08.12.1980

Italien: „Armes, unglückseliges Vaterland“

Die Trümmer sehen aus der Ferne aus wie Kohlehalden, die größeren Orte sind von Militärs belagert, der Geruch der Leichen hängt über einer Landschaft des Todes: Das Erdbeben vom 23. November war die schlimmste Katastrophe in der Geschichte der italienischen Republik. Nun droht, angesichts der Hilflosigkeit dieses Staates bei der Bewältigung der Naturkatastrophe, auch ein politisches Beben. Die institutionelle Krise hat begonnen. Kaum aber hatten sie die Stadt erreicht, als die Erde unter ihren Füßen erbebte. Brausend und zischend wälzten sich die Wogen des Meeres in den Hafen, und die Schiffe, die dort vor Anker lagen, zerschellten. Flammenströme und Aschenregen wirbelten über Straßen und Plätze; Häuser stürzten ein, Dächer fielen auf die Fundamente, und die Fundamente barsten. Dreißigtausend Menschen jeden Alters und Geschlechts lagen zermalmt unter den Trümmern ... „Dieses Erdbeben ist an sich nichts Neues“, meint Pangloss, „die Stadt Lima in Amerika hat im vorigen Jahr genau solche Erschütterungen erlitten. Gleiche Ursachen - gleiche Wirkungen. Sicherlich zieht sich eine unterirdische Schwefelader von Lima bis nach Lissabon.“ (Voltaires „Candide“, 1759).
Alle Erdbeben haben die gleiche Ursache, da hat Voltaires Professor Pangloss recht. Aber sie haben höchst ungleiche Wirkungen -- und nicht nur in der Zahl der Menschen und Häuser, die ihnen zum Opfer fallen.
Das Beben am 1. November 1755 zum Beispiel verwüstete nicht nur die Stadt Lissabon, brachte nicht nur Kirchen zum Einsturz, in denen sich viele Tausende zum Allerheiligenfest versammelt hatten, als die Erde zu bocken begann wie ein störrischer Esel. Die portugiesische Katastrophe löste auch eine moralisch-geistige Schockwelle aus, die durch ganz Europa lief und dazu beitrug, die ohnehin angeknackste alte Ordnung irreparabel zu erschüttern.
Voltaire nahm das Unglück zum Anlaß, um die konservative These zu verspotten, daß die bestehende Welt (samt ihrer politisch-sozialen Struktur) die beste aller möglichen Welten sei. Bei den Gebildeten -- und nicht nur bei ihnen -- wuchsen die Zweifel an der überlieferten Religion. Sarkastisch attackierte Voltaire in seinem "Candide" die Theologen und die Inquisition der katholischen Kirche, "ie auch nach dem Beben in Lissabon noch Menschen verbrennen ließ:" " Nach dem Erdbeben, das drei Viertel von Lissabon zerstört " " hatte, fanden die klügsten Köpfe des Landes kein wirksameres " " Mittel zur Verhinderung der völligen Vernichtung, als dem " " Volke das Schauspiel eines prächtigen Autodafes zu bieten. " " Die Universität von Coimbra hatte nämlich entschieden, daß " " das mit feierlichem Gepränge veranstaltete Rösten mehrerer " " Menschen auf kleiner Flamme ein unfehlbares Mittel zur " " Verhütung von Erdbeben sei. "
"Der Süden unter Trümmern -- die Macht unter Anklage ... Die Erde bebt, aber auch die Christdemokraten" ("L''Espresso", Rom).
"Nach dem Erdbeben erzittert auch Rom ... Die institutionelle Krise der ersten Republik, die in den vergangenen Monaten viele Male beschworen wurde, hat begonnen" ("Panorama", Mailand).
225 Jahre nach Lissabon erschüttern die fühllosen Verwerfungen der Erdkruste eine andere alte Ordnung -- die allerdings auch noch etliche Elemente der ganz alten Ordnung enthält, mit der sich Voltaire auseinandersetzte.
Sie erschüttern den italienischen Staat und seine Institutionen, diese erste gesamtitalienische Republik, die 1946 durch Volksentscheid anstelle der Monarchie begründet und seither ohne Unterbrechung von der christdemokratischen Partei regiert worden ist.
Das süditalienische Erdbeben und seine Nachwehen sind die mit Abstand schlimmste Katastrophe, die dieses S.132 Staatswesen getroffen hat, mit bisher 3076 Toten und 1500 Vermißten schlimmer als das Beben 1968 im sizilianischen Belice-Tal (270 Tote), schlimmer auch als die Erdstöße 1976 in Friaul (966 Tote).
Die Verheerungen erstrecken sich über ungleich größere Landstriche als selbst bei den verlustreichsten Beben auf dem unruhigen Boden der Apennin-Halbinsel -- beim Desaster von 1908 in Messina (123 000 Tote) und 1915 in Avezzano (30 000 Tote).
Beide Male traten die seismischen Zuckungen auf engem und dichtbesiedeltem Raum mit höchster Gewalt auf. Jetzt aber hat das Beben 137 Städte und Dörfer in einem weitgespannten Gebiet erfaßt, das so groß ist wie das Bundesland Hessen.
Von Neapel und Salerno reicht ein Rhombus des Unheils 150 Kilometer tief in das zerklüftete Bergland des Mezzogiorno mit seinen Hochplateaus und steilen Rücken.
Oben auf den Bergkuppen, auf denen die Dörfer der Gegend kauerten, liegen dunkle Haufen. Vom Dauerregen geschwärzt, sehen die Trümmer aus der Ferne wie Kohlehalden aus. "Armes, unglückseliges Vaterland", klagte der Schriftsteller Alberto Moravia nach seinem ersten Rundflug nach dem Beben.
Mitte vergangener Woche wirkte die Region wie ein Kriegsgebiet. Alle größeren Ortschaften sind von Militärs belagert, von Fahrzeugparks, Zeltstädten und Postenketten umzingelt. Hubschrauber dröhnen umher, meist zu keinem erkennbaren Zweck.
Noch immer liegen Reihen geborgener Leichen auf den Sammelplätzen -der Regen wäscht ihnen den Dreck und das verkrustete Blut ab. Ihr Geruch hat sich weit um die Unglücksorte herum ausgebreitet. Sogar die geschwollenen Bäche in den romantischen Tälern stinken wie Kloaken. "Wenn es nicht so kalt wäre, hätten wir längst den Typhus", sagt der greise Arzt Ippolito Aldoza in dem Bergdorf Senerchia.
Makabre und absurde Szenen überall. Das Gelände um Senerchia ist so steil, daß sich die Obdachlosen auf der einzigen Ebene zusammendrängen, dem Sportplatz, der sich in einen Morast verwandelt hat. Wie ein geschlagener Feldherr sitzt Bürgermeister Fessa dort in einem Holzcontainer vor einem Schlafsackstapel, den er zu verteilen versucht.
Ein Carabiniere schubst wartende Leute beiseite und drängelt sich in den Container des Bürgermeisters. "Morgen kommen die Deutschen", flüstert er Fessa ins Ohr. Aber die Umstehenden hören es.
"Die Deutschen walzen alles platt, die kommen mit Panzern", schreit ein alter Mann. Stockheiser beruhigt ihn Fessa: "Unsinn, die Deutschen räumen auf für euch, keiner braucht vor ihnen Angst zu haben."
Die Deutschen sind nicht zu übersehen. Sanitäter, Ärzte und Pioniere der Bundeswehr rücken von Ort zu Ort vor, um Verletzte zu versorgen, Blinddärme zu operieren und die schuttverstopften Gassen und Plätze freizuräumen.
Offiziere berichten, daß die italienischen Nato-Kameraden den Deutschen gern den Vortritt lassen, wenn es darum geht, zu den entlegenen, im Stich gelassen Bergdörfern vorzudringen -nicht aus Gleichgültigkeit. Die einheimischen Soldaten seien "nur nicht sehr begierig, sich von den Überlebenden wüst beschimpfen zu lassen".
Vor den Apennin-Bergen, die bereits vom Schnee bedeckt sind, liegt Lioni zwischen Wiesen und Apfelbäumen. Dort räumen Bundeswehr-Pioniere mit bulligen Schwenkladern Trümmerschutt auf Schwerlaster.
In den Essenspausen sprechen die jungen Deutschen -- über die Toten, die sie im Schutt finden. Der 21jährige Pionier-Gruppenführer Josef Schessl erzählt: "Gestern haben wir einen auf die Gabel genommen, der war mit der bloßen Hand zerlegbar."
In Teora, 20 Kilometer weiter, bergen Pioniere eines anderen Zugs mit aufgesetztem Stahlhelm das Mobiliar aus den wenigen stehengebliebenen, aber einsturzgefährdeten Häusern. Die Überlebenden in Teora, fast nur alte Menschen, wirken noch immer tief verstört. Josef Stoisser, der Chef eines Trinkwasser-Aufbereitungstrupps aus Österreich: "Die Leute nehmen nicht mal Trinkwasser, weil sie glauben, sie müßten es bezahlen."
Die Obdachlosen wollen sich auch hier nicht in die von der Regierung bereitgestellten Winterquartiere in den Hotels und Pensionen an der Küste bringen lassen. Sie hängen an ihrem Stück Land, an ihren Kühen, sogar an den streunenden und kranken Hunden, die sie nicht erschießen wollen.
Aber ebenso hartnäckig mißtrauen sie der Regierung. Ein Winter in Wohnwagen oder Notbaracken ist ihnen lieber, als sich ganz in die Abhängigkeit vom Staat zu begeben. Denn die Leute in Kampanien betrachten die Organe ihrer eigenen Republik fast wie eine feindliche Besatzungsmacht.
Die "terremotati" (wörtlich: "Erdbewegten", die Bebengeschädigten) und die Kritiker im Land werfen der Regierung S.133 nicht vor, daß sie die geologisch verspannte Heimaterde nicht still zu halten vermag. Aber sie geben der Politikerklasse die Verantwortung für das, was die Katastrophe brutaler enthüllt als alle vorausgegangenen Politskandale Italiens: daß das herrschende System mit seiner Unfähigkeit, Indifferenz und Untugend den Menschen ein noch ärgerer Feind sein kann als die grausame und gleichgültige Natur.
"I sepolti vivi", "die lebendig Begrabenen": Bei keinem Beben seit Menschengedenken gab es so viele Verschüttete, die unter den Trümmern von Wohnhäusern, Lokalen und Hospitälern noch am Leben waren und dennoch in ihren Verliesen qualvoll zugrunde gingen. Eingemauert in Kellerwinkel und erstickende Hohlräume, sind diese Menschen trotz all ihrem Schreien und Klopfen über Tage und Nächte hin einen der schrecklichsten Tode gestorben, den menschliche Phantasie sich auszumalen vermag.
Das sei wie "die ungewollte und ungeahnte Rückkehr in einen Mutterleib, der nicht das Leben gibt, sondern den Tod, der uns nicht ans Licht bringt, sondern in die Finsternis", notierte Alberto Moravia im Katastrophengebiet. Ein Horror, der an die düsteren Erfindungen eines Edgar Allan Poe erinnere, sei in den betroffenen Provinzen das logische Resultat "eines Zusammenwirkens von Leichtfertigkeit und Unehrlichkeit" gewesen.
Tatsächlich hat menschlich-politisches Versagen diese vielhundertfachen Agonien verursacht. Auch die modernen Gebäude aus Spannbeton und Moniereisen sind unter geschickter Umgehung aller einschlägigen Vorschriften so gebaut worden, daß sie ein stärkeres Beben nicht aushalten konnten. Mogelnde Auftraggeber und Baufirmen haben den miserabelsten Zement und brüchigen Stahl verwendet.
Die Tragpfeiler brachen, die durchgehenden Böden und Decken krachten aufeinander und zerquetschten die Menschen dazwischen. Doch im Unterschied zu Uralthäusern, deren berstendes, herniederprasselndes Mauerwerk kaum Hohlräume läßt, waren die neueren Bauten wenigstens stellenweise so stabil, daß unter den Trümmern zahlreiche Ecken und Lücken blieben, in denen die Insassen den Zusammenbruch überlebten.
Das Beben überleben hat aber nur Sinn, wenn man auch herausgeholt wird -- sonst ist die alte Bauweise konsequenter: Sie erspart den Verschütteten lange Martern.
Doch ausbleibende Hilfe und hilflose Helfer ohne Schweißbrenner, Spitzhacken, Preßlufthämmer und Bagger bedeuteten das Ende für viele der "sepolti vivi" -- nicht nur in den ersten chaotischen Tagen nach dem Beben. Noch am Samstag danach, am sechsten Tag nach dem Unglück, waren Hilferufe und Klagen lebendig Begrabener zu hören.
Sie kamen aus den Trümmern eines fünfgeschossigen modernen Mietshauses an der Piazza della Liberta in dem Bergort Sant''Angelo dei Lombardi, der mit seinen 6500 Einwohnern besonders schwer getroffen wurde. Im Parterre des Mietshauses befand sich das Lokal "Corrado". Dort hielten sich mehr als 40 meist junge Leute auf, um die Sportschau im Fernsehen zu verfolgen oder Flipper zu spielen, als an jenem Sonntagabend "der ganze Ort wie ein Betrunkener zu torkeln begann" (wie es der überlebende Tonino beschrieb).
Eine große Zahl der im "Corrado" Verschütteten lebte. Aber ohnmächtig hörten übriggebliebene Bewohner draußen die Schreie. Gegen die schweren Betonbrocken und den Monierstahl des Hauses war kein Mittel zur Hand.
Am zweiten Tag nach dem Beben kommen als erste Helfer weitgereiste Feuerwehrleute aus Ravenna nach Sant'' Angelo. Auch sie haben nur Spitzhacken und Stahlsägen. Sie befreien am S.135 Mittwoch (dem dritten Tag danach) den 19jährigen Tonino und seine Freundin Silvana Del Priore. Als müsse sie wegen ihrer Übernachtungen mit Tonino unter den Trümmern ein schlechtes Gewissen haben, ruft die junge Frau in einem fort: "Macht schnell, macht schnell] Ich muß doch nach Hause]"
Die erstickten Schreie weiterer Begrabener sind zu hören, aber die Feuerwehrleute kommen nicht weiter. Sie werden vom Militär fortgeschickt, das den Ort besetzt und abriegelt, doch nichts unternimmt.
Am Mittwoch vergangener Woche hockt der Stadtschreiber von Sant''Angelo dei Lombardi in einem nässetriefenden Zelt am Rand des Friedhofs unterhalb des Ortes und tippt auf einer uralten Schreibmaschine eine Sterbeurkunde nach der anderen -- auch für die mehr als 600 Vermißten allein in seiner Gemeinde. Er bestätigt mit versteinerter Miene, daß in dem "Corrado" noch am Samstag "Weinen und Stöhnen" zu hören gewesen sei: "Dann war alles ruhig."
Solche Entsetzlichkeiten aber dringen erst jetzt ins Bewußtsein der italienischen Öffentlichkeit. Sie wurden zunächst durch die Geschichten von der wunderbaren Rettung einzelner Überlebender überdeckt. Gerade die Aussagen der Geborgenen geben zumindest eine vage Vorstellung von dem, was die "sepolti vivi" erdulden mußten, ehe der Tod sie erlöste.
Die 28jährige Lehrerin Liberata Sessa verbrachte drei Tage und "ächte unter ihrem Elternhaus in Senerchia bei Salerno: Meine " " Mutter und ich plauderten vor dem Kamin. Plötzlich begannen " " die Möbel wie wild zu tanzen, und das ganze Haus brach auf " " uns herab. Es geschah so schnell, daß ich nicht einmal " " schreien konnte. Mir war. als seien wir durch eine Falltür in " " den Keller gestürzt. Meine Mutter landete so auf mir, daß ich " sie in den Armen hielt.
" Die Zeit blieb stehen. Ich versuchte, meine Mutter " " aufzumuntern. Ich hörte Stimmen von weither und sagte: "Paß " " auf, sie kommen und holen uns raus." Aber ich fühlte, daß sie " " sich von mir abwendete und daß ihr Körper langsam kalt und " " eisig wurde ... "
Die 60jährige Mutter war tot, als Feuerwehrleute zu Liberata Sessa vordrangen.
"Schreibt es auf, schreibt es] Daß ich mich schäme, ein Italiener zu sein] Daß die Natur nicht schlimmer sein kann als diese Politiker]" rief ein ausgemergelter Mann in Sant''Angelo dei Lombardi dem "New York Times"-Reporter Henry Tanner zu.
"Diese Politiker" im römischen Parlament haben die Ausführungsbestimmungen eines Zivilschutzgesetzes für Katastrophenfälle zehn Jahre lang verschleppt. Deshalb auch existierten in dem so erdbebengefährdeten Süden keinerlei Nothilfevorkehrungen -- ein fast noch groteskeres Versäumnis, als wenn es in einer Millionenstadt keine Feuerwehr gäbe.
Nach dem Unglück machte die verkrustete Bürokratie das Desaster vollständig. Schließlich mußte Giuseppe Zamberletti her. "Giuseppe der Tüchtige", ein christdemokratischer Abgeordneter, der vor vier Jahren schon den Katastropheneinsatz in Friaul geleitet hatte.
Zamberletti übernahm das Kommando über die Hilfsaktionen, und manches begann zu klappen. Doch sein großangelegter Evakuierungsplan scheiterte am Widerstand der "terremotati". Und schon in seiner Einsatzbasis Neapel sieht er sich außerstande, den nahezu 50 000 durch das Erdbeben neu hinzugekommenen "senzatetto" ("Dachlosen") allein in dieser Stadt erträgliche Unterkünfte zu verschaffen.
Viele von ihnen hausen mit ihren Kindern in Frachtcontainern am Hafen, auf alten Ausflugsdampfern und in ausrangierten Autobussen. Nicht nur Hausbesitzer und Bauspekulanten weigern sich, der öffentlichen Hand leerstehende Wohnungen zu vermieten. Sogar der Erzbischof von Neapel hat es abgelehnt, leerstehende Klöster und andere geeignete Gebäude im Kirchenbesitz zur Verfügung zu stellen.
Auch der tüchtige Zamberletti ist kein systemverändernder Zampano. Auch er kann nicht und niemand kann die Camorra, Neapels Spielart der Mafia, daran hindern, ihre habgierigen Hände über die Walstatt zu breiten und sich an der Katastrophe zu bereichern. Ihre "sciacalli" ("Schakale") sind längst hinter profitablen Bau- und Lieferaufträgen her, für die Rom den Italienern höhere Steuern abverlangen muß.
Eine Camorra-verdächtige Firma hat in der Provinz Avellino bereits den Zuschlag für umfangreiche Bauarbeiten erhalten. Die nämliche Firma hatte in Sant''Angelo dei Lombardi unter Mißachtung der Vorschriften (soweit vorhanden) ein "erdbebensicheres" Mietshaus hochgezogen, das beim Beben zerbarst.
Da nimmt es nicht Wunder, daß viele schlichte Italiener sich auch nach diesem Unglück ein prächtiges Autodafe wünschen. Aber nicht unschuldig von der Inquisition Verfolgte sollen geröstet werden, sondern die "classe politica" des Landes und die gesellschaftlichen Zustände, die sich im Süden seit Voltaires Zeiten kaum erneuert haben.
Sogar dem greisen Staatspräsidenten Sandro Pertini riß die Geduld, als er die Misere in Kampanien sah und hören mußte, was die erbitterten "terremotati" seinem geschniegelten Gefolge nachriefen: "Haut ab, ihr Scheißkerle]"
"Wer versagt hat, soll bestraft werden", forderte Pertini im Fernsehen sehr zum Mißfallen von Regierungschef Forlani. Der erstaunliche Appell des Präsidenten aber bestärkte all jene, die "pulizia", "Sauberkeit", im politischen Leben fordern. Die "moralische Frage" ist ein Hauptthema der öffentlichen Debatte geworden.
Die kleine Republikanische Partei sprach vom "moralischen Notstand unseres Landes". Sogar unter den regierenden Christdemokraten, die als Hauptschuldige am Pranger stehen, wird der Ruf nach Erneuerung laut. 130 Abgeordnete der DC verlangten von der Parteiführung, sie solle endlich für "neue Sitten" in der Democrazia Cristiana sorgen.
Doch zur gleichen Zeit wachsen die Zweifel, ob es je zu der erhofften Erneuerung, S.136 zu der "historischen Wende" (Moravia) kommen wird. Just vergangene Woche beschloß die zuständige parlamentarische Untersuchungskommission, mit den Stimmen der Christdemokraten, Sozialisten und Sozialdemokraten, schwere Vorwürfe gegen einen sizilianischen Ex-Minister wegen seiner Verwicklung in einen Millionen-Skandal nicht weiter zu verfolgen. Die Affäre soll, wie viele frühere, vertuscht werden.
"Wieder einmal", empörte sich die KPI, "erweisen sich all die feierlichen Erklärungen zur moralischen Frage als bloße Heuchelei."
Seit sechzehn Jahrhunderten herrscht der Katholizismus in Italien. Doch manchmal sieht es aus, als sei Christus in diesem Land noch nicht einmal bis Eboli gekommen.
S.131
Kaum aber hatten sie die Stadt erreicht, als die Erde unter ihren
Füßen erbebte. Brausend und zischend wälzten sich die Wogen des
Meeres in den Hafen, und die Schiffe, die dort vor Anker lagen,
zerschellten. Flammenströme und Aschenregen wirbelten über Straßen
und Plätze; Häuser stürzten ein, Dächer fielen auf die Fundamente,
und die Fundamente barsten. Dreißigtausend Menschen jeden Alters und
Geschlechts lagen zermalmt unter den Trümmern ...
"Dieses Erdbeben ist an sich nichts Neues", meint Pangloss, "die
Stadt Lima in Amerika hat im vorigen Jahr genau solche
Erschütterungen erlitten. Gleiche Ursachen - gleiche Wirkungen.
Sicherlich zieht sich eine unterirdische Schwefelader von Lima bis
nach Lissabon." (Voltaires "Candide", 1759).
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Nach dem Erdbeben, das drei Viertel von Lissabon zerstört hatte,
fanden die klügsten Köpfe des Landes kein wirksameres Mittel zur
Verhinderung der völligen Vernichtung, als dem Volke das Schauspiel
eines prächtigen Autodafes zu bieten. Die Universität von Coimbra
hatte nämlich entschieden, daß das mit feierlichem Gepränge
veranstaltete Rösten mehrerer Menschen auf kleiner Flamme ein
unfehlbares Mittel zur Verhütung von Erdbeben sei.
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S.135
Meine Mutter und ich plauderten vor dem Kamin. Plötzlich begannen
die Möbel wie wild zu tanzen, und das ganze Haus brach auf uns
herab. Es geschah so schnell, daß ich nicht einmal schreien konnte.
Mir war. als seien wir durch eine Falltür in den Keller gestürzt.
Meine Mutter landete so auf mir, daß ich sie in den Armen hielt.
Die Zeit blieb stehen. Ich versuchte, meine Mutter aufzumuntern. Ich
hörte Stimmen von weither und sagte: "Paß auf, sie kommen und holen
uns raus." Aber ich fühlte, daß sie sich von mir abwendete und daß
ihr Körper langsam kalt und eisig wurde ...
*
S.131 In Sant''Angelo dei Lombardi. * S.133 Ein Sarg, der keinen Zinkeinsatz hatte, wird nach Entfernung der Leiche verbrannt. *

DER SPIEGEL 50/1980
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