17.08.1981

WDR: Hinterm Mond von Wanne-Eickel

Im Fernsehen tanzen Trachtengruppen, im Radio singt der Knappenchor, überall in Nordrhein-Westfalen spürt der WDR „Sorgen und Nöten“ seiner Landeskunden nach: In einem kostspieligen Kraftakt will die Anstalt ihre Regionalprogramme ausbauen. CDU- und SPD-Politiker opponieren, ihnen ist der Plan „allzu voluminös“.
Es sollen schöne, neue Programme werden, "unverwechselbar und attraktiv", mit vielen "innovatorischen Aspekten".
Werktags um 19.30 Uhr etwa beginnt im Dritten TV-Programm eine News-Show in "neuem Konzept", die "Aktuelle Stunde". Die Sendung bringt in- und ausländische Nachrichten, Regionales, Streitgespräche und Kommentare; sie wird als "unterhaltsame Mischung" angepriesen und "in der Präsentation amerikanischen und englischen" Vorbildern angeglichen.
Anschließend, um 20 Uhr, wenn auch die ARD-"Tagesschau" startet, öffnet sich im Dritten WDR-Fernsehen für 15 Minuten ein "regionales Fenster". Dann sind Berichte aus Espelkamp oder Höxter, Datteln oder Dinslaken, Paderborn oder Neheim-Hüsten vorgesehen.
Auch im Hörfunk des WDR kommt die Provinz ausgiebig zu Wort, täglich 60 Minuten fürs erste. Aus dem WDR-Radio empfangen die Landeskunden "Orientierungshilfen", Tips zum "Schulwesen" und zum "Umgang mit Behörden". In ländlichen Gebieten stehen "Themen im Vordergrund, die eine traditionsorientierte Bindung an die unmittelbare Umgebung ausdrücken, zum Beispiel des Brauchtums und Vereinslebens".
Laien-Kulturgruppen dürfen mit Hilfe des WDR "ihre Arbeit qualitativ weiterentwickeln". Vor den WDR-Mikrophonen sollen, zum Gedankenaustausch, die "verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen" aufeinandertreffen. "Deutsche und Ausländer" beispielsweise oder "Laien und Künstler".
Es wird ein schönes, neues WDR-Programm sein, unter besonderer Berücksichtigung der "ausgesprochen heterogenen landsmannschaftlichen Gliederung" des Bundeslandes; mit "neuer Themenvielfalt", mit Knappenchören aus Castrop-Rauxel, Mandolinen-Orchestern und Taubenzüchter-Versammlungen. Trachtengruppen und Schützengilden besetzen die Studios, und vielleicht wird bald der Künstler Beuys mit Laien hinterm Kahlen Asten Fragen von Fett und Filz erörtern. Der Kölner WDR wird zu einem landesweiten "Bürgerforum".
"Regionalisierung und Dezentralisierung", das sind die Zauberformeln, die derzeit den Sender beflügeln. Die Kölner Zentrale, dieser Koloß mit fast 4000 Angestellten, soll nicht mehr allein die WDR-Programme produzieren; die bisherigen (in Köln hergestellten) Regionalsendungen wie "Hier und heute" oder "Echo West" sind passe. Aus den nordrhein-westfälischen Provinzen und für diese Provinzen sollen künftig Funkhäuser mit "weitgehender programmlicher Gestaltungsfreiheit" berichten.
WDR-Intendant Friedrich Wilhelm Freiherr von Sell verspricht sich von dem Vorhaben euphorisch eine "Belebung von Programm und Betrieb", endlich auch sollen "Immobilität und Verkrustung" der Zentrale mit ihrer Armee von grauen Impotenzen "überwunden werden". S.129
Konkrete Pläne liegen nun vor; in siebenmonatiger Fleißarbeit hat eine Anstaltskommission ein Organisationsmodell entworfen, das den Freiherrn sehr entzückt hat. Im Herbst wird die Studie den Aufsichtsgremien des Senders zur Beschlußfassung vorgelegt. Die Zeit drängt, am 1. Januar 1983 soll der Landfunk Premiere haben.
Ein Projekt von gewaltigem Aufwand wird da auf 120 Seiten in graziösem Technokraten-Deutsch ausgemalt, ein glückliches Beispiel für die Blähsucht und Gigantomanie deutscher Funk- und TV-Herren.
Ausgerechnet jetzt, wo sich die ARD-Intendanten wieder einmal horrende Haushaltsdefizite ausgerechnet haben (bis Ende 83 angeblich 1,6 Milliarden Mark) und lauthals eine saftige Gebührenerhöhung verlangen, verplempert der WDR Millionen für ein aufgeplustertes Provinz-Programm.
Für diesen Kraftakt ist der Anstalt nichts zu teuer. Schon für die Vorbereitungsphase -- 1982 -- hat die Planungsgruppe einen Investitionsbedarf von knapp 45 Millionen Mark angemeldet.
So sollen die bisherigen Studios in Dortmund, Münster und Düsseldorf zu Funkhäusern ausgebaut werden; auch der Kölner Zentrale wird ein Regional-Funkhaus angegliedert. Von Monschau bis Warburg, von Borken bis Aachen überzieht der Sender das Bundesland mit einem dichten Netz von Studios, Büros und Korrespondenten, die den regionalen Dependancen Funk- und Fernsehberichte zuliefern.
Denn künftig sollen die NRW-Bürger, ob im Sauerland oder Wiehengebirge, in Geilenkirchen oder hinterm Mond von Wanne-Eickel, "mit ihren Sorgen und Nöten" direkt beim WDR vorsprechen, im regionalen "Fenster" wird dann alles ausdiskutiert.
Es versteht sich, daß für diesen freundlichen Service ein "relativ hoher Personalbedarf" erforderlich ist. Bis 1985 müssen 524 neue Planstellen besetzt werden, die mit 45 Millionen Mark zu Buche schlagen. Allein für die höchst überflüssige "Aktuelle Stunde" sollen 25 Redakteure und acht Sekretärinnen wirken.
Um "ein hohes programmliches Niveau" der Nachrichten-Revue "sicherzustellen", schlägt die Planungsgruppe fürsorglich vor, "dreiviertel der benötigten Redakteure nach Vergütungsgruppe II" zu besolden. Im Klartext: als "Redakteur mit besonderen Aufgaben", mit einem Spitzengehalt von gegenwärtig 6500 Mark. Darunter tun es die Herren offenbar nicht, Normalredakteure mit Normalbezügen sind kaum noch vorgesehen.
In den vier Funkhäusern arbeitet außerdem ein kleines Heer von Redakteuren "bimedial", das heißt für Radio und Television. Dazu kommen noch die Kräfte, die für die zahlreichen Studios, Büros und Korrespondentenplätze angeheuert werden.
Für solche Außen-Jobs sollen auch Mitarbeiter aus der Kölner Metropole beispielsweise in die westfälische Tundra versetzt werden. Aber auch das wird nicht ganz ohne finanzielle Trostpflaster möglich sein. Den Kommissions-Denkern schwant Böses: "Nach bisherigen vorsorglichen Erkenntnissen über die Mobilitätsbereitschaft verbinden die Mitarbeiter mit der Versetzung häufig die Erwartung des beruflichen Aufstiegs". Auf gut deutsch: Sie halten erst mal die Hand auf.
Hierarchie und Bürokratie wachsen heftig mit. Jedes Funkhaus wird seinen Direktor haben -- für Münster ist der "Monitor"-Säuerling Claus-Hinrich Casdorff im Gespräch --, einen Chef vom Dienst, Programmleiter Hörfunk, Programmleiter Fernsehen, Vorsteher für Technik und Produktion. Eine besondere Spezies in diesem Arbeitsbeschaffungsprogramm sind diverse "Koordinations-Redakteure", die zur "Sicherung der Kommunikation" dringend gebraucht werden. Und über allem thront in der Kölner Zentrale noch ein "Regionaldirektor", der für die Hervorbringung der Außenstellen verantwortlich ist.
Detailliert gibt der Kölner Planungsstab auch Auskunft über die zu erwartenden bürokratischen Wucherungsprozesse. Jedes Funkhaus wird mit einer adretten Verwaltung ausgestattet, die mit der "Aufstellung von Musikplattenschränken" ausgelastet wird, mit der "Inventarisierung und Dokumentation des in den Regionen produzierten und gesendeten Materials" und mit der "Beschaffung von Verbrauchsmaterialien". Auf anstaltseigene "Gebäudereiniger" und "Werkstätten zur Wartung von Büromaschinen" hat die Kommission wohl schweren Herzens verzichtet.
Wenn 1985 all diese protzigen Pläne realisiert sind, wird der WDR jährlich rund 70 Millionen "Betriebsaufwendungen" aus dem Regional-Fenster werfen -- für eine Sendefolge, die (wie Regionalerfahrungen beim NDR oder Bayerischen Rundfunk lehren) von gockelhaften Provinz-Politikern und Rathaus-Honoratioren gern als werbewirksames Plauderstündchen genutzt wird.
Ob der Kölner Expansionstrieb in den WDR-Aufsichtsgremien Anklang findet? Die CDU-Ratsherren haben vehementen Widerstand angekündigt. Sie ahnen, daß der sozialdemokratische Freiherr von Sell sich mit dem Provinz-Coup Standortvorteile gegenüber S.130 einem künftigen Privatfernsehen sichern möchte.
Und auch bei den SPD-Delegierten gibt es verdrießliche Stimmen, die das Ganze lieber eine Nummer kleiner hätten. Der stellvertretende Verwaltungsratsvorsitzende Heinz Kühn hat schwere Bedenken gegen den "allzu voluminösen Plan". Sicher, so Kühn blumig, gäbe es "in den Bodenfalten Nordrhein-Westfalens noch manche Kunstschätze auch für den WDR zu heben, aber die dafür vorgesehene Apparatur ist mir zu groß".
Verkrustung und Immobilität kuriert man nicht durch Gründung neuer Immobilien.

DER SPIEGEL 34/1981
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