11.01.1982

STEYLER MISSIONAlle reicher

Mit falschen Quittungen verschaffte die katholische Steyler Mission finanzstarken Spendern Gelegenheit, Steuern zu hinterziehen. Ermittelt wird auch gegen den Flick-Konzern.
Der Flecken St. Augustin bei Bonn, Sitz des niederdeutschen Provinzialats der katholischen Steyler Missionsgesellschaft, galt Eingeweihten jahrelang als ein Ort wundersamer Geldvermehrung. Nun haben die Justizbehörden das Rätsel gelöst.
In aller Stille erließ das Amtsgericht Bonn im vergangenen Jahr gegen den Steyler Pater Josef Schröder, der 1960 zum Provinzprokurator aufgestiegen war, einen Strafbefehl wegen Steuerhinterziehung über 360 Tagessätze zu je hundert Mark.
Bei der recht milden Strafe von 36 000 Mark blieb es, so die Bonner Staatsanwaltschaft, weil sich der Gottesmann auf Beihilfe zur Steuerhinterziehung beschränkt, in keinem Fall zum eigenen Nutzen gehandelt und obendrein ein umfassendes Geständnis abgelegt habe.
Andere Sünder werden kaum so glimpflich davonkommen. Eine ganze Reihe Bundesbürger steht im Verdacht, mit falschen Spendenbescheinigungen des Missionsordens Steuern in Millionenhöhe hinterzogen zu haben.
Wieder mit drin hängt Eberhard von Brauchitsch, designierter Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) sowie persönlich haftender und geschäftsführender Gesellschafter der Friedrich Flick KG. Dieter Irsfeld, Sprecher der Bonner Staatsanwaltschaft, am Mittwoch voriger Woche zum SPIEGEL: "Gegen die in dieser Angelegenheit Verantwortlichen des Flick-Konzerns dauern die Ermittlungen an. Eines der Ermittlungsverfahren richtet sich gegen Herrn von Brauchitsch."
Für die Bonner Staatsanwälte ist der Flick-Mann kein Unbekannter mehr. Eben erst hatten sie dessen Büroräume in der Konzern-Zentrale gefilzt und reichhaltiges Belastungsmaterial zur jüngsten Spendenaffäre der Bundestagsparteien sichergestellt.
Nun steht von Brauchitsch auch noch im Verdacht, er sei für Steuermanipulationen bei Spenden zugunsten kirchlicher Stellen verantwortlich, auch wenn nicht er, sondern ein Dritter im Hause Flick die eigentlichen Transaktionen abgewickelt habe.
Die Geständnisfreude des reuigen Paters könnte den Manager noch in Verlegenheit bringen. Anfang der 60er Jahre war Missionar Schröder nicht allein Prokurator der niederdeutschen Provinz und Hausprokurator für das Missionshaus St. Augustin geworden. Er stieg auch zum Geschäftsführer der "Soverdia Gesellschaft für Gemeinwohl mbH" mit Sitz in Nettetal-Kaldenkirchen auf, die das Vermögen des Ordens verwaltet.
In den Jahren 1966 und 1967 kam auf den vielbeschäftigten Pater noch eine Sonderaufgabe zu: Er mußte Geld für Neu- und Umbauten in St. Augustin beschaffen, so auch für das nach dem Ordensgründer benannte Arnold-Janssen-Haus, eine Tagungsstätte für Bildungskurse und Exerzitien.
"Um den anstehenden Finanzbedarf zu decken", bekannte Pater Schröder, "wandte ich mich schriftlich an etwa 50 Bundestagsabgeordnete in der Hoffnung, auf diese Weise unmittelbar Spenden zu erhalten oder Spendenvermittler zu erhalten oder öffentliche Gelder vermittelt zu erhalten." Nur zehn Abgeordnete antworteten, die einzige positive Reaktion kam von dem damaligen CDU-Bundestagsabgeordneten Walter Löhr aus Darmstadt.
Bald stellte sich heraus, daß Löhrs Hilfsbereitschaft keineswegs uneigennützig war. "Eines Tages rief mich Löhr an", erinnerte sich der Pater, "und bat mich, ihn in seiner Wohnung in Bonn aufzusuchen. Dort eröffnete er mir dann, er habe eine Möglichkeit, mir zu helfen. Er erklärte, er könne mir ... größere Beträge erlangen. Als Geschäftsführer von Soverdia sollte ich Spendenquittungen über größere Beträge ausstellen."
Von den frommen Gaben, so hat Löhr laut Schröder dann dargelegt, sollten an den Spender "80 Prozent zurückfließen, wobei es sein kann, daß bereits bei diesem ersten Gespräch darauf hingewiesen wurde, daß die Beträge über das Ausland zurückfließen sollten. Von den verbleibenden zwanzig Prozent sollte Löhr für seine politischen Aufgaben die Hälfte erhalten, während der Rest der Soverdia für die genannten Aufgaben verbleiben sollte. Ich war über dieses Angebot angesichts meines oben erwähnten Finanzbedarfs sehr erfreut, zumal Löhr mir in Aussicht stellte, derartige namhafte Spenden würden sich in Zukunft wiederholen".
Das Geschäft florierte. Spenden kamen ein, unterderhand flossen 80 Prozent an die generösen Geber zurück, Schröder sorgte für Quittungen über den gesamten Spendenbetrag. Da es sich bei der Soverdia um eine gemeinnützige Institution handelte, konnten die Spender mit ihren manipulierten Belegen den gesamten Spendenbetrag steuermindernd beim Fiskus geltend machen.
Anders als bei Spenden an Parteien setzt das Finanzamt bei Zuwendungen an gemeinnützige Organisationen der S.31 Gebefreudigkeit kaum Grenzen: Bis zu fünf Prozent des Einkommens oder bis zu zwei Promille der Summe aus Umsatz und Löhnen dürfen steuerfrei zum Nutzen des Gemeinwohls gespendet werden.
Der Soverdia gaben die Spender für einen guten Zweck und wurden sogleich belohnt - außerhalb der Legalität.
Denn ihnen kamen nicht nur die Steuervergünstigungen von damals bis zu 51 Prozent für den angeblich gespendeten Gesamtbetrag zugute, sondern auch noch die geheimen Rückflüsse in Höhe von 80 Prozent ihrer Spenden. Nach vollbrachter Wohltat waren alle reicher denn zuvor: der Spender, der Ordensmann und auch Vermittler Löhr.
Pater Schröder: "Außer in den Jahren 1974, 1976 ... hat Löhr in allen Jahren von den Spenden regelmäßig seinen vollen Anteil in Höhe von zehn Prozent des Spendenbetrages erhalten." Löhr, bis 1967 Landesschatzmeister der CDU in Hessen, starb 1976.
Im September 1977 war die Steuerfahndung der Soverdia auf die Spur gekommen. Schröder verlor seine Ämter und zog in die Schweiz. Durch einen Zufall stießen die Ermittler bei der Überprüfung der Soverdia-Konten auf Hinweise, daß auch Flick bei der Geldschöpfung des geistlichen Herrn nicht abseits stehen wollte.
Die Firmengruppe, von 1965 bis 1970 und dann wieder ab 1973 unter Verantwortung des Gesellschafters Eberhard von Brauchitsch, soll in einem Zeitraum von zehn Jahren insgesamt zehn Millionen gespendet haben, wovon acht Millionen unterderhand wieder an den Flick-Konzern zurückgezahlt worden seien.
Genaue Angaben mochte Oberstaatsanwalt Irsfeld zu den Flick-Millionen beim Soverdia-Deal nicht machen, aber um "diese Größenordnung" handele es sich.

DER SPIEGEL 2/1982
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