17.05.1982

GESTORBENFriedrich Schröder-Sonnenstern

Friedrich Schröder-Sonnenstern, 89. Im Berlin der zwanziger Jahre war er als Heiratsschwindler, Wahrsager, Wanderprediger und - weil er Brötchen an hungernde Kinder verteilte - auch als "Schrippenfürst von Schöneberg" bekannt. "Friedrich der Einzige", Sohn eines versoffenen ostpreußischen Briefträgers, pendelte ein Leben lang zwischen Wahn und Wirklichkeit. Er verbrachte Jahre in Irrenhäusern, pries sich als "der klügste Mann im Himmel und auf Erden". Mit knapp 60 erst begann er, auf Geheiß seiner Lebensgefährtin "Tante Martha", mit Buntstiften zu malen und zu zeichnen - bizarre Fabelwesen aus Mensch und Tier, groteske Allegorien voll greller Sexualsymbolik, schwellender Brüste, stilisierter Phallen. Die Kunstkritik stellte ihn rühmend den Surrealisten zur Seite, Psychiater attestierten seinem Werk deutlich "schizophrene Merkmale". Doch der Marktwert des "Sonnenkönigs", den Dürrenmatt und Henry Miller verehrten, verfiel, als er - für Schnaps - plumpe Fälschungen signierte, eigene Werke zusammenpfuschte. Die Berliner verhöhnten schließlich den "Arschmaler Sonnenstich". Letzte Woche starb Schröder-Sonnenstern in Berlin.

DER SPIEGEL 20/1982
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