01.06.1981

JAPAN/DDRKaiser und Kommunist

Großer Auftritt, große Ehren für Erich Honecker auf Staatsbesuch in Japan.
Die Show verfehlte ihre Wirkung nicht, der Gast war, sagte er, "tief bewegt".
Mit Böllerschuß und Fanfarenklang, mit Kinderjubel und Kaiservisite empfing Tokio den Staatsratsvorsitzenden der DDR, Erich Honecker, zum Staatsbesuch. Kein König, kein amerikanischer Präsident ist im Nachkriegs-Japan mit erlesenerem Zeremoniell, mit ausgesuchterer Höflichkeit und Aufmerksamkeit bedacht worden, so scheint's, als der SED-Chef.
Im schwarzen Rolls-Royce, das kaiserliche Emblem, die goldene Chrysantheme, auf der Tür und einen DDR-Stander auf dem Kühler, wurde Honecker vom Flughafen Haneda zum "Gehinkan", dem Gästehaus der Regierung, chauffiert.
Dort, in prunkvoll häßlichem Versailles-Verschnitt, ehedem Wohnsitz des japanischen Kronprinzen, wurde anderntags der "hohe Gast" (DDR-Fernsehen) vom Kaiser offiziell begrüßt: Der greise Tenno fuhr vor, eilte die Eingangsstufen hinauf und mit ausgestrecktem Arm Herrn Honecker entgegen, der im Hintergrund der Halle wartete. Ernster Händedruck. Die Rollen schienen vertauscht: als ob Ostdeutschlands Oberkommunist den japanischen Tenno S.126 empfange, inzwischen der Welt einziger Kaiser.
Draußen tönten Fanfaren. Die Ehrengarde der japanischen Landstreitkräfte war aufmarschiert und angetreten. In gemessenem sozialistischem Gang schritt Honecker die Front der weißgoldenen Galasoldaten ab. Junge Pioniere, DDR-Fahnen schwenkend, jubelten -- die Kinder der rund 140 in Tokio lebenden DDR-Bürger. Damit das Häuflein nicht zu mickrig wirke, hatte das Protokoll mehrere Gruppen japanischer Schulkinder hinzugesellt. Die taten auch begeistert.
Mittags empfing der Kaiser im Palast und bat zu Tisch: Es war die einzige Gelegenheit, bei der dem Gast nicht höchste protokollarische Ehren zuteil wurden; ein Abendmahl mit dem Tenno hätte mehr gegolten. Doch Honecker hatte sich das selbst zuzuschreiben, denn den abends zwingend vorgeschriebenen "Frack mit Orden" anzulegen war ihm denn doch zu weit gegangen.
Artigkeiten allenthalben: Dem SED-Chef ging die Anrede "Majestät" leicht von den Lippen, er begrüßte gar die beim Herrenessen nicht anwesenden "verehrten Damen". Gastgeschenke wurden ausgetauscht: Ein Porzellanteller für den Deutschen, für den Kaiser (im Nebenberuf Meeresbiologe) das übliche Staatsgast-Geschenk: ein Mikroskop, mindestens das dreißigste. So eines hatte auch Bundespräsident Scheel 1978 bei seiner Visite in Tokio schon mitgebracht. Carl Zeiss-Ost und Carl Zeiss-West -- gesamtdeutsche Begegnung im Tenno-Labor.
Abends ein Galadiner bei Ministerpräsident Zenko Suzuki, am Tag drauf eins mit hundert auserwählten Industrie-Bossen. Und zwischendurch Gespräche, politische, wirtschaftliche, mit Premier Suzuki, mit Industriellen, mit Parteiführern -- ernste Verhandlungen, wie des Gastes Gesicht verriet. Nur als KP-Chef Miyamoto kam, durfte gelacht werden: Mit strahlendem Bruderkuß versuchten die Genossen, ihre jahrzehntealten ideologischen Differenzen zu überwinden.
Nippons Politiker ehrten Honecker, indem nicht sie den Gast zu Gesprächen baten, sondern alle zu ihm kamen. Das DDR-Fernsehen, tagelang verbissen bemüht, den Staatsbesuch zum absoluten "Höhepunkt der Beziehungen zwischen beiden Ländern" hochzujubeln, erkannte die wahren Relationen. Die Reporter sprachen nur noch schlicht vom "Akasaka-Palast, der Residenz des Staatsratsvorsitzenden".
Honecker genoß das Staatstheater offensichtlich. Denn gleichgültig, welche Ergebnisse die politischen und wirtschaftlichen Verhandlungen zeitigen sollten (SPIEGEL 21/1981) -- der Besuch allein schon war des DDR-Obersten großer außenpolitischer Triumph.
Erstmals hatte er einen Auftritt im westlichen Ausland (von einer Kurzvisite im neutralen Österreich abgesehen), und auf Anhieb kam er daher mit der Grandezza eines der ganz Großen dieser Welt. Verständlich, daß die DDR-Medien ihre Freude kaum zu bändigen wußten. Ein kleiner Schönheitsfehler schlimmstenfalls dabei war längst vergessen: Drei Jahre lang hatte die DDR um die Einladung nach Tokio antichambriert.
Die japanische Regierung tat schließlich aber alles, dem Staatsratsvorsitzenden seinen Auftritt zum Fest zu machen. Wohl wissend um die Profilneurose und das Prestige-Bedürfnis des Ostdeutschen auf internationaler Szene, rollte Tokio den roten Teppich einfach etwas länger aus als üblich. Nicht dem politischen, nicht einmal dem wirtschaftlichen Gewicht der DDR (nach der UdSSR Japans wichtigster Handelspartner im Ostblock) war das Brimborium der Staatsvisite angemessen.
Die scheinbare Verbeugung der japanischen Politiker vor dem DDR-Besucher war denn auch und vor allem Ausdruck eines gelassenen Selbstbewußtseins, das in Japan erst in jüngster Zeit herangereift ist: Wenn es dem Seelenfrieden des Gastes dienlich ist, darf die Besuchs-Show auch gern eine Nummer zu groß geraten. Denn mit einem von Glanz und Gloria beeindruckten Gast ist hinterher besser über Geschäfte reden, glauben die Japaner. S.127
Dafür durfte Honecker sogar seinen ersten Titel als Ehrendoktor der Rechte entgegennehmen: Die Nihon Universität zeichnete ihn für seine steten Bemühungen "um den Frieden" aus. Und der SED-Chef sprach zum Thema: "Es ist notwendig, die politische Entspannung durch die militärische zu ergänzen."
Rechtzeitig zum Staatsbesuch erschien auf dem Markt die japanische Ausgabe von Honeckers Autobiographie "Aus meinem Leben". Einmal mehr durfte der Geehrte im Rampenlicht stehen -- und erste Exemplare signieren.
Kein Geringerer als der Präsident des mächtigen japanischen Industrieverbandes Keidanren, Yoshihiro Inayama, hielt die Laudatio auf die "sehr ernste, bescheidene, resolute Persönlichkeit".

DER SPIEGEL 23/1981
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