31.05.1982

ISRAELBombe im Keller

200 Atomsprengköpfe soll Israel bereits haben und zusammen mit Südafrika Neutronenwaffen bauen.
Hinter flachen Dünen an der Landstraße nach Eilat schimmert in der Ferne eine eiförmige Kuppel. Dort, nahe der Wüstenstadt Dimona, liegt, weiträumig durch Sperrzäune abgeschirmt, Israels größter Atomreaktor. Ein kleinerer Versuchsreaktor steht bei Nachal Sorek, südlich von Tel Aviv.
Die Reaktoren arbeiten seit etwa zwei Jahrzehnten. Was seitdem dort geschah, blieb strengstes Staatsgeheimnis, keine internationale Atomkontrollbehörde hat Zutritt zu Dimona, das ursprünglich als "Textilfabrik" getarnt wurde.
So ist es ziemlich sicher, daß in Dimona Atomwaffen hergestellt werden, es wird von der Regierung in Jerusalem auch kaum noch dementiert.
Der ehemalige CIA-Agent Carl Ducket behauptete in einer Fernsehsendung, Israel besitze Atomwaffen schon seit 1968. Der "Foreign Report" des Londoner "Economist" berichtete Anfang dieses Jahres, Israel besitze bereits 200 Atombomben sowie Cruise Missiles mit einem Turbomotor, der auf dem Triebwerk der US-Rakete "Harpoon" basiere und in Südafrika gebaut werde.
In Jerusalem wurden solche Behauptungen als "Spekulation" abgetan. Doch ein jetzt im Londoner Verlag "Valentine and Mitchell" veröffentlichtes Buch "Two Minutes over Baghdad" dürfte weiteres Dementieren schwermachen: Seine drei Autoren sind selbst Israelis mit besten Beziehungen zum militärischpolitischen Establishment des Staates:
* Professor Amos Perlmutter, der jetzt an der American University in Washington lehrt, ehemaliges Mitglied von Israels Uno-Delegation und Atomenergie-Kommission,
* Dr. Michael Hendel liest an der Hebräischen Universität in Jerusalem und in Harvard,
* Uri Bar-Josef wird als Absolvent derselben Universität und ehemaliger Stabsoffizier der israelischen Luftwaffe vorgestellt.
Zwar beschreiben die drei Autoren vor allem den israelischen Angriff auf die irakische Atomanlage bei Bagdad am 7. Juni 1981 - den sie rechtfertigen. Der Irak hatte dort, wie Premier Begin letzte Woche behauptete, drei Bomben in Bau, deren Einsatz gegen Israel 600 000 Opfer gefordert hätte. Deshalb sei die Vernichtung des Reaktors zwingend gewesen.
Enthüllungen finden sich in dem Viertel des Buches, das sich mit der "Entwicklung nuklearer Waffen in Israel" befaßt. Das kleine Land wird als "technologische Supermacht" geschildert:
* "Natürlich" besitze Israel Atombomben, die innerhalb von zwei, drei Tagen einsatzbereit sein könnten, so S.121 Perlmutter. Wegen der Zensur könne er Details nicht bringen und müsse seinen Bericht als "Einschätzung" veröffentlichen.
* Gemeinsam mit Südafrika und Taiwan entwickle Israel eigene "Cruise Missiles", Marschflugkörper, die nuklearen Sprengstoff von großer Treffgenauigkeit über eine Entfernung von 2400 Kilometern ins Ziel befördern können. Diese Waffe erreiche Ziele nicht nur in der arabischen Welt, sondern auch im Süden der Sowjet-Union.
* Mit Südafrika kooperiere Israel ebenfalls bei der Produktion von Neutronenbomben und taktischen Atomwaffen. Israel sei in der Lage, innerhalb von zwei Jahren eine Neutronenbombe herzustellen, die kleiner, jedoch effektiver als ähnliche amerikanische Waffen sei.
* Israel entwickle ein Geschütz für Atomgranaten, das dem Staat im Falle eines Überraschungsangriffes eine "Second-Strike"-Kapazität sichere.
Nach Perlmutter und seinen Mitautoren hat Israel tatsächlich schon 200 Atom-Sprengköpfe, die von F-15, F-16 und israelischen "Kfir"-Flugzeugen sowie von israelischen "Jericho"- und amerikanischen "Lance"-Raketen ins Ziel getragen werden können.
Initiator der israelischen Atomrüstung war Staatsgründer Ben-Gurion, der 1957 mit Frankreichs Premier Guy Mollet den Bau des 24-Megawatt-Reaktors von Dimona aushandelte.
Schon im Dezember 1960 enthüllte der amerikanische Geheimdienst, Israel erzeuge in Dimona eigene Atombomben. Jerusalem beteuerte, seine atomare Forschung diene friedlichen Zwecken.
Mitte der 60er Jahre verlangsamte Israel sein Atomprogramm angeblich: Dem Ministerpräsidenten Levi Eschkol schienen die gewaltigen Kosten des Unternehmens zu hoch. Als Gegenleistung für Israels angeblichen Verzicht auf eine atomare Option lieferte US-Präsident Johnson erstmals anderes hochgezüchtetes Kampfgerät wie "Phantom"-Düsenjäger und M 48-Panzer.
Nach Eschkols Tod entschied sich Nachfolgerin Golda Meir mit Unterstützung ihres Verteidigungsministers Mosche Dajan für eine abermalige Kursänderung. Der einäugige Kriegsheld glaubte, das Konzept einer "Bombe im Keller" werde Israel eine überzeugende Abschreckungskraft bescheren.
In der Tat habe sich dieser Abschreckungsfaktor im Jom-Kippur-Krieg von 1973 bewährt, meint Perlmutter. Ägypten und Syrien hätten mit ihrem damaligen Angriff von Anfang an nur beschränkte Ziele verfolgt, in der Furcht, eine direkte Bedrohung des jüdischen Kernlandes könne Jerusalem zu einem atomaren Gegenschlag treiben.
Tatsächlich habe Dajan bei Kriegsbeginn gemahnt: "Der dritte Tempel ist in S.122 Gefahr". Er habe deshalb am 8. Oktober Anweisung gegeben, "Jericho"-Raketen und "Phantom"-Flugzeuge für einen atomaren Einsatz startklar zu machen. Israels Erfolge hätten dann eine solche Verzweiflungstat unnötig gemacht.
Der Jerusalemer Politologe Professor Schlomo Aronson vermutet sogar, Israels Atom-Potential sei "die Hälfte des Grundes" für Sadats Friedensreise nach Jerusalem gewesen.

DER SPIEGEL 22/1982
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