08.12.1980

CHINASchreckliche Schmerzen

Die Anästhesie durch Akupunktur, auch von westlichen Fachärzten als Glanzstück der chinesischen Wundermedizin gefeiert, war politischer Schwindel, für die Patienten eine Tortur.
Auf dem Operationstisch des "Arbeiter-, Bauern- und Soldatenkrankenhauses" in Peking liegt der Patient Hu Schixuan -- wach und lächelnd, während ein Chirurgenteam seinen Brustkasten öffnet und sich an seinen Lungen zu schaffen macht. Man hört, wie seine Rippen zersägt werden, doch Hu selbst ist nicht beunruhigt: "Alles in Ordnung, ich habe keine Schmerzen, machen Sie weiter."
Am Ende der Operation richtet sich Hu, immer noch lächelnd, auf dem Operationstisch auf, dankt den Ärzten und ruft zweimal: "Lang lebe der Vorsitzende Mao."
Ein Wunder? So schien es. Zwei simple Nadeln, an Hus Ohren befestigt, hatten es bewirkt.
So zumindest stand es in einer wissenschaftlichen Abhandlung über Anästhesie durch Akupunktur zu lesen, die 1972 in China erschien; der Fall wurde als Glanzstück chinesischer Wundermedizin zur Zeit der Kulturrevolution gefeiert, Hus lächelndes Gesicht in unzähligen Zeitungen der ganzen Welt abgebildet.
Heute, nach acht Jahren, weiß niemand, ob Hu Schixuan die Operation, die ihn berühmt machte, auch überlebt hat. Bekannt ist lediglich, daß das Krankenhaus -- ein altes Gebäude im früheren Gesandschaftsviertel, von den Deutschen errichtet --, das während der Kulturrevolution umbenannt wurde, jetzt seinen alten Namen "Tun Ren" wieder angenommen hat und bei seinen Hunderten von Operationen täglich die Wundermethode der Akupunktur-Anästhesie nicht mehr anwendet --Zusammenbruch eines Mythos.
Die Akupunktur selbst hat in China eine etwa 3000jährige Geschichte, zur Betäubung jedoch wurde sie erstmals 1958 eingesetzt.
Fast zufällig hatte ein Arzt das Verfahren bei einem Patienten ausprobiert, als er nach der Operation dessen Verband abnehmen wollte. Später dann benutzte er die Akupunktur zur Betäubung bei kleineren Operationen wie der Entfernung der Mandeln.
Die Kulturrevolution mit ihrer ideologisch überhöhten Parole von "Chinas eigenem Weg zur Entwicklung" erhob die Anästhesie dann zu einem politischen Gebot.
"Dafür oder dagegen zu sein kam einem Test der eigenen Haltung zur Revolution gleich", sagt heute ein chinesischer Arzt. Unaufwendig, einfach und leicht durchführbar schien die Anästhesie durch Akupunktur die ideale Lösung mancher medizinischer Probleme eines rückständigen Landes zu sein. Die Volksbefreiungsarmee etwa sah in diesem Verfahren, das auf den Gebrauch von Narkosemitteln verzichtet und keinerlei Apparate benötigt, die beste Anästhesie-Methode für Operationen in Kriegszeiten.
Bevor überhaupt wissenschaftliche Untersuchungen durchgeführt wurden und nennenswerte Erfahrungen oder Forschungsergebnisse vorlagen, wurde die Akupunktur-Anästhesie auf Anweisung der politischen Führung Standardpraxis in den Militär- und Zivilkrankenhäusern des ganzen Landes -- Symbol des neuen China und Beweis für den Erfolg des proletarischen Kurses Mao Tse-tungs auf medizinischem Feld. Das Verfahren wurde bei zwei Millionen Menschen angewandt.
Chinesische Ärzteteams reisten ins Ausland, vor allem in die Länder der Dritten Welt, um ihre Errungenschaft vorzuführen. Hunderte von Ausländern, darunter viele Ärzte, die China besuchten, verließen begeistert die Operationssäle, in denen sie schier Unglaubliches gesehen hatten: wie Patienten mit geöffnetem Brustkorb oder aufgemeißeltem Kopf sprachen, an Getränken nippten, Obst aßen oder Texte aus dem kleinen roten Buch des großen Steuermanns vorlasen.
"Anästhesie durch Akupunktur", pflegten die Chinesen zu sagen, "ist ein S.162 Meilenstein in der Geschichte der Medizin."
"Sie verdient den Respekt der gesamten medizinischen Welt", schrieb der angesehene amerikanische Kardiologe E. Grey Dimond.
Jetzt jedoch wird enthüllt, daß die Anästhesie durch Akupunktur in vielen Fällen für die Beobachter ein Schwindel und für die Patienten eine Tortur war. Und die Chinesen, nunmehr auf Ent-Maoisierung versessen, geben das alles auch zu.
"In einigen Krankenhäusern", so die Professoren Gan Xichen und Tao Naihuan, "verabreichten die Ärzte den Patienten genügend Betäubungsmittel und setzten ihnen dann nur zur Schau einige Nadeln an die Ohren. In vielen Fällen hatten die Patienten schreckliche Schmerzen, konnten aber nicht einmal schreien, sondern mußten angesichts der politischen Zwänge der Zeit Parolen rufen."
Diese beiden Ärzte, an einem Krankenhaus in Schanghai tätig, in dem die Akupunktur-Anästhesie jahrelang praktiziert wurde, enthüllten in einem dramatischen Artikel in der Tageszeitung "Wen Hui Bao" die Wahrheit. Sie war unter chinesischen Ärzten weithin bekannt, doch niemand hatte gewagt, sie auszusprechen.
Die Anästhesie durch Akupunktur sei, so die beiden Ärzte, ein Nebenprodukt der Kulturrevolution gewesen. Das Verfahren sei Ärzten und Patienten aus politischen Gründen aufgezwungen worden, aber nur in wenigen Fällen wirklich erfolgreich gewesen. Die Statistiken und wissenschaftlichen Berichte darüber seien frisiert worden, um das Verfahren als allgemein erfolgreich hinzustellen.
"Die Patienten mußten der medizinischen Behandlung dienen und nicht die medizinische Behandlung den Patienten", schreiben die beiden und fügen hinzu, ihre Ansichten stützten sich auf 30 000 solcher Anästhesiefälle, denen sie im Verlauf von acht Jahren beigewohnt hätten.
Die Patienten hätten mitunter solche Angst vor Operationen unter Akupunktur gehabt, daß sie alles versucht hätten, der Nadelung zu entgehen.
"Wenn das Verfahren tatsächlich so hervorragend war, warum weigerten sich die Ärzte und Schwestern dann, die es an anderen praktizierten und es als erfolgreich hinstellten, es je bei sich selbst anwenden zu lassen?" fragten die beiden Kritiker.
Einmal entschloß sich ein Augenarzt, der selbst operiert werden mußte, die Operation mit Hilfe der Akupunktur-Anästhesie durchführen zu lassen. Seine Erfahrungen mit diesem Verfahren waren so schlecht, daß er Berichte darüber schrieb, die er dann an die wissenschaflichen und politischen Stellen schickte -- mit dem Erfolg, daß er als Konterrevolutionär mit bürgerlicher Haltung hingestellt wurde.
1971 berichtete die kommunistische Parteizeitung "Rote Fahne" in einem Zehn-Seiten-Artikel über Akupunktur-Anästhesie von Soldaten der Volksbefreiungsarmee, die Mao zitierten, während ihnen Tumore in Gehirn oder Lunge entfernt wurden. Das Blatt urteilte mit kulturrevolutionärer Entschiedenheit, daß "ein starkes politisches Bewußtsein von Patient und Arzt entscheidend zum Erfolg beiträgt".
Heute scheinen sogar die Soldaten dieses politische Bewußtsein verloren zu haben -- zumindest aber das Vertrauen S.163 in das Verfahren. Nach Berichten der beiden Schanghaier Ärzte über die Erfahrung des "jüngsten Krieges", womit sie offenbar den Krieg gegen Vietnam meinen, wurden die Kriegsverletzungen nur in einem von hundert Fällen unter Anästhesie durch Akupunktur operiert.
Der Artikel löste unter chinesischen Ärzten Verwirrung aus. Am Pekinger "Forschungsinstitut für herkömmliche Medizin" hat gerade ein dreimonatiger Sonderkursus über Akupunktur für zwanzig ausländische Ärzte begonnen (Preis: 1500 US-Dollar, zuzüglich Verpflegung und Unterkunft). Schon jetzt aber heißt es, daß weitere Kurse für Ausländer gestrichen werden sollen.
"Es besteht die Gefahr, daß die Akupunktur-Anästhesie wie alles andere, was an die Kulturrevolution erinnert, aufgegeben wird", sagt ein ausländischer Arzt, der jetzt in China lebt. "Sie fallen von einem Extrem ins andere."
Während die Anästhesie durch Akupunktur zum Image des autarken Chinas der Kulturrevolution gehörte, ist es jetzt Symbol der Auswüchse der Zeit der Viererbande. Das heutige China, vom Hauch der Modernisierung erfaßt und dem Wunsch beflügelt, zu erwerben, was die übrige Welt bereits besitzt, empfindet die Praxis der Nadel-Betäubung als primitiv, als etwas, das zugunsten der modernen westlichen Anästhesie durch Narkose aufzugeben ist.
Der Artikel der beiden Schanghaier Ärzte ist für diese Tendenz wahrscheinlich repräsentativ. "Dadurch, daß wir uns auf die Akupunktur-Anästhesie konzentrierten", schreiben die beiden Mediziner, "haben wir Zeit verloren und nicht genügend Forschung auf dem Gebiet der normalen medizinischen Anästhesie betrieben."
Eine endgültige politische Entscheidung über die Zukunft der Akupunktur ist noch nicht gefallen. Am "Chinesischen Krankenhaus für traditionelle Medizin" in Peking, dem bedeutendsten Institut des Landes für Studium und Praxis nichtwestlicher Medizin, erklärten der stellvertretende Direktor Dr. Wei Peihai, der Chef der Abteilung Akupunktur, Dr. Liu Schounyun, und der Politkommissar des Krankenhauses, Frau He Puren, dem SPIEGEL: Die traditionelle chinesische Medizin könne "der Menschheit immer noch einen großen Dienst erweisen und die Anästhesie durch Akupunktur ein wirksames Mittel bei Brust-, Kopf- und vor allem Halsoperationen" sein.
Dennoch mußten sie zugeben, daß ausgerechnet in dieser Hochburg chinesischer Tradition seit 1975 fast alle Operationen mit Hilfe medizinischer Anästhesie durchgeführt werden: "Wir benutzen westliche Betäubungsmittel."
"Warum?"
"Weil wir 1975 aus dem alten Gebäude in das neue umzogen."
S.160 Lächelnder Patient während eines Lungeneingriffs. *

DER SPIEGEL 50/1980
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