08.06.1981

GESTORBENGyula Lorant

Gyula Lorant, 58. Er war der geübteste Wegwerf-Trainer der Fußball-Bundesliga und lange der am besten verdienende dazu. Die Engagements des gebürtigen Ungarn liefen meist nach dem gleichen Schema ab: Lorant handelte langfristige Verträge mit Spitzengagen aus, legte sich schon bald mit Vorstand und Starspielern an ("Der Breitner hat viel Hohlraum im Kopf") und wurde mit hoher Abfindung gefeuert. Einen Job fand er immer wieder: in Köln, Kaiserslautern und Schalke ebenso wie bei Bayern München. Und seine Kurz-Visiten brachten den Klubs Erfolg. Eintracht Frankfurt etwa führte Lorant, inzwischen deutscher Staatsbürger, mitten in der Saison 1976/77 aus der Abstiegszone auf den vierten Platz. Gehen mußte er dennoch. Unorthodox führte er in der Bundesliga die Raumdeckung ein -- zum Spott seiner Kollegen. Heute wird dieses System sogar in der Nationalmannschaft gespielt. Schon mit 16 wurde der Polizisten-Sohn und Gymnasiast, der als Freiwilliger im Zweiten Weltkrieg auf deutscher Seite kämpfte, Profi. In den fünfziger Jahren spielte Lorant, der in Budapest nebenher Wirtschaftswissenschaften studierte, in der ungarischen Mannschaft, die 1954 das Weltmeisterschafts-Endspiel in Bern gegen Deutschland 2:3 verlor. Zehn Jahre später setzte er sich nach Deutschland ab. Bundestrainer Sepp Herberger verschaffte ihm -- ohne Aufnahmeprüfung -- einen Platz an der Sporthochschule in Köln. Beim Abschluß fiel Lorant im Fach Psychologie durch und mußte das Examen wiederholen. "Kein Spieler darf klüger sein als ich", lautete Lorants Credo, und er handelte danach. Seinen letzten Job absolvierte Gyula Lorant bei Paok Saloniki in Griechenland. Dort starb er vorletzten Sonntag an einem Herzinfarkt -- während eines Punktspiels seiner Mannschaft.

DER SPIEGEL 24/1981
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GESTORBEN:
Gyula Lorant

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