17.08.1981

Schlafender Drache

Ein Hochenergieblitz, ausgelöst durch einen Atomschlag in der oberen Erdatmosphäre, könnte das gesamte Nachrichtennetz der USA oder Westeuropas ausschalten.
Am späten Abend des 8. Juli 1962, eine Stunde vor Mitternacht, wurde es plötzlich taghell auf Hawaii. Eine künstliche Sonne tauchte das Südsee-Eiland für ein paar Momente in fahles Licht.
Rund 1200 Kilometer von Hawaii entfernt, in großer Höhe über der Johnstoninsel im Pazifik, hatten amerikanische Wissenschaftler eine Wasserstoffbombe gezündet. Der gleißende Feuerball, etwa 380 Kilometer hoch über der Erdoberfläche, machte in weitem Umkreis die Nacht sekundenlang zum Tag.
Doch wenige Augenblicke später war es auf Hawaii dunkler als zuvor. Vielerorts waren nach dem Atomblitz die Straßenlaternen erloschen. In der Finsternis schien es zu spuken: Ohne erkennbaren Anlaß schrillten in Banken und Villen Alarmanlagen; Elektrogeräte, wie von Geisterhand angeknipst, begannen zu summen. Telephongespräche wurden abrupt unterbrochen, und in den Schaltzentralen der Kraftwerke setzten unsichtbare S.140 Störenfriede tote Leitungen unter Strom.
Geraume Weile ließ die unheimliche Fernwirkung des H-Bombentests die Physiker ziemlich ratlos. Was in der Spuknacht auf Hawaii passiert war, konnten sie sich erst nach längerer Forschungsarbeit zusammenreimen.
Mit ihrem atomaren Feuerzauber in den oberen Schichten der Erdatmosphäre, so umschrieb es die US-Zeitschrift "Schience News", hatten die Militär-Techniker "einen schlafenden elektronischen Drachen" geweckt, genauer: Sie hatten einen sogenannten elektromagnetischen Puls (EMP) erzeugt, der mit einer Spannung von 50 000 Volt pro Meter wie ein Superblitz in das Telephon- und Stromnetz der Südsee-Insulaner gefahren war.
Der physikalische Vorgang, der den zunächst mysteriösen Blitzschlag auslöste, war den Wissenschaftlern, wie sich nun nachträglich zeigte, schon seit langem unter dem Namen "Compton-Effekt" geläufig. Bereits 1923 hatte der US-Physiker Arthur Holly Compton entdeckt, daß radioaktive Strahlen, wenn sie auf Luftmoleküle treffen, einen Elektronen-Strom freisetzen, der unter dem Einfluß des irdischen Magnetfelds zur Erde hin abgeleitet wird.
Bei einer Atombombenexplosion, begleitet von gewaltigen radioaktiven Strahlen-Schauern, nimmt das Compton-Phänomen gigantische Ausmaße an -- ein äußerst verwickelter Vorgang, bei dem die Elektronen-Ströme jäh und lawinenartig anschwellen.
Mit dieser physikalisch schlüssigen Aufklärung des Hawaii-Zwischenfalls, bei dem im übrigen kein Mensch zu Schaden kam, gaben sich die US-Wissenschaftler 1962 erst einmal zufrieden -- nolens volens: Im Jahr darauf nämlich schlossen die USA mit der Sowjet-Union ein Abkommen, das nur noch unterirdische Atombombenversuche zuließ und damit eine gründliche Erforschung möglicher EMP-Folgen weitgehend ausschloß.
Ohnedies war den Experten allerdings schnell klargeworden, daß ein wirksamer, große Bereiche abschirmender EMP-Schutz wohl Utopie bleiben würde. Sie sahen kaum Möglichkeiten, das empfindliche, weitverzweigte Nervensystem der modernen Kommunikationstechnik -- mit seinen Stromkabeln und Telegraphendrähten, Antennen, Rundfunk- und Fernsehstationen, Sendemasten S.141 und Radaranlagen -- gegen den mächtigen Elektronen-Puls zu sichern. Gängige Schutzvorrichtungen, etwa Blitzableiter, hatten sich als nutzlos, weil zu träge erwiesen: Der EMP-Schlag fährt hundertmal schneller nieder als ein gewöhnlicher Blitz.
So ruhte denn während der sechziger Jahre das EMP-Dossier als Geheimsache, doch wenig beachtet in den Panzerschränken des US-Verteidigungsministeriums. Die Pentagon-Strategen hielten es für besser, von der darin bloßgelegten "Achillesferse des nationalen Verteidigungssystems" ("Science News") möglichst wenig Aufhebens zu machen.
Das aber änderte sich um 1970, als die moderne Halbleitertechnik begonnen hatte, das Kommunikationswesen gründlich umzukrempeln. Damals wurden die veralteten Vakuumröhren überall durch Transistoren, elektromechanische Schaltsysteme durch Computeranlagen mit zunehmend miniaturisierten Bauelementen ("Chips") ersetzt.
Sehr bald erwies sich, daß die so erfolgreichen Neuerungen gegen elektromagnetische Störungen weit anfälliger sind als die Eingeweide der altmodischen Röhrenapparate -- ein Schock vor allem für die Militärtechniker, die ihr Kriegsgerät mit der Mini-Elektronik inzwischen vollgestopft hatten.
Spätestens seit Anfang der siebziger Jahre sind so gut wie alle Waffensysteme der westlichen Welt, vom Schützenpanzer bis zur Interkontinentalrakete, entscheidend angewiesen auf die Mitwirkung der allgegenwärtigen Computer-Hiwis. Doch eine einzige Wasserstoffbombe, gezündet etwa 400 Kilometer über dem amerikanischen Bundesstaat Nebraska, würde vermutlich ausreichen, einen großen Teil der amerikanischen Waffenelektronik mit einem EMP-Schlag lahmzulegen.
Schlimmer noch als dieser Alptraum plagte die Sicherheitsexperten der Gedanke, daß der Elektronen-Puls zugleich das komplette zivile und militärische Kommunikationsnetz Amerikas ausschalten könnte. Ihre Horrorvision: Nach einem überraschenden sowjetischen Atomschlag sitzt der US-Präsident gleichsam blind und taubstumm in seinem Befehlsbunker -- ohne jede Lageübersicht und unfähig, Weisungen herauszugeben oder Kontakte zum Gegner aufzunehmen.
Wie tief die Angst vor dem "Chaos-Faktor EMP" ("Science") die Pentagon-Stäbe verstört, wurde 1975 offenbar, als die Armee ein sechs Milliarden Dollar teures, in North Dakota bereits installiertes Raketen-Abwehrsystem namens Safeguard wieder demontieren ließ. Die in den Safeguard-Silos steckenden 100 Spartan-Atomraketen, dazu bestimmt, heranfliegende Sowjet-Projektile über US-Territorium in großer Höhe abzuschießen, erschienen den Strategen nach eingehender Prüfung als untragbares EMP-Sicherheitsrisiko.
Seither sind sie bemüht, wenigstens die wichtigsten Kommunikationsstränge und -knotenpunkte des militärischen Nachrichtenwesens gegen EMP-Schläge zu "härten" (so der Fachausdruck). So soll, beispielsweise, das geplante gigantische System interkontinentaler MX-Raketen, falls es zu Lande errichtet wird, ausschließlich mit Glasfaserkabeln ausgestattet werden, die den elektromagnetischen Puls nicht auffangen und weiterleiten.
Um das EMP-Risiko zu verringern, wurden bislang rund 400 US-Kriegsschiffe und fast alle Flugzeuge der strategischen B-52-Atombomberflotte mit Satelliten-Terminals versehen, eine Nachrichtenverbindung, die als weitgehend EMP-sicher gilt. Außerdem werden in der Wüste von New Mexico mit Hilfe eines EMP-Simulators neuartige Schutzvorrichtungen gegen den Elektronen-Puls erprobt.
Auch in Frankreich und in der Bundesrepublik -- etwa am Euskirchener "Institut für Naturwissenschaftlich-Technische Trendanalysen" der Fraunhofer-Gesellschaft -- arbeiten Wissenschaftler im Militärauftrag an der EMP-Abwehr. Sie haben, jedenfalls nach Ansicht mancher Experten, einen Vorsprung der Sowjets einzuholen.
Sowjetische Atombomben-Tester nämlich sind dem elektromagnetischen Störfaktor womöglich schon einige Jahre früher auf die Spur gekommen als die westliche Konkurrenz. Und besser gewappnet gegen EMP-Schäden ist die Sowjet-Union sowieso -- durch ihre technische Rückständigkeit: In ihren U-Booten und Flugzeugen, Fabriken und Nachrichtenzentralen hat sich die sensible Mikroelektronik noch längst nicht so durchgesetzt wie im Westen.
In den USA allerdings war die Frage, wie weit der überaus kostspielige Schutz gegen EMP-Schläge ausgedehnt werden soll, während der letzten Jahre Anlaß zu einem Streit der Atom-Strategen. Die Fraktion der "Tauben" lehnte allzu aufwendige Maßnahmen ab, mit der Begründung, daß damit der Atomkrieg wieder ein bißchen weniger unkontrollierbar erscheine, also wohl auch wahrscheinlicher werde.
Andere Politiker und Experten, die -- wie etwa der jetzige US-Vizepräsident George Bush ("You can have a winner") oder der H-Bombenkonstrukteur Edward Teller -- in einem Atomkrieg nicht gleich den Weltuntergang sehen, forderten strikte EMP-Schutzmaßnahmen nicht nur für militärische, sondern auch für Industrieanlagen. Sie konnten sich dabei auch auf Fachleute der amerikanischen Reaktor-Sicherheitsbehörde NRC berufen, die darauf S.144 hingewiesen haben, daß ein EMP-Schlag das Kühlsystem von Kernkraftwerken lahmlegen und so den Reaktorkern zum Schmelzen ("Meltdown") bringen könne.
Damit die Bevölkerung in einem solchen Katastrophenfall von dem Unheil zumindest unterrichtet werden kann, sind in den USA mittlerweile rund 150 der 600 wichtigsten Radio- und TV-Stationen gegen einen EMP-Blackout "gehärtet" worden. Ob der Schutzschirm hält, was er verspricht, ist unter Fachleuten umstritten.
Noch weniger überzeugt davon sind offenbar private Unternehmer, denen amerikanische Spezialfirmen neuerdings EMP-sichere Elektronik-Hardware anbieten.
Immer wieder, klagte ein Reisender in Sachen EMP-Schutz, müsse er bei seinen Kundenbesuchen dieselbe defätistische Leier hören: "Wenn wir erst in einen Atomkrieg geschlittert sind", so werde er regelmäßig beschieden, "was zum Teufel scheren mich dann noch meine Computer."
S.140 Aus einer sowjetischen Fabrik. *

DER SPIEGEL 34/1981
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