27.02.2016

SPIEGEL-Gespräch„Instinkt. Geschmack. Eier.“

Donna Langley führt die Universal Studios und ist eine der mächtigsten Figuren in dem immer noch von Männern beherrschten Hollywood. Das Geheimnis ihres Erfolgs?
Langley, 48, seit zweieinhalb Jahren Chefin von Universal, hat Geschichte geschrieben. Gleich drei ihrer Produktionen spielten über eine Milliarde Dollar ein: die Actionspektakel "Fast & Furious 7" und "Jurassic World" sowie der Animationsfilm "Minions". Noch nie konnte ein Hollywoodstudio so hohe Einnahmen verbuchen wie Universal 2015. Neben Stacey Snider ist Langley zurzeit eine von zwei Frauen, die ein großes Studio leiten. Sie ist zur Berlinale gekommen, weil der Universal-Film "Hail, Caesar!" das Festival eröffnet hat.

SPIEGEL: Ms Langley, der Rapper Ice Cube hat gesagt, kaum ein Mann in Hollywood habe so "dicke Eier" wie Sie.
Langley: Ja, stimmt, das hat er gesagt. Und wenn das von jemandem wie Ice Cube kommt, ist das ein Riesenkompliment. Der Mann kennt sich aus.
SPIEGEL: Braucht man dicke Eier in Hollywood?
Langley: Vermutlich braucht man die in jeder Industrie. Das Filmgeschäft ist allerdings speziell, weil es so irrational und risikoreich ist. Ob ein Film Erfolg haben wird, lässt sich schwer kalkulieren.
SPIEGEL: Was macht eine gute Studiochefin aus?
Langley: Oh, ganz einfach: Ich muss Hits liefern.
SPIEGEL: 2015 war das erfolgreichste Jahr in der Geschichte von Universal.
Langley: Da kamen viele glückliche Umstände zusammen. Unsere Fortsetzungsfilme liefen besser, als wir angenommen hatten. Und dann gab es Überraschungshits wie "Straight Outta Compton". Niemand hat erwartet, dass dieser Film über 200 Millionen Dollar einspielt.
SPIEGEL: Ein anderes Studio hatte den Film abgelehnt.
Langley: Er passte in kein Schema. Es werden wenige Hip-Hop-Filme gedreht, und die sind meist klein. Doch "Straight Outta Compton" ist ein Epos, Straßenschlachten wurden nachgestellt, um den soziopolitischen Hintergrund dieser Musik zu zeigen. Ein teurer Film mit unbekannten Darstellern, der die Geschichte des Gangsta-Rap erzählt. Klingt nicht nach Riesenerfolg.
SPIEGEL: Warum haben Sie ihn produziert?
Langley: Mich hat es gerührt, wie diese Rapper miteinander umgehen, die Herzenswärme, die unter ihnen herrscht. Das hat für mich den Ausschlag gegeben. Ich hatte das Gefühl, dass der Film seinen Weg in den Mainstream finden könnte, dass er nicht nur in Los Angeles gut laufen würde, sondern auch in Berlin.
SPIEGEL: Sie entscheiden nach Gefühl?
Langley: Es braucht einiges. Instinkt. Geschmack. Eier. Und die Marktforschung.
SPIEGEL: Was hat Ihnen die Marktforschung über "Straight Outta Compton" verraten?
Langley: Den bestmöglichen Starttermin, Mitte August. Wir konnten den ganzen Sommer über Trailer zu "Straight Outta Compton" zeigen, im Sommer gehen in den USA die meisten Menschen ins Kino. Irgendwann hatten die Zuschauer das Gefühl, dass ein großer Film auf sie zukommt. Das war der Schlüssel zum Erfolg.
SPIEGEL: Dennoch ist er nur einmal für den Oscar nominiert, für das beste Drehbuch. Ärgert Sie das?
Langley: Wenn wir grünes Licht für einen Film geben, denken wir nie an Preise. Natürlich freuen wir uns über Nominierungen. Aber wir rechnen nicht damit.
SPIEGEL: Der Regisseur Spike Lee und der Schauspieler Will Smith kommen nicht zur Oscarverleihung, weil kein einziger schwarzer Schauspieler nominiert ist. Ist die Oscar Academy rassistisch?
Langley: Das glaube ich nicht. Ich persönlich kenne viele Academy-Mitglieder, die "Straight Outta Compton" sehr mögen.
SPIEGEL: Laut einer Studie der "Los Angeles Times" von 2012 sind die Academy-Mitglieder im Schnitt 62 Jahre alt. Sind die vielleicht zu alt für Gangsta-Rap?
Langley: Es sind acht Filme nominiert, vielleicht wäre er der neunte gewesen.
SPIEGEL: Sie sind sehr diplomatisch.
Langley: Ich will eine effiziente Studiochefin sein. Ich betreibe keine Politik.
SPIEGEL: Bislang hat nur eine einzige Frau den Regie-Oscar gewonnen, in fast 90 Jahren.
Langley: Bedauerlicherweise.
SPIEGEL: Sie könnten das ändern. Sie sind die mächtigste Frau Hollywoods.
Langley: Es gibt Menschen in Hollywood, die mächtiger sind.
SPIEGEL: Sie könnten durch die Wahl der Stoffe und die Besetzungspolitik den gesellschaftlichen Wandel befördern.
Langley: Wir sollten Filme machen, die unser Leben widerspiegeln, in all seiner Vielfalt. Das kann bedeuten, Geschichten von Frauen und Afroamerikanern zu erzählen und andere Kulturen zu erkunden.
SPIEGEL: Warum schreiten Sie nicht voran?
Langley: Es ist nicht Teil meines Jobs, eigene Werte und Überzeugungen zu verbreiten, Politik zu machen. Wir wollen Filme herstellen, die das Publikum inspirieren, das kann auch ein buntes Musical wie "Singin' in the Rain" sein.
SPIEGEL: Sie haben sich in der Hierarchie von Universal bis an die Spitze gearbeitet. Hatten Sie je das Gefühl, als Frau benachteiligt zu sein?
Langley: Nein, ich hatte immer Mentoren, weibliche wie männliche. Ich war jahrelang bei New Line, einem etwas kleineren Studio, und bin jetzt seit 2001 bei Universal. Es war hart, aber niemand hat versucht, mir Steine in den Weg zu legen.
SPIEGEL: Vor zehn Jahren waren bei vier der sechs großen Studios Frauen in Führungspositionen, heute sind es noch zwei.
Langley: Niemand hat es in Hollywood leicht. Auch die Männer wechseln ständig ihre Posten oder werden gefeuert. Viele der Frauen, die vor zehn Jahren Studios geleitet haben, sind heute extrem erfolgreiche Produzentinnen. Nina Jacobsen hat die "Tribute von Panem"-Filme produziert, Mary Parent den Oscarfavoriten "The Revenant". Amy Pascal arbeitet an einer Neuauflage von "Ghostbusters". Es gibt keinen Grund zum Lamentieren. Diese Frauen machen uns allen Feuer unterm Arsch.
SPIEGEL: Jennifer Lawrence hat im vergangenen Jahr beklagt, dass Schauspielerinnen weniger Geld bekämen als ihre männlichen Kollegen. Sind Frauen in Hollywood unterbezahlt?
Langley: Die Bezahlung richtet sich nach dem Marktwert, und der richtet sich nach den Einspielergebnissen. Wenn jemand fünf erfolgreiche Filme gemacht hat, bekommt er mehr Geld als jemand, der nur drei hat, unabhängig vom Geschlecht.
SPIEGEL: Es gibt keine Ungerechtigkeit bei der Bezahlung?
Langley: Es gibt ein Ungleichgewicht. Es gibt viel mehr Heldenrollen für Männer als für Frauen. Wenn wir wollen, dass Frauen besser bezahlt werden, müssen wir ihnen die Möglichkeit geben, andere Rollen zu spielen. Daran arbeiten wir. In Hollywood sollten auch mehr Frauen Regie führen. Angelina Jolie, Sam Taylor-Johnson und Elizabeth Banks haben für Universal zuletzt gute und erfolgreiche Filme gedreht. Da wollen wir weitermachen.
SPIEGEL: Für die Regie der Fortsetzung von "Fifty Shades of Grey" haben Sie aber einen Mann verpflichtet, James Foley.
Langley: Man sucht für jeden Film eine Persönlichkeit, die perfekt passt. "Fifty Shades Darker" wird kein Liebesfilm sein wie der erste Teil, sondern eher ein Thriller. Dieses Genre beherrscht Foley perfekt, das hat er zuletzt bei "House of Cards" gezeigt.
SPIEGEL: Universal ist ein eher männliches Studio. Es steht für Horror- und Actionkino. Nun drehen Sie immer mehr Filme für Frauen.
Langley: Ich glaube, dass ein Studio ein möglichst breites Portfolio braucht, um auf Dauer erfolgreich zu sein, und zwar überall auf der Welt. Wir können nicht nur Filme für amerikanische Jungs machen.
SPIEGEL: Das war jahrzehntelang die wichtigste Zielgruppe. Heute verbringen sie ihre Freizeit öfter mit Videospielen. Das Kinopublikum wird weiblicher.
Langley: Ja, aber es ist gar nicht so leicht, die Stoffe den Geschlechtern zuzuordnen. Die "Fast & Furious"-Filme, in denen es um Benzin und Testosteron geht, werden von ziemlich vielen Frauen gesehen. Und in "Fifty Shades of Grey" sind erstaunlich viele Männer gegangen, rund 30 Prozent. Wir hatten gedacht, dass gar keine Männer kommen.
SPIEGEL: Bei so viel nackter Haut?
Langley: Ja, das hat geholfen. Vor allem in Deutschland.
SPIEGEL: Immer mehr Hollywoodfilme sind Remakes, Bestselleradaptionen wie "Fifty Shades of Grey" oder beruhen auf Comics. Hat Hollywood Angst vor neuen Stoffen?
Langley: Es kann einem nichts Besseres passieren als ein Film, der auf einem erfolgreichen Stoff basiert, auf einer Marke. Hinter diesen Stoffen sind alle her.
SPIEGEL: Das ist eintönig.
Langley: Wir geben uns alle Mühe, dass der zweite Film besser ist als der erste und der dritte besser als der zweite. Das gelingt nicht immer.
SPIEGEL: Sehen Sie sich gern Fortsetzungen an?
Langley: Ja, wenn mein Mann und ich einen netten Kinoabend haben wollen, gehen wir zum Beispiel in einen Bond-Film.
SPIEGEL: Der letzte Bond soll wenigstens 250 Millionen Dollar gekostet haben und musste über 650 Millionen einspielen, um für das Studio Gewinn abzuwerfen. Sind Fortsetzungen wirklich ein so sicheres Geschäft?
Langley: Wir haben letztlich keine Ahnung, warum ein Film 50 Millionen Dollar verliert und ein anderer 100 Millionen Dollar mehr einbringt, als wir dachten. Sie können einen tollen Film haben – wenn Sie einen ungünstigen Starttermin erwischen, sind Sie erledigt. Ob der Starttermin günstig ist, hängt von den anderen Filmen ab, vom Wetter und sogar von der Börse. Sie geben einen Film in Auftrag, und 20 Monate später, wenn er fertig ist, hat sich die Lage völlig verändert.
SPIEGEL: Was machen Sie, wenn Sie ein Projekt angeboten bekommen, von dem Sie begeistert sind, aber außer Ihnen kaum jemand?
Langley: Dann bricht es mir das Herz. Ich wäre die Erste in der Schlange, um den Film zu sehen, aber ich weiß, dass die Schlange viel zu kurz wäre. Jeder Film, den wir machen, muss profitabel sein.
SPIEGEL: Der jüngste Film von Angelina Jolie, "By the Sea", in dem sie an der Seite ihres Mannes Brad Pitt eine Ehefrau in der Krise spielt, hat weltweit nur 3,3 Millionen Dollar eingespielt.
Langley: Ich schätze Angelina Jolie sehr, ihre Klarheit und Entschlossenheit. "By the Sea" ist genau der Film geworden, den sie machen wollte. Es ist ihr sehr persönlicher künstlerischer Ausdruck und sollte nie etwas anderes sein.
SPIEGEL: Klingt nach Kunstförderung.
Langley: Nein, wir haben "By the Sea" für ein kleines Budget gemacht, das Risiko war überschaubar. Und es war es wert.
SPIEGEL: Ihren neuen Film dreht Jolie für den Streaming-Dienst Netflix.
Langley: Ja, ich bin sehr gespannt.
SPIEGEL: Netflix-Programmchef Ted Sarandos glaubt, dass sich Hollywood durch den Erfolg der Streaming-Dienste stark verändern wird, ökonomisch und ästhetisch.
Langley: Man könnte vermuten, dass das horizontale Erzählen der Serien auch im Kino zu komplexeren Geschichten und Figuren führen wird. Doch ich bin da nicht so sicher. Viele Serien leben von ihren Bösewichtern, von zerrissenen Figuren wie in "Breaking Bad" oder "Ray Donovan". Man liebt sie, obwohl sie schreckliche Dinge tun. Im Kino ist das anders.
SPIEGEL: Warum?
Langley: Die meisten Kinogänger verlangen nach wie vor ein Happy End.
SPIEGEL: Wie ernüchternd.
Langley: Das heißt ja nicht, dass man keine komplexen Filme drehen kann, Christopher Nolan macht das ständig. Man darf nur nicht riskieren, dass die Zuschauer am Ende unzufrieden sind. Die wünschen sich große Unterhaltung und nicht Filme, die sie durcheinanderbringen.
SPIEGEL: Ms Langley, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

"Sie können einen tollen Film haben – wenn Sie einen ungünstigen Starttermin erwischen, sind Sie erledigt."

Das Gespräch führte der Redakteur Lars-Olav Beier.
Von Lars-Olav Beier

DER SPIEGEL 9/2016
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