17.05.1982

VATIKANGroßer Appetit

Johannes Paul II. wollte Portugals Madonna danken und Portugals Bischöfe ermahnen - da wollte sich ein konservativer Priester an dem konservativen Papst vergreifen.
Maria blieb ihrem guten Ruf treu - wieder einmal rettete sie ihren prominentesten Verehrer, und das Datum war symbolträchtig:
Am 13. Mai 1917 war die Madonna zu Fatima in Portugal drei Schäferkindern zum erstenmal in einem rotierenden Feuerball erschienen, um ihnen drei Geheimnisse des zukünftigen Weltgeschehens anzuvertrauen.
Sie prophezeite das Ende des Ersten Weltkrieges und die Ausbreitung des gottlosen Kommunismus in der Welt - die dritte Vorhersage wird seit 65 Jahren als strenges Geheimnis in den Archiven des Vatikans gehütet.
Genau am Jahrestag der ersten Erscheinung, am 13. Mai 1981, wurde Papst Johannes Paul II. von dem Türken Mehmet Ali Agca auf dem Petersplatz durch Schüsse lebensgefährlich verletzt - und betroffen ob dieser "mysteriösen Koinzidenz", glaubte der Heilige Vater, nur die Jungfrau könne ihn gerettet haben. Er gelobte, ihr mit einer Pilgerfahrt nach Fatima zu danken.
Am 13. Mai 1982 nun wurde die Heilige erneut tätig: Sie beschützte den Nachfolger Petri, als sich der Spanier Juan Fernandez Krohn, 32, mit einem 40-Zentimeter-Bajonett und dem Schrei "Nieder mit dem Papst! Nieder mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil!" auf den Fatima-Pilger stürzen wollte. Der Attentäter in der Soutane wurde ohne Mühe festgenommen.
Gerade einen solchen Angriff hatte der Papst am wenigsten verdient. Denn nicht etwa die baskische Terrororganisation Eta oder die Extremistengruppe "FP 25" hatte da ihre Drohungen von "bewaffneter Gegenpropaganda" wahrgemacht. Attentäter Juan Fernandez Krohn, gebürtig aus Madrid, gehört vielmehr nach eigener Aussage zu den Jüngern des ultrakonservativen Erzbischofs Marcel Lefebvre, 76. Von Lefebvre wurde Fernandez Krohn 1978 zum Priester geweiht; er betreut in Frankreich zwei kleine Fundamentalisten-Gemeinden in Rouen und bei Paris.
Doch schon vor zwei Jahren, so beeilten sich Lefebvre-Kreise zu versichern, habe sich Fernandez Krohn wegen ideologischer Differenzen von seinem geistigen Ziehvater getrennt: Er gehört einer besonders radikalen Sekte an, die meint, seit dem Tod des frommen Pius XII. sei der Heilige Stuhl verwaist.
Auch Lefebvre scheute sich nie, die Päpste nach Pius XII. als Ketzer, Liberale oder kommunistenfreundliche Freimaurer zu beschimpfen. Denn die Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962 bis 1965) hatten den Zorn des streitbaren Geistes erregt: Die vorsichtige Annäherung der Katholiken an andere christliche Konfessionen, die Reform des lateinischen Ritus schienen ihm Teufelswerk. Fast 200 000 Anhänger folgten in Frankreich, der Bundesrepublik, der Schweiz und den USA dem unerklärten Gegenpapst, während Rom die Rechtsabweichung mit Lefebvres Amtsenthebung beantwortete.
Doch der konservative Wojtyla, 1978 gewählt, empfing den Dissidenten Lefebvre bereits einen Monat nach seiner Wahl zu einer langen "freundschaftlichen" Audienz - seither herrscht Waffenruhe unter den Frommen.
Denn allzugroß sind die Unterschiede zwischen den beiden Klerikern nicht: Zwar will Johannes Paul II. an den Beschlüssen des Konzils nicht formell rütteln. Doch er tut vieles, ihrem Inhalt eine konservativere Richtung zu geben.
Wenn dieser Papst auch nicht so weit geht, jeden Sozialisten als Antichristen und jede sozialistische Regierung als "Triumph des Satans" (so Lefebvre über den Wahlsieg des Sozialisten Mitterrand in Frankreich) zu verdammen - politisches Engagement der Kirche ist ihm unerwünscht, Einsatz für die Menschenrechte mag er "nur im Rahmen der religiösen Verpflichtungen".
Solche Gefahren muß Wojtyla in seiner portugiesischen Filiale am wenigsten befürchten, die portugiesischen Katholiken sind besonders und offenbar auch besonders gern konservativ.
Während der Jahrzehnte der Salazar- und Caetano-Diktatur war die Kirche eine der verläßlichsten Stützen des Systems. In den ärmeren nördlichen Regionen gehen noch heute fast 96 Prozent jeden Sonntag zur Kirche. Allein in der südlichen Algarve gelang es Sozialisten und Kommunisten, die fromme Front aufzuweichen.
Doch der Einfluß der Kirche auf das politische Leben ist ungebrochen: Die Bischofskonferenz verdammte das 1977 verabschiedete Gesetz über die Gleichstellung der Frau in der Ehe und im öffentlichen Leben wie den "zunehmenden Sittenverfall", den die Geistlichen in der Diskussion über eine Reform des Abtreibungsparagraphen wittern.
Inzwischen halten sich die Bischöfe Portugals aus der Parteipolitik heraus, S.150 erlassen nicht mehr so eindeutig politische Aufrufe wie in den 70er Jahren, als sie in Predigten offen davor warnten, Sozialdemokraten, Kommunisten und Sozialisten zu wählen. Und der Lissabonner Kardinal Antonio Ribeiro setzt sich zuweilen sogar für eine menschenwürdigere Wohnungspolitik ein.
Doch schon solch bescheidenes Tun findet das Mißfallen des römischen Kirchenoberhaupts: Der Papst wollte seine Marienwallfahrt dazu nutzen, den portugiesischen Bischöfen ans Herz zu legen, ihre Rolle als Wächter über die Moral der Portugiesen besser zu wahren.
Dem Attentäter Fernandez Krohn wiederum reichte dieses Engagement für die konservative Sache nicht - so machte er sich auf, den Papst zu strafen.
Der merkte von dem Anschlag nicht viel - und segnete dann den Attentäter. In einer Bischofsresidenz aß er später gekochten Fisch mit Mayonnaise und Steak mit grünen Bohnen, danach ein großes Stück Kuchen mit weiß-gelber Glasur, den Farben des Vatikans, alles, so freute sich Schwester Zulmira, "mit großem Appetit".

DER SPIEGEL 20/1982
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