08.06.1981

ROCKMUSIKBlubber von der Datenbank

Auf ihrer neuen Platte feiert die international renommierte Düsseldorfer Elektronik-Band „Kraftwerk“ in banalen Popstückchen die Segnungen der „Computerwelt“.
Mit unbewegter Stimme klärt ein roboterhafter Sprechsänger darüber auf, wo Computer benutzt werden: "Interpol und Deutsche Bank / FBI und Scotland Yard / Flensburg und das BKA / haben uns're Daten da."
Daß dies so ist, scheint den träge-indifferenten Litanisten nicht weiter zu stören. Für ihn und seine drei Kollegen Musik-Ingenieure von der Düsseldorfer Elektronik-Band "Kraftwerk" ist die "Computerwelt", so der Titel ihrer neuen LP, eine anheimelnde Szenerie, eine wirklich schöne neue Welt, unbeschmutzt von negativen Utopien.
Human und segensreich wirken, in der heilen "Computerwelt" von "Kraftwerk", die EDV-Maschinen. Von Überwachung und Totalkontrolle keine Spur. Sie stiften die "Computer Liebe" (Songtitel) und sind als putzige Gadgets für den Hausgebrauch verfügbar. Spielzeug wie der "Heimcomputer" ("Am Heimcomputer sitz' ich hier / programmier' die Zukunft mir") erhöht die Lebensqualität, und Spaß macht's obendrein -- "Kraftwerk"-Bilanz: "It's More Fun To Compute".
Verständlich, daß die international renommierten Popmusik-Elektriker vom Rhein (der englische "New Musical Express": "Die wichtigste deutsche Gruppe, die es zur Zeit gibt.") die Technologie von 1984 nicht als Fluch S.195 empfinden. Denn mit ihren schlichten, simplen Synthesizer-Stückchen, mit einschmeichelnden Kurzmelodien zum maschinellen Disco-Beat und Roboter-Tinnef haben Ralf Hütter, Florian Schneider, Karl Bartos und Wolfgang Flür schon kräftig verdient -- mit dem "Kraftwerk"-Endlosstück "Autobahn" ("Fahrn, fahrn, fahrn, auf der Autobahn") hoben sie 1975 teutonische Popmusik in die internationalen Hitparaden; in den USA erreichte die LP Platz 5 der Bestsellerliste.
Der Verkaufserfolg der für Amerikaner oder Engländer seltsam exotisch klingenden "Autobahn"-Nummer trug viel dazu bei, den Synthesizer als Pop-Instrument durchzusetzen. Wie andere deutsche Elektronik-Musiker, so beispielsweise die Gruppe "Tangerine Dream" aus Berlin, sorgte "Kraftwerk" für eine originelle Stilvariante der Synthesizer-Musik.
Nach dem synthetischen "Autobahn"-Werk verkauften die deutschen Knöpfchendreher 2,5 Millionen Exemplare mit Futuristenkitsch auf den LPs "Radio-Aktivität", "Trans Europa Express" und "Die Mensch-Maschine"; die Maschinen-Liedchen der neuen "Computerwelt"-Platte fanden seit Anfang Mai in Deutschland schon 65 000 Käufer.
In drei Jahren Bastelarbeit entstand im Düsseldorfer "Kraftwerk"-Maschinenraum, Studio-Name "Kling Klang", die schlichte Platten-Neuschöpfung. Dabei haben die Sound-Tüftler wohl kaum einen Schritt vor die Tür gemacht, um sich ihre anmutige Sicht der Computertechnik nicht durch die trübe Industrielandschaft der nahen Umgebung verstellen zu lassen.
So konnten sie in der Abgeschiedenheit ihre einfache Blubber- und Piep-Rhythmen programmieren, schlichte Melodien zum raschen Verzehr in Fahrstuhl und Disco, bierernst-einfältige akustische Illustrationen ihrer Computerwelt.
"Wir beschäftigen uns im Studio laufend mit der Speicherung von Tönen, mit der Programmierbarkeit von Musik, mit Computerisierung", erläutert der Kraftwerker Ralf Hütter die Tätigkeit der Maschinen-Musikanten, die in ihrer Klausur ein bißchen zu Fachidioten gereift zu sein scheinen.
"Die Gesellschaft wird völlig vom Computer durchdrungen. So ergibt es sich für uns, daß wir gar kein anderes Thema haben können", sagt Hütter.
Für Musiker, die noch im Übungsraum und im Konzert ihren Schweiß vergießen und sich nicht damit zufriedengeben, Klänge per Knopfdruck zu erzeugen, haben die altväterlichen Kling-Klang-Bastler nur Verachtung übrig: "Bei uns schwitzt keiner wegen körperlicher Anstrengung. Bei uns transpiriert man höchstens, weil einem heiß oder kalt wird vor nervlicher Anstrengung."
Der Einfluß der Düsseldorfer Maschinen-Musiker auf die Entwicklung der populären elektronischen Musik ist dabei unbestritten. Rockstars wie David Bowie oder Disco-Fabrikanten wie Giorgio Moroder zehren von den versponnenen "Kraftwerk"-Pioniertaten, und vor allem die jüngste Generation von New-Wave-Musikern, die synthetische Klänge mit denen konventioneller Instrumente mischen, sind inspiriert von den skurril-verbissenen deutschen Experimentierern.
Nach fünf Jahren Konzert-Pause ist das "Kraftwerk" jetzt wieder, mit einer kompletten Computer-Kommandozentrale, auf Tournee. In die schwarzen Wände des gigantischen Bühnenaufbaus sind Großbildschirme eingebaut, auf denen ständig sich verändernde farbige Computerbilder die programmierten Synthesizer-Klangtableaus illustrieren.
Die visuelle Beigabe scheint auch dringend nötig. Denn für den Zuhörer, der sein Bewußtsein und Gefühl noch nicht auf den neuesten Stand der Technik gehoben hat, geht es dabei nicht ohne Frustration und Langeweile ab.
Da stehen vier entindividualisierte Laboratoriums-Menschen in ihrer Science-Fiction-Kulisse und rufen, ohne erkennbare innere Regung, ihre Melodie- und Rhythmusstrukturen ab. Wer da was spielt, ist durch Augenschein nicht auszumachen.
Derlei Publikumsverwirrung rührt das "Kraftwerk" dabei wenig. Ralf Hütter: "Wir meinen, daß die Musik des 20. Jahrhunderts, die Musik der achtziger Jahre auch auf den Instrumenten der Achtziger gespielt werden muß. Die kann nicht zur Gitarre nachgesungen werden."
Denn: "Die Gitarre ist ein Instrument aus dem Mittelalter."

DER SPIEGEL 24/1981
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