßig stark betont."

Am College of Arms verweist der Wappenkundler Hubert Chesshyre zur Erläuterung auf die Anfänge der Heroldskunst im 12. Jahrhundert, als Könige und noble Ritter Kampfschilde und Banner mit mythischem Getier verzieren ließen, um die Gegner auf Turnierplätzen und Schlachtfeldern zu schrecken.

Auch mit furchtbar dräuenden Geschlechtsorganen? "Es ist wohl wahr, daß im Mittelalter Wappentiere auf diesem Gebiet recht imposant bestückt waren", berichtet Chesshyre, der auch späteren Briten-Königen nicht gerade Prüderie auf ihren Hochzeitsabzeichen bescheinigt.

Die Herrscherlinie aus dem Haus Hannover beispielsweise trug sogar das Brustbild einer nackten Schönheit in dem königlichen Wappen -- über einer Harfe, dem heraldischen Symbol der Grünen Insel Irland.

S.106 Aus dem offiziellen Programmheft. * Aus dem offiziellen Programmheft. *

DER SPIEGEL 32/1981
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 32/1981
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Bei Spodats erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

ENGLAND:
Mannesmut und Keuschheit