22.03.1982

Hausaufgaben sind Hausfriedensbruch

Die Schule zu Hause währt mitunter länger als der Unterricht, Eltern sind oft strenger als die Lehrer und geradezu versessen darauf, daß ihre Kinder zusätzlich büffeln - ganz nach der Weisheit, daß Übung den Meister mache. Doch Wissenschaftler haben erhebliche Zweifel an der gängigen Hausaufgaben-Praxis.

Der Arbeitstag für Bernhard Ullmann aus Essen beginnt kurz nach halb sieben, wenn er in den Bus steigt. Um 13.15 Uhr ist Mittagspause. Nach dem Essen arbeitet er zu Hause weiter, manchmal fünf Stunden.

Bernhard Ullmann ist Gymnasiast, im Sommer wird er 16. Er bringt es, einschließlich Schulweg, leicht auf vierzig Stunden die Woche.

Ralph Minz, 12, in der sechsten Klasse einer Stuttgarter Realschule, braucht täglich "mindestens drei bis vier Stunden" für die Heimarbeit, wie die Mutter feststellt.

Rechenübungen, ein Deutsch-Aufsatz, vielleicht eine Englisch-Übersetzung, dazu Vokabeln lernen und etwas Weltkunde - darüber sitzt Ralph "meistens bis weit in den Abend hinein". Tochter Daniela, 17, Schülerin des Stuttgarter Hölderlin-Gymnasiums und das Abitur vor Augen, "braucht an manchen Tagen sogar bis zehn Uhr abends".

So spät wird es gewiß nur ausnahmsweise für Schülerinnen und Schüler, die ihre Hausaufgaben zu erledigen haben. Aber daß einer drei, vier Stunden über den Schulheften sitzt, das ist für viele, etwa für die Kinder von Gisela Friesecke in Bonn oder von Franz-Ferdinand Zöllner in Leverkusen, "keine Seltenheit".

Ein Fünftel aller Schüler, so hat die Dortmunder Arbeitsstelle für Schulentwicklungsforschung ermittelt, benötigt täglich mehr als zwei Stunden zur Erledigung der Hausaufgaben, fast die Hälfte zwischen ein und zwei Stunden am Tag.

Knapp 40 Prozent der sechs- bis zehnjährigen Grundschüler müssen zu Hause mindestens eine Stunde für die Schule arbeiten. Schon jeder fünfte Realschüler und 28 Prozent der Gymnasiasten, ermittelten die Dortmunder Schulforscher, bringen es leicht auf zwei Stunden "und mehr" Hausaufgaben am Tag.

"Oft haben Schüler eine längere Arbeitszeit als Lehrer", berichtet der Kölner Erziehungswissenschaftler Eduard Herff. Reinhold Scheermann, Realschullehrer in Göttingen, findet, daß Schüler "spielend auf einen Arbeitstag kommen, bei dem jede Gewerkschaft auf die Barrikaden gehen würde" - aber die leiblichen Interessenvertreter der Schüler, die Eltern, tun''s nicht.

Im Schnitt 30 Unterrichtsstunden die Woche plus Hausaufgaben und ein oft beträchtlicher Schulweg ergeben für die Schulpflichtigen eine Gesamtbelastung, die der Hildesheimer Psychologie-Professor Dieter Lüttge für "im Grunde unzumutbar" hält - aber am derart kritisierten System rüttelt niemand ernsthaft, weder die Kultusverwaltungen noch die Lehrerschaft, erst recht nicht die Eltern.

"Schularbeiten müssen sein, wie soll der Junge sonst was lernen", sagt Mutter Ullmann, die es gleichwohl "schlicht katastrophal" nennt, daß ihr 14jähriger drei bis vier Stunden täglich zu Hause büffelt.

Ohne Hausaufgaben sei "die Fülle des Stoffes nicht zu bewältigen", glaubten 262 von 368 Eltern (71 Prozent) bei einer Befragung an der pfälzischen Gesamtschule Kastellaun. Sie sind, wie Mutter Friesecke, überzeugt, daß "dem Kind die Schule leichter fällt, wenn es zu Hause Schreiben und Rechnen üben kann".

Und wer darin keinen Streß für die Kinder zu sehen vermag, ist erst recht für Hausaufgaben. Die Elternmeinung ist fast einhellig: Über 95 Prozent von 980 befragten Müttern und Vätern mit Kindern in sechsten und neunten Klassen S.57 waren von der Nützlichkeit der Hausaufgaben überzeugt, ermittelte der Münsteraner Pädagoge Thomas Hardt in seiner Doktorarbeit.

( Thomas Hardt: "Zur Problematik der ) ( Belastung von Schülern und Eltern durch ) ( Hausaufgaben und Nachhilfeunterricht". ) ( Ergebnisse einer Befragung unter Eltern ) ( von Hauptschülern, Realschülern und ) ( Gymnasiasten. )

Fast ein Drittel hielt sie gar für "unbedingt notwendig". Nach Elternmeinung bieten Hausaufgaben die Gewähr, Nichtverstandenes nachzupauken, Gelerntes einzuprägen und selbständige Arbeit zu trainieren. "Übung", sagt Vater Zöllner, "ist ein wichtiges Training für das Gehirn." Und neun von zehn Eltern halten Hausaufgaben auch für geeignet, dem Kind Ordnung und Arbeitsdisziplin beizubringen.

Da ist schon eine Ausnahme, wenn die Mutter Elfriede Müller aus Uetersen an den Klassenlehrer schreibt: "Mein Sohn Peter bringt in die heutige Deutschstunde teilweise unerledigte Aufgaben. Er hat allein für diese Aufgaben fast zweieinhalb Stunden am gestrigen Nachmittag aufwenden müssen. Ich habe ihm daher erlaubt, unvollständige Hausaufgaben abzugeben."

Und als Mildred Scheel ihre Abneigung gegenüber Hausaufgaben via Bildschirm in die bundesdeutschen Wohnstuben brachte, war ihr allenfalls Zuspruch der Schüler gewiß. Ein Hamburger Gymnasiast: "Die Frau ist klasse."

Denn für gewöhnlich sehen die Eltern darauf, daß die Sprößlinge mit ihrer Arbeit zu Rande kommen; die Aufgaben von Grundschülern werden so gut wie immer kontrolliert, und das ist das mindeste an elterlichem Beistand.

Denn deutsche Väter und Mütter halten es entweder für normal oder haben sich damit abgefunden, daß sie die Hausaufgaben miterledigen - obwohl sie sich nicht nur zusätzliche Arbeit, sondern zunehmend auch Verdruß aufhalsen. Ein mittleres Familiendrama läßt sich mitunter schon durch die Frage auslösen: "Was habt ihr heute auf?"

Hausaufgaben machen die Familie "in vielen Fällen geradezu zu einem Kampfplatz", weiß die Stuttgarter Pädagogin und Mutter Ruth Martin aus eigener Erfahrung. "Da wird um bessere Noten gerungen, da wird um die Versetzung gekämpft, da wird unter Anwendung sämtlicher Strategien belohnt, erpreßt, bestraft, ausgehandelt, bedroht. Da wird auch - in der Hitze des Gefechts - verletzt." Im Düsseldorfer Kultusministerium regt sich jedenfalls kein Widerspruch gegen die Erkenntnis eines hohen Beamten: "Hausaufgaben sind Hausfriedensbruch."

Da sitzen sie nun, vor allem die Mütter, hören Tag für Tag die Fälle und die Vokabeln ab, korrigieren die Rechtschreibung und knobeln am Dreisatz. Sie locken, trösten und kujonieren, je nachdem; manche setzen sich, um helfen zu können, selber noch mal auf den Hosenboden, um beispielsweise das neumodische Zeugs von der Mengenlehre zu lernen. Aber irgendwann wissen sie auch nicht mehr weiter.

"Hilfslehrer der Nation" hat sie der hessische Ministerpräsident Holger Börner genannt. Von den "Sklaven unserer Schulen" spricht der Tübinger Pädagogik-Professor Walther Zifreund: "Sie sind es, die sich von einem steinzeitlichen Ausbildungssystem terrorisieren S.59 lassen, sich aber trotzdem arrangieren, weil sie ja ihre Kinder - koste es, was es wolle - irgendwann durch die Schule bringen müssen."

Gerade deshalb sind Mütter häufig tüchtiger als die Schule, im schlimmeren Sinne des Wortes. Selbst bei extrem hohen Belastungen ihrer Kinder kritisieren sie, wie aus der Hardt-Befragung hervorgeht, nur selten Umfang und Schwierigkeitsgrad der Hausarbeit.

Umgekehrt kommt ihnen verdächtig vor, wenn keine Hausaufgaben gestellt werden. Verbringen Kinder täglich nur eine Stunde oder weniger mit Hausaufgaben, so werten das die meisten, nämlich 56 Prozent, als Zeichen dafür, daß die Schule das Kind nicht ausreichend fordert. Der Düsseldorfer Lehrer Jürgen Süverkrüp: "Eltern meinen, ein guter Lehrer gibt nie genug auf."

Daß Eltern über zuwenig Hausaufgaben klagen, weiß auch die holsteinische Realschullehrerin Barbara Sturm von Elternsprechtagen. Eltern-Motto: "Wenn es keine Hausaufgaben gibt, kann auch der Unterricht nicht gut sein." Im Zweifel wird da nachgeholfen:

In der 6. Klasse müssen nach der Untersuchung von Hardt 45 Prozent der Realschüler und 35 Prozent der Gymnasiasten, bevorzugt die mit mäßigen Noten, auf Drängen der Eltern noch über die Schularbeiten hinaus zusätzliche Übungen erledigen.

Nach Lehrerbeobachtungen sind es vor allem Eltern der "unteren Mittelschicht", die um den sozialen Aufstieg ihrer Kinder bangen und deshalb ein zusätzliches Pensum verordnen. Aber es sind auch "Diplommütter", wie sie der Hamburger Erziehungswissenschaftler Wolfgang Schulz spöttisch nennt, die sich als besonders engagierte Förderer ihrer Kinder hervortun und höchstpersönlich deren "Management" übernehmen - und sei es, indem sie Nachhilfeunterricht organisieren, 40 Mark die Französischstunde in Hamburg.

Schon unterhalten Hausaufgaben eine ganze Branche. Für private Nachhilfeinstitute und Paukstudios ("100 Stunden Hausaufgabenbetreuung - 2500 Mark") sind häusliche Schularbeiten allemal ein einträgliches Geschäft. Arbeitslose Pädagogen müssen mit Nachhilfestunden, organisiert von Arbeiterwohlfahrt und Elternräten als "Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen", vorliebnehmen.

Von Amts wegen gibt es ohnedies keine Skepsis gegenüber den Schularbeiten, die zu Hause zu verrichten sind; die einschlägigen Erlasse der Bundesländer weisen die Heimarbeit als rundum erstrebenswerte Sache aus.

In Niedersachsen sollen Hausaufgaben beispielsweise "den Schüler anregen, sich mit dem im Unterricht Gelernten weiterhin" zu befassen und "dabei auch eigenes Interesse mit einzubeziehen". In Baden-Württemberg soll Hausarbeit dem Schüler die Möglichkeit bieten, "sich die vermittelten Kenntnisse weiter einzuprägen und die erworbenen Fähigkeiten und Fertigkeiten zu üben und anzuwenden".

In Hamburg sind Hausaufgaben auch für die Lehrer da - als eine "der besten Möglichkeiten, sich regelmäßig über das individuelle Leistungs- und Arbeitsverhalten und über persönliche Stärken und Schwächen der Schüler sowie über den Erfolg" ihres eigenen Unterrichts zu informieren.

In Bayern stellen die "Aufgaben zur häuslichen Bearbeitung", so die Richtlinien, auch noch "einen Teil der schulischen Unterrichts- und Erziehungsarbeit dar", geeignet, "den Schüler an die regelmäßige und gewissenhafte Erfüllung von Pflichten zu gewöhnen".

Bei einem so positiven Zielkatalog, bei so verbissener Entschlossenheit von Eltern, Lehrern und Kultusplanern, der Hausaufgaben Wert zu schützen, kommt Kritik nur zaghaft zum Zuge. Daheim für die Schulen zu arbeiten gilt immer noch als unerläßlich, ganz nach der Spruchweisheit, daß Übung den Meister mache - obwohl die Maxime wissenschaftlich längst erschüttert ist.

Monatelang hat der Kölner Erziehungswissenschaftler Eduard Herff die Leistungen von Schülerinnen und Schülern mit unterschiedlichem Hausaufgabenpensum verglichen. Die einen hatten so viel aufbekommen, daß sie darüber stöhnten; die anderen konnten ihre Schultaschen zumeist links liegenlassen. Am Ende standen die zum Fleiß genötigten Schüler kaum besser da, im Gegenteil: Manche hinkten wegen Überlastung hinterher.

Herffs Forschungsarbeit aus dem Jahr 1980 ist die letzte umfangreiche empirische Untersuchung zum Thema. Sie unterscheidet sich in ihren Ergebnissen kaum von dem, was die pädagogische Forschung der letzten hundert Jahre zum Thema Hausaufgaben zu Tage förderte.

Schon 1904 kam der Pädagogik-Professor Ernst Meumann zu dem Schluß, daß "prinzipiell verwerflich" sei, über Hausaufgaben "auch nur die Befestigung der in der Schule erworbenen Kenntnisse" anzustreben. Er stellte fest, daß die Schülerleistungen bei Hausaufgaben "nach der materialen und formalen Seite im Durchschnitt beträchtlich minderwertiger" als die im Schulunterricht erzielten waren.

So vergaßen die Kinder, weil unkonzentrierter und zerstreuter als in der Schule, bei Abschreibübungen zu Hause "öfter als in der Klasse das Großschreiben der Anfangswörter der direkten Rede" oder ließen "doppelt soviel Buchstaben S.61 und nahezu doppelt soviel Wörter aus wie in der Klasse".

1958 beobachtete der Mülheimer Pädagoge Bernhard Wittmann vier Monate lang jeweils sechs Klassen des dritten und siebten Schuljahres, die beispielsweise keine Rechenaufgaben in Heimarbeit zu lösen hatten - geschadet hat es den Kindern nicht.

Verglichen mit den Parallelklassen schnitten die Schüler teils genauso, teils sogar noch besser ab. Die den Schülern aufgebrummten Schularbeiten bewirkten jedenfalls gewöhnlich "keinen Zuwachs an Kenntnissen und Fertigkeiten", so Wittmann in seinem 1964 veröffentlichten Forschungsbericht.

Inzwischen ist der Mülheimer Forscher zum Schuldezernenten im Revier aufgestiegen, doch an Art und Umfang der Hausaufgaben hat sich nicht viel geändert. Dabei sind Zweifel stärker angebracht denn je.

Wittmann nämlich, der Hausaufgaben zu Übungszwecken als wertlos entlarvte, ging immerhin noch von der Annahme aus, daß die Schularbeiten daheim "auch große erzieherische Wirkungen" hätten. Genau dies stellen Pädagogen, die den Aspekt genauer untersucht haben, mittlerweile in Frage.

"Was Hausaufgaben anrichten", heißt eine im Ferdinand Schöningh Verlag veröffentlichte Arbeit des Schulpraktikers Hilmar Schwemmer, der seit 28 Jahren Englisch, Deutsch und Sachkunde in Hessen unterrichtet. Der Pädagoge hat die Hausaufgabenpraxis mit den Soll-Richtlinien der Bundesländer verglichen und dabei eine Umfrage unter 450 westdeutschen Schülern und Schülerinnen ausgewertet.

Danach erscheinen ihm Hausaufgaben weder methodisch-didaktisch noch erzieherisch sinnvoll. Im Gegenteil sind sie, so Schwemmer,

* "eine latente Gefahr für den Aufbau positiver, den Lern- und Erziehungsprozeß begünstigender Beziehungen" zwischen einerseits Lehrern und Schülern, andererseits Eltern und Kindern;

* "ein äußerst schwierig zu handhabendes methodisches Instrument" im Hinblick auf unterschiedliche "individuelle Persönlichkeitsmerkmale der Schüler (Belastbarkeit, Ausdauer, Konzentrationsfähigkeit, Arbeitstempo)";

* "eine ständige Gefährdung der moralischen Entwicklung der Schüler, weil sie negative Verhaltensreaktionen wie das Lügen und Betrügen provozieren können";

* "eine Beeinträchtigung der physischen Gesundheit der Schüler, weil sie deren Rekreationsphase erheblich verkürzen und den notwendigen Bewegungsausgleich zur Sitzbeanspruchung während des Unterrichts einschränken".

Aber auch Schwemmer geht es, wie den meisten Kritikern, "nicht um die radikale Abschaffung der Hausaufgaben", sondern um eine reformierte Praxis mit Augenmaß und um die Entscheidungsfreiheit des Lehrers, im Zweifelsfall auf Hausaufgaben zu verzichten, auch gegen vorherrschende Elternmeinung. Solche Kritik geht davon aus, daß in der Bundesrepublik die falschen Hausaufgaben gestellt werden, der Menge wie dem Inhalt nach unangemessen.

Da gibt es, in Gestalt eines verzwackten Rechenexempels etwa, die Tüftelaufgabe, die dem Kenntnisstand des Schülers vorauseilt und ihn schlicht hilflos macht. Wenn überhaupt, ist sie nur nach stundenlanger Quälerei und nur mit Hilfe der ganzen Familie oder von cleveren Klassenkameraden zu bewältigen.

Solche Komplikationen ergeben sich aber beileibe nicht nur bei Mathematik oder auf Gymnasien. Überfordert sind mitunter auch Zehnjährige, so in der vierten Klasse einer Hamburger Grundschule, wenn sie zu Hause die Frage beantworten sollen, warum "Taschenlampen, Fahrradlampen und Autoscheinwerfer eine spiegelnde Blende haben"-das wissen viele Erwachsene nicht.

Schwemmer zitiert hierzu eine ganze Reihe von Beispielen aus einer Schülerbefragung. Ein Neunjähriger, Klasse 3: " Es war einmal an einem Tag, da hatte ich viel Hausaufgaben " " auf, Deutsch und Mathe. Nach einer Viertelstunde war ich mit " " Deutsch fertig. Ich wollte mit Mathe anfangen. Ich konnte es " " nicht. Abends, wie meine Mutter kam, da sagte ich es ihr. Sie " " schaute es sich an, und sie sagte, es ist so leicht. Dabei " " wußte es sie auch nicht. Trotzdem bekam ich Schläge. "

"ine Zwölfjährige, Klasse 6: Vor ein paar Wochen bekamen wir " " Hausaufgaben in Rechnen auf, die ich nicht konnte. Ich ging " " zu meiner Mutter und fragte sie, ob sie weiß, wie die " " Aufgaben gehen. Sie nahm ein Blatt von einem Block und " " rechnete vor sich hin. Nach einer Weile sagte sie mir, daß " sie nicht wüßte, wie sie gingen.

" Ich fuhr nun mit meinem Rad zu meiner Freundin. Sie wußte " " aber auch nicht, wie sie gingen. Wir gingen zu ihrer Mutter " " und fragten sie, wie die Rechenaufgaben gingen. Sie nahm sich " " ein Blatt und rechnete die Aufgaben. Leider wußte sie auch " keinen Rat, wie man solche Aufgaben rechnen sollte.

" Als ich heimkam, schickte mich meine Mutter zu unserem " " Nachbarn, denn sie wußte, daß er gerne und gut rechnete. Als " " ich ihm von meinem Kummer erzählte, rechnete er auch an den " " Aufgaben herum, und er wußte auch nichts. "

Hausaufgaben als Repressalie - auch das gibt es noch. Obschon Arbeiten als Strafe oder "zur Wahrung der Disziplin" von Amts wegen "pädagogisch nicht vertretbar und daher unzulässig" sind, wie es beispielsweise in den Berliner Schulrichtlinien heißt, sind sie nach Lehrerbekundungen durchaus keine Seltenheit.

Befrager Schwemmer sammelte Beispiele dutzendweise ein. "Der Lehrer nahm mich am Ohr und sagte: ''Du S.63 machst mir das Fünffache!" - ein 13jähriger. "Da war ich traurig und mußte sie noch einmal schreiben" - ein Neunjähriger.

Die Schulpraxis läßt ein voll entwickeltes System fein abgestufter Eskalation erkennen, wenn die Hausarbeiten nicht so ausfallen, wie es der Lehrer wünscht: Wiederholung der Hausaufgabe, Verdoppelung der Hausaufgabe, Aufsatz über Sinn der Hausaufgaben, Klassenprotokoll führen, zu den Hausaufgaben drei Seiten aus einem Buch abschreiben, Verdreifachung der Hausaufgaben, Nachsitzen, Eintragung ins Klassenbuch, blauer Brief an die Eltern.

Außerdem: Was früher Strafarbeit hieß, wird heute häufig als Übungsarbeit kaschiert, frei nach dem Lehrermotto: "Was wir jetzt nicht schaffen, müßt ihr zu Hause machen." Wenn Schüler aufbegehren, so geschehen an einem Dortmunder Gymnasium, kann es passieren, daß das Quantum kurzerhand verdoppelt wird. Und wenn die Arbeit einiger zu wünschen übrigläßt, wird auch schon mal, so geschehen in Latein am Gymnasium in Winsen bei Hamburg, die ganze Klasse zur Neuauflage verdonnert.

Den Urtyp der Heimarbeit aber macht wie eh und je aus, was in der pädagogischen Fachliteratur als "Hausaufgaben zur einfachen Festigung des Wissens und Könnens" umschrieben wird - Rechentürmchen noch und noch, Rechtschreibedrill auf Wiederholungsbasis, wie "düngen = Verb, düngen = Verb, düngen = Verb".

Zehnmal mußten die Sechstkläßler einer Gesamtschule in Oberursel hintereinander schreiben "still geworden", um die Schreibweise - in zwei Wörtern - zu trainieren. Bei Straße (mit ß) war zwölfmal Minimum - obwohl solche Übungen kaum etwas im Kopfe festigen, außer Unlust.

Der Wiesbadener Autor Horst Speichert äußert in einem rororo-Band ("Hausaufgaben sinnvoll machen") sogar den Verdacht, daß ein Zuviel an solchen Übungen dumm machen kann. Wenn ein Rechtschreibschwächling beispielsweise immer wieder durch stures Hinschreiben einzelner Wörter den Unterschied zwischen G (wie Glas) und K (wie Klasse) schriftlich üben müsse, dann bringe er, bald verwirrt und verunsichert, G und K womöglich erst recht durcheinander.

Und wenn man dann noch "zu lange allein vor sich hin muckelt", wie sich der hannoversche Oberstufenschüler Hartmut Bode ausdrückt, "dann können sich Fehler höchstens verfestigen". Für den Hamburger Pädagogik-Professor Schulz ist vieles an dieser Hausarbeitspraxis "gefährlicher Quatsch", der für den Schüler "eher Entmutigung bedeutet". Der Flensburger Lehrer Dieter Boßmann, Autor des Fischer-Bandes "Die verdammten Hausaufgaben": "Mit einem Riesenaufwand betriebene sinnlose Handgelenksübungen der Kinder."

So leuchtet auch einem Stuttgarter Realschüler nicht ein, warum er mehr als zwanzig Blatt handschriftlich und tabellarisch darüber anlegen muß, welche Tierfamilien die Fauna in aller Welt umfaßt, wo, wie und in welchen Gemeinschaften sie leben, mit allen Neben- und Untergliederungen, ob Molche oder Bären, Fische oder Rüsseltiere, Altweltaffen oder Schnabeltiere - was nichts anderes heißt, als daß der Schüler Lexikontexte und -listen abschreiben muß.

An einem Düsseldorfer Gymnasium fanden es die Schüler der 7 b "ganz schön fies", daß sie in Religion noch und noch die Missionsreisen des Paulus zu Hause abschreiben mußten.

Kaum plausibel zu machen war Hamburger Realschülern, warum das Thema "Was ist Kommunismus?" durch seitenlanges Abschreiben beliebiger Lexika zu behandeln war - was "zählte", so Schülerin Annette Schomberg, "war nur die Menge". Solche Hausaufgaben, "die auf mechanisch-gedächtnismäßige Leistung abzielen", herrschen allenthalben vor. "Neunzig Prozent aller Hausaufgaben" haben laut Professor Herff "rein reproduzierenden Charakter" - "Abschreibungsübungen", die den Schüler "geistig völlig unterfordern und zeitlich überfordern".

Das war wohl immer so. Nur waren die Folgewirkungen nie so gravierend wie heute, da das Hausaufgabendilemma zum allgemeinen Schulelend beiträgt, wie die auffallenden Lernschwächen vieler Schüler auch, wie die so häufig beklagte Schulangst und wie die allgegenwärtige Aggressivität.

Während sich das Schulklima gründlich geändert hat, ist es bei der überlieferten S.65 Pädagogenvorstellung geblieben, Hausaufgaben seien besonders geeignet, den Unterrichtsstoff "durch systematisches Üben und Wiederholen zu sichern" - so die "Empfehlungen" der westdeutschen Kultusminister von 1971.

Zehn Länder legen denn auch, in ihren Hausaufgabenrichtlinien, besonderen Wert auf die "einübende Funktion" der häuslichen Schularbeiten. Anregung ist weniger gefragt als Auswendiglernen.

Hochgestochen sind die in den Richtlinien postulierten Erziehungsziele. Danach sollen Hausaufgaben das Selbstvertrauen der Schüler stärken (zwei Bundesländer empfehlen das), die Einteilung der Arbeitszeit erleichtern helfen (drei Bundesländer), das gemeinschaftliche Handeln fördern (drei), zu regelmäßiger, gewissenhafter, pünktlicher und vollständiger Erfüllung von Pflichten erziehen (vier), zur Übernahme von Verantwortung erziehen (vier), das Erlernen von Arbeitstechniken erleichtern (vier) und die Befähigung entwickeln, das Lernen selber zu organisieren (vier Bundesländer).

Auch sollen Hausaufgaben taugen, die Arbeitsfreude zu wecken und das Interesse an dem zu steigern, was man für die Schule tut (sechs Bundesländer) - vor allem aber, Selbständigkeit zu entwickeln; das haben sogar alle elf Bundesländer in ihre Erlasse hineingeschrieben, und an dieser Platzziffer eins läßt sich auch erkennen, daß die Richtlinien nichts anderes enthalten als ein unerreichbar gewordenes Bürokratenideal.

Die Schulwirklichkeit sieht anders aus. Die meisten Kinder sind außerstande, ihre Hausaufgaben selbständig, allein zu bewältigen - oder man läßt es sie gar nicht erst versuchen. 80 Prozent aller Eltern sind, Meinungsumfragen zufolge, an der Erledigung der Schularbeiten ihrer Kinder mal mehr, mal weniger beteiligt. Nur jeder zehnte Grundschüler, hat die Ahlener "Aktion Humane Schule" herausgefunden, jeder vierte Hauptschüler "und nicht einmal jeder zweite Realschüler und Gymnasiast" machen ihre Schularbeiten noch allein.

Makulatur bleiben die amtlichen Richtlinien selbst dort, wo sie Konkretes bestimmen, etwa das tägliche Hausaufgabenpensum festlegen. Die Soll-Vorschriften sind dabei föderalistisch kräftig aufgelockert: Kinder, die in Berlin eingeschult werden, haben am Nachmittag nur 15 Minuten, in Bremen gar nichts zu tun. Ganz ohne amtliche Zeitvorgaben geht es im Saarland und in Rheinland-Pfalz ab. Doch wer den Ernst des Lebens in Bayern kennenlernt, der hat sich schnell "an eine positive Arbeitshaltung" (so ein Kultusreferent) zu gewöhnen.

Nach den bayrischen Richtlinien sind schon für Erstkläßler Hausaufgaben bis zu einer Stunde zulässig, weil, begründet Eberhard Dünninger vom Münchner Kultusministerium, "man in Bayern der Schule mehr Bedeutung beimißt".

Die arme Berliner Göre, falls es sie dorthin verschlägt, bekäme das zu spüren. In Bayern würde sie, die längere Schuldauer und das Hausaufgabenpensum zusammengerechnet, im Monat auf gut 40 Stunden Mehrarbeit kommen.

Auch in späteren Schuljahren und zwischen anderen Bundesländern gibt es ähnlich krasse Unterschiede. Unterm Strich kommen für Berlin, Hessen und Niedersachsen sowie für die Grundschulen Bremens die wenigsten Hausaufgaben heraus - dafür sind die Hanseaten von Klasse elf an mit einem Hausaufgabenquantum von drei Stunden pro Tag unerreicht.

Über alle Ländergrenzen und ideologischen Abgrenzungen hinweg sind sich die Lehrer offenbar darin einig, die Richtwerte in der Praxis kräftig anzuheben. Der Kölner Herff beobachtete, daß Pädagogen "zu fortlaufender Überschreitung der zulässigen Zeiten neigen", weil sie ihr Fach überbewerten.

Was auch immer sonst noch Anlaß sein mag, den Schülern mehr Hausaufgaben aufzubrummen - nach den Ermittlungen der Schulforscher benötigen westdeutsche Schulkinder häufig ein Vielfaches der Zeit, die sie von Amts wegen eigentlich für die Schularbeiten zu Hause aufwenden sollten: und zwar in der 1. Klasse bis zum Dreifachen der erlaubten Zeit, in der 5. und 6. Klasse bis zum Doppelten.

"Warum braucht ihr in den einzelnen Fächern so viel Zeit für die Hausaufgaben?" ließ Hausaufgabenexperte Boßmann in Schleswig-Holstein 1702 Kinder aus dem 5. bis 9. Schuljahr befragen. "ntwort: Weiß ich nicht .......... 1 Prozent Weil ich keine Lust " " habe ..... 3 Prozent Weil zu viele Aufgaben gegeben werden " " ............... 32 Prozent Weil es mein Lieblingsfach ist " " oder weil es mir Spaß macht ...... 11 Prozent Weil die " " Aufgaben zu schwer sind ......................... 47 Prozent " " Wegen der vielen Zeichnungen (in Biologie, Physik, Erdkunde) " " ....................... 6 Prozent "

Zu viele und zu schwierige Hausaufgaben - das macht die Mühsal für 79 Prozent aus. Daß in Schleswig-Holstein "die häusliche Arbeitszeit durch Anfertigung erd- und naturkundlicher Zeichnungen, graphischer Darstellungen, Schaubilder usw. nicht in Anspruch genommen werden darf", zählt im Schulalltag ebensowenig wie die gängige Regel, übers Wochenende keine Hausarbeiten aufzugeben; am Frankfurter Paradegymnasium, der Liebigschule, geschieht das immer wieder.

Die Kluft zwischen amtlichen Vorgaben und Schulbetrieb macht deutlich, daß "Hausaufgaben im Prinzip durch Erlaß nicht zu regeln" sind, wie es der Psychologe Lüttge ausdrückt. Belastungsgrenzen für Schüler muten denn auch Praktiker zunehmend "idiotisch" an, wie ein Kelsterbacher Schulleiter sagt, zumindest "einfach lächerlich", wie es die Hamburger Grundschulrektorin Dagmar Mumssen formuliert - schon weil S.68 jedes Kind ein individuelles Lern- und Arbeitstempo habe.

Andererseits sind die wenigsten Lehrer in der Lage, individuelle Belastungsgrenzen richtig einzuschätzen und sich eine reale Vorstellung davon zu machen, was sie mit ihren eben mal so verordneten Hausaufgaben alles anrichten. Denn was gut, was weniger sinnvoll ist, wann wirklich gepaukt werden und wann man es lieber sein lassen sollte - darüber weiß der Lehrer in aller Regel so gut wie nichts, wenn er als Lehramtskandidat antritt.

Während seiner Ausbildung an der Hochschule hat er darüber kaum etwas erfahren. Als Pädagogik-Studentin "stellt man mit Erstaunen fest", wie die Hamburger Junglehrerin Karin Beermann es formuliert, daß Hausaufgaben "seit Jahrhunderten den Schulalltag" bestimmen, "ohne daß es in der Lehrerausbildung eine umfassende Theorie, Methodik oder Didaktik der Hausaufgaben gibt".

Die erziehungswissenschaftlichen Fachbereiche der Hochschulen beschäftigen sich "mit allem möglichen, nur nicht mit dem Alltagskleinkram der Lehrer", meint der Düsseldorfer Pädagogik-Professor Volker Krumm selbstkritisch. 80 Prozent der Hochschulausbildung für Pädagogen seien "nicht praxisbezogen".

Was Wunder, daß Hausaufgaben mitunter auch deshalb nicht erledigt werden können, weil sie nicht präzise gestellt und deshalb nur halb begriffen werden. Bei einer Befragung von 333 Wolfsburger Lehrern aller Schularten ermittelte der Hildesheimer Diplom-Pädagoge Günter Sommerla, daß 59 Prozent gerade drei bis fünf Minuten auf die Erläuterung der Hausaufgaben verwenden, 18 Prozent sogar nur ein bis zwei Minuten.

Manche Lehrer warten gar, bis es klingelt. Auf die Frage, wann denn die Hausaufgaben gestellt würden, antworteten Schüler der Kieler Goethe-Realschule einhellig: "Nach dem Pausenzeichen" - wenn viele gar nicht mehr richtig zuhören. "Das geht im Tumult meistens unter", beschreibt die Hamburger Realschülerin Susanne Müller den Normalfall in ihrer Klasse. In den Richtlinien steht jedoch, so in Baden-Württemberg, daß Hausaufgaben "sorgfältig ausgewählt" und "im Unterricht gründlich vorbereitet werden" müssen. In der Praxis aber, weiß Susannes Klassenkamerad Harald Cramer, "kriegen wir die Seitenzahl, und das war''s dann auch schon".

"Die Aufgabenstellung", so beschreibt der Göttinger Erziehungswissenschaftler Professor Horst Schaub die Wirklichkeit, "bleibt oft unklar. Da ist keine Zeit mehr für Erläuterungen." Die Folge sind ahnungslose Schüler, die schon in der darauffolgenden Pause nicht mehr wissen, ob sie "teilen oder abziehen sollen" - so die Hamburger Lehrerin Eva Rohloffs.

Da ist schon eine rühmliche Ausnahme, was in der Orientierungsstufe II der niedersächsischen Heidestadt Buchholz geschieht. Dort schreibt jeder Lehrer seine Hausaufgaben auf eine Extra-Tafel - zur Erinnerung für die Schüler, aber auch zur Orientierung für den nächsten Lehrer, der sein eigenes Aufgabenpensum darauf abstellen, also auch auf Hausaufgaben verzichten kann.

Absprachen unter den Fachlehrern einer Klasse über das Aufgabensoll, weiß der Norderstedter Studienrat Franz Maletzke aus eigener Erfahrung, "sind leider die große, große Seltenheit". Immer wieder erfahren die Schüler, wie an einer Mainzer Hauptschule, "was der andere Lehrer macht, interessiert mich nicht".

Oft genug herrscht Ratlosigkeit unter den Schülern auch noch am Tag danach, wenn sie ihre Arbeiten vorzuweisen haben. Getreu den Vorschriften wären die nun "auszuwerten oder zu kontrollieren", aber häufig bleibt es bei Stichproben, besprochen werden die Arbeiten in der Regel nicht. Da mutet es schon komisch an, wenn etwa im Hausaufgabenerlaß von Schleswig-Holstein konstatiert wird: Nichtberichtigte Arbeiten seien "eher schädlich als nützlich".

Es scheint, als seien Hausaufgaben mitunter Lehrern gerade so lästig wie in der Regel den Schülern. Die Kultusverwaltungen müßten sich "ernstlich fragen, ob da nicht vieles geschieht, was keinen Nutzen macht", meint Walter Bröcker im Schulressort des Düsseldorfer Kultusministeriums.

Immerhin sind es, andererseits, Lehrer, die zunehmend auf die Misere aufmerksam machen. Kritische, auch selbstkritische Stimmen mehren sich, und eine ganze Reihe von Pädagogen bemüht sich um neue Konzepte.

Sie rücken vor allem Hausaufgaben neuen Typs in den Vordergrund: "nach Art, Form und Inhalt anwendungsbezogen, produktiv, abwechslungsreich und originell", wie der Münchner Erziehungswissenschaftler Dietrich von Derschau erläutert, der selber konkrete Vorschläge macht.

So sollen Hausaufgaben beispielsweise anstelle von Wiederholungen das "Sammeln, Sichten, Analysieren" betonen oder auch "Besichtigen, Beobachten, Betrachten, Erkunden und Befragen". Mechanisch zu erledigende Aufgaben, so hören Lehrerstudenten am Regionalen Pädagogischen Zentrum Bad Kreuznach jetzt schon mal, seien "weitgehend durch produktive Aufgaben zu ersetzen, welche in ihrer Art der Freizeitbeschäftigung angenähert sind".

Die "wohl wichtigsten Lernchancen" sehen die Kritiker der gängigen Hausaufgabenpraxis in der Verbindung "von Unterricht und außerschulischer Erfahrungswelt". Anhänger der neuen Richtung empfehlen, statt eintöniger Additionsübungen "Preise in einem kleinen Lebensmittelgeschäft und im Supermarkt" zu berechnen und zu vergleichen oder den Benzinverbrauch verschiedener Autos zu ermitteln. Im Fremdsprachenunterricht böten sich der "Umgang mit englisch abgefaßten Gebrauchsanweisungen" oder das Übersetzen von "Anleitungen für Gesellschaftsspiele" an.

Für deutsche Rechtschreibung, die Schülern oft uneinsichtig oder gar widersprüchlich erscheint, empfiehlt der schwäbische Grund- und Hauptschulrektor S.70 Peter Schmidt ein "Repertoire an methodischen Varianten", um bei den Kindern "Motivation für die sachliche Auseinandersetzung" zu schaffen. Der Pädagoge verspricht sich etwas von Wortpyramiden, Worttreppen, Kreuzwort- und Schüttelrätseln. Beispiel: "Schüttle die Buchstaben in der linken Spalte so, daß Wörter mit ck entstehen."

Stundenlang Karten abzumalen, Berge womöglich mit Höhenlinien, Flüsse Windung um Windung, erscheint den Neuerern auch nicht sinnvoll. "Produktiver und abwechslungsreicher" für Kinder seien Aufgabenstellungen, so die Pädagogen Gerd Busse und Gerhard Ströhlein, die "in Bezug zur Lebens- und Erfahrungswelt der Schüler "tehen", etwa: Verfolge die Straße von Bettenfeld nach Mandersche"d " und von dort ... nach Patenburg! Begründe die Straßenführung, " " stelle Höhenunterschiede fest, die sie zu überwinden hat! "

"eispiel für Physik: Nach der Besprechung des Themas " " "Magnetismus/Kompaß" sollen die Schüler eine " " "Heimfindestrategie" mit Hilfe von Landkarte und Kompaß " " entwickeln, an einem Nachmittag ausprobieren und die " " Unternehmung genau protokollieren. "

In guten Schulbüchern war dergleichen auch schon vor Jahren zu lesen, gute Lehrer verstanden es schon immer, Hausaufgaben lebensnah zu gestalten. Aber solche Praxis war Ausnahme, ist es bis heute geblieben.

Auch mähliches Umdenken zeichnet sich nur in Ansätzen ab, und alle Schulpraktiker, Befürworter der Hausaufgaben wie deren Kritiker, sind sich im klaren darüber, daß sich das Problem vollends nur lösen ließe, wenn das ganze Schulsystem geändert würde: durch Einführung der Ganztagsschule, wie sie in Frankreich, Großbritannien oder Schweden weithin üblich ist.

Sie wäre der Ort, wo leistungsschwächere Schüler in Übungs- und Förderstunden unter Lehreraufsicht Unverstandenes erarbeiten und Ungeliebtes trainieren könnten, wo Lernerfolg der Kinder nicht länger von der Qualität der Elternhilfe abhängig ist. Und nach der Schule wäre für Schüler und Eltern wirklich frei.

Die Ganztagsschule könnte auch Benachteiligungen abbauen helfen, denen viele Kinder von Haus aus noch immer ausgeliefert sind. Denn in kinderreichen Familien oder in zu kleinen Mietwohnungen sind die Arbeitsvoraussetzungen für häusliche Schulaufgaben oft ungenügend. Arbeitsplätze am Küchentisch neben Abwasch und Essenkochen, im Kinderzimmer neben tollenden Geschwistern oder im Wohnzimmer neben flimmernden TV-Geräten sind kaum dazu angetan, daß Kinder sich die im Unterricht "vermittelten Kenntnisse weiter einprägen" oder erworbene "Fertigkeiten üben".

Mit Ganztagsschulen würden Hausaufgaben wieder dorthin zurückverlagert, wo sie hingehören. "Hausaufgaben", pflegt der Hamburger Pädagogik-Professor Wolfgang Schulz zu sagen, "müßten eigentlich Schularbeiten heißen, denn sie müßten in der Schule stattfinden." Und viele Schüler und Eltern nennen sie ja auch wirklich so.

Fraglos wäre die Ganztagsschule auch geeignet, die "übermäßige Beanspruchung vieler Eltern und Familien, insbesondere aus bildungsfernen Schichten, durch Hausaufgaben und Hilfe bei Schularbeiten" abzuwenden, wie der "Gesprächskreis Bildungsplanung" beim Bundesbildungsminister feststellte, ein Beratungsgremium mit Fachleuten aus Wissenschaft und Wirtschaft. Nur:

Erst gut drei Prozent der bundesdeutschen Schüler besuchen Ganztagsschulen, und viel mehr werden es in absehbarer Zeit nicht werden. Zwar fordern die Parteien, quer durch alle bildungspolitischen Lager, "ein verstärktes Angebot" an Ganztagsschulen, aber angesichts der Finanzmisere in Bund und Ländern ist an Realisierung nicht zu denken.

Denn Schule von morgens um acht bis nachmittags um 16 Uhr, mit Unterricht, Übungsstunden und organisierter Freizeit, käme in der Ausstattung 20 bis 30 Prozent teurer, der Bedarf an Lehrerstunden stiege sogar um 40 Prozent.

So wird es fürs erste bleiben, wie es war, in deutschen Schulstuben und Elternhäusern: Nach dem Unterricht Essen, dann kommen die Bücher auf den Tisch. Jeder zweite Schüler macht zwischen 13 und 15 Uhr Hausaufgaben, zu einer Tageszeit, in der nach Mediziner-Meinung die physiologische Leistungsfähigkeit stark reduziert ist.

"Wichtig und gesünder" wäre es, wie Pädagoge Boßmann sagt, "wenn sich an die langen Sitzzeiten am Vormittag eine Phase des Austobens anschließen" könnte - Hausaufgaben sollten am besten gegen 16 Uhr begonnen werden und spätestens um 18 Uhr fertig sein.

Doch Schüler, die sich erst nachmittags an die Bücher setzen wollen, gelten bei vielen Eltern schon als faul. Und wenn es Schwierigkeiten mit den Aufgaben gibt, suchen die meisten Mütter und Väter die Ursachen bei ihren Zöglingen - das eingeschliffene Ritual von Helfen, Triezen und Strafen ist fällig.

Keine Frage, daß Unerledigtes wie Unerfreuliches aus der Schule während der Erledigung der Hausaufgaben auf das Elternhaus übertragen werden. Die Schularbeiten haben sich in vielen Familien zu einem Alptraum entwickelt, zumindest, wie es der Hildesheimer Schulpädagogik-Professor Rudolf W. Keck ausdrückt, "zu einem Hauptärgernis im familiären Zusammensein".

Denn zumal jüngere Kinder sind häufig lustlos, wenn es Hausaufgaben zu machen gilt, einfach weil sie lieber Fußball spielen oder mit der Freundin plaudern möchten. Wieder andere haben es einfach satt, sich zu Hause mit dem herumzuquälen, was ihnen in der Schule schon schwergefallen ist - die Null-Bockauf-alles-Stimmung kehrt sich dann rasch gegen die eigene Mutter, die immer nur das Beste will.

Um die Noten zu verbessern, um eine gefährdete Versetzung zu erreichen oder auch nur, "damit das Kind nicht abrutscht", ziehen die Mütter zu Hause noch andere Saiten auf als die Lehrer: S.73 Sie erweisen sich als "der verlängerte Arm der Schule".

So umschreibt es Pädagoge Schwemmer, der in seiner Schülerbefragung eine Fülle von Beispielen dafür zitiert, daß das Elternhaus sich wie eine "unkritische Disziplinierungsinstanz" verhält. Da darf ein Elfjähriger, der, weil er seine Hausaufgaben einmal versäumt hat, "drei Wochen nicht aus dem Haus". Da bekommt ein Gleichaltriger sogar vier Wochen Hausarrest aufgebrummt, weil der Vater beim Nachschauen der Hausaufgaben Fehler entdeckt hat.

"eutscher Schüleralltag: Als ich fertig war und es meiner Mutter " " zeigte, sagte sie nur "Ach, du lieber Gott, wie sieht denn " " das aus!" Aber sie hatte recht, ich hatte überall " " Tintenkleckse, und die Hälfte war durchgestrichen. Meine " " Mutter sagte, ich solle es noch einmal schreiben. Ich tat es, " " aber ich weinte dabei. Aber endlich war ich fertig. Doch " " meine Mutter sagte: "Wir üben noch ein wenig, du hast noch " " Zeit." Ich lodderte so lange, bis ich eine geknallt bekommen " " habe. Da dachte ich, ich tu es lieber. "

Kaum eine andere Gelegenheit, bei der es in deutschen Familien so leicht Ohrfeigen und Kopfnüsse setzt oder Ohren langgezogen werden. "Ehe ich den Füller rausgeholt hatte, hatte ich schon eine gelatscht bekommen", schreibt ein Zehnjähriger. "Als ich mitten im Schreiben war", so ein anderer, "kam ein Fettfleck auf das Heft. Und meine Mutter knallte mir eine."

Wenn die Mutter nicht zur Hand ist, ist es auch schon mal die Oma, die der Aufforderung, nun endlich die Hausaufgaben zu machen, mit einem Griff in die Schublade Nachdruck verleiht: "''Wenn du jetzt nicht machst, dann bekommst du sie mit dem Kochlöffel!'' Aber das machte mir keine Angst. Nach einer Weile war meine Lippe aufgeschlagen worden, und ich bekam noch Hausarrest für drei Tage." Kinder versuchen denn auch, der Abreibung zu entgehen, indem sie sich anpassen und besonders fügsam sind - oder indem sie flunkern. Eine Sechzehnjährige beschreibt, wie sie mit Hilfe ihrer Tante Rechenaufgaben erledigte und sich abends, als der Vater fragte: "Hast du das ganz alleine gemacht?", mit einem falschen Ja herauszumogeln suchte - Folge: "Gut, dann rechne mir mal die Aufgabe vor."

Die Schülerin: "Da stand ich natürlich auf dem Schlauch. Als er dann merkte, daß ich die Aufgaben nicht alleine gemacht hatte, bekam ich Prügel und mußte den kommenden Tag hundertmal schreiben ''Ich darf meinen Vater nicht anlügen''." Der Alltag mag nicht immer so martialisch sein, aber daß eine gereizte Atmosphäre herrscht, daß böse Worte fallen und Tränen rinnen - das ist an der Tagesordnung. Und wenn es friedlich zugeht im Elternhaus, dann ist das noch lange kein gutes Zeichen.

Um dem Ärger zu entgehen, verschweigen manche Schüler das ihnen aufgegebene Pensum. Bei den Jüngeren geht das nur so lange gut, bis der Lehrer sie ertappt - mit der Folge, daß das Versäumnis ins Hausaufgabenheft oder Klassenbuch eingetragen wird und von den Eltern gegenzuzeichnen ist. Der disziplinäre Kreislauf bleibt erhalten.

Nur wenige und vor allem die älteren Schüler, die nicht mehr unter der elterlichen Fuchtel stehen, können sich des Problems einigermaßen risikolos entledigen. Sie greifen, wie schon ihre Väter und Großväter, zur kollektiven Selbsthilfe: Einer arbeitet, die anderen pinnen ab - im Bus, auf dem Schulhof, auf dem WC.

S.61

Es war einmal an einem Tag, da hatte ich viel Hausaufgaben auf,

Deutsch und Mathe. Nach einer Viertelstunde war ich mit Deutsch

fertig. Ich wollte mit Mathe anfangen. Ich konnte es nicht. Abends,

wie meine Mutter kam, da sagte ich es ihr. Sie schaute es sich an,

und sie sagte, es ist so leicht. Dabei wußte es sie auch nicht.

Trotzdem bekam ich Schläge.

*

Vor ein paar Wochen bekamen wir Hausaufgaben in Rechnen auf, die ich

nicht konnte. Ich ging zu meiner Mutter und fragte sie, ob sie weiß,

wie die Aufgaben gehen. Sie nahm ein Blatt von einem Block und

rechnete vor sich hin. Nach einer Weile sagte sie mir, daß sie nicht

wüßte, wie sie gingen.

Ich fuhr nun mit meinem Rad zu meiner Freundin. Sie wußte aber auch

nicht, wie sie gingen. Wir gingen zu ihrer Mutter und fragten sie,

wie die Rechenaufgaben gingen. Sie nahm sich ein Blatt und rechnete

die Aufgaben. Leider wußte sie auch keinen Rat, wie man solche

Aufgaben rechnen sollte.

Als ich heimkam, schickte mich meine Mutter zu unserem Nachbarn,

denn sie wußte, daß er gerne und gut rechnete. Als ich ihm von

meinem Kummer erzählte, rechnete er auch an den Aufgaben herum, und

er wußte auch nichts.

*

S.65

Weiß ich nicht .......... 1 Prozent Weil ich keine Lust habe ..... 3

Prozent Weil zu viele Aufgaben gegeben werden ............... 32

Prozent Weil es mein Lieblingsfach ist oder weil es mir Spaß macht

...... 11 Prozent Weil die Aufgaben zu schwer sind

......................... 47 Prozent Wegen der vielen Zeichnungen

(in Biologie, Physik, Erdkunde) ....................... 6 Prozent

*

S.70

Verfolge die Straße von Bettenfeld nach Manderscheid und von dort

... nach Patenburg! Begründe die Straßenführung, stelle

Höhenunterschiede fest, die sie zu überwinden hat!

*

Nach der Besprechung des Themas "Magnetismus/Kompaß" sollen die

Schüler eine "Heimfindestrategie" mit Hilfe von Landkarte und Kompaß

entwickeln, an einem Nachmittag ausprobieren und die Unternehmung

genau protokollieren.

*

S.73

Als ich fertig war und es meiner Mutter zeigte, sagte sie nur "Ach,

du lieber Gott, wie sieht denn das aus!" Aber sie hatte recht, ich

hatte überall Tintenkleckse, und die Hälfte war durchgestrichen.

Meine Mutter sagte, ich solle es noch einmal schreiben. Ich tat es,

aber ich weinte dabei. Aber endlich war ich fertig. Doch meine

Mutter sagte: "Wir üben noch ein wenig, du hast noch Zeit." Ich

lodderte so lange, bis ich eine geknallt bekommen habe. Da dachte

ich, ich tu es lieber.

*

S.57 Thomas Hardt: "Zur Problematik der Belastung von Schülern und Eltern durch Hausaufgaben und Nachhilfeunterricht". Ergebnisse einer Befragung unter Eltern von Hauptschülern, Realschülern und Gymnasiasten. *

DER SPIEGEL 12/1982
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Hausaufgaben sind Hausfriedensbruch