11.01.1982

BIERStrenge Bräuche

Den bundesdeutschen Bierbrauereien droht Verdruß: Der Europäische Gerichtshof könnte das heimische Monopol knacken.
Die Lage ist so ernst, daß Franz Josef Strauß einen alten Freund um Beistand ersuchte.
Per Brief beschwor Bayerns Ministerpräsident Ende letzten Jahres den Bonner Kanzler Helmut Schmidt, "alles zu tun", um Schaden von deutschem Bier abzuwenden.
Gefahr droht dem deutschen Lieblingsgetränk, von dem die Bundesbürger pro Kopf und Jahr 147 Liter in sich hineinschütten, aus dem Westen. Die Brüsseler EG-Kommission, warnte Strauß den Kanzler, plane die "Aufhebung des Reinheitsgebotes": In der Bundesrepublik darf laut Gesetz zur Bierherstellung "nur Malz, Hopfen, Hefe und Wasser verwendet werden".
Auf diese Vorschrift lassen die 1300 bundesdeutschen Biersieder, von denen die Mehrzahl in Bayern braut, nichts kommen. Denn mehr als dem reinen Bier und dem Schutz der Verbraucher, wie die Brauer gern behaupten, dient das Reinheitsgebot vor allem dem Eigeninteresse der Bierfabriken: Es hält ihnen lästige Billigkonkurrenz aus dem Ausland vom Hals. Ausländer, die ihr Bier nicht nach den strengen deutschen Bräuchen brauen, dürfen es hierzulande nicht verkaufen.
Die Reinheitsklausel, die der Bayern-Herzog Wilhelm IV. anno 1516 zum Schutze seiner Untertanen erließ, ist aber jenseits der deutschen Grenzen völlig ungebräuchlich.
Fremdländische Bierhersteller verwenden statt teurer Braugerste auch billigeren Reis oder Mais. Überdies verringern viele ausländische Braustätten die Produktionskosten, indem sie die Zutaten roh in die Sudpfanne schütten, statt sie erst, wie die deutschen Brauereien, sorgfältig zu rösten. Die Rohfrucht, raunen die Deutschen, müsse mit chemischen Konservierungsmitteln wie zum Beispiel Ascorbinsäure versetzt werden.
Die fremden Braustätten müßten erst ihre Produktion umrüsten, um in der Bundesrepublik Bier verkaufen zu können. Da nahezu alle ausländischen Hersteller die zusätzlichen Kosten scheuen, wirkt das Reinheitsgebot wie eine Art Schutzzoll.
Im Vertrauen auf die einträgliche Regelung bauten die Deutschen imposante S.46 Braustätten auf. In dem hochmodernen Friesischen Brauhaus in Jever zum Beispiel, das vor Reinheit nur so strotzt, ummantelt Spiegelglas die 27 Meter hohen Gärtanks.
Nun aber müssen die Deutschen fürchten, daß billige Auslandsbiere die teuren Investitionen gefährden. Diskrete Schutz-Zölle wie beim Bier dürfen innerhalb der EG nicht sein: Artikel 30 des EG-Vertrags verbietet derartige Handelshemmnisse. Europäische Konkurrenten haben sich inzwischen über die Deutschen beschwert. In diesem Jahr, meldete EG-Kommissar Karl-Heinz Narjes besorgt in die Heimat, wird wahrscheinlich der Europäische Gerichtshof über den Streit entscheiden.
Der Ausgang des Prozesses ist nicht zweifelhaft. Nach Landesrecht hergestellte Erzeugnisse, so hat das Gericht bisher stets befunden, müssen auf den Markten aller Mitgliedsstaaten zugelassen werden.
Nur Gesundheitsbedenken, wenn sie begründet sind, berechtigen zu Einfuhrbeschränkungen. Darauf setzt jetzt die bundesdeutsche Bier-Lobby alle Hoffnung und verbreitet mit Fleiß, der Rohfruchtsud der EG-Kollegen enthalte allerlei giftiges Zeug.
So warnte auch Franz Josef Strauß davor, mit der Freigabe der Importe "der Chemie Tür und Tor zu öffnen". Die Folgen, behauptet er, wären "äußerst bedenklich".
Die in Bonn ansässige Arbeitsgemeinschaft der Verbraucher, die den deutschen Bierkonsumenten durchaus vor Schaden bewahren möchte, sieht das anders: "Verbraucherschutz wird nur vorgeschoben, um Eigeninteressen durchzusetzen."
Auch auf die EG-Kommissare macht der deutsche Reinheitsmythos wenig Eindruck. Die Brüsseler wissen nämlich, so gab Bundesernährungsminister Josef Ertl zu bedenken, daß "auch in der Bundesrepublik Bier, das für die Ausfuhr bestimmt ist, unter Verwendung von Rohfrucht hergestellt werden darf und hergestellt wird".
Für die deutschen Brauer eine mißliche Lage: Sie können sich nicht gut sagen lassen, daß sie giftiges Bier in fremde Länder verkaufen und den reinen Saft nur ihren Landsleuten ausschenken.
Tatsächlich sind die hierzulande verkauften Biere nicht alle von jener schieren Reinheit, die deutsche Brauer rühmen. Das Symbol allen Bieres, das tschechische "Pilsner Urquell" zum Beispiel, dürfte nach dem Reinheitsgebot eigentlich gar nicht ins Land importiert werden, weiß Anton Klimm, Vorstandsvorsitzender des Münchner Hacker Pschorr Bräu.
Längst gehen auch die heimischen Reinheitsbrauer mit Chemikalien um. "In steigendem Maße", berichtet Jörg Gromus von der Beck's Brauerei in Bremen, "setzen auch mittlere und kleinere Betriebe verschiedene Stabilisierungsmittel ein."
Die Mittelchen haben einen wichtigen Vorteil: Das Bier läßt sich billiger herstellen.
Um den Gerstensaft mit Naturprodukten wie Bentonit und Kieselgel zu klären und haltbar zu machen, kalkulieren die Brauer 30 bis 57 Pfennig je Hektoliter ein. Der chemische Werkstoff Polyvinylpolypyrrolidon leistet dasselbe für nur 4,6 Pfennig.
Findige Chemiefirmen drängen inzwischen ungeniert in den angeblich so reinen Markt. "Stabiquick-stabil, damit Sie Ihr Bier nicht wiedersehen", wirbt ein Unternehmen in der Bier-Fachpresse. Die Harzer Gipswerke empfehlen sich den Sudhäusern mit dem Spruch: "Besseres Bier mit Braugips."
Schon längst wird mancherorts das Brauwasser, dessen Güte nahezu jede Bierfabrik rühmt, durch allerlei Beigaben verfeinert. Mit verschiedenen Mineralsalzen oder schlichtem Kochsalz wird das Bier bereits in der Vorproduktion auf Geschmack gebracht.
Und bedenklicher als Ascorbinsäure im Rohfruchtbier sind nach Ansicht von Fachleuten jene krebsverdächtigen Nitrosamine, die durch die gängige Hochtemperatur-Mälzerei ins Bier geraten. Als nicht minder übel gelten die gebräuchlichen Filter, die Asbestfasern ins Bier abgeben.
Franz Josef Strauß ließ in seinem Brief an den Kanzler erkennen, wie seine Sorge um den "Schutz der Bevölkerung vor chemischen Rückständen" wirklich zu verstehen ist. Wenn die Reinheits-Barriere für Importbier fällt, barmte er, würde "der deutsche Markt von ausländischem Bier überschwemmt".

DER SPIEGEL 2/1982
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