22.12.1980

RAUSCHGIFTSchniefer und Schnupfer

Die in den USA seit Jahren registrierte Kokainwelle schwappt nach West-Europa über: Neuer Import-Schwerpunkt ist Baden-Württemberg.
Zuerst massierten sich beide das weiße Pulver ins Zahnfleisch, dann streute er mit einem goldenen Löffelchen kleine Portionen auf ihre angefeuchteten Brustwarzen, danach auf Klitoris und Glied, "bis es wie verzuckert aussah".
Wenige Minuten später begann für das nackte Pärchen ein "Trip zum Mond und zurück".
So lebhaft und lebensnah beschreibt der amerikanische Bestseller-Autor Harold Robbins ("Die Unersättlichen"), der sich in der Schickeria zwischen Kalifornien und Cote d''Azur seit Jahren gut auskennt, in seinem Roman "Der Pirat" Weg und Wirkung eines Potenz-Pulvers, das als "Party-Bombe" nun auch in der Bundesrepublik immer schneller Verbreiter und Anhänger findet: das Rauschgift Kokain.
"Die Antestphase ist überschritten", diagnostiziert der Stuttgarter Kriminaloberrat Klaus Mellenthin, Leiter des Rauschgift-Dezernats im Landeskriminalamt (LKA) von Baden-Württemberg, "das Rauschgiftproblem ist um eine neue böse Komponente bereichert, die Kokainwelle kommt."
Wenn die Entwicklung aus den USA nachvollzogen wird, "wogegen kaum etwas spricht" (Mellenthin), dann wird vor allem eine "bisher weitgehend resistente Altersgruppe" überrollt: Opfer und Täter gehören vor allem "zur arrivierten und saturierten Midlife-Crisis-Class, zur sogenannten Society".
Und wenn es in den USA längst zum Partybrauch gehört, kleine Goldschälchen zur Selbstbedienung mit Kokain aufzutischen, so stellt die Kriminalpolizei in Westdeutschland hin und wieder auch schon sicher: winzige Silber- oder Goldlöffel, auch kleine Glaskolben mit Zapfverschluß, dazu onyx-belegte Dosen, gefüllt mit dem gefährlichen Pulver statt mit Pillen.
Jenseits des Atlantiks wurde Filmstars wie Jane Fonda, Steve McQueen und Ali MacGraw Kokain-Genuß nachgesagt; auf dem Frankfurter Flughafen wurde der Hollywood-Regisseur Stanley Dragoti mit Kokain erwischt (SPIEGEL 43/1979). Und auch in der Bundesrepublik scheint die Film- und Show-Schickeria besonders anfällig zu sein.
Anfang Dezember wurde, nachdem Dealer ausgepackt hatten, bei einer Kokain-Razzia in München gleich 16 Filmleute -- Regisseure und Produzenten der jüngeren deutschen Szene namentlich als Käufer oder Konsumenten verdächtigt. Der Regisseur Klaus Lemke ("Negresco") wurde vorübergehend festgenommen; die Kneipiers eines Schwabinger Künstlerlokals blieben in Haft.
Vor fünf Jahren wurden in der Bundesrepublik nur 800 Gramm Kokain sichergestellt, 1980 waren es schon mehr als 21 Kilo -- nach bloßem Gewicht noch keine Parallele zwar zur Heroin-Hausse (1979 mehr als 200 Kilo), für die Rauschgift-Fahnder aber von einer "fatalen Duplizität": Auch das Heroin war "unauffällig" eingesickert; 1969 waren ganze 500 Gramm beschlagnahmt worden.
"Bei Heroin wurde zu lange verharmlost und geschwiegen", urteilt Mellenthin, "bei Kokain muß jetzt gleich Klartext geredet werden." Das wird freilich nicht so leicht und überzeugend möglich sein wie beim Heroin, denn "was da unter schicker Flagge segelt" (Mellenthin), als "happy dust", "Champagner-Droge" oder "Charly", hat viel eher Anziehungskraft als abschreckende Wirkung und zunächst den scheinbaren Vorzug, keine körperlichen Spuren zu hinterlassen.
Das aus den Blättern der südamerikanischen Kokapflanze gewonnene Alkaloid Kokain, lange Zeit wichtiges Mittel der medizinischen Lokalanästhesie, einst vom Professor Sigmund Freud ebenso geschätzt wie vom Maler Otto Dix, wird rein als weißes Pulver -- glitzernd wie Staubzucker oder, ebenfalls ein Kokain-Kosename, frischgefallener "Schnee" -- geschnupft, auch als verdünnte Lösung in die Vene gespritzt.
Mit nur 0,05 oder 0,1 Gramm "Koks", wie Kokain schon als Modedroge der zwanziger Jahre genannt wurde, wird sofort nach dem Hochschniefen ein Wirkungsgrad erreicht, der in der Regel nur 30 bis 40 Minuten anhält: euphorische Stimmung, verstärkte sexuelle Bedürfnisse und Leistungen, Rededrang und geselliges Verhalten.
Und weil Kokain, für Anfänger nur ein kräftiges Stimulans, keine direkte Abhängigkeit erzeugt, werden die Gefahren des Kokains, bis hin zur totalen seelischen Abhängigkeit und zur tödlichen Schnupfration, leichter verdrängt. Die Symptome der Kokain-Sucht sind von Beobachtern bei Betroffenen nur schwer auszumachen:
* anfangs Angstzustände, Zittern der Hände, Unruhe und erweiterte Pupillen,
* später Halluzinationen, Katerstimmung, Bereitschaft zu Gewalttaten, um an "cokey" zu gelangen,
* allmählich bleiche, erstarrte Gesichtszüge, umständliche Sprechweise, gerötete Nase, zerfressene Nasenscheidewand, Impotenz.
* schließlich Tendenz zu immer höherer Dosis, Wahnbilder, Depressionen, Verfolgungswahn.
Zwar ist zunächst noch bei starker Selbstdisziplin eine Abkehr vom Kokain ohne Entziehungskur möglich, aber nicht mehr im fortgeschrittenen Stadium, wenn die Sensibilisierung von Sex und Sinnen schon als unentbehrlich empfunden wird. "Auch ein Neugier-Konsument mittleren Alters", sagt Mellenthin, "wird leicht zum Rauschgift-Freak S.80 und rutscht dann auf die Straße ab."
Die Fahndung nach Dealern und Verbrauchern von Kokain läuft in Baden-Württemberg auf Hochtouren, weil der "white stuff" immer häufiger und in immer größeren Mengen über Südwestdeutschland einsickert -- 1980 gelangen vor allem am Bodensee und im Badischen dreißig Sicherstellungen.
Wichtigste Erkenntnis dabei: Wenn der Mann mit dem Koks kommt, ist es fast immer ein Italiener. Wohl nicht nur deshalb, weil in den USA die Mafia auch im Kokain-Geschäft tätig ist, sondern eher, weil der amerikanische Markt neuerdings auf dem Umweg über Westeuropa bedient wird.
Die US-Kontrollen bei Einflügen aus Südamerika, vor allem aus Kokapflanzer-Staaten wie Kolumbien, Peru oder Bolivien, sind so streng, daß die Rauschgift-Transporteure Miami oder New York lieber von europäischen Airports aus anfliegen, auch als Charter-Touristen.
Dabei wird, nach den Ermittlungen der Rauschgift- und Zollfahnder, "mehr und mehr abgezweigt", die Kokain-Flieger machen schnell kleine Nebengeschäfte in Europa. Amsterdam und Mailand gelten als Kokain-Zentren, Frankfurt hat dafür von Amsterdam die "Führungsrolle" bei Heroin übernommen.
Speziell das Dreiländereck bei Lörrach, Basel und Mülhausen gilt, wie auch der östliche Bodenseezipfel bei Lindau, Bregenz und St. Gallen, nach Aussage des Stuttgarter LKA-Präsidenten Kuno Bux noch als "großer weißer Fleck auf der Karte der Rauschgiftbekämpfung": Etliche Flughäfen, starker Pendler-, Reise- und Ausflugsverkehr mit meist nur Routinekontrollen, grenzüberschreitende Schnellstraßen und Autobahnen begünstigen den Kokain-Kurs.
Wegen der steigenden Nachfrage in der Bundesrepublik und der erhöhten Beschaffungskosten wird Kokain jetzt bereits teurer als Heroin gehandelt: Das Gramm, immerhin für ein Dutzend Schnupfportionen gut, kostet zwischen 200 und 500 Mark, und da greifen begüterte Interessenten eben eher zu.
So wurde beispielsweise in Stuttgart ein wohlhabender Architekt aus dem Kreis Ludwigsburg festgenommen, als er in der Altstadt Kokain-Proben übergeben wollte. Unterm Wasserbett des Architekten wurden dann Adressen von Koks-Kunden gefunden. Mellenthin definiert die neue "Verbraucherschicht" so: "Oben, auf der Party der Eltern, wird gekokst, und unten im Keller, bei den Jungen, wird gekifft."
Polizei und Drogenberater, Ärzte und Lehrer wollen nun weit stärker als bisher auf Koks-Konsum achten, zumal, wie der Gesamtverband für Suchtkrankenhilfe der evangelischen Kirche bedauert, "das Dunkelfeld der Verbraucher ungleich größer ist, sie bleiben länger unbekannt".
Der LKA-Experte Mellenthin meint, daß die Polizei "neue Wege" beschreiten müsse, um die "Kokain-Täterkreise" zu stellen: "Der Schnupfer in der Nobelszene entzieht sich heute noch weitgehend polizeilicher Nachforschung, der Schniefer in den Straßen ist leichter zu finden."
S.77 Stuttgarter Polizist Mellenthin (l.) mit fünf Kilo geschmuggeltem Kokain. * S.80 Zum Schnupfrohr gerollte Dollarnote. *

DER SPIEGEL 52/1980
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