15.12.1980

FILMSchöpfung nach Lucas

Die Fortsetzung von „Krieg der Sterne“ ist jetzt in deutschen Kinos angelaufen. „Das Imperium schlägt zurück“ ist technisch aufwendiger, aber langweiliger als sein Vorgänger.
Die erste Überraschung steht schon in den Titeln. Das neue galaktische Hauen und Stechen wird als Teil fünf des Sternekriegsepos angekündigt. Sein Vorgänger, "Krieg der Sterne", mit 400 Millionen Dollar Einnahmen größter Kassenschlager der Filmgeschichte, war demnach Episode Nummer vier, und von George Lucas, dem Schöpfer dieser Weltraum-Saga, ist zu erfahren, daß der ganze interstellare Kosmos insgesamt neun Filme vereinnahmen wird.
Bleibt es beim dreijährigen Produktionsrhythmus, werden erst die etwaigen Erdenbewohner des 3. Jahrtausends das galaktische Lucas-Evangelium in Gänze genießen können. Die restliche Menschheit, zu früh Geborene allesamt, müssen sich mit Fragmenten und mit Lucas'' spärlichen Andeutungen über das gesamte Epos begnügen.
So soll die erste Trilogie von der Herrschaft der Jedi-Ritter, einer Art kosmischer Samurai, berichten, die das Universum republikanisch regierten. Die Untertanen begingen jedoch den irdischen Fehler, nicht die richtigen Leute zu wählen, und so fiel das Reich in die Hände eines bösen Usurpators. Er machte Darth Vader zu seinem Vasallen und vernichtete die anderen Ritter in einem Hinterhalt. Nur Ben Kenobi konnte im Kampf entkommen, wobei er Darth Vader so verletzte, daß dieser fürderhin offensichtlich nur noch durch Tauchgerät atmen kann.
Die zweite Trilogie, deren erster Teil "Krieg der Sterne" war, erzählt vom jugendlichen Helden Luke Skywalker und von dessen Lehr- und Wanderjahren auf der Milchstraße. Galt es im "Krieg der Sterne", die bezopfte Prinzessin Leia aus den Krallen des Bösen zu befreien und Darth Vaders Weltraum-Fort zu zerstören, so schlägt der Schwarzbehelmte nun zurück.
Luke, sein Freund Han Solo und die Prinzessin, die immer mehr aussieht wie Leni Riefenstahl, haben sich mit ihren Getreuen auf den Eisplaneten Hoth zurückgezogen, wo sie jedoch von Darth Vaders elektronischen Spionen ausgemacht werden. Der schwarze Krieger läßt sofort seine Panzer ausrücken, die wie Dinosaurier auf stelzigen Beinen übers Schneefeld stapfen und von Lukes Leuten im Rodeo-Stil per Lasso zu Fall gebracht werden.
Während der Kampf tobt und der lange Affe Chewbacca am Fluchtfahrzeug herumbastelt, erhält Luke Hologramm-Besuch von seinem geistigen Vater Ben Kenobi, der ihm befiehlt, auf den Sumpfplaneten Dagobah zu fliegen. Dort erwarte ihn sein Lehrmeister Yoda. In der allgemeinen Aufbruchstimmung macht sich Luke davon, und Han Solo nutzt die Gelegenheit, an der Prinzessin herumzuknutschen, allerdings jugendfrei und unbedenklich auch an hohen christlichen Festtagen.
In den schlangenverseuchten Sümpfen des Planeten Dagobah wird Luke zu einem Jedi-Ritter ausgebildet, was hauptsächlich dahin führt, daß er im Handstand via Telekinese Gegenstände in die Luft hieven kann. Sein Lehrmeister Yoda, ein 800jähriger Zwerg, der aussieht wie ein mumifizierter Albert Einstein, dem man die Ohren langgezogen hat, versorgt ihn zudem mit homogenisierten Weisheiten aus dem Stammel-Repertoire der Gaga-Gesellschaft.
Inzwischen haben sich Lukes Freunde nach abenteuerlicher Flucht durch ein Asteroidenfeld und nach versehentlichem Falschparken im Magen eines Ungetüms zu einem lebenslustigen Neger namens Lando begeben, dessen galaktisches Dörfchen starke Ähnlichkeiten mit Manhattan aufweist. Doch das vermeintliche Freiheitzentrum ist nur ein Hinterhalt Darth Vaders.
Als Luke erfährt, daß die Prinzessin und ihr Troß wieder in Feindeshand sind, hält es ihn auf der Sumpf-Uni nicht länger. Er eilt, mit dem kleinen Roboter R2--D2 im Marschgepäck, seinen Freunden zu Hilfe. Doch für Han Solo kommt er zu spät. Darth Vader hat ihn erst mal einfrieren und im Tiefkühlfach verstauen lassen. Doch die Prinzessin, der Affe und der leicht ramponierte Quasselroboter C-3PO werden gerettet. Im abschließenden Laserschwert-Duell mit Darth Vader erfährt Luke eine schreckliche Wahrheit: Er ist der Sohn des Bösewichts. Auflösung der kruden kosmischen Familienverhältnisse in der nächsten Folge: "Die Rache der Jedi".
In Odysseus'' Fußstapfen sah die amerikanische Presse Lucas wandeln. Da muß der Arme aber zehn Schritte tun, um von der Ferse bis zur Spitze des Listenreichen zu kommen. Er ist halt doch nur ein Mythologe der Flipper-Generation. Seinen stets frisch gewaschenen Knopfdruck-Helden fehlt jeglicher Charakter. Sie essen nicht, sie schlafen nicht, und wenn''s mal menschelt zwischen den Geschlechtern, gibt''s ein keusches Küßchen in Jedi-Ehren. Die Galaxie ist nichts als ein asteroidenverseuchter Sandkasten, in dem der alte auf elektronische Display-Technik geschrumpfte Kampf zwischen Gut und Böse nachgespielt wird.
Der kindliche Charme des ersten Films mußte hier einer dümmlichen Pseudophilosophie von der Macht und vom Glauben, der ganze Galaxien versetzen kann, weichen. Wen''s freut, der kann hier wenigstens die gegenüber seinem Vorgänger noch verbesserte Tricktechnik bestaunen. Doch bloße Perfektion erzeugt eben auch nur Langeweile.
Lucas überließ die Regie dem Altroutinier Irvin Kershner, dessen Hauptaufgabe darin bestand, den Menschendarstellern, im Unterschied zu den Robotern, ruckloses Kopfdrehen beizubringen. Der 36jährige Lucas will sein Lebenswerk nur noch als Produzent überwachen. "Ich möchte nicht als Künstler gelten", gesteht er. "Die Welt ist groß, und nicht jeder muß bedeutend sein." Möge die Macht der Selbsterkenntnis mit ihm sein.
S.161 Mit Mark Hammill. *

DER SPIEGEL 51/1980
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