08.12.1980

Wie Polen verraten wurde

Die kurzlebige Selbständigkeit des polnischen Staates von 1918 bis 1946 (III)
Es war ein Marsch, den keiner der Teilnehmer je vergessen konnte: 120 000 polnische Soldaten, die gesamte Besatzung der Festung Warschau, zogen an den Siegern vorbei -- in die Gefangenschaft. Warschau hatte sich ergeben, Polen war in der Hand der deutschen Eroberer.
Die Generale Adolf Hitlers hatten den polnischen Militärs die Kapitulation durch ein paar Konzessionen erleichtert: Offiziere durften ihren Degen behalten, Unteroffizieren und Mannschaften war die baldige Entlassung aus der Gefangenschaft versprochen worden, was immer damals deutsche Zusagen wert sein mochten.
Am nächsten Tag, dem 28. September 1939, hingen in den Straßen des brennenden, zerstörten Warschau Proklamationen der neuen Herren. "Die deutsche Wehrmacht", hieß es da, "sieht in der Bevölkerung nicht ihren Feind. Alle völkerrechtlichen Bestimmungen werden geachtet werden."
Solche Ankündigungen überraschten manche Polen, die erwartet hatten, jetzt würde Hitlers Kriegsmaschine den polnischen Staat restlos vernichten. Statt dessen waren in Krakau deutsche Ehrenposten am Grabmal des polnischen Staatsgründers Pilsudski aufgezogen, in Tschenstochau hatten deutsche Soldaten die "Schwarze Madonna", das Nationalheiligtum Polens, vor der Zerstörung bewahrt.
Selbst Hitler sprach noch in seinen Reden von der Erhaltung "polnischer Staatlichkeit" -- und das klang sogar glaubwürdig. "Ein selbständiges Restpolen", erfuhr Abwehrchef Wilhelm Canaris bei einem Besuch im Führerhauptquartier, sei "die dem Führer sympathischste Lösung, weil er dann mit einer polnischen Regierung den Ostfrieden aushandeln kann".
Das verlockte prominente Polen, Hitler die Zusammenarbeit anzubieten. Fürst Janusz Radziwill, dessen Vater schon im Ersten Weltkrieg mit den Deutschen kollaboriert hatte, kontaktierte Wehrmachtsoffiziere, und aus der Schweiz meldete sich eine Gruppe, die unter Führung von Polens geflohenem Kardinal-Primas Hlond mit Berlin über den "Aufbau des neuen polnischen Staates" verhandeln wollte.
Besonders eifrig gebärdete sich der Publizist Wladislaw Studnicki, ehemaliger Ehrengast Nürnberger NS-Parteitage, der schon dabei war, ein "Zentrales Nationalkomitee" zu bilden, aus dem einmal eine polnische Regierung entstehen sollte. Er schickte Sendboten in die Berliner Reichskanzlei mit der Bitte, das Reich möge sein Komitee offiziell anerkennen.
Als die Sendboten abgewiesen wurden, fuhr Studnicki selber nach Berlin, um Hitler zu sprechen. Doch er kam nicht weit: Die Gestapo verhaftete ihn. Auf einmal erkannte Studnicki, daß die Wehrmacht, bewußt oder unbewußt, ein Deutschland vorgaukelte, das es gar nicht gab. Das Deutschland Hitlers war darauf aus, das historische Polen auszulöschen.
Das Gerede vom "selbständigen Restpolen" war nur außenpolitische Taktik -- vor allem für die Briten bestimmt, mit denen sich Hitler noch immer zu arrangieren hoffte. Das Trugbild eines neuen polnischen Staates sollte Englands Regierung, die einst den Bestand Polens garantiert hatte, S.178 dazu verführen, es noch einmal mit Hitler zu versuchen, wie 1938 in München.
In Wirklichkeit wollte Hitler nie wieder einen unabhängigen polnischen Staat zulassen -- jeder Tag polnischer Realität bewies es.
Denn schon waren den Truppen des Heeres die Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD gefolgt, die den geheimen Auftrag hatten, die Elite Polens zu beseitigen -- getreu dem Wort Hitlers: "Was wir jetzt an Führerschicht in Polen festgestellt haben, das ist zu liquidieren, was wieder nachwächst, ist von uns sicherzustellen und in einem entsprechenden Zeitraum wieder wegzuschaffen."
Die Einsatzgruppen, vom Militär als "Polizeiwalze hinter den Armeen" verstanden, waren schon vor dem Polenfeldzug bereitgestellt worden. Die 3000-Mann-Truppe in den feldgrauen Uniformen der SS-Verfügungstruppe bestand überwiegend aus Angehörigen von SD und Gestapo, fanatischen Parteigängern, die nach dem späteren Urteil des SS-Chefs Heinrich Himmler "die Härte haben mußten, Tausende von führenden Polen zu erschießen".
Am 21. September weihte Himmlers Intimus, der Sicherheitspolizei-Chef Reinhard Heydrich, die Führer der "insatzgruppen in ihr Mordprogramm ein: Die Entwicklung im " " ehemaligen Polen ist zunächst so gedacht, daß die ehemaligen " " deutschen Provinzen (Polens) deutsche Gaue werden und daneben " " ein Gau mit fremdsprachiger Bevölkerung mit der Hauptstadt " " Krakau geschaffen wird. Dieser fremdsprachige Gau soll " " außerhalb des neu zu schaffenden Ostwalls liegen. Der Ostwall " " umfaßt alle deutschen Provinzen, und man hat praktisch als " " Niemandsland davor den fremdsprachigen Gau. Die " " Judendeportation in den fremdsprachigen Gau, Abschiebung über " " die Demarkationslinie ist vom Führer genehmigt. Die Lösung " " des Polen-Problems unterschiedlich nach der Führerschicht " " (Intelligenz der Polen) und der unteren Arbeitsschicht des " " Polentums. Von dem politischen Führertum sind höchstens noch " " 3 % vorhanden. Auch diese 3 % müssen unschädlich gemacht " " werden. "
Anhand vorbereiteter Listen trieben die Einsatzgruppen polnische Lehrer, Ärzte, Beamte, Geistliche, Gutsbesitzer und Kaufleute zusammen. Die Verhafteten kamen in Auffanglager, die bald zu Liquidierungsstätten wurden. Die Schmalzfabrik Thorn, Mühltal bei Bromberg, das Lager Soldau, Stutthof, Fort VII in Posen -- Tausende wurden dort ermordet.
Schlag um Schlag wurde die polnische Oberschicht, vor allem in Westpolen, dezimiert. Von den 690 Weltgeistlichen der Diözese Kulm-Pelplin wurden zwei Drittel verhaftet, 214 hingerichtet. "Ein Großteil der katholischen S.180 Geistlichkeit ist infolge der bekannten radikal-polnischen Haltung beseitigt", meldete der Führer des Einsatzkommandos Bromberg, SS-Sturmbannführer Dr. Roeder, nach Berlin.
Und wen der Mordfeldzug der Einsatzgruppen noch nicht erreichte, den trafen die Racheaktionen fanatisierter Volksdeutscher, die sich zu einem "Selbstschutz" zusammenrotteten und sich für angeblich oder tatsächlich von Polen erfahrene Unbill revanchierten. Eine Welle privater Terrorakte überspülte das polnische Land, die in ihrer Willkür und Barbarei an die nazistische Gleichschaltung von 1933 erinnerte.
Eine einfache Denunziation durch Volksdeutsche, ein kleiner Haken auf einer Liste, und schon führten die Selbstschützler einen Polen in einen Keller oder in ein Waldstück, um ihn zu liquidieren.
"Einige Zehntausende" wurden, nach den Forschungen des Historikers Martin Broszat, in den ersten Monaten der Besatzungszeit liquidiert. Selbst gläubige Nationalsozialisten konnten das Morden nicht mehr ertragen. Die Parteigenossin Lily Jungblut, Frau eines deutschen Gutsbesitzers, klagte in einem Protestbrief an Hermann Göring, "Tausende und Abertausende unschuldige Menschen" seien erschossen worden.
Besonders ungehalten waren manche Militärs, denn sie fühlten sich von den Mördern herausgefordert -- das Heer besaß im besetzten Polen das Hoheitsrecht der vollziehenden Gewalt. General Ulex, Befehlshaber im Grenzabschnitt Süd, protestierte: "Die Gewalttaten der polizeilichen Kräfte zeigen einen ganz unbegreiflichen Mangel menschlichen und sittlichen Empfindens, so daß man geradezu von Vertierung sprechen kann."
Generaloberst Johannes Blaskowitz, der Oberbefehlshaber der 8. Armee, fand: "Jeder Soldat fühlt sich angewidert." Er nannte in einem Vortrag vor Militärführern die SS-Schergen "Bestien" und sprach von "Blutrausch". Der General hatte auch "Ansätze zu Raub und Plünderungen durch die an der Aktion beteiligten Polizeipersonen" beobachtet.
Für "diese Dinge", hatte Abwehrchef Canaris schon frühzeitig gewarnt, träfe einstmals auch die Wehrmacht Verantwortung. Wortreich versuchte zwar die Generalität von Anbeginn, ihre Nichtzuständigkeit für "diese Dinge" (so auch Generalquartiermeister Eduard Wagner) zu beschwören, die sie nicht einmal präzis benennen mochte: "Teufelswerk" war das für den Generalstabschef Franz Halder.
Doch nur wenige Spitzenmilitärs mochten über das Wüten der Besatzer so offen "Abscheu und Haß" bekennen wie Blaskowitz, der auch in Berlin gegen die Polen-Greuel intervenierte, freilich ohne Erfolg. (Er wurde bald nach dem Westen abgeschoben.)
Manchen seiner Kameraden dagegen genierte mehr die Zumutung, beim Terror in Polen überhaupt eine Rolle spielen zu müssen. "Das Frontschwein ist da, wo bleibt die SS und die SA", so eine von Halder aufgeschriebene Variante des verbreiteten Unmuts an der Schmutzarbeit.
Die meisten Militärs waren hilflose "Mitwisser nationalsozialistischer Verskavungs- und Ausrottungspolitik", wie der Zeitgeschichtler Christian Streit urteilt. Doch waren sie dabei keineswegs immer nur die angewiderten Zaungäste, Herrenmenschen-Optik prägte oft auch ihr Polenbild. "Zivilbevölkerung hier mieser als mies", schrieb sich Hans Felber, Generalstabschef der 8. Armee, in sein Tagebuch.
Die "Polacken" waren dem General "übel und richtig russische Typen", die Juden "ein entsetzliches Pack". Felber: "Dreckig und verschlagen. Wie die endliche Lösung wohl werden wird?"
Auch Generalstabschef Halder fand es angebracht, das von den NS-Morden erregte polnische Volk notfalls im Hitlerstil anzupacken: "Wenn es sich nicht beruhigt, Arbeitslager." Und am 5. Oktober 1939 notierte er ins Tagebuch: "Judenmorde -- Disziplin]" Was wohl bedeutete, daß der rassistische Terror ihm zuallererst Angst um die Zucht der Truppe einflößte.
Dabei hatten die Militärs durchaus die Macht, das Morden der Einsatzgruppen zu stoppen. Formal unterstanden die Einsatzgruppen dem Heer.
Doch die Militärs machten von ihren Befugnissen nur sparsam Gebrauch, denn viele Generale hielten die Einsatzgruppen für nützlich. Ein Tagesbefehl des Generalobersten List vom 1. Oktober 1939 rühmte beispielsweise die "im Interesse der Truppe bisher außerordentlich erfolgreiche Tätigkeit" der Einsatzgruppen.
Zwar: Manchmal wurden Polizeieinheiten, die ihre Brutalitäten allzu offen vor den Augen der Truppe trieben, versetzt, gelegentlich Polizeibefehlshaber auf Betreiben der Wehrmacht abgelöst, manche SS-Männer als Schandtäter belangt. Doch: Die führenden Militärs sahen keinen Grund zu Loyalitätsskrupeln. S.181
Sie waren Hitler dankbar, daß er nicht sie mit der "Flurbereinigung in Polen", wie Hitler das nannte, beauftragt hatte. Zynisch hatte der Diktator schon bald die Militärs mit den Konsequenzen vertraut gemacht: Wenn die Wehrmacht hiermit nichts zu tun haben wolle, dann müsse sie es auch hinnehmen, daß SS und Gestapo neben ihr in Erscheinung treten.
Die Generale nahmen es hin und waren schließlich sogar froh, als Hitler Mitte Oktober einige Streitigkeiten zwischen Militärs und NS-Funktionären in Westpreußen dazu benutzte, die Wehrmacht aus der ganzen Besatzungspolitik in Polen auszuschalten.
Jetzt kam, was Heydrich seinen Führern schon im September angekündigt hatte, die Aufteilung Polens in deutsche Gaue ("wiedereingegliederte Gebiete") und ein polnisches Restgebiet:
* Danzig und Westpreußen wurden zu einem Reichsgau vereinigt,
* Posen mauserte sich zum Reichsgau Wartheland,
* kleine polnische Randgebiete wurden der Provinz Ostpreußen zugeschlagen,
* Oberschlesien kam zum Gau Schlesien (später ein selbständiger Gau), und
* der Rest des deutschbesetzten Polen wurde in einem Generalgouvernement ("Restpolen") zusammengefaßt.
Am 17. Oktober entwickelte Hitler vor führenden Generalen der Wehrmacht die Grundzüge seiner Polen-Politik. Ein General schrieb Hitler-Aussprüche mit: "Harter Volkstumskampf gestattet keine gesetzlichen Bindungen ... Die Methoden werden mit unseren Prinzipien unvereinbar sein ... Verhindern, daß eine polnische Intelligenz sich als Führerschicht aufmacht ... Das alte und neue Reichsgebiet säubern von Juden, Polacken und Gesindel."
Den Führern der SS sagte Hitler detaillierter, was er darunter verstand. Sein Programm: totale Germanisierung der wiedereingegliederten Gebiete, Ansiedlung deutscher Familien, Deportation aller dort lebenden Polen und Juden nach dem Generalgouvernement, in dem das Polentum unter erbärmlichsten Lebensbedingungen "zusammengedrängt" werden sollte. (Was er allerdings politisch mit diesem Restpolen vorhatte, ließ Hitler offen.)
Und schon war ein Mann damit beauftragt, dieses Programm des Rassenwahns in die Tat umzusetzen: Himmler. Er begann, zum Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums (RKF) ernannt, mit einem Heer von Polizisten und Umsiedlungsspezialisten, was alldeutsche Expansionsdenker seit Jahrzehnten erträumt hatten: die Germanisierung des Ostens.
Dies schien die große Chance für alle, die an Hitlers "Neue Ordnung der ethnographischen Verhältnisse" glaubten. Es lockte gleichsam die Fortsetzung der heroisierenden Vorzeitlegende, wonach -- so die parteioffizielle Doktrin -- am Anfang "in Polen der Deutsche" gewesen sei.
Aus den annektierten Gebieten, die bei Beginn der Besetzung nur einen siebenprozentigen Anteil deutschstämmiger Bewohner aufwiesen, sollte "ein festverwurzeltes Bollwerk deutscher Menschen als Schutzwall gegen fremde Eindringlinge" werden, wie Wilhelm Koppe, der Höhere SS- und Polizeiführer im Warthegau, ankündigte. Ein anderer hoher NS-Kolonialherr schwärmte, das Weichseltal werde am Ende einmal "vom Quell bis zur Mündung so deutsch sein, wie das Rheintal es ist".
Die wiedereingegliederten Gebiete waren zum "Exerzierplatz des Nationalsozialismus" ausersehen. Dies dunkeldeutige Wort, geprägt vom Posener Gauleiter Arthur Greiser, umschrieb treffend das Inferno aus Wahn und Gewalt, Rassendünkel und Vernichtungspräzision, das nun über das Land hereinbrechen sollte.
Die Star-Rolle in diesem Drama kam Himmler zu. Der schlug in größtem Stil im Dezember 1939 los -- mit Deportationen. Binnen 17 Tagen schafften Sonderkommandos der Sicherheitspolizei 90 000 Menschen aus dem frisch annektierten Wartheland ins Generalgouvernement.
Generaloberst Gerd von Rundstedt, eben als Oberbefehlshaber Ost abgelöst, sah einige der Transporte, die Himmler ins Generalgouvernement treiben ließ. Den General schauderten "die zahlreichen verhungerten Kinder jedes Transports und die Waggons voll erfrorener Menschen".
Ziel von Himmlers Aktion war es, in den Neu-Gauen Platz für deutsche Siedler aus Wolhynien, Bessarabien, der Bukowina und dem Baltikum zu schaffen. 350 000 von ihnen wurden bis 1943 angesiedelt, eine halbe Million Polen mußten dafür ins Generalgouvernement weichen.
Die Neusiedler waren, so ein NS-Bericht, oftmals "entsetzt von den fürchterlichen Dingen", die ihretwegen geschahen -- die dann vier Jahre später, S.183 nach Kriegsende, bei der Vertreibung auf sie zurückschlagen sollten.
"ericht von der gewaltsamen Evakuierung eines polnischen Dorfes: " " Das Dorf wurde umzingelt, und kurz vor Mitternacht wurden die " " Leute aus ihren Betten herausgejagt. Dann kam der Befehl, " " binnen einer halben oder dreiviertel Stunde mit einem Gepäck " " von 30 Kilogramm reisefertig zu sein. Es wurde dort furchtbar " " gehaust. Heiligenbilder, Kruzifixe wurden zerbrochen und in " " den Kehricht geworfen. Die Polen mußten in ihren eigenen " " Wagen in die Kreisstadt fahren und kamen dort hinter " " Stacheldraht. In der Kreisstadt warteten bereits " " Volksdeutsche, die man woanders hergeholt hatte. Diese " " Volksdeutschen wurden dann auf dieselben Wagen geladen, in " " denen die polnischen Familien gekommen waren. "
Doch Himmler reichte es nicht, Volksdeutsche anzusiedeln. Bald setzte er Rassekommissionen ein, die auch unter den Polen noch verstecktes Germanentum aufzuspüren hatten.
Himmler ließ eine "Deutsche Volksliste" anlegen, in die jeder Pole deutscher Abstammung eingetragen wurde. Er mußte sich in eine von vier Gruppen aufnehmen lassen. Gruppe I: bewährte Volkskämpfer. Gruppe II: passive Volksdeutsche, die mindestens zu 50 Prozent die deutsche Sprache beherrschten. Gruppe III: Personen zweifelhafter deutscher Abstammung. Gruppe IV: deutschstämmige NS-Gegner.
Neben den Deutschstämmigen gerieten auch Nationalpolen unter die Lupe von Himmlers Rassefahndern. Es galt, nordische Wesenszüge zu entdecken, die erlaubten, den Mechanismus der "Wiedereindeutschung" auszulösen, ging es doch nach der irren Logik der NS-Rassisten darum, das "vorhandene deutsche Blut auch dann für das Deutschtum zurückzugewinnen", wenn der "Blutsträger" Pole sei.
Denn für Himmler gab es kaum ein fremdes Volkstum, dessen "nordische Vertreter" nicht germanisiert (das heißt: für "deutschblütig" erklärt) werden konnten. Himmler meinte, auch "Goralen, Lemken und Huzulen, deren germanischer Ursprung, zumindest germanische Durchsetzung" feststehe, sollten "im Laufe der Zeit verdeutscht werden".
Auch polnische Kinder ließ Himmler verfolgen, in ihnen sah er ideale Eindeutschungs-Kandidaten. In Posen kam eines Tages das Gerücht auf, Polen hätten in den ersten Kriegstagen deutsche Kinder in Waisenhäusern versteckt. Prompt ließ der RKF alle polnischen Waisenhäuser auflösen und ihre Insassen in deutsche Kinderheime überführen.
Später wurden immer mehr Kinder aus polnischen Familien nach Deutschland entführt. 1941 wies Himmler die SS-eigene Entbindungsorganisation "Lebensborn" an, polnische Kinder aufzunehmen und später an kinderlose Familien von SS-Angehörigen zu vermitteln. Die "Heu-Aktion" (so der Kodename des Kidnapper-Unternehmens) ließ Tausende polnischer Kinder im Deutschen Reich verschwinden.
Wer sich aber weigerte, seine Kinder herzugeben, der bekam die ganze Brutalität des SS-Apparats zu spüren -wie die Volksdeutsche Brunhilde Muszynski, Ehefrau eines polnischen Offiziers. Beschluß des Reichssicherheitshauptamtes, der SS/Polizei-Zentrale: "Ihre Kinder sind zu sterilisieren und irgendwo als Pflegekinder unterzubringen."
Solche Fälle waren freilich selten, meist ergaben sich die Polen Himmlers Germanisierungspolitik. 100 000 ließen sich eindeutschen, eine Million zu Deutschen der Volkslisten-Kategorien I und II erklären.
Je mehr aber Himmler auch über die Grenzen der neuen Gaue hinaus seine Germanisierungs- und Siedlungspolitik ausweitete, desto ärger geriet er mit einem Mann in Konflikt, der in Krakau eifersüchtig über seine Kompetenzen wachte: Dr. Hans Frank, Generalgouverneur von Restpolen.
Bis zum Sommer 1941 war für den RKF das Generalgouvernement tabu gewesen; Hitler hatte nie verbindlich entschieden, ob auch Restpolen "deutsches Siedlungsland" sei. Doch der Krieg gegen die Sowjet-Union hatte in der Optik Himmlers die Welt verändert, jetzt mochte er keine Grenzen im Osten mehr, auch nicht die Kompetenzen des Parteigenossen Frank anerkennen.
Experten des Reichssicherheitshauptamtes hatten ihm ein phantastisches Papier ausgearbeitet, den "Generalplan Ost", der vorsah, deutsche Kolonisten sollten den ganzen Osten bis zur Linie Leningrad -- Ladogasee -- Waldaihöhen -- Brjansk -- Dneprbogen besiedeln. 31 Millionen "Fremdvölkische" seien auszusiedeln, 14 Millionen dürften dableiben und eingedeutscht werden.
Auch das Generalgouvernement war davon betroffen: Restpolen sollte völlig "umgevolkt", 85 Prozent der 15 Millionen S.185 Polen in Westsibirien angesiedelt werden.
Solche Wahnideen hätte Frank nicht sonderlich ernst genommen, wäre nicht dem RKF Himmler der SS- und Polizeiführer im Distrikt Lublin, Brigadeführer Odilo Globocnik, zu Hilfe gekommen, der sich in den Kopf gesetzt hatte, mit dem Generalplan Ost just im Generalgouvernement zu beginnen.
Globocnik war im Südosten seines Distrikts auf die Spuren früher deutscher Siedlungen gestoßen, was ihn zu dem Plan inspirierte, dort ein neues Siedlungsgebiet zu schaffen. Die polnische Bevölkerung, zunächst im Landkreis Zamosc, sollte "abgesiedelt", in jedem Kreis eine SS- und Polizeieinheit mit deutschen Siedlern seßhaft gemacht werden.
Doch als Kommandos der Sicherheitspolizei 1942 in Zamosc Tausende polnischer Bewohner deportierten, schlug ihnen unerwarteter Widerstand entgegen. Es kam zu Partisanenaktionen gegen die Deutschen, die landwirtschaftlichen Ablieferungsmengen gingen zurück -- Himmler und Globocnik mußten ihr Siedlungsprojekt abbrechen.
Himmlers Schlappe aber rief den Generalgouverneur Frank auf den Plan, der sich weitere Einmischungen verbat.
"Es gibt", wetterte Frank auf einer Kabinettssitzung, "keine Dienststelle des Reiches, die direkt oder indirekt in dies Gebiet hineinregieren könnte. Befehle erteilt nur der Generalgouverneur in unmittelbarer Vertretung des Führers, sonst niemand."
Doch der Streit zwischen den beiden Obernazis hatte für die Polen wenig Tröstliches, denn Frank war nicht weniger als Himmler ein Feind alles Polnischen. In seinem Tagebuch stand: "Wer bei uns verdächtig ist, der soll gleich liquidiert werden."
Wie kaum ein anderer NS-Potentat war Hans Frank seit seiner Ernennung im Oktober 1939 entschlossen gewesen, ein fugenloses Kolonialsystem in Restpolen zu schaffen. "Wir wollen das Generalgouvernement behalten, wir geben es nicht mehr her", erklärte er. "Ich gestehe ganz offen, daß das einigen tausend Polen das Leben kosten wird, vor allem aus der geistigen Führerschicht Polens."
Sein Auftrag lautete, im Generalgouvernement Arbeitsreserven, besser: Sklavenarbeiter für die deutsche Kriegsindustrie zu rekrutieren und alles aufzunehmen, was aus dem Reich deportiert werden sollte: Polen und Juden. Wie es Himmler in einer Rede vor "Z-Funktionären formulierte: Alle Fachleute der polnischen " " Abstammung sollen in unserer Kriegsindustrie ausgenutzt " " werden. Danach verschwinden alle Polen aus der Welt. In " " dieser verantwortungsvollen Arbeit müssen Sie das Polentum " " schnell in den vorgeschriebenen Etappen ausrotten. "
Das Generalgouvernement sollte nach den Vorstellungen Hitlers "bewußt auf niedrigem Kulturniveau gehalten" werden. Geburtenkontrolle sei zu propagieren, Gesundheitsfürsorge zu bremsen, Zahnbehandlung und Impfwesen einzuschränken.
Hitler schwadronierte in seinen Tischgesprächen einmal, man dürfe vor allem die deutschen Schulmeister nicht loslassen auf die "stgebiete: Der Unterricht müsse sich beschränken auf die Kenntni" " der Verkehrszeichen, auf das Erwerben einiger deutscher " " Sprachkenntnisse und im Geographieunterricht auf die Kenntnis " " der Tatsache, daß die Hauptstadt des Reiches Berlin heiße. "
Seinem Kanzleichef Martin Bormann bedeutete der Führer, "für die Polen dürfe es nur einen Herren geben, und der sei der Deutsche. Daher seien alle Vertreter der polnischen Intelligenz umzubringen. Das klinge hart, aber es sei nun einmal das Lebensgesetz".
Hitler verlangte, mit den Polen "a la Stalin" umzugehen und so ihren Widerstandswillen zu brechen. Oberregierungsrat Henry Picker "otierte Hitlers Begründung: Man mache sonst dieselben Erfahrunge", " die man im Anschluß an die Teilungen Polens in der Geschichte " " immer wieder gemacht habe. Das Polentum sei ja dadurch am " " Leben geblieben, daß es den Russen als Herrscher nicht habe " " ernst zu nehmen brauchen. "
Der Multifunktionär Frank, Reichsminister ohne Geschäftsbereich, Reichsrechtsführer und Reichsleiter der NSDAP, schien für solche Aufgaben der geeignete Mann. Das Nürnberger Kriegsverbrecher-Tribunal urteilte denn auch später, er sei ein "williger und wissender Mitarbeiter" bei der Versklavung des polnischen Volkes gewesen.
Er verkörperte den Typ des NS-Führers mit bürgerlicher Juristenvita: Oft wüst in seinen Tiraden ("Wir müssen die Juden vernichten, wo immer wir sie treffen"), den Berliner Befehlen dienstbereit, dabei intelligent und durchaus eigenwillig, steuerte er allmählich einen selbständigen Kurs, solange ihn Hitler ließ.
Für sein neues Reich entwickelte er forsche Pläne. Nicht "müde verstaubte Aktenmenschen, bürokratisch versippte Gesellen" sollten da die Amtsgeschäfte führen. Gefragt war vielmehr "Abguß wahrer Tüchtigkeit" und aggressiver Biß ("absolut polenvernichtungsentschlossene Recken").
Doch die Männer, die dann kamen, um die Verwaltung des Generalgouvernements zu übernehmen, waren alles andere als Recken: Juristen, Beamte, Funktionäre von SA und Hitlerjugend, nicht zuletzt kleine Nazis, die in der Partei nichts geworden waren und nun im "GG" so etwas wie den Wilden Westen des Dritten Reiches sahen, in dem man Blitzkarriere und gute Beute machen konnte.
Schließlich verfügte Frank über 8000 Verwaltungsbedienstete, mit denen er den Herrschaftsapparat seines 95 000-Quadratkilometer-Reiches besetzte: die Regierung des Generalgouvernements in Krakau, die vier Distrikte S.187 Lublin, Radom, Warschau und Krakau mit ihren Gouverneuren, die 40 Kreishauptmannschaften mit ihren Kreis- und Stadthauptmännern und Land- und Stadtkommissaren.
Sie wurden noch ergänzt (und zugleich mißtrauisch beobachtet) durch einen zweiten Herrschaftsapparat, der jedoch Frank nicht unterstand: die Polizei. Die Einsatzgruppen aus dem Polenfeldzug hatten sich inzwischen in ortsfeste Gestapo-Leitstellen und SD-Abschnitte verwandelt, die in jedem Distrikt von einem Kommandeur der Sicherheitspolizei und des SD zusammengefaßt waren.
Ihr oberster Chef im Generalgouvernement, der Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD, saß als Staatssekretär in der Krakauer Regierung -ein unermüdlicher Aufpasser, der darüber wachte, daß Frank nicht vom vorgeschriebenen Kurs der Polenpolitik abwich.
Der Polizeiapparat war es denn auch, der sich gleich nach Franks Machtantritt anschickte, auch im Generalgouvernement jene mörderische "Flurbereinigung" zu betreiben, die schon in den vom Reich annektierten Gebieten praktiziert worden war: die Ausschaltung der polnischen Führungsschicht.
Am 6. November 1939 schlugen Himmlers Apparatschiks zum erstenmal zu: Unter Führung des SS-Obersturmbannführers Müller verhafteten sie das gesamte Professorenkollegium der Krakauer Universität, das zu einer außerordentlichen Versammlung zusammengerufen worden war.
Thema der als Vortragsveranstaltung getarnten Verhaftungsaktion: "Das Verhältnis des Deutschen Reiches und des Nationalsozialismus zu "issenschaft und Universität". Ein Überlebender erinnert sich: " " Müller fragte mich, ob ich auf einer Universität in " " Deutschland gewesen sei, worauf ich antwortete, daß ich als " " Doktor der Rechte etwa ein Jahr in Leipzig, Berlin und " " Göttingen verbracht hätte. Müller sagte: "Schön" und forderte " " uns auf, mit ihm in den Vorlesungsraum zu gehen. Dann wandte " " er sich an uns mit folgenden Worten, die ich, wie ich glaube, " " fast wörtlich wiedergeben kann, da sie mir sehr gut im " " Gedächtnis blieben: "Die hiesige Universität hat ihr " " akademisches Jahr begonnen ohne die ausdrückliche Erlaubnis " " der deutschen Behörden. Das ist böser Wille. Ferner ist " " allgemein bekannt, daß die Dozenten der deutschen " " Wissenschaft gegenüber immer feindlich eingestellt waren. " " Deswegen werden alle Anwesenden mit Ausnahme dreier Frauen in " " ein Konzentrationslager überführt. Jegliche Diskussion und " " jede Äußerung zu diesem Thema ist ausgeschlossen. Wer bei der " " Ausführung meines Befehls Widerstand leistet, wird " " erschossen." Die Belehrung war beendet. Müller befahl uns " " hinauszugehen. "
Vier Monate später führte die Sicherheitspolizei unter dem Decknamen "Außerordentliche Befriedungsaktion" einen weiteren Schlag, diesmal den brutalsten zur Liquidierung der polnischen Führungsschicht, seither bei Zeitgeschichtlern als "AB-Aktion" berüchtigt.
Am 30. März 1940 wurden die ersten tausend Polen verhaftet. Bis zum Juli waren nach Angabe des Leiters der Aktion, des Sipo-Befehlshabers Bruno Streckenbach, rund 3500 Menschen der geistigen und politischen Elite Polens verschleppt, die zur "Lahmlegung der Widerstandsbewegung auf lange Zeit" (Streckenbach) sterben mußten.
Frank gab sich begeistert über soviel mörderische Effizienz. Er prahlte: "Wenn ich für je 7 erschossene Polen ein Plakat aushängen lassen würde, dann würden die Wälder Polens nicht ausreichen, das Papier herzustellen."
Und der Kolonialherr mochte Himmlers Schergen nicht an antipolnischem Eifer nachstehen. Eine Fülle von Anordnungen, Befehlen und Verboten ergoß sich über das Generalgouvernement: Die Ausplünderung der Wirtschaft und die Deportation polnischer Arbeiter ins Reichsgebiet begann.
Was die Deportierten zurückließen, verfiel den Deutschen. Systematisch wurde bei Bedarf auch umgekehrt verfahren -- erst geplündert und dann verschickt. Ein SS-Bericht umschrieb diese Technik lapidar: "Die ehemaligen Eigentümer der polnischen Betriebe werden durch die Arbeitsämter ins Altreich mit ihren Familien als Landarbeiter vermittelt."
An die Stelle der nach Deutschland verschleppten Arbeitsfähigen rückten Deutsche, die bis dahin in polnischen Provinzen gelebt hatten -- herbeigerufen von der Parole, es gehe um die "siedlungsmäßige Einkreisung polnischen Volksbodens im Reichsosten".
Jeder Erlaß, jede neue Regelung sollte den Polen demonstrieren, daß allein der Deutsche zum Herrn berufen sei.
Eingeführt wurde die Grußpflicht der Polen gegenüber deutschen Uniformträgern und das Verbot der polnischen Sprache in der Öffentlichkeit. Durch Lähmung des Schulwesens wurde "Überproduktion an Intelligenz" abgebaut, durch streng dosierte Kulturgaben aus dem Reich garantiert, daß nur noch "wirklich untadelige Kunst" (so ein NS-Funktionär) in Umlauf kam.
Was schon in den annektierten Gebieten praktiziert wurde, galt teilweise auch im Generalgouvernement. Es gab ein Sonderstrafrecht für Polen, das schon bei "deutschfeindlichen Äußerungen" die Todesstrafe ermöglichte und formal "den Verfahren der Standgerichte" angenähert war, wie Broszat meint.
Polen durften keine deutschen Gaststätten besuchen, durften innerhalb bestimmter S.190 Sperrzeiten nicht einkaufen. Alles landwirtschaftliche und gewerbliche Vermögen von Polen wurde gemäß "Polenvermögensordnung" vom 17. September 1940 beschlagnahmt.
Rechtspolitik aber machte längst schon die SS, deren Reichsführer einen "klaren Trennungsstrich" zwischen der Justiz für Deutsche und für Polen gezogen wissen wollte. Im Osten gehe es schließlich nicht darum, Recht zu sprechen, es gelte lediglich, so Himmler, "die Belange des deutschen Volkes in diesem Raume durchzusetzen".
Auch mit den Lebensmittelkürzungen versuchten die deutschen Besatzer, die Polen im Generalgouvernement zu disziplinieren. Mit einer apathischen Bevölkerung, so ihre Kalkulation, lasse sich leichter regieren.
Ein Bericht des Institutes für Wirtschaftsforschung bestätigte denn auch, daß in Werkshöfen und Rüstungsbetrieben nur noch gleichgültige Menschen arbeiteten, die sich von trockenem Brot, rohen Mohrrüben und Kartoffeln ernährten. Sie mußten mit dreiviertel der den Deutschen zugedachten Kalorienmenge auskommen. Untersuchungs-Fazit: "Der Pole hungert."
Wie hart, ja verzweifelt auch immer Millionen von Polen um ihr Existenzminimum kämpfen mußten -- die Rechnung der Herrschenden ging nicht auf. Der Hunger trieb manchen Polen in die Reihen der Widerstandsbewegung, die sich vor allem in den Städten formierte: Immer mehr Attentate auf deutsche Funktionäre, immer häufigere Sabotageakte offenbarten Frank, daß selbst der Willkür der Nationalsozialisten Grenzen gesetzt waren.
Fortan bemühte er sich, die Nahrungsbasis des Generalgouvernements zu erweitern. Nur bessere Lebensmittelrationen, eine funktionierende Wirtschaft, menschenwürdigere Löhne würden die Polen befrieden und dem Widerstand die Basis entziehen -- so Franks Überlegung.
Doch die NS-Funktionäre im Reich machten solche Rechnungen zunichte. Immer mehr Menschen dirigierten sie in das Land Franks:
Getreu der Göring-Devise, oberstes Ziel aller Maßnahmen im Osten sei "die Stärkung des Kriegspotentials", kamen Heere von Zwangsarbeitern an. Gauleiter Forster in Danzig beschloß, "die zahlreichen arbeitsscheuen Elemente, die jetzt der Fürsorge anheimfallen, noch in das Generalgouvernement abzuschieben". Und Himmler kündigte die Juden an: Hunderttausende hatte der Mordapparat der Endlösung schon erfaßt.
Bald trieben Himmlers Schergen Millionen Juden in das Generalgouvernement, das zum Schauplatz eines Jahrhundert-Verbrechens wurde. Sobibor, Treblinka, Majdanek -- die Todesfabriken des nazistischen Rassenwahns begannen ihre furchtbare Arbeit.
Der Antisemit Frank aber spürte nur, daß der Todeszug der Juden neue Unruhe und neue Ernährungsprobleme ins Generalgouvernement brachte. Und je mehr sich die deutschen Monstreverbrechen herumsprachen, desto unhaltbarer wurde die Lage in Franks Domäne.
Das verlockte den Hitler-Paladin, über das für Nationalsozialisten schier Undenkbare nachzudenken: ob es nicht opportun sei, die Polenpolitik zu ändern. Er wollte den Polen ein bescheidenes Mitspracherecht einräumen, bei den Distriktsbehörden und der GG-Regierung polnische Beratungsorgane zulassen, auch für eine bessere Behandlung der polnischen Zwangsarbeiter im Reich eintreten.
Der wachsende Widerstand der Polen und die ersten deutschen Niederlagen an den Fronten zwangen ihm auf, was der polnische Frank-Biograph Stanislaw Piotrowski "eine ungeheure Wende" nennt. Der Mann, der noch im November 1941 getönt hatte, das Generalgouvernement sei ein Gebiet, in dem von Anfang an die Deutschen gewesen seien, ermahnte nun auf einmal deutsche Pressevertreter, von der "falschen Behauptung" abzulassen, das Generalgouvernement sei deutsches Land.
Auch von der Terrorisierung der Polen wollte Frank nichts mehr hören. Frank am 5. September 1944: "Die Theorie von der totalen Ausrottung, der restlosen Versklavung, der völligen Rechtlosmachung ist ein schwerer Verstoß gegen die Interessen unseres Vaterlandes."
Er war nicht der einzige Deutsche, der so sprach. Die Regierung des Generalgouvernements erließ Weisungen, die Diffamierung der Polen zumindest verbal zu unterlassen, und es gab manchen GG-Funktionär, der offen gegen die Mißhandlungen der Polen Front machte.
Der Ex-Sozialdemokrat Wilhelm Hagen, Amtsarzt der Stadt Warschau, hatte sogar den Mut, Hitler in einem Brief vom 7. Dezember 1942 vor einer Fortsetzung der Unterdrückungspolitik zu warnen, da "wir kein Interesse an der Verringerung der polnischen Volkszahl haben", und "iderlegte den Diktator mit dessen eigenen Argumenten: Unsere " " Verbindungen sind durch Partisanen schon so sehr gestört, daß " " ein Stärkerwerden dieser Terrorgruppen die Nachschublinien " " zur Front ernstlich gefährden würde. Falls wir gegen eine " " größere Gruppe der Polen mit Gewalt vorgehen, werden die " " Banden ungeheuren Zustrom erhalten. In "Mein Kampf" aber " " steht, daß ein Gegner, der nicht völlig vernichtet wird - wie " " sollte das bei 15 Millionen Polen möglich sein] -, durch " " Unterdrückung und Märtyrertum nur stärker wird. "
Immerhin ließ Hitler seinen Statthalter gewähren, zumal sich Frank stets der Ausbeuter-Logik bediente: "Es hilft mir nichts, wenn ich 100 000 S.192 Polen umbringe; damit ist dem Führer nicht gedient. Es hilft nur etwas, wenn ich 100 000 Polen zur Arbeit bringe."
So konnte er, sparsam, reformieren: Ab September 1943 wurden die Lebensmittelrationen erhöht, Ansätze zu einer polnischen Verwaltung neben der deutschen geschaffen und die Mitglieder des polnischen "Zentralrats für soziale Fürsorge" ermuntert, sich als "Polnischer Nationalausschuß" zu konstituieren.
Das veranlaßte ein paar polnische Politiker und Intellektuelle, es einmal mit den deutschen Herren zu versuchen. Der Zentralrat-Vorsitzende Tchorznicki, der aus Gestapo-Haft entlassene Studnicki, die beiden Professoren Burdecki und Skiwski, die eine "Polnische Antibolschewistische Liga" gründeten, der Wirtschaftsjurist Nieczany, Vorsitzender der Organisation "Miecz i Plug" -- die ersten Kollaborateure formierten sich.
Doch Himmler und seine Polizeischergen lehnten Franks Kompromißlertum ärgerlich ab. Sie kannten nur eine Methode, mit dem Widerstand der Polen fertig zu werden: brutalste Abschreckungsaktionen der Sicherheitspolizei und des SD.
Die Kommandos der Polizei schwärmten erneut aus und liquidierten S.193 -- gestützt auf eine 1943 erlassene "Verordnung zur Bekämpfung von Angriffen gegen das deutsche Aufbauwerk", dessen Paragraph 1 besagte: "Nichtdeutsche, die in der Absicht, das deutsche Aufbauwerk im Generalgouvernement zu hindern oder zu stören, gegen Gesetze, Verordnungen oder behördliche Anordnungen und Verfügungen verstoßen, sind mit dem Tode zu bestrafen."
Ab Ende 1943 exekutierte die Sicherheitspolizei polnische Widerständler zu Tausenden auf offener Straße. Die Erschießungskommandos, erinnert sich der Widerstandskämpfer Stefan Korbonski, wüteten vorzugsweise auf besonders verkehrsreichen Plätzen, meist vor einer gewaltsam hergestellten Öffentlichkeit. Die Polizisten riegelten die Hinrichtungsstellen großräumig ab, damit Passanten sich nicht dem Anblick der Massaker entziehen konnten. "orbonski: Die Zahl dieser öffentlichen Hinrichtungen und auch di" " Zahl der Menschen, die bei jeder Hinrichtung erschossen " " wurden, vergrößerte sich, bis sie 200 Menschen erreichte, die " " bei jeder Hinrichtung zu erschießen waren. "
Danach klebten die Deutschen meist Plakate mit den Namen der Erschossenen an die Wände. Sie benannten dabei auch gleich die Gefangenen, die bei nächstem Anlaß als Geiseln erschossen werden sollten.
Das Aufsehen, das die Besatzer mit ihren Exekutionen schufen, wirkte jedoch anders als geplant. Mit Verwünschungen gegen Nazis und Deutsche verstärkten viele der Todeskandidaten noch auf dem Weg zur "rschießung das Mitgefühl der Bevölkerung. Korbonski weiß noch: D"e " Deutschen haben dann versucht, diese Störungen dadurch " " einzuschränken, daß sie den Mund der Opfer mit Zement " " anfüllten oder ihre Lippen mit Pflaster beklebten ... Sie " " zapften ihnen Blut ab und spritzten ihnen verschiedene " " chemische Substanzen ein, damit sie physisch geschwächt " " wurden ... Aus diesem Grunde waren die Verurteilten auf dem " " Weg zur Hinrichtungsstelle blaß, schwach und apathisch und " " konnten kaum auf den Füßen stehen. "
Doch die blindwütigen Unternehmen der Sicherheitspolizei trieben nur noch mehr Polen in die "WB", wie die Himmler-Männer die Widerstandsbewegung kurz nannten. Zudem besaß die Polizei gar nicht genügend Personal, um ihre Gegner wirkungsvoll bekämpfen zu können.
Resignation machte sich unter den Besatzern breit. Fazit des Reichssicherheitshauptamtes 1944: "Die Lage hat zu einem solchen Anwachsen der Macht der WB geführt, daß praktisch von ihr als einem Staat im Staate gesprochen werden kann."
Im nächsten Heft
Der polnische Widerstand

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