27.02.2016

IllusionenRückflug

Ein junger Mann aus dem Nordirak kam über das Mittelmeer nach Deutschland, weil er auf ein besseres Leben hoffte. Nach 100 Tagen kehrte er im Flugzeug zurück. Er hatte die falschen Träume. Von Takis Würger (Text) und Fabian Weiß (Fotos)
Genau 100 Tage nachdem Ajad Mohammed seine Heimat verlassen hat, um in Deutschland ein besseres Leben zu beginnen, packt er in seiner Flüchtlingsunterkunft in einem Wald auf der Schwäbischen Alb seinen Rucksack und macht sich auf den Weg nach Hause.
Das Lager liegt auf einem Hügel zwischen Fichten und Buchen, die Luft riecht nach Moos, und wer innehält, kann die Stieglitze trällern hören. Ajad will nur noch weg.
Drei Tage später sitzt er in einer Einkaufspassage in Berlin-Kreuzberg vor einem Reisebüro, das sich auf Flüge nach Kurdistan spezialisiert hat. In seiner Tasche steckt die Rechnung eines Tickets für einen Direktflug von Berlin Tegel nach Arbil, Irak. Ein DIN-A4-großes Papier, mit dem Briefkopf von Iraqi Airways, die Quittung für das Ende eines Traums.
Ajad Mohammed ist ein magerer Mann mit kummervollen schwarzen Augen, 27 Jahre alt. Er ist weder ein Krimineller, der gekommen ist, um Frauen zu misshandeln, noch ist er ein Elektroingenieur, der darauf wartet, sein erstes Start-up zu gründen. Er ist ein normaler Mann, ein Flüchtling in Deutschland. Das hier ist seine Geschichte. An ihrem Ende wird er vor Freude weinen, obwohl es kein glückliches Ende ist.
Ajad sagt: "Ich hatte solche Hoffnung auf Angela Merkel." Wenn er den Namen der Kanzlerin ausspricht, sagt er "Anjela", es klingt wie der Name eines Engels.
In seinen 100 Tagen Deutschland hat Ajad, so sagt er, ein Land erlebt, dessen Durchschnittstemperatur knapp über null Grad Celsius liegt, in dem es häufig nieselt und wo Bäume keine Blätter tragen, was er, alles zusammengenommen, schön fand. Auf der Straße haben die Deutschen gelächelt, sagt er. Er hat zum ersten Mal blonde Haare gesehen und ist zu dem Ergebnis gekommen, dass deutsche Frauen sehr sportlich sind. Die Abkürzung AfD hat er noch nie gehört.
Er hat kein privates Gespräch mit einem Deutschen geführt in dieser Zeit. Wenn er mit Deutschen sprach, waren es Polizisten, Helfer oder Ärzte, und es ging um seinen Aufenthaltsstatus, sein Taschengeld oder seinen Bauchdurchschuss. Einmal wollte sich der Fahrer eines Krankenwagens mit ihm unterhalten, aber es war kein Übersetzer in der Nähe, und so verständigten sich die beiden mit Lächeln.
Seit September des vergangenen Jahres sind rund 2000 irakische Flüchtlinge wie Ajad freiwillig von Deutschland nach Hause zurückgekehrt. Die Menschen, die in den Irak heimkehren, glauben, dass sie in einem Land, das in Teilen von den Geisteskranken des "Islamischen Staats" (IS) regiert wird, in Teilen von Kurden, in Teilen vom Chaos, besser leben können als in Deutschland. Sie gehen freiwillig zurück in ein Land, in dem Polizisten Gefangene foltern, in dem dauernd der Strom ausfällt, in dem Homosexuelle ermordet werden, manche Männer ihre Frauen halten wie Tiere und in dem das Pro-Kopf-Einkommen ein Siebtel von dem in Deutschland beträgt.
Die irakischen Flüchtlinge in den Reisebüros, am Berliner Flughafen Tegel, in der Zentrale von Iraqi Airways in Frankfurt nennen unterschiedliche Gründe für ihre Flucht aus Deutschland.
Einer sagt: "Unser Baby ist krank und wird sterben. Wenn es stirbt, will ich, dass es im Irak stirbt."
Einer sagt: "Die Syrer werden immer bevorzugt. Ich warte schon ein halbes Jahr. Ich habe einfach keine Geduld mehr."
Einer sagt: "Meinem Vater wurde in die Schulter geschossen."
Einer sagt: "Dieses Essen würde man bei uns nicht mal einem Esel geben."
Einer sagt: "Die Deutschen tun zu wenig für uns."
Ajad stört sich nicht an dem Essen, er isst ohnehin kaum etwas, weil sein Verdauungssystem kaputt ist, seit dieser Nacht vor zwei Jahren, von der äußerlich nur zwei runde Narben übrig geblieben sind. Eine auf der linken Seite des Bauchs, wo ein Projektil aus der Kalaschnikow eines Kämpfers des IS eindrang. Es bohrte sich durch den Bauch, beschädigte den Darm und ein paar Nerven und trat in einem größeren Loch rechts am Rücken wieder aus, dort ist die zweite Narbe.
Ajad hatte sich, so erzählt er es, im Sommer 2014 freiwillig als Soldat bei den Peschmerga gemeldet, weil er die Kämpfer des "Islamischen Staats" aufhalten wollte, die 15 Kilometer vor der Grenze seiner Heimatstadt Dohuk standen, im Norden der Autonomen Region Kurdistan. Er lernte schießen und wurde auf einem Außenposten stationiert. Die Angreifer kamen in einer regnerischen Nacht. Nachdem Ajad getroffen worden war, kroch er drei Stunden lang auf den Ellenbogen durch den Schlamm. Am nächsten Morgen wachte er in einem Krankenhaus auf.
Seitdem spürt er seine Füße kaum noch, und seine Verdauung funktioniert nicht mehr ohne Abführmittel. Die Ärzte in Arbil sagten ihm, sie könnten ihm nicht helfen, also sammelte seine Familie Geld, fuhr davon nach Iran zu Spezialisten, und als die ihm sagten, sie könnten nichts tun, flogen sie weiter zu anderen Ärzten nach Indien, die ihn operierten, aber das taube Gefühl in den Füßen verschlimmerten.
Die kurdischen Ärzte, die nichts für ihn tun konnten, sagten danach, wenn jetzt noch irgendjemand helfen könne, dann deutsche Ärzte, die seien die besten der Welt. Wer wäre nach so einer Information nicht gekommen?
Ajad sah im Fernsehen eine Rede von Angela Merkel und hörte in der Übersetzung etwas, das sie so nie gesagt hat: dass alle Menschen, die gegen den "Islamischen Staat" gekämpft hätten, in Deutschland willkommen seien. Er sah die Nachrichten von Freunden auf Facebook, die erzählten, dass man in Deutschland Geld bekomme und jeder Flüchtling eine Wohnung. Er wollte gern ein Fußballspiel des FC Bayern München in der Allianz Arena sehen.
Im Irak hatte er ein Leben, das, abgesehen von seiner Verletzung, gut war, wie er fand. Er spielte Fußball mit seinen Freunden, in einer Halle auf Kunstrasen, er wohnte bei seinen Eltern, wo er sich wohlfühlte und wo das Essen gut war, er trank süßen Tee in der Innenstadt, ohne Angst, er war sich sicher, dass die Kämpfer des IS niemals dorthin kommen würden. Er lebte nicht im Krieg. Er lebte in einer Stadt mit einer halben Million Einwohner, in der es Parks gab und einen Fußballverein, der in der höchsten irakischen Liga spielt. Aber er dachte, vielleicht würde es in Deutschland noch besser sein.
Immer mittwochs fliegt ein Flugzeug direkt von Arbil nach Berlin. Für Ajad war diese Reiseroute geschlossen, weil die Fluggesellschaft ihn ohne Visum nicht mitgenommen hätte. Theoretisch hätte er direkt nach seiner Verletzung ein Visum für "Eilfälle dringender medizinischer Behandlung" beantragen können, allerdings hätte er die Behandlungskosten selbst zahlen müssen. Er suchte einen anderen Weg.
Er sparte sein Geld vom Taxifahren, seine Eltern liehen sich etwas von Freunden, und gemeinsam gaben sie einem Schleuser 2000 Dollar, damit der Ajad in eine hellere Zukunft transportiert.
Ajad steckte seine Röntgenbilder in eine gelbe Plastiktüte, stopfte drei paar Socken, drei warme Pullover und eine Unterhose zum Wechseln in seinen Rucksack und fand sich ein paar Tage später in einem schwarzen Gummiboot in der Ägäis wieder, dessen Motor ausfiel und das so heftig in den Wellen schaukelte, dass Ajad sagt, er habe, obwohl er nicht gläubig sei, seine letzten Worte gesprochen: "Ich bezeuge, dass es keinen Gott gibt außer Allah." Dann tauchte ein Schiff der griechischen Küstenwache auf. Nach 15 Tagen war Ajad in Deutschland.
Er wurde einer der 1,1 Millionen Flüchtlinge, die im vergangenen Jahr in Deutschland registriert wurden. Knapp die Hälfte von ihnen kam aus Syrien, einem Kriegsgebiet. 154 046 kamen aus Afghanistan, 121 662 aus dem Irak, aus zwei Ländern, die gefährlich sind, in denen aber nicht überall der Krieg tobt. Man kann lange darüber nachdenken, was diese Menschen sind: Flüchtlinge, die unter dem Schutz der Genfer Konvention stehen, oder Einwanderer, die abgeschoben werden können.
Ajad kam in ein Erstaufnahmeheim in Heidelberg, das ihm gefiel. Er schaute sich dort einen Faschingsumzug an, den er großartig fand, obwohl er nicht wusste, was die Leute taten. Dann kam er in eine Unterkunft im Wald außerhalb von Amstetten auf der Schwäbischen Alb, in eine Halle, die auf einem Gebiet steht, auf dem früher die Bundeswehr ein Materialdepot hatte. Das Lager sah aus, wie man sich Area 51 vorstellt, das militärische Sperrgebiet der Amerikaner im Nirgendwo Nevadas. Große Hallen, ein betonierter Platz, und wenn man schreit, hört einen niemand, der einen nicht hören will. Der nächste Ort war weit entfernt. Sozialarbeiter hat Ajad nur ab und zu gesehen.
Er schlief dort viel, damit die Zeit verstrich. Manchmal ging er zum Netto-Markt im nächsten Dorf und kaufte eine Kleinigkeit. Immer blieb er in Kontakt mit seinen Geschwistern und Freunden in Kurdistan. Er lebte in seinem Handy.
Er sprach mit zwei deutschen Ärzten, die er jeweils in ihrer Praxis besuchte, sie schauten sich die Röntgenbilder an und sagten ihm, dass seine Verletzungen alt seien und deswegen schwer zu behandeln. Ajad weiß nicht, ob er bei Spezialisten war oder bei Allgemeinmedizinern, er ist einfach zu den Ärzten gegangen, die auch die anderen Flüchtlinge behandelten. Er unternahm nichts, um einen Experten für eine Verletzung wie die seine zu finden. Er sagt, es sei schwer, sich in Deutschland zurechtzufinden. Er hoffte, die Deutschen würden ihm von sich aus helfen.
Ajad sagt: "Ich bin von Angela Merkel enttäuscht. Ich brauche eine Operation, und ich dachte, ich bekomme eine Arbeit. Ich will arbeiten, aber ich habe keine Arbeit bekommen."
Im Irak hatte Ajad als Taxifahrer gearbeitet. Er wusste, dass er für diesen Beruf ein wenig Deutsch sprechen muss, aber den Unterricht, der einmal pro Woche in seiner Flüchtlingsunterkunft angeboten wurde, besuchte er nur viermal.
Ajads Deutschkenntnisse lassen sich folgendermaßen zusammenfassen: "Wie heißt du?" "Ich liebe dich." "Danke schön." "Tschüs." Auf die Frage, warum er nicht häufiger zum Deutschunterricht gegangen sei, antwortet er, er habe keine Lust gehabt. "Ich hatte keinen Freund, der mitkommt", auch das sagt er.
Ajad hätte sich vorstellen können, der Bundeswehr als Soldat zu dienen. Aber in Kurdistan hat er nur den Umgang mit der AK-47 gelernt, einer Waffe, die bei der Bundeswehr niemand benutzt. Außerdem dienen bei der Bundeswehr nur deutsche Staatsbürger, aber das wusste Ajad nicht.
Auch mit gutem Willen ist es schwer, die Frage zu beantworten, wie Ajad die deutsche Gesellschaft bereichern könnte, ein stiller Mann, ohne Deutschkenntnisse, ohne Qualifikation, ohne Plan.
Er reist zurück in den Irak mit einem Freund, Osman, auch er Kurde, dessen Frau vor Kurzem einen Schlaganfall erlitten hat und der auf den Fingern seiner linken Faust die vier Anfangsbuchstaben seiner Kinder als Tattoo trägt: ASRL.
Ajad und Osman saßen in ihrer Flüchtlingsunterkunft im Wald, als Ajad sagte: "Ich halte es nicht mehr aus, ich will zurück." Osman sagte: "Ich komme mit."
In Berlin, kurz vor ihrem Abflug, beschließen die beiden, einen Spaziergang zu machen. Osman sagt, er wolle Deutschland nicht verlassen, ohne sagen zu können, er habe das Land gesehen. Die beiden gehen ziellos durch Kreuzberg, sie rauchen und schweigen, es ist kalt. Nach einer Zeit betreten sie den Görlitzer Park, dort ist das Gras braun, an den Zäunen lehnen dunkelhäutige Menschen, die Drogen verkaufen, ein paar Drogensüchtige laufen durch die Gegend, auf dem Boden liegt Hundekot. Wenn es in der Hölle einen Park gibt, sieht er aus wie der Görlitzer Park. Ajad trägt eine lange Strumpfhose unter seiner Jeans und zwei Jacken übereinander, aber er friert trotzdem. Er setzt sich auf eine Bank und bittet Osman, ein Foto zu machen, damit er zu Hause zeigen kann, wovor er weggelaufen ist.
Als er wieder im Reisebüro ankommt, wo er seinen Rucksack verstaut hat, wartet dort ein Mann mit Pudelmütze, der sich als "Herr Satan" vorstellt. Sein Vater kommt aus der gleichen Nachbarschaft wie Ajad, und deswegen lädt er ihn zu sich ein; er sagt auf Kurmandschi, einer Sprache der Kurden: "Meine Frau hat gekocht. Keine Chance, dass du nicht zum Essen kommst."
Herr Satan wohnt in einer Wohnung im Berliner Stadtteil Lichtenberg. Seine Frau hat ein scharfes Hühnchengericht zubereitet. Herr Satan redet auf Ajad ein: "Du sollst Geduld haben", sagt er, "Deutschland ist ein sicheres Land. Du hast so viel Schweres hinter dich gelassen." Er versucht Ajad davon zu überzeugen, zu bleiben.
Herr Satan lebt seit 23 Jahren in Deutschland, aber er kann nicht genug Deutsch, um ein Gespräch zu führen. Er hat einmal Gärtner gelernt, aber er arbeitet nicht in diesem Beruf. Eine Zeit lang hat er als Ein-Euro-Jobber sein Geld verdient, zurzeit pflegt er einen alten Mann, manchmal lebe er vom Geld des Sozialamts, sagt er. Er ist, nach 23 Jahren in Deutschland, ein Fremder geblieben. Ajad hört ihn an, nickt, legt seine Hand auf sein Herz, als er sich bei der Frau für das Essen bedankt, und streicht der Tochter der Familie Satan durch die Haare. Er sagt: "Ich brauche diese Operation."
Am Tag der Rückreise warten vor dem Reisebüro in Kreuzberg neun weitere Flüchtlinge, die auch in den Irak zurückkehren. Ajad trägt seinen Rucksack auf den Schultern, darin stecken seine Röntgenbilder, drei Paar Socken, drei warme Pullover und eine Unterhose. Er fliegt mit dem gleichen Gepäck zurück, mit dem er gekommen ist. Das Einzige, was neu hinzugekommen ist, sind zwei Schachteln mit einem Abführmittel.
Auf dem Weg zur U-Bahn spricht Ajad mit einem anderen Flüchtling.
"Warum gehst du zurück?", fragt Ajad.
"Die haben für mich nichts gemacht."
"Wohin?"
"Bagdad."
"Aber da ist es doch gefährlich."
"Aber da gibt es vernünftige Menschen."
Ajad trägt in der Jackentasche einen Ausweis, den er sich in der irakischen Botschaft geholt hat. "Republic of Iraq – One way laissez passé" steht darauf. Ins Innere hat jemand einen Stempel gedrückt, der die Umrisse des Landes darstellt. In der Mitte zeigt der Stempel eine Palme, als würde die Reise in die Karibik führen.
Am Flughafen checken die Flüchtlinge ein, es sind vielleicht 40 junge Männer. In Ajads Hosentasche stecken ein 5-Euro-Schein und eine 20-Cent-Münze, es ist sein letztes Geld. Im Flüchtlingsheim hat er 145 Euro Taschengeld im Monat bekommen, das hat er für den Flug gespart. Er kauft sich an einem Stand eine Dose Red Bull und einen Berliner. Die 20-Cent-Münze hat er übrig, er steckt sie ein.
Auf dem Flugzeug steht der Schriftzug AirExplore, die Flugbegleiter kommen aus der Slowakei. Iraqi Airways darf in Deutschland aus Sicherheitsgründen nicht fliegen. Die Europäische Kommission hat die Fluggesellschaft aus dem europäischen Luftraum verbannt. Von Iraqi Airways sind nur die Spuckbeutel, die im Fach des Sitzes vor ihm stecken.
Die Maschine hebt ab. Das Letzte, was Ajad von Deutschland sieht, sind die grauen Häuser Berlins, die nach ein paar Momenten hinter Dunst verschwinden. Über den Wolken scheint die Sonne. Ajad schließt die Augen.
Die Hinreise hat 15 Tage gedauert, sie war lebensgefährlich und hat 2000 Dollar gekostet. Die Rückreise kostet 295 Euro, sie dauert fünf Stunden, es gibt Hühnchen oder Lamm, und die Stewardess sieht aus wie ein Model.
Ajad sitzt auf Platz 16F. Er schaut fast während des gesamten Flugs aus dem Fenster, auch dann noch, als die Sonne untergegangen ist und draußen nur Dunkelheit herrscht.
"Wahrscheinlich tut Deutschland schon alles für Flüchtlinge, was möglich ist", sagt er nach einer Zeit. Er dreht den Sicherheitsgurt zwischen seinen Fingern.
Er spricht wieder von Frau Merkels Schuld an seinem Unglück, aber nach ein paar Sätzen sagt er, er wisse, dass sie nie gesagt habe, dass Menschen wie er kommen sollen. Aber er habe das so gehofft.
"Wenn es weniger Flüchtlinge wären, könnten die Deutschen mehr machen. Sie könnten schnell sagen, ob das mit der Aufenthaltserlaubnis klappt", sagt er.
Er verstehe, dass Deutschland nicht für alle alles tun könne. Sein Freund Osman zum Beispiel, der nur nach Deutschland ging, um ein besseres Leben zu finden, dem würde er auch kein Geld geben. Ajad klingt jetzt wie Horst Seehofer.
Er, Ajad, sei nicht gekommen, weil er Geld wolle, also nicht nur, er sei gekommen, weil er einen Bauchdurchschuss hatte. "Im Namen von ganz Kurdistan danke ich Deutschland, dass ihr uns die ,Milan'- Raketen geschickt habt, die die Panzer des ,Islamischen Staats' zerstört haben", sagt er. "Aber wenn ich euren Krieg kämpfe, warum helft ihr mir dann nicht, wenn ich mich in diesem Krieg verletze?"
Das Flugzeug landet um 22 Uhr Ortszeit. Als Ajad aus dem Sicherheitsbereich kommt, sagt er leise: "Meine Familie, alle da."
Seine Schwestern und zwei Cousins warten auf ihn. Die Schwester weint, als sie ihn in die Arme nimmt, so sehr, dass ihr Körper zittert. Sie streicht ihm immer wieder über die dünnen Haare und sagt: "Mein Lieber. Was ist mit dir passiert?" Aus Ajads rechtem Auge rollt eine Träne. Zu Osman sagt er: "Ruf mich an", bevor er in die Nacht verschwindet.
Ein Cousin fährt Ajad zu einem Haus in Arbil, wo die anderen Mitglieder der Familie warten. Als seine Mutter ihn sieht, fällt sie ihm um den Hals und ist so gerührt, dass ihre Beine einknicken. Seine Tante umarmt seinen Rücken und küsst ihn immer wieder auf die Schulter. Seine Mutter weint und sagt: "Du bist willkommen. Du bist willkommen auf meinen Augen, auf meinem Gesicht, auf meinem Kopf."
Sie setzt sich neben ihn auf eine Sofagarnitur. Sie massiert ihm die Beine, die langsam taub werden wegen der verletzten Nerven. Sie wirft die Hände nach oben, bricht immer wieder in Tränen aus und sagt: "Gott sei Dank, dass du zurück bist." Sie küsst ihn und schaut ihn an. Sie sagt: "Du hast viel gelitten. Du bist dünn geworden. Das Essen ist vorbereitet." Sein Vater sitzt daneben, in der Hand hält er eine Taschenlampe, falls der Strom ausfällt.
Eine der Frauen breitet eine zwei mal drei Meter große Plastikfolie auf dem Fußboden aus und beginnt damit, Speisen ins Zimmer zu tragen. Hummus und sauer eingelegte Gurken, warmes Brot aus dem Lehmofen, Spieße mit gebratenem Lammhack, Hahnsuppe, Bohnensuppe, gegrillte Tomaten, Paprika, einen großer Teller mit gebuttertem Reis.
Bei den Kurden bekommt ein Gast das beste Stück Fleisch aus der Hahnsuppe, er darf sich als Erster vom Reis nehmen, er wird ermuntert, mehr zu essen: "Schäm dich nicht, iss." Manchmal rollen die Frauen Yprax für den Gast, gefüllte Weinblätter, eine in der Zubereitung aufwendige Speise, als Zeichen der Wertschätzung. Es ist normal, dass Kurden ihren Gästen ein Bett für die Nacht anbieten und fragen, ob sie irgendetwas brauchen. Man darf, während man das erlebt, nicht an brennende Flüchtlingsheime in Sachsen denken, der Gedanke daran ist hier noch unerträglicher als zu Hause.
Ajad ist wieder daheim, er hat ein Kissen auf dem Schoß und stützt seinen Kopf in eine Hand, aber er sieht nicht glücklich aus, sondern müde und krank. Er möchte wieder als Taxifahrer arbeiten und mit seinen Freunden picknicken gehen, außerhalb der Stadt, wo die Granatäpfel wachsen. Er wird das gleiche Leben führen wie vor seiner Flucht nach Deutschland, nur dass er und seine Familie jetzt neue Schulden haben.
Ajad träumt nicht von Reichtum oder etwas Fantastischem, er träumt davon, dass er das Gefühl in seinen Füßen nicht verliert. Sein Schicksal wirft die Frage auf, ob ihm in Deutschland Unrecht widerfahren ist.
Muss Deutschland jeden Menschen operieren, der Hilfe braucht? Darf ein Syrer mit Bauchschuss eine Operation erwarten? Darf das ein Iraker? Ein Russe, ein Peruaner?
Ajad wurde verletzt, weil er freiwillig an die Front ging. In seiner Heimatstadt gab es keinen Krieg. "Dohuk ist sicher", sagt er. Er floh vor nichts, als er nach Deutschland kam. Ajad kam nicht als Flüchtling. Er kam als Hilfesuchender, der wollte, dass deutsche Ärzte ihn operieren.
Wahrscheinlich hatte ihn seine Hoffnung blind gemacht für die Wirklichkeit. Vielleicht hätte er seine Operation bekommen, wenn er geblieben wäre und sich darum bemüht hätte.
Sein Traum von einem besseren Leben ist gescheitert, weil er sich vor seiner Reise nicht genug informiert hatte, obwohl das einfach gewesen wäre; auch in Kurdistan gibt es das Internet. Sein Traum von einer Genesung, von Arbeit und einer Wohnung in Deutschland ist gescheitert, weil er kein Deutsch lernte und weil er nach 100 Tagen aufgab. Er ist zurückgegangen, weil er Heimweh hatte.
An diesem Abend in Arbil im Irak, als der süße Tee serviert wird und die Küsse weniger werden, zieht Ajad das 20-Cent-Stück aus der Tasche, das er am Flughafen nicht ausgegeben hat. Er dreht es zwischen den Fingern. 20 Cent. Er habe sie behalten, sagt er, als Erinnerung an Deutschland.

Nachdem Ajad in den Rücken getroffen worden war, kroch er drei Stunden lang auf den Ellenbogen durch den Schlamm.

Auch mit gutem Willen ist es schwer, die Frage zu beantworten, wie Ajad die deutsche Gesellschaft bereichern könnte.

Er würde niemandem Geld geben, der nur besser leben wolle, sagt Ajad. Er klingt wie Horst Seehofer.

Über den Autor

Takis Würger, Jahrgang 1985, studierte Ideengeschichte in Cambridge, volontierte bei der "Abendzeitung" und lernte an der Henri-Nannen-Journalistenschule. Für diesen Text reiste er zum ersten Mal in seinem Leben in den Irak. Er war gerührt von der Gastfreundschaft der Kurden und begeistert von ihrem Essen, selten wurde er so herzlich empfangen.
Von Takis Würger

DER SPIEGEL 9/2016
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