18.01.1982

KIEPKräftiger Helfer

Dem CDU-Schatzmeister gerieten offenbar private und amtliche Geschäfte durcheinander: Kieps Versicherungsfirma gewann auf merkwürdige Weise neue Kunden.
Walther Leisler Kiep erzählte dem "Playboy", wie weit er es schon gebracht hat. "Wenn ich von den Zinsen meines Vermögens leben müßte", bekannte der CDU-Schatzmeister, "könnte ich gut leben."
Die beruhigende Vermögenslage verdankt der 56jährige Politiker einem in Stuttgart ansässigen Unternehmen. Kiep ist Teilhaber beim zweitgrößten deutschen Versicherungsmakler, der Firma Gradmann & Holler.
Das schwäbische Unternehmen beschäftigt sich nicht mit der Vermittlung landläufiger Güter wie Wohnungen oder Kleinkredite: Gradmann & Holler kümmert sich darum, daß Fabriken und Produkte vieler Firmen gegen Unbill wie Feuer, Sturm oder Transportschäden möglichst billig versichert sind.
Derartige Industrieversicherungen sind für den Makler um so lukrativer, je größer der Konzern ist. Von den Versicherungsprämien, bei Großunternehmen weit über 50 Millionen, kassiert der Makler eine Provision, Courtage genannt.
Bei dem komplizierten Geschäft will Kiep seine Firmenpartner offensichtlich nicht allein lassen: In der Versicherungsbranche ist der Eindruck entstanden, daß der Christdemokrat seinen politischen Einfluß für seine Maklerfirma einsetzt.
In den gut viereinhalb Jahren, die Kiep als Finanzminister in Niedersachsen diente, gelang es Gradmann & Holler auf wundersame Weise, Firmen als Kunden zu gewinnen, die Wünsche an sein Amt hatten oder von ihm als Aufsichtsrat kontrolliert wurden.
Als die Nordhorner Textilfirma Povel in Not geriet, organisierte Kieps Finanzministerium zunächst eine Landesbürgschaft. Die vom Land Niedersachsen kontrollierte Norddeutsche Landesbank (Nord/LB), deren Aufsichtsrat Kiep vorsaß, half mit großzügigen Krediten.
Die Manager der Textilfabrik reagierten auf ihre Weise. Sie kündigten ihrem langjährigen Versicherer, dem Kölner Gerling-Konzern, die Verträge und schalteten dafür Kieps Firma ein. Die neue Geschäftsverbindung ließ sich für Gradmann & Holler vorzüglich an: Wenig später folgte das westfälische Textilunternehmen van Delden dem Beispiel der Tochtergesellschaft Povel.
Ähnlich wie bei Povel bahnte sich für Kieps Firma bald eine neue Partnerschaft im Niedersächsischen an. Auch das Braunschweiger Kamera-Unternehmen Rollei wurde vor der endgültigen Pleite mit Landesbürgschaften und Nord/LB-Krediten über Wasser gehalten. Diesmal verlor Gerling die Hälfte des Geschäftes an Gradmann & Holler.
Daß Versicherungsmakler so bequem ins Geschäft kommen, ist selten geworden. Immer mehr Unternehmen gingen in den letzten Jahren dazu über, für die eigenen Versicherungsabschlüsse selbständige Tochterfirmen zu gründen. Durch die Ausschaltung von fremden Maklern können sie nämlich die Courtage der Assekuranz-Konzerne selber kassieren.
Der VW-Konzern in Wolfsburg verfuhr nach diesem Modell. Doch im Gegensatz zu anderen Unternehmen unterbreitete der Vorstand Gradmann & Holler ein in der deutschen Großindustrie einmaliges Angebot.
Am 13. April 1976, zwei Monate nach Kieps Amtsantritt im Finanzministerium zu Hannover, beschloß das Topmanagement von VW, die Stuttgarter Maklerfirma zu einem Drittel an der neu zu gründenden VW-Versicherungsvermittlungs-GmbH zu beteiligen.
Während Gradmann & Holler vor dieser Liaison von VW jeweils Einzelaufträge zur Vermittlung erhalten und dafür von den Versicherungskonzernen von Fall zu Fall Provisionen kassiert hatte, sollte die Kiep-Firma fortan bei allen Versicherungsgeschäften der Wolfsburger mit einem Drittel dabeisein.
Der Beteiligungsbeschluß geriet zu einem Einstandsgeschenk. Kaum war Kiep für den VW-Großaktionär Niedersachsen im März 1976 in den Aufsichtsrat eingerückt, stand auch schon die neue Partnerschaft am 5. Juli auf der Tagesordnung. Die VW-Kontrolleure hatten keine Bedenken gegen den Deal mit Walther Leisler Kiep, der seine Gradmann & Holler-Teilhabe der guten Form halber einem Notar übertragen hatte.
Nur im Betriebsrat wurde Kritik laut. VW werfe durch diese Kungelei "das Geld zum Fenster" raus, hieß es in einem internen Schriftstück: "Oder geht es darum, der CDU und Leisler Kiep gefällig zu sein?"
Bis auf Gradmann & Holler hat es bislang keine Maklerfirma fertiggebracht, auch der Branchenführer Jauch & Hübener nicht, an den Versicherungsfirmen größerer Industriekonzerne beteiligt zu werden. VW-Konkurrenten wie Daimler-Benz oder Opel makeln ihre Feuer-, Sturm- oder Betriebsunterbrechungs-Versicherungen mit eigenen Abteilungen. S.30 Selten wird ein Vermittler eingeschaltet.
Für Kiep und seinen Kompagnon Kurt Stroh entwickelte sich die Geschäftsverbindung mit der größten deutschen Autofirma überaus gedeihlich: Die Überweisungen aus Wolfsburg wurden von Jahr zu Jahr höher. Schon vor Gründung der neuen Firma hatte VW bei einem Prämienvolumen von 60 Millionen allein im Inlands-Konzern für den schwäbischen Drittelpartner einen Gewinn von 670 000 Mark errechnet. 1980 waren die Einkünfte bereits auf mehr als das Doppelte gestiegen. Die Gegenleistung dafür ist reichlich dünn. Laut Beteiligungsvertrag sollte der Stuttgarter Partner die VW-Gesellschaft auch in das Vermittlungsgeschäft mit "Dritten" bringen. In fünf Jahren kam aber nicht ein einziger nennenswerter Abschluß mit einer fremden Firma zustande.
Selbst aus der Suche nach den günstigsten Versicherungstarifen für VW halten sich Kieps Manager weitgehend raus. Die Arbeit besorgen in Wolfsburg 40 VW-Bedienstete, die aus der früheren Versicherungsabteilung in die Vermittlungsgesellschaft eingebracht wurden. Bis vor zwei Jahren noch stand diese Crew auf der VW-Gehaltsliste und belastete nicht einmal die Kostenrechnung der partnerschaftlich gefügten Tochterfirma.
Die im Vergleich zum Drittel-Anteil kleine Kiep-Mannschaft von nur zehn Mitarbeitern, die für die VW-Tochter abgestellt wurden, ist zum Ärger ihrer Wolfsburger Kollegen fast nur für ihren alten Arbeitgeber tätig. Sie sitzt auch weitab - im vierten Stock der Düsseldorfer Kasernenstraße 69, in der Zweigniederlassung von Gradmann & Holler.
Bald dürfte die Kiep Firma noch mehr leicht verdientes Geld aus Wolfsburg einstreichen. Wenn in etwa zwei Jahren die Verträge in der Kraftfahrzeugversicherung mit einem anderen Makler auslaufen, soll auch dieses lukrative Geschäft über die Partner-Firma abgewickelt werden. VW-Händler sollen dann nicht nur Autos verkaufen, sondern ihren Kunden auch die gemeinsame Firma als Versicherungsvermittler andienen.
Gradmann & Holler darf sich der einträglichen Geschäftsausweitung überaus sicher sein. Kritiker bei VW haben seit Jahresbeginn keine Hoffnung, gegen den Kiep-Klüngel etwas ausrichten zu können. Der neue VW-Chef Carl Hahn, Nachfolger des herzkranken Toni Schmücker, ist ein langjähriger Duz- und Parteifreund des Christdemokraten. Ihm verdankt er sogar seine Nominierung und Wahl in Wolfsburg.
Kiep, der nach seiner Demission als Finanzminister im Oktober 1980 entgegen niedersächsischen Gepflogenheiten an seinem Mandat im VW-Aufsichtsrat festhielt, hatte Hahn gegen alle anderen Mitbewerber im Präsidium des Aufsichtsrats durchgeboxt.
Der tatkräftige Helfer, der im Sommer gern zum Bürgermeister der Kaufmannstadt Hamburg gewählt werden möchte, bewies noch in einem anderen Fall, daß er über einen ausgeprägten Erwerbssinn verfügt: Mit seinem Parteifreund Heinz Dürr, Chef des AEG-Konzerns, kam er in ein gutes Geschäft auf Gegenseitigkeit. Mit Wirkung zum 1. Januar dieses Jahres verband sich Dürr, der für seine kränkelnde Firmengruppe jeden Beistand, sei er Bankier oder Politiker, dringend braucht, mit Gradmann & Holler. Der AEG-Chef räumte der Kiep-Firma an seiner firmeneigenen Versicherungsvermittlungsgesellschaft EAS in Frankfurt eine Beteiligung von 45 Prozent ein.
Direkten wirtschaftlichen Sinn macht der Deal für die AEG nicht; denn zum Abbau der Milliarden-Schulden von AEG trug der Verkauf kaum etwas bei. Andererseits gibt Dürr mit der EAS eine sichere Verdienstquelle zum Teil aus der Hand. Nach Branchenschätzung bezahlt der Konzern jährlich über 70 Millionen Mark Prämie. Die Provision dieses Betrages, die bisher allein bei der AEG hängenblieb, fließt nun anteilmäßig an Gradmann & Holler.
Seit Beginn des neuen Jahres hat die EAS auch einen neuen Kunden. Die in Hannover ansässige Deutsche Messe- und Ausstellungs-AG, die jährlich die größte Industrieschau der Welt veranstaltet, wickelt neuerdings ihr gesamtes Versicherungsgeschäft über die Frankfurter Vermittlungsfirma ab. Zufall oder nicht - Aufsichtsratsvorsitzender der Messe AG ist aus alten Hannover-Tagen Walther Leisler Kiep.
Kieps Verbindung zu Dürrs EAS, die Anfang Januar amtlich wurde, war bereits vor Monaten vereinbart worden. Im Frühjahr 1981 aber hatten die beiden Parteifreunde noch ein gemeinsames Anliegen. Dürr wollte sich von der damals noch schwer kränkelnden Tochtergesellschaft Olympia trennen. VW-Aufsichtsrat Kiep hatte einen Abnehmer im Sinn: In Wolfsburg machte er sich für den Ankauf der Wilhelmshavener Schreibmaschinenfabrik stark.
Der VW-Kontrolleur hatte sich vorgestellt, die zur Rettung der Arbeitsplätze mit Landesmitteln gestützte Firma in die VW-Tochter Triumph-Adler (TA) in Nürnberg einzubringen. Doch der Vorstand in Wolfsburg verwarf den Plan, als sich dreistellige Millionenverluste bei TA herausstellten. Einer hatte Kiep damals wortreich unterstützt: VW-Einkaufschef Horst Münzner - ein Freund des Politikers in Gesinnung und Tat. Auch bei ausgefallenen Wünschen, die nicht unmittelbar mit dem Wohlergehen des Automobilkonzerns zu tun hatten, war Münzner gern zu Diensten.
Bei seinen Auslandsreisen, vor allem für seine Trips durch USA und Europa, verlangte es Kiep öfter nach den komfortablen VW-eigenen Jets. Während der Verkaufsvorstand Heinz P. Schmidt derartige Bitten ebenso kurzum abschlug wie den Wunsch von Kieps Sekretärin, in einem Firmenwagen von VW of America durch die USA zu fahren, gab Münzner ohne Schmidts Wissen die Genehmigung zum Fliegen.
Die Hilfsdienste des Einkaufschefs, so diskutieren derzeit VW-Manager offen beim Mittagessen im "Blauen Saal", seien mit einer Beförderung belohnt worden. Kiep setzte sich im Aufsichtsrat dafür ein, daß zum Jahresbeginn nicht Schmidt, sondern Münzner zum Stellvertreter Hahns ernannt wurde.

DER SPIEGEL 3/1982
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