15.03.1982

ARCHITEKTURGlückliche Lösung

Eines der gelungensten Beispiele sozialer Architektur, die Margarethenhöhe in Essen, hätte nur weitergebaut werden müssen. Doch „moderne“ Architekten verschmähten das Vorbild.
Auf der Suche nach Vorbildern für einen wahrhaft sozialen Wohnungsbau scheuen Deutschlands Städteplaner keine Strapazen. Um Beispielhaftes auszugucken, reisen Architekten und Baubeamte immer wieder in Scharen über die Grenzen.
Doch zuweilen liegt das Gute direkt vor der Tür. Als die Stadt Essen während der vergangenen zwei Jahrzehnte die Siedlung Margarethenhöhe II errichtete, hätte sie an der ersten Margarethenhöhe nur weiterbauen müssen. Deren Tauglichkeit war seit mehr als einem halben Jahrhundert erwiesen, ihre Brauchbarkeit und Wirtschaftlichkeit - auch nach heutigen Maßstäben - waren in In- und Ausland hinlänglich bekannt.
Einmütig rühmten Essens Stadtverwalter die "bausoziale Tat" und "städtebauliche Leistung" der Margarethe-Krupp-Stiftung für Wohnungsfürsorge als ein "Vorbild von fortwirkender Kraft". Als Ende der fünfziger Jahre die Pläne zur Erweiterung der Siedlung reiften, nannte der Aufsichtsratsvorsitzende der Stiftung, Josef Walther Hollatz, die alte Margarethenhöhe noch das "siedlungspolitische Gewissen" der Stadt.
Doch was dann - bei der Erweiterung der Siedlung - gebaut wurde, muß schwer auf dem Gewissen der Essener Stadtpaner lasten: Der Murks, der da in 20 Jahren Baufummelei entstand, steht als Exempel für die Unfähigkeit aller am Nachkriegs-Wohnungsbau Beteiligten - nur die borniertesten Baubürokraten und Architekten konnten so unverfroren an Bewährtem vorbeibauen. S.229
Ein Vergleich der unmittelbar nebeneinanderliegenden Margarethenhöhen I und II fällt eindeutig zugunsten der patriarchalischen Planung aus kapitalistisch-wilhelminischer Zeit aus - und vernichtend für das Produkt einer vorgeblich sozialen und demokratischen "fortschrittlichen" Architektur.
Wie ist solch ein Nebeneinander von ästhetischer Oase und Wüstenei möglich? Wie sind eine derartige formale Verarmung, eine so offenkundige soziale Verödung zu erklären? Wer, schließlich, hat die zahlreichen Kunstfehler im Detail zu verantworten?
"Wohnungsfürsorge für die minderbemittelten Klassen" war die erklärte Absicht der Stifterin, der Krupp-Witwe Margarethe, als die alte Siedlung Margarethenhöhe zu Beginn dieses Jahrhunderts auf einer Waldkuppe am Essener Stadtrand Gestalt annahm. Die Krupp-Witwe hatte, anläßlich der Verheiratung ihrer Tochter Bertha mit Gustav von Bohlen und Halbach, eine Million Mark und rund 50 Hektar Baugelände für den guten Zweck gestiftet.
Die Millionenerbin handelte in der Tradition der Großindustriellen, die sich die Behausung - und damit Befriedung - ihrer Arbeiter und Angestellten bereits im vorigen Jahrhundert einiges kosten ließen.
Noch auf dem Sterbelager im Jahre 1887 hatte Margarethes Schwiegervater Alfred Krupp den Bau "ordentlicher Wohnungen" verfügt; sogar Anweisungen über die Verwendung von Schiefer und die Beschaffenheit von Dachziegeln sowie über Anpflanzungen in Gärten hatte er erteilt - "damit das Sitzen im Schatten eine Lust" sei.
Die Margarethenhöhe übertraf alle bis dahin gebauten Krupp-Siedlungen - sie wurde das Werk eines Mannes, den der Stiftungsvorstand am 1. Januar 1909 für den Rest seines Lebens verpflichtet hatte: des hessischen Architekten Georg Metzendorf (1874 bis 1934). Metzendorf S.232 hatte gerade das Modell eines zweigeschossigen "Kleinwohnhauses des Industriearbeiters" entworfen und dabei für den Einzelbau, den Garten und die Siedlung drei Leitsätze aufgestellt.
Erste Richtlinie sollte die "Billigkeit" sein; folglich beschränkte sich Metzendorf auf wenige Grundrißtypen, ließ Innenanlagen für die Serienproduktion normen und führte einen Versorgungsschacht mit zentralem Ofen ein, der beide Geschosse beheizte, mit dessen Energie gekocht, gewaschen und gebadet werden konnte.
Der Garten sollte kein "übel gestaltetes Schaustück für die Passanten an der Straße" sein, sondern "erweiterte Wohnung" für die Familie, gegen jeden Einblick von außen geschützt. Schließlich sollte jeder Bewohner als "Individuum" respektiert werden - also vermied Metzendorf alles, "was als eine Numerierung der Bewohner oder ein Einzwängen in ein Schema gedeutet" werden konnte. Der Architekt ließ jede Haustür individuell anfertigen und kümmerte sich noch um die Entwürfe der Türklopfer - kein Eingang sollte wie ein anderer sein.
Metzendorfs Architektur war vom Jugendstil geprägt. Die Fassaden wurden durch Lauben und Erker, Balkons und Loggien gegliedert, geschwungene Giebel und spitze Dächer wurden mit vielerlei Ornamenten dekoriert. Kleinteilige Sprossenfenster bekamen Klappläden, Treppen aus Naturstein wurden mit anmutigen Ziergittern versehen.
Beim Aufriß der gesamten Gartenstadt wollte Metzendorf "nicht zerstörend eingreifen, sondern schonen und erhalten". So fügte er sich der vorgefundenen Landschaft und legte, um einen zentralen Markt, geschwungene Straßen und Sträßchen und kleine Plätze an, mit anrührend wirkenden Namen wie "Schön gelegen", "Trautes Heim" und "Laubenweg", "Kleiner Markt", "Waldlehne" und "Am Nachtigallental".
Die rund 1700 Wohnungen der Idylle wurden bei den Essenern so begehrt, daß Interessenten bald Wartezeiten bis zu 15 Jahren hinnehmen mußten. Mitte der fünfziger Jahre, nach Beseitigung aller Kriegsschäden, schien der langgeplante Ausbau auf etwa doppelte Größe endlich möglich und geboten.
Ein Architektenwettbewerb wurde veranstaltet, und das Verhängnis nahm S.235 seinen Lauf. Der preisgekerönte Entwurf des Essener Architekten Wilhelm Seidensticker sah eine gelockerte Bauweise vor, die zu einer deutlich erkennbaren Mitte hin zusammenwachsen, sich verdichten und erheben sollte. Doch dieser Entwurf wurde so oft und so gründlich überarbeitet, daß kaum etwas vom ursprünglichen Konzept übrigblieb.
Die Baubürokraten kleckerten Flachbauten wie Fabrikschuppen in die gerodete Landschaft, klotzten achtgeschossige Punkthäuser ödester Machart auf unwirtliche Rasenflächen und legten in hervorragender Lage eine Garagenzeile an.
Ein zentrales Heizwerk wurde so brutal in die Mitte der Siedlung und hart neben ein Wohnhochhaus gestellt, daß dem Benutzer eines ohnehin scheußlichen Minibalkons im ersten Obergeschoß die Mauern direkt vor der Nase stehen.
Mit Vorliebe griffen die Architekten zu den Horror-Materialien des modernen Siedlungsbaus: Waschbeton und Glasbausteine, Bleche und Sicherheitsglas. Noch letztes Jahr wurden Wohnkisten aus weißen Eternitplatten bis dicht an die Lärmschneise der Autobahn A 52 gesetzt.
Ein ursprünglich vorgesehener zentraler Treffpunkt mit Restaurants und Läden wurde nicht realisiert. Statt dessen rollt nun - tristes Symbol für den Niedergang eines Wohnquartiers - ein Imbißwagen durch die Straßen: mit Cola, Bratwurst und Fritten.
Dem Planer Seidensticker erscheint die Margarethenhöhe II trotz all ihrer Fehler und Verunstaltungen noch immer als "eine Siedlung, die man jederzeit vorzeigen kann". Noch letzten Herbst nannte er sie "eine glückliche Lösung".
Karl-Heinz Krüger

DER SPIEGEL 11/1982
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