Im Zeitalter der Massenmedien hat nur ein einziger Film, und noch dazu ein schlechter -- italienischer --, an eine der bedeutendsten und rätselvollsten Frauen der Weltgeschichte erinnert: an "Teodora, Imperatrice di Bizanzio" (1953).
Das wenigstens berichtet der Londoner Altphilologe und Althistoriker Robert Browning, 67, der ihr Leben gemeinsam mit dem ihres Mannes in einer nunmehr auch auf deutsch erschienenen Doppelbiographie geschildert hat.
Gemeint sind Kaiserin Theodora (497 bis 548) und ihr Gemahl, der große oströmische Kaiser Justinian I. (482 bis 565). Er gewann während seiner Herrschaft (seit 527) noch einmal fast den gesamten, an die Germanen verlorenen Westen der Mittelmeerwelt für das Ostreich Byzanz zurück.
Durch seine Feldherren, vornehmlich Belisar und Narses, ließ Justinian die Vandalen in Nordafrika und die Ostgoten in Italien niederwerfen. Er behauptete das Reich zudem gegen den Ansturm von Persern und Bulgaren; er ließ den schönsten Kirchen- und Kuppelbau des Ostens, die Hagia Sophia (seit 1453 eine Moschee der osmanischen Eroberer), errichten und endgültig das Römische Recht kodifizieren, eine historische Leistung, die Browning mit dem Satz kommentiert: "Kein Gesetzgebungswerk außer den Zehn Geboten hatte seither eine so weitreichende Wirkung."
Mit Hilfe vieler ausgezeichneter Bilder erzählt Browning das Leben des Kaiserpaars farbig, einprägsam und niemals redselig-verschwommen. Sozial- und wirtschaftshistorische Hinweise fehlen nicht, hätten aber noch ausführlicher ausfallen dürfen.
Auch Browning benutzt immer noch die wohl interessanteste Quelle für das Leben des Kaiserpaars: die "Geheimgeschichte" des Prokopios, die im Westen zu Beginn des 17. Jahrhunderts in einer handschriftlichen Kopie entdeckt wurde.
Der Jurist Prokop aus Cäsarea in Palästina war der wichtigste Historiker des justinianischen Zeitalters. Er hatte des Kaisers Obergeneral und Vertrauten Belisar auf dessen Feldzügen gegen Perser, Vandalen und Ostgoten begleitet und sie mit an Thukydides geschulter Sachlichkeit beschrieben.
Wichtiger als Prokops spätes Auftragswerk über die kaiserlichen Bauten, eine byzantinisch-höfische Lobeshymne auf den Kaiser, ist das kurioserweise kurz davor entstandene, von Haß und S.261 Furcht diktierte Pamphlet der "Geheimgeschichte", in der Prokop seine offizielle Kaiserverehrung abgelegt und Justinian wie vor allem Theodora -vor der er sich genauso fürchtete wie sein Freund Belisar -- zuweilen geradezu infam verunglimpft hat.
"Liest man sie mit gebotener Vorsicht", urteilt Browning freilich, "ergänzt die Geheimgeschichte jedoch recht gut die Geschichte der Kriege."
Was Prokop, hier gleichsam Sprecher der alten Oberschicht, der städtischen Patrizier, Senatoren und hohen Beamten, am Kaiserpaar störte, war auch dessen soziale Herkunft.
Es war der abenteuerliche Aufstieg zweier (nicht nur) vom Glück begünstigter Menschen gleichsam aus dem Nichts -- wofür Justinians wohl für immer unbekannt bleibende erste Lebenshälfte das Symbol ist -- zu den Höhen unumschränkter, jedoch niemals ungefährdeter Macht.
Neid und Haß, Furcht und Verachtung Prokops wie der Aristokraten galten vor allem der unerschütterlichen Liebe und daher auch niemals gebrochenen Ehe Justinians und Theodoras: der Ehe eines thrakischen Bauernsohnes, wenngleich von eminenten Geistes- und Herrschergaben, mit der Tochter eines Bärenwärters, einer Dirne (oder zumindest Zirkusstripperin) von ganz ungewöhnlicher Entschluß- und Tatkraft, die offenbar auch eine (zumindest aufrichtig gemeinte) religiöse Bekehrung bewirkt hatte.
Als der Thraker Petrus Sabbatius -später Justinian I. -- mit rund 40 Jahren S.264 die junge Frau kennenlernte, war er bereits der mächtigste Mann des Reiches, die Graue Eminenz seines fast schon senilen Onkels Justin, der als greiser Chef der Palastwache völlig überraschend Kaiser wurde.
Die damals etwa 25jährige Theodora lebte in einem kleinen Haus nahe dem Palast und ernährte sich höchst ehrbar von der Wollspinnerei. Auch das erwähnt Prokop, der laut Browning über ihre nicht eben fromme Jugend "mit der neurotischen Geilheit der Prüderie" berichtet habe, weswegen er "nicht zu wörtlich" zu nehmen sei.
Vornehmlich "gehässiger Gesellschaftsklatsch", so Browning, sei dabei Prokops Quelle gewesen. Ihm zufolge hatte Theodora schon als unreifes Kind nach dem frühen Tod des Vaters "mit üblen Burschen wie ein Lustknabe schmählichen Umgang". Angeblich sei sie dann ins Bordell gekommen, später aber zu den Schauspielerinnen und Tänzerinnen in den Zirkus gegangen.
"Sie war sehr nett und witzig", schrieb Prokop, "und erregte dadurch in Kürze allgemeine Aufmerksamkeit. Nie kannte das Weib irgendwelche Scham, und niemals sah sie irgendeiner verlegen; ohne jedes Zögern willfahrte sie dem schändlichsten Verlangen, und sie gehörte zu den Mädchen, die trotz Prügel und Ohrfeigen noch vergnügt scherzten und hell auflachten."
Auch von Theodoras perverser Unersättlichkeit weiß Prokop zu erzählen und von ihrem Spezial-Auftritt im Theater: "Lediglich Scham und Lenden waren bedeckt ... Mit dieser minimalen Bekleidung lag sie dann ausgestreckt rücklings auf dem Boden. Einige Bühnenarbeiter streuten über den Schoß Gerstenkörner, und die Gänse, die dazu abgerichtet waren, pickten sie mit ihren Schnäbeln einzeln auf."
Theodora suchte dann jedoch den Zirkus-Nummern und Playboy-Orgien der Hauptstadt zu entkommen. Sie ließ sich von einem hohen Beamten, der als Gouverneur in eine kleinere afrikanische Provinz versetzt wurde, als Mätresse mitnehmen. Doch ihr scharfer Verstand raubte dem Mann die Ruhe und die Ältlichkeit des Liebhabers der Frau den Nerv. Nach einem Hauskrach wurde sie auf die Straße gesetzt.
Womit auch immer sie sich die 2000-Kilometer-Heimreise erkauft haben mochte -- auf dem Weg nach Konstantinopel jedenfalls disputierte sie in Alexandria mit führenden Theologen, die offenbar an Theodoras Verstand (noch) mehr Gefallen gefunden hatten als an ihrer Schönheit.
Fortan neigte sie zeitlebens der ägyptisch-syrischen Häresie des Monophysitismus zu, also zur Lehrmeinung, Jesus Christus sei eine Person mit einer, nämlich gottmenschlichen Natur, während das von den großen Konfessionen des Christentums anerkannte christologische Dogma des Konzils von Chalkedon (451) besagt, Jesus Christus sei eine Person mit zwei Naturen, einer göttlichen und einer menschlichen.
Solange Theodora lebte, duldete Justinian den Dogmen-Dualismus in der Christologie trotz päpstlicher Proteste. Stillschweigend billigte er damit die Sonderstellung des monophysitischen Ägypten.
Auch in dieser Haltung Justinians bezeugt sich die erstaunliche Symbiose des Kaiserpaars, die Fähigkeit beider, sich fast ideal zu ergänzen und aufeinander einzugehen, um dann auch, wenn nötig, höchst kunstvoll Gegner und Feinde mit einer jeweils ganz verschiedenen politischen Taktik zu verwirren und auszumanövrieren.
Der Kaiser war dabei der geduldige, gründliche Planer, ein Aktenmensch, der sich in allen Detailfragen auskannte und seine ehrgeizigen Ziele, an denen er dann auch zäh und zuweilen mit abstrakter Verbohrtheit festhielt, auf Jahre im voraus festlegte.
Wegen seiner Zurückhaltung, seiner nur oberflächlich bezwungenen Menschenscheu zeigte er sich jedoch manchmal in entscheidenden Situationen, bei plötzlich auftauchenden Widerständen und Gefahren mutlos und entschlußschwach -- so auch nach Theodoras Krebstod, 548, als er für Monate regelrecht in Lethargie verfiel.
Die Kaiserin hingegen war ohne Furcht, sie zögerte nicht, sie zweifelte niemals an sich selbst, sie paßte sich geschmeidig auch überraschenden Situationen an, ohne jemals ihre wahren Absichten aufzugeben.
Theodora war schön, und sie konnte die Menschen, wenn sie wollte, ebenso durch Charme und Beredsamkeit bezaubern wie durch Verstand, Geistesgegenwart und unfehlbares Gedächtnis überwältigen. Wenn es darauf ankam, ließ sie, bedenkenloser als ihr Mann, unbezähmbar in ihrer Rachsucht, Feinde der gemeinsamen Herrschaft rücksichtslos aus dem Wege räumen.
So blieb sie in Zeiten der Gefahr der ruhende Pol. Ihr verdankte Justinian 532 die Erhaltung des Throns, vielleicht des Lebens.
Auf dem Höhepunkt des sogenannten Nika-Aufstands (griechisch "nika" = "siege!") in der Hauptstadt im Januar 532 hatte der Kaiser auch angesichts der zögernden Haltung seiner Generale die Nerven verloren. Er wollte zu Schiff nach Thrakien entfliehen, um sein Leben zu retten -- was ihn unfehlbar den Thron gekostet hätte.
Nunmehr kam es zu einer Shakespeare-Szene, die Prokop in seinen "Perserkriegen" überliefert hat. Theodora, die bislang in der Jammer-Sitzung des Krisenstabes geschwiegen hatte, sagte zu den schlotternden Helden in Purpur und Rüstung:
"Ob eine Frau den Männern ein Beispiel an Tapferkeit geben soll, das zu entscheiden ist hier nicht der Ort. Im Augenblick der äußersten Gefahr muß man das Nötige tun ... Wünschst du Sicherheit, o Kaiser, ist das Problem einfach zu lösen. Wir sind reich, und dort ist die See, da unsere Schiffe. Sieh aber zu, daß dich nach der Rettung nicht das Verlangen ankommt, den Tod ... vorzuziehen. Was mich betrifft, liebe ich das alte Wort: ''Der Purpur ist das schönste Leichtentuch.''"
Nach dieser moralischen Wiederaufrüstung drangen Justinians Generale Belisar und Mundus wenige Stunden später mit ihren germanischen Söldnern in das Hippodrom (den großen Zirkus mit der Wagenrennbahn) ein und schlachteten die Aufrührer ab; auf die Fliehenden wartete am dritten Tor Narses mit seiner Soldateska.
Der vom Volk bereits zum Gegenkaiser ausgerufene alte General Hypatius wurde zum Kaiser in den Palast geschleppt. Der wollte ihm das Leben schenken -- aber die Kaiserin ließ Hypatius und dessen Bruder hinrichten.
Niemals vergaß Justinian, was Theodora für ihn getan hatte. Browning: "Er war ihr ganz ergeben, und ihr Vertrauen zueinander war vollkommen."
Rudolf Ringguth
DER SPIEGEL 41/1981
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