12.10.1981

SCHULENGlück auf

In Nordrhein-Westfalen haben katholische Bekenntnisschulen Zulauf - als „Fluchtburgen“ vor Türkenkindern.
Pfarrer Bernhard Multhaupt von Sankt Marien in Oberhausen macht sich für Moslems stark: Die Heiden aus dem Morgenlande dürften nicht mit Macht christianisiert werden - das wäre "eine eklatante Verletzung der Toleranz gegenüber Andersdenkenden".
Im benachbarten Bistum Münster sind die katholischen Hirten auch so großmütig. S.87 "Die Achtung vor der Uberzeugung Andersdenkender", sagt der bischöfliche Schuldezernent Joachim Dikow, müsse unbedingt "Vorrang haben".
Die kirchliche Toleranz hat Konsequenzen: Die katholische Marien-Grundschule in Oberhausen schickte drei Dutzend Türkenkinder an andere Schulen. Auf die katholische Friedensschule in Münster, eine Gesamtschule, durften sie erst gar nicht; ein halbes Dutzend Türken wurde abgewiesen.
In Nordrhein-Westfalen, klagt SPD-Kultusminister Jürgen Girgensohn, "kommt ein schlimmes Thema auf uns zu". Der Minister befürchtet eine neue Spielart von Ausländerfeindlichkeit, weniger greifbar als das Schmieren von Parolen, dafür effektiver.
Katholische Bekenntnisschulen wimmeln moslemische Gastarbeiter-Kinder ab, und die Protestanten haben auch etwas davon: Sie weichen, wie die Evangelische Synode des Rheinlands konstatiert, zunehmend auf katholische Bekenntnisschulen aus, die, so Reinhard Meis, Ministerialer im Girgensohn-Haus, "zu Fluchtburgen vor Türken werden".
Zulauf haben auf diese Weise Bildungseinrichtungen, die Mitte der sechziger Jahre zu schrumpfen begannen, weil sie zum Symbol für Zwergschulen und Zersplitterung, für den Bildungsnotstand schlechthin geworden waren. Die Bekenntnisschulen schienen abgeschrieben.
In Bayern, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz wurden christliche Gemeinschaftsschulen etabliert, die allen Konfessionen und Weltanschauungen offenstehen; die anderen Bundesländer haben zumeist "auf christlicher Grundlage" (Schulgesetz Hessen) Gemeinschaftsschulen errichtet.
Einzig in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen gibt es noch die staatlich finanzierte, streng nach dem jeweiligen Glauben ausgerichtete Bekenntnisschule. Zwischen Harz und Nordsee sind es 173, zwischen Rhein und Weser 1283 Schulen - Zugeständnisse von Sozialdemokraten an die Klerikalen.
Insgeheim hofften die Genossen, die Schule werde sich mit der Zeit erübrigen. 1972 prophezeite der damalige Ministerpräsident Heinz Kühn, ohne Konfession, "zehn Jahre, dann ist das vorbei". Tatsächlich wurden, vor allem auf dem platten Land, katholische Schulen reihenweise mangels Schülern geschlossen. In den siebziger Jahren machten 280 Schulen dicht.
Das Ende erwarteten Bildungsforscher von der Pille. Allein in Nordrhein-Westfalen wurden dieses Jahr 46 000 Kinder weniger als im Jahr zuvor eingeschult.
Trotz alledem kam es ganz anders.
Der Geburtenrückgang schlägt in den Gemeinschaftsschulen viel stärker durch als bei den katholischen und bei den - wenigen - evangelischen Bekenntnisschulen. Mancherorts wurden, wie im rheinischen Heinsberg, sogar nichtkonfessionelle Anstalten in Bekenntnisschulen umgewandelt.
Am Domhof in Bonn beispielsweise, wo die katholische Schule und die Gemeinschaftsschule in einem Gebäudekomplex untergebracht sind, lag immer die weltliche Schule vorn. Seit kurzem hat die Konfessionsschule mehr Neuanmeldungen und mehr Schüler.
In Oberhausen mußte die katholische Hauptschule St. Michael schon in ein Jugendheim ausweichen - der Andrang war zu groß. Franz Weibels vom Katholischen Büro NRW: "Uns geht es besser als den anderen."
Die 372 Privatschulen erleben einen Zulauf wie nie zuvor. Jeder achte Gymnasiast in Nordrhein-Westfalen besucht eine von Kirchen, Vereinen, Stiftungen oder Privatpersonen geführte Bildungsanstalt.
Als die Regierung des SPD-Ministerpräsidenten Johannes Rau dem Landtag jetzt ein Gesetz zuleitete, das eine Kürzung der staatlichen Mitfinanzierung von Privatschulen auf 90 Prozent vorsieht, ging ein Proteststurm durchs S.90 Land. 10 000 Eltern demonstrierten am Montag voriger Woche in Düsseldorf - mit dabei auch sozialdemokratische Politiker, die ihre Kinder auf Klosterschulen wie das Beatae-Mariae-Virginis-Gymnasium der Schwestern-"Congregation von der Allerseligsten Jungfrau Maria" in Essen schicken.
Es ist nicht allein der Glaube, es ist auch Zucht und Ordnung, was deutsche Eltern anlockt. Da gibt es "weniger Disziplin-Schwierigkeiten", wie der Förderverein der rheinischen Konfessionsschule in Röstrath wirbt, und angeblich auch bessere Leistungen, wie die Kirchenzeitung des Bistums Aachen als "allgemein bekannt" voraussetzt.
Das wichtigste Motiv jedoch fand die katholische Elternschaft Deutschlands heraus. Danach fragen Eltern zuerst: "Wo ist die nächstgelegene Schule, das schönste Gebäude, und wo gibt es die wenigsten Ausländerkinder?"
Das Argument sticht. Viele deutsche Eltern fürchten, daß die kleinen Türken das Niveau drücken und ihre Kinder absacken. Der "relativ große Andrang türkischer Kinder in deutschen Klassen", bestätigt der Oberhausener Pfarrer Multhaupt, beeinträchtige "erheblich das Leistungsniveau". Die deutschen Kinder erfüllten "dadurch nicht mehr die erforderlichen Voraussetzungen für die Aufnahme in eine weiterführende Schule, vor allem in ein Gymnasium".
Das ist auch vielen Protestanten ein Opfer wert. Ihre Kinder werden nicht abgewiesen, dafür müssen die Eltern beim Wechsel auf die katholische Bekenntnisschule schriftlich einwilligen, den Kindern katholische Glaubensanweisung geben zu lassen; wer auf Luther beharrt, kommt in aller Regel nicht auf die Schule. Das Oberverwaltungsgericht Münster hat diese Verfahrensweise jüngst sanktioniert. Eine "Mischerziehung" im Glauben widerspreche dem besonderen Charakter der katholischen Bekenntnisschule.
Mittlerweile ist jeder zehnte katholische Bekenntnisschüler ein Protestant. Mancherorts verlieren die Katholiken bald die Mehrheit. In Hohenlimburg bei Hagen, wo es Gemeinschaftsschulen mit über 50prozentigem Ausländeranteil gibt, waren im letzten Schuljahr nur 123 von 216 Schülern der katholischen Wesselbach-Schule katholisch getauft. Die anderen sind meist evangelisch oder griechisch-orthodox.
Zwar wurden hier und da auch Moslems akzeptiert, überwiegend dort, so eine Beobachtung des Kultusministeriums, wo immer noch zu wenig Christen kommen. Wo nicht, reicht auch keine Unterschrift. Wer beispielsweise als Türke auf die Münsteraner Friedensschule will, muß schon konvertieren.
Selbst ausreichende Vorbildung genügte für den zehnjährigen Taner Yalcin nicht. Er hatte auf der Grundschule neben guten Noten auch katholischen Religionsunterricht gehabt. Trotzdem wies ihn Schulleiter Alois Alder ab, aus lauter Toleranz: "Wir konnten ihm keine seinem Glauben gemäße religiöse Erziehung geben."
Das weltliche Recht ist auf Alders Seite. Ein Anspruch auf Aufnahme hätten, wie NRW-Verwaltungsgerichte in letzter Zeit festschrieben, nur jene Bekenntnisfremden, die partout keine andere Schule in der Nähe haben. Das Oberverwaltungsgericht Münster: "Freier Zugang" bestehe "nur zur Schule des eigenen Bekenntnisses".
Als vorigen Monat im Düsseldorfer Kultusministerium wieder einmal katholische und evangelische Kirchenvertreter über ihre Probleme referierten, ging es darum, daß der große Andrang erst bevorsteht. 1985 wird jeder dritte Erstkläßler in NRW ein Ausländer sein. Prälat Paul Fillbrandt bekräftigte: "Wir müssen unsere Identität behalten."
Der Zulauf zu den Konfessionsschulen ist, wie das NRW-Kultusministerium feststellte, da besonders groß, wo an den Kiosken "Tercüman" gleich neben "Bild" liegt, in den Gettos von Duisburg, Oberhausen und Köln.
Die Identität soll sogar auf dem Pausenhof verteidigt werden. Als der katholischen Josefschule im westfälischen Kamen eine Klasse eigens für Türken lediglich angegliedert werden sollte, intervenierte der Kirchenvorstand der Gemeinde "Die Heilige Familie" beim Minister.
Ortspfarrer Ernst Schenk sah die Schule bedroht. Sie werde "auf kaltem Wege" kaputtgemacht. Der kommunale Schulausschuß fand die Lösung: Die Türken bleiben auf dem Gelände der Josefschule, betreut werden sie von Lehrern der Gemeinschaftsschule. Und die heißt, wie Türkenschulen im Pütt eben heißen: "Glück auf".
S.85 An der städtischen Gemeinschafts-Grundschule Duisburg-Hochfeld. *

DER SPIEGEL 42/1981
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