08.06.1981

TV-INDUSTRIESeltener Triumph

Zwei Patente verschaffen den deutschen Elektronikfirmen einen Vorsprung beim Stereo-Fernsehen. Durch strenge Lizenzklauseln können sie den Markt gegen Fernost-Konkurrenz abschirmen.
Im Saal "Berlin" des Frankfurter Flughafens setzten sich Mitte April die Patentexperten der bundesdeutschen Fernsehhersteller zusammen, um ein seltenes Ereignis zu bereden: Ausnahmsweise haben sie gegenüber der japanischen Konkurrenz einmal einen klaren technologischen Vorsprung.
Die Deutschen besitzen nämlich seit kurzem zwei bedeutende Patente für den Stereo-Ton beim Fernsehen. Und nur mit Hilfe dieser Patente ist es möglich, Fernsehgeräte so zu bauen, daß sie die ab September von den Sendern ausgestrahlten Stereo-Signale empfangen und zu Tönen verarbeiten können.
Der bedrängten Branche bringt das große Vorteile: Ausländische Konkurrenten, die in der Bundesrepublik stereotüchtige TV-Apparate verkaufen wollen, müssen nun bei den deutschen Geräteherstellern um Patentlizenzen nachsuchen.
Den seltenen Triumph über die Asiaten verdankt die Branche dem bayrischen Fernsehtechniker Max Aigner. "Beim Autofahren" kam dem Mitarbeiter des Münchner Instituts für Rundfunktechnik die entscheidende Idee, wie das störanfällige japanische Stereo-System verbessert werden kann.
Das Ergebnis ist, so die Patentschrift, ein "Verfahren zum Übertragen von stereophonen Signalen auf zwei gleichwertige Einzelkanäle", bei dem gleichzeitig gesichert ist, daß auch die Besitzer von herkömmlichen Mono-Fernsehern ordentliche Töne hören.
Noch bevor die Patente amtlich erteilt worden waren, meldeten sich bei dem von ARD und ZDF gemeinsam getragenen Münchner Forschungsinstitut Interessenten: Für den Discountpreis von 100 000 Mark erwarb die Düsseldorfer Interessengemeinschaft für Rundfunkschutzrechte (IGR) sämtliche Patentrechte. Für weitere 50 000 Mark holte sich der exklusive Klub, in dem sich die zehn deutschen Fernsehgeräte-Hersteller in aller Stille zu einer Art Forschungsgemeinschaft zusammengeschlossen haben, die Patentanmeldung für sieben europäische Staaten.
Alle IGR-Mitglieder, der Marktführer Grundig wie der Branchenzwerg Metz, können nun den neuen Stereo-Empfänger in ihre TV-Kisten einbauen. Und Die IGR darf selbst festlegen, ob und wie die fernöstliche Konkurrenz an den Patenten beteiligt wird.
Genau darum ging es bei dem vertraulichen Gespräch auf dem Rhein-Main-Flughafen.
Von vornherein waren sich die TV-Produzenten darüber einig, daß sie den S.68 Japanern die Stereo-Erfindung nicht völlig versperren können. Denn zu oft sind die Deutschen selbst gezwungen, bei den Japanern um Lizenzen nachzusuchen. So wird vom nächsten Jahr an Telefunken Video-Recorder nach dem japanischen VHS-System bauen.
Die Branche möchte lieber auf bewährte Handelshemmnisse zurückgreifen. Vorbild sollen die Lizenz-Verträge sein, die Telefunken in den sechziger Jahren für sein PAL-Farbfernsehsystem abschloß.
Mit den inzwischen ausgelaufenen PAL-Patenten konnte Telefunken den Japanern jahrelang Importmengen und Gerätetypen vorschreiben. Und genauso möchte die IGR nun den Verkauf von Stereo-Fernsehern aus fernöstlicher Produktion drosseln.
Auch ohne Lizenz-Tricks besitzen die deutschen Firmen erst einmal einen Vorsprung. Wenn das ZDF zur Funkausstellung im September beginnt, seine Stereo-Sendungen auszustrahlen, können die japanischen Elektronikkonzerne mit Sicherheit keine stereotauglichen Fernsehgeräte an den Handel liefern. Neben den Stereo-Fernsehern von Loewe Opta, die schon seit März erhältlich sind, werden im Herbst nur Apparate aus bundesdeutscher Produktion angeboten.
Die Japaner, die seit Januar dieses Jahres erstmals auch Geräte mit einer Bildschirmgröße von mehr als 51 Zentimetern ohne Mengenbeschränkung nach Deutschland verkaufen können, wurden von dem Coup der Deutschen völlig überrascht. Viele Statthalter der japanischen Konzernableger in Deutschland wußten bislang nicht einmal von der Existenz der IGR.
Unangenehm dürfte es für die Japaner vor allem beim Geschäft mit Video-Geräten werden, das sie bisher souverän beherrschen. Solange sie nämlich keine Stereo-Lizenz besitzen, können sie auch ihre Video-Recorder nicht mit dem Zweiklang-Ton ausrüsten. Die Hersteller des europäischen Systems "Video 2000" hätten daher einen beachtlichen Konkurrenzvorteil. Grundig will schon im Herbst den ersten Stereo-Recorder herausbringen.
Einer unter den Fernost-Konkurrenten kann mit dem Patentdeal freilich nicht getroffen werden. Der Sony-Konzern, der 1975 das Fellbacher Familienunternehmen Wega aufkaufte, ist über Wega Mitglied der IGR. Für alle in Fellbach gefertigten Fernseher der Marken Sony und Wega können die Japaner die Stereo-Patente nutzen.
Und wie zukunftsträchtig die Sony-Manager in Tokio den deutschen TV-Stereo-Markt einschätzen, haben sie bereits deutlich gemacht: Von August an wird die gesamte Fernseher-Produktion von Wega auf Stereo umgestellt. Mono-Geräte der Marke Wega gibt es dann nicht mehr.

DER SPIEGEL 24/1981
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