18.01.1982

Hübsches Frätzchen

„Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“. TV-Film in fünf Teilen nach Thomas Mann von Bernhard Sinkel. ZDF.
Gewiß, der "Kanon des Schicklichen", den des Dichters luftigster Held bei seinen Bekenntnissen "keinen Augenblick durchbrochen zu haben" glaubt, geht in dieser neuen (zweiten) Verfilmung des Romans durchaus ein paarmal zu Bruch.
Was Thomas Mann seinen Felix Krull mit ironisch-gravitätischer Dezenz nur andeuten und umschreiben läßt, das wird nun in kräftiger Leibhaftigkeit vor- und ausgeführt: die hochgehenden "Wogen des Vergnügens" im "feinbürgerlichen, wenn auch liederlichen" Elternhaus zum Beispiel oder der Dirne Rozsas "schlimme Liebesschule".
Krulls Pate Schimmelpreester darf sich hier unter den Tisch saufen, und im Frankfurter "Kaffeehause mittleren Ranges" kommt es sogar zu einer Schlägerei im Bud-Spencer-Stil - kein Wort davon im Buch.
Doch soll man den Regisseur Bernhard Sinkel (am Drehbuch schrieb der kürzlich verstorbene Alf Brustellin mit) für solche bedenklichen Zutaten und Vergröberungen ernstlich tadeln?
Wenn das Fernsehen, wie dieses Medium nun mal gebaut ist, heute immerzu den Mehrteiler, die Serie fordert, dann muß der Stoff eben gestreckt und also aufgefüllt werden. Die Vorstellungen über das "Schickliche" sind ohnehin wandelbar. Und schließlich ist schon der hochmögende Urheber der "Bekenntnisse" nicht davor zurückgeschreckt, seine pathetisch-lüsterne Madame Houpfle als Gattin ausgerechnet eines Klosettfabrikanten übermäßig komisch zu machen.
Sinkels fünfteiliger "Krull", den das ZDF vom nächsten Sonntag (20.15 Uhr) an ausstrahlt, ist im übrigen größerenteils ansehnlich und vergnüglich geraten, die Schwachstellen und einige Ungereimtheiten bringen ihn nicht um.
Ansehnlich ist er nicht zuletzt wegen einer Belle Epoque, die der Regisseur und sein Ausstatter Nicos Perakis mit mehr Geschmack und Sorgfalt eingerichtet haben, als diesem Lieblingsdekor deutscher TV-Unterhaltung sonst mittlerweile zuteil wird. Vergnüglich ist der Film nicht nur mit den humoristischen Unverwüstlichkeiten der literarischen Vorlage, sondern auch durch manche Originalerfindung des Teams Sinkel/ Brustellin.
Die Frankfurter Rozsa jiddisch reden und liebesstammeln zu lassen ("Schmus mir den Toches!"), ist so ein Einfall; Madame Houpfles Boudoir-Hymnus auf die Reize des Liftboys Felix ("zarte Sterne deiner Brust") als Dichterlesung zu wiederholen, ein anderer.
Gut gelungen ist vor allem die fünfte, die Schluß-Folge, in der Sinkel einem auf rührend-würdige Weise komischen Professor Kuckuck (Bunuel-Star Fernando Rey) schon im Zug nach Lissabon nebst Frau und Tochter zwei Neandertaler, Dermoplastiken für sein Museum, beigibt.
Durch diese Konstellation wird die Handlung vorteilhaft beschleunigt, dank jener Requisiten die berühmte naturphilosophische Belehrung, die Kuckuck dem höflichen Zuhörer Felix verpaßt, angenehm aufgelockert.
Der neue Felix des Engländers John Moulder-Brown (Horst Buchholz im Kino-"Krull" von 1957 bleibt in gar nicht so schlechter Erinnerung) kann wohl mit der "göttergleichen" Wohlgestalt und dem hübschen "Frätzchen" aufwarten, die das Buch vorschreibt. Seinem sanften Popper-Charme fehlt nur ein Schuß Durchtriebenheit.
Daß Sinkel seinen Hochstapler am Ende aus der unvollendet gebliebenen Geschichte per Freiballon ins Imaginäre entläßt, ist ein schöner Zug, auch einleuchtend. Und gefällig ist der Spaß, den er sich mit dem "Krull"-Autor im zweiten Serienteil macht: Da läßt er Thomas Mann selber auftreten - ein täuschend ähnlich maskierter Loriot. Weniger amüsant, daß er den Scherz noch zweimal wiederholt.
Rolf Becker
S.142 Mit John Moulder-Brown (Felix) und Magalie Noel (Madame Houpfle). *

DER SPIEGEL 3/1982
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