17.08.1981

WAFFEN-EXPORTAuf Umwegen

Nach der Blitzaktion bei Rheinmetall in Düsseldorf hofft das Bundeskriminalamt, Waffenschiebungen großen Stils nachweisen zu können.
Im Konvoi bogen die Limousinen in die Düsseldorfer Ulmenstraße ein, vor dem Gebäude Nummer 125 stoppte die Kolonne. Mit ihren Dienstausweisen verschafften sich die 46 Männer Zutritt zur Hauptverwaltung des Rheinmetall-Konzerns.
Der Blitzbesuch der Spezialtruppe des Bundeskriminalamtes (BKA), am Mittwochmorgen vergangener Woche, war bestens vorbereitet. Sofort schwirrten die Fahnder in die Direktionsetagen, filzten in den Büros Schreibtische, Panzerschränke und Regale, durchwühlten Akten und beschlagnahmten Papiere.
Die Gelegenheit war günstig, die meisten Chef-Büros bei Rheinmetall waren verwaist. Der gesamte Vorstand und viele der Direktoren waren am Mittwoch in Berlin -- auf der Hauptversammlung ihres Unternehmens.
Während in Berlin die Aktionäre die Dividendenpolitik des Düsseldorfer Waffenkonzerns lobten, packten die Fahnder in der Ulmenstraße Kartons voller Papiere. Mit dem beschlagnahmten Material hoffen sie beweisen zu können, daß der rheinische Rüstungskonzern gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz verstoßen hat.
Rheinmetall will, so vermuten die Fahnder, Argentinien insgesamt 600 Panzer-Kanonen liefern, ein großer Teil der Ware soll bereits bei den Käufern sein. Eine Erlaubnis für den anrüchigen Handel, den nur die Bundesregierung genehmigen könnte, liegt nicht vor.
Die Waffen aus Deutschland werden von den Junta-Generalen in Buenos Aires dringend erwartet. Sie wollen damit 600 Tam-Panzer bestücken, etwa die Hälfte mit 20-Millimeter-Kanonen, die anderen mit großkalibrigen 105-Millimeter-Kanonen vom deutschen Kampfpanzer Leopard I.
Auch die Tam-Panzer sind deutsche Wertarbeit. Sie entsprechen bis auf leichte Abweichungen dem von der Kasseler Thyssen-Tochter Henschel gebauten Schützenpanzer Marder, den vor allem die Bundeswehr abnimmt. Henschel liefert die Einzelteile für den Tam, der in Argentinien in Lizenz montiert wird. Dieses Geschäft hat die Bundesregierung genehmigt.
Doch von Buenos Aires aus gelangen die Panzer dahin, wohin sie eigentlich nicht sollen. Denn die Argentinier betreiben einen schwunghaften Handel mit dem deutschen Kriegsgerät.
So sollen Pakistan und Saudi-Arabien die argentinische Marder-Version gekauft haben; auch die Volksrepublik China hat mehrere Tam bestellt. Und alle Kunden legen besonderen Wert darauf, für ihre Panzer auch die präzisen Kanonen von Rheinmetall zu bekommen.
Der Name Rheinmetall fiel schon mehrmals, wenn von illegalen Waffenverkäufen die Rede war. Schon seit zwei Jahren nämlich ermittelt das BKA wegen des Verdachts unzulässiger Geschäfte in großem Umfang.
So haben die Düsseldorfer rund 100 Zwillings-Kanonen vom Kaliber 20 Millimeter nach Spanien geliefert. Für das Geschäft gab es zwar eine Bonner Genehmigung, aber nicht für das, was danach geschah: Die Kanonen wurden wenig später nämlich von Spanien an den eigentlichen Adressaten verschifft -- nach Argentinien.
Die rheinischen Waffenmanager waren sich darüber, so argwöhnt das BKA, von vornherein im klaren. Das gilt vermutlich auch für die anderen Geschäfte, bei denen jeweils Waffen über eine Zwischenstation in Länder verschoben wurden, die keine deutschen Waffen bekommen dürfen.
So kam Saudi-Arabien, ebenfalls über einen Umweg, an rund 1000 Maschinengewehre von Rheinmetall. Den Auftrag wickelte eine italienische Lizenzfirma ab.
Die Italiener bauten die Schußwaffen mit selbst hergestellten und von Düsseldorf gelieferten Teilen zusammen. Die Ladung für Riad schwamm gerade auf See, als -- zu spät -- deutschen Diplomaten in Rom die Fracht-Verträge zugespielt wurden.
Auch bei einem anrüchigen Geschäft mit Südafrika war Rheinmetall dabei. Eine in der Bundesrepublik produzierte Munitionsfüllanlage traf im offiziellen Bestimmungsland Paraguay gar nicht ein. Die Container wurden im brasilianischen Hafen Paranagua heimlich auf einen Frachter nach Südafrika umgeladen.
Für verbotenen Handel mit schweren Schußwaffen könnte das BKA nunmehr die letzten noch fehlenden Beweise beieinander haben. Kistenweise schleppten die Beamten am Mittwoch der vergangenen Woche Akten aus der Rheinmetall-Hauptverwaltung und versiegelten mehrere Räume.
Die Fahnder des Bundeskriminalamtes hoffen, auch Belege für illegale Waffengeschäfte mehrerer Rheinmetall-Partner zu finden.

DER SPIEGEL 34/1981
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