01.06.1981

DRITTEWELT Brust statt Schnuller

Mindestens eine Million Babys sterben jährlich an den Folgen unhygienisch zubereiteter Flaschennahrung. Die Uno beschloß jetzt ein Werbeverbot.
Die junge Afrikanerin hockt an einer schlammigen, braunen Wasserstelle, schiebt mit den Händen die schwimmenden Abfälle beiseite und füllt die Babyflasche mit der schmutzigen Brühe. Ihr Kleinkind kriecht auf die Flasche zu, an deren Schnuller schon die Fliegen sitzen.
Szenen aus dem Film "Die Flaschenkinder", mit dem Dritte-Welt-Gruppen in den Vereinigten Staaten, der Bundesrepublik und anderen europäischen Staaten zum großen Feldzug gegen künstliche Babynahrung aufrufen.
Der Film spielt in Kenia, doch was er zeigt, ist überall in Asien, Afrika und Lateinamerika Wirklichkeit, wo viele der Armen ihren Kindern statt der Brust den Schnuller geben; wo Trockenmilchpulver "für Mutters kleinen Schatz" (jüngste Nestle-Werbung in Hongkong), Foremost-Baby-Milk "so sanft wie deine Liebe" oder "Glaxo-Sunshine, am besten für Babys sanfte Verdauung" (in Indien) mit aufdringlichen Werbemethoden in viele Slums gebracht wird.
Eigentlich sollte künstliche Babynahrung, ein Vier-Milliarden-Mark-Geschäft für die westlichen Nahrungsmittelkonzerne, die Unterernährung von Dritt-Welt-Kindern bekämpfen. Doch Unhygiene und Unwissenheit, verschmutztes Wasser, nicht sterilisierte Flaschen, falsche Anwendung verkehren die Wirkung des weißen Pulvers nach Ansicht von Experten oft ins Gegenteil: Flaschenkinder werden leichter Opfer von schweren Durchfällen und tödlichen Infektionen als an der Brust gestillte Säuglinge.
Mindestens eine Million Kinder in Entwicklungsländern, so schätzt Tarzie Vittachi vom Weltkinderhilfswerk "Unicef", sterben jährlich wegen falscher und unzureichender Ernährung mit Muttermilchersatz, nicht etwa, weil die Mütter nicht stillen können, sondern weil ihnen gesagt wurde, daß ein bestimmtes Babymilchpulver "ebenso gut", "besser", "moderner", "wissenschaftlicher", "schicker" oder einfach bequemer sei.
Nun stimmten die Delegierten der Weltgesundheitsorganisation WHO über eine gemeinsame Resolution von WHO und Unicef ab, die empfiehlt, ein Werbeverbot für Babynahrung zu erlassen. Die Resolution wurde mit 93 zu 3 Stimmen angenommen.
Sie geht auf einen fast zehnjährigen Kleinkrieg von Entwicklungshelfern, Ärzten und Dritt-Welt-Initiativen gegen internationale Nahrungsmittelkonzerne zurück.
Betroffen ist vor allem der Schweizer Riese Nestle (Jahresumsatz: 24 Milliarden Mark), der 1975 gegen die "ungeheuerlichen Behauptungen" der Berner "Arbeitsgruppe Dritte Welt" vor Gericht zog. Die Berner hatten in einer Broschüre mit dem griffigen Titel "Nestle tötet Babies" die Werbemethoden des Multis für Babynahrung in der Dritten Welt angeprangert. Der Prozeß S.152 brachte den Entwicklungskämpfern weltweite Publizität und dem Mammutkonzern nur wenig ein: Die Gruppen-Mitglieder wurden zwar wegen "übler Nachrede" zu einer Geldstrafe von je 300 Franken verurteilt. Der Richter erteilte jedoch dem Konzern die Empfehlung, "seine Werbemethoden in den Entwicklungsländern von Grund auf zu ändern".
Als unbestreitbar mußte Nestle damals gelten lassen, daß die Methoden beim Verkauf von Babynahrung in der Dritten Welt
* "unethisch und unmoralisch" seien,
* "den Tod oder bleibende geistige und körperliche Schäden Tausender von Kindern" verursachen,
* Mütter irreführten, indem "als Krankenschwestern getarnte" Verkäuferinnen dem Babymilchgeschäft "einen wissenschaftlichen Anstrich" geben.
Doch auch nach dem Urteil ging der Flaschenkrieg weiter. Seit 1977 betreiben aktivistische Gruppen in den USA einen Boykott der Nestle-Produkte, um ein "sozial verantwortlicheres" Verhalten des Konzerns zu erzwingen. Aus der kleinen Schar von Boykotteuren wurde durch Unterstützung des Nationalen Kirchenrats und der größten US-Autogewerkschaft eine Riesenbewegung, die "den Multi wohl einige Milliönchen" gekostet hat, so einer der Entwicklungskämpfer.
Der Schweizer Konzern ging auf Gegenkurs. Mit einem ansehnlichen Betrag, so berichtet die sonst recht unternehmerfreundliche Schweizer "Weltwoche", half Nestle der steuerfreien, konservativen Stiftung EPPC (Ethics and Public Policy Center), deren Leiter Ernest W. Lefever mit den Babynahrungskonzernen sympathisierte.
Angetan zeigte sich der Konzern über den ihm wohlgesonnenen Artikel des amerikanischen Journalisten Herman Nickel im Magazin "Fortune", der die Babyflaschen-Boykotteure als Marxisten bezeichnete, "die unter dem Banner Christi marschieren".
"Die hohen Herren aus Vevey (Nestle-Sitz) halten Vorträge in erlauchten Kreisen und singen das Hohelied der lieblichen Multis in böser Umgebung", kommentierte die Berner Arbeitsgruppe Dritte Welt die neue Nestle-Imagepflege.
Es gehe jedoch "nicht um einen Kampf zwischen 'Bösen' und 'Guten', sondern um ein Gesundheitsproblem, das Überleben von Millionen Kindern", so Jean-Pierre Allain von der Genfer Vereinigung für Kinderernährung.
Vor der Uno aber ging es diesmal noch um mehr: Die Dritte Welt hat in der WHO ein Forum entdeckt, auf dem die Nahrungsmittelkonzerne der reichen Industriewelt wegen "unmoralischen Verhaltens" in den armen Ländern angeprangert werden können.
Mit Verbitterung sahen die Dritte-Welt-Staaten die Versuche der westlichen Industrie-Lobby, die Uno-Resolution schon vorab zu Fall zu bringen. Die US-Giganten Abbott Laboratories, American Home Products und Bristol-Myers verlangten von der amerikanischen WHO-Delegation, den unausgewogenen, unrealistischen Vorschlägen die Zustimmung zu verweigern. Die US-Delegation stimmte denn auch tatsächlich als einzige Industrienation gegen die Resolution, worauf zwei hohe US-Gesundheitsbeamte aus Protest und "Scham über die Regierung" die Ämter niederlegten.
Der Internationale Rat für Säuglingsnahrungsindustrien (Icifi), dessen Mitgliedsfirmen 85 Prozent des Marktes für Babymilchpulver in Entwicklungsländern halten, stieß in die gleiche Richtung wie die US-Firmen: Es handele sich um "unnötig restriktive" Vorschriften, welche die Geschäftstätigkeit beeinträchtigten. "Das trifft auch zu", konterte Uno-Mann Vittachi, "aber nicht mehr als bei Beschränkungen für die Werbung und den Vertrieb von gefährlichen Drogen, Zigaretten und Pornographie."
Dabei hatte es lange Zeit nach einer Einigung zwischen Babynahrungs-Industrie und WHO ausgesehen, denn die Icifi arbeitete an der Entstehung der Resolution mit und verpflichtete sich schon 1975, einen freiwilligen Berufskodex zu beachten, mit dem dubiose Werbemethoden unterbunden werden sollten. Die Flaschengegner wollen jedoch etliche Verstöße gegen den Ehrenkodex in Entwicklungsländern entdeckt haben.
Auch Regierungen mißtrauen offensichtlich der guten Absicht der Konzerne und haben von sich aus den Markt für künstliche Babynahrung reglementiert:
* Algerien und Papua-Neuguinea erließen strenge Gesetze, die jegliche Anzeigen für Babymilchpulver verbieten. Saugflaschen und Schnuller gibt es nur auf Rezept.
* Peru verlangt bei Babynahrung den Hinweis, daß "Muttermilch die ideale Nahrung für Kleinkinder ist".
* In Spanien darf der Aufdruck "ersetzt Muttermilch" nicht auf dem Etikett stehen.
* In Brasilien läuft zur Zeit eine große Kampagne: "Gib deinem Baby die Brust", steht auf Lotto-Scheinen, Licht-, Gas- und Wasserrechnungen. "Muttermilch verhindert Krankheiten, stärkt das Baby, ist praktisch und sparsam", heißt es in brasilianischen Fernsehspots.
"Doch was nützt die beste Kampagne fürs Stillen, wenn im brasilianischen Fernsehen täglich Spielfilme laufen, in denen Babymilchpulver als moderne Lebensart vorgeführt wird", fragte eine brasilianische Publizistin.
Und was nützt der Ruf zurück zum Busen der Natur, so fragen sich Kritiker, wenn Brasiliens größte Frauenzeitschrift "Claudia" ihre Leserinnen auffordert: "Greift einfach zur Flasche!"
In ihrer Februar-Nummer verglich die Illustrierte "Mütter aus primitivsten afrikanischen Stämmen" mit den "aktiven unabhängigen Frauen, für die Stillen ein Gefängnis bedeutet". Zufällig stand im "Diskussionsbeitrag" eine Anzeige für Babynahrung.

DER SPIEGEL 23/1981
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