25.01.1982

„Das ganze sieht nach Hinrichtung aus“

Massaker an Albanern: Wie der jugoslawische Geheimdienst Killeraufträge in der Bundesrepublik besorgt Unbekannte Mörder erschossen in der Nähe von Heilbronn drei Jugoslawen. Für deutsche Sicherheitsbehörden ist das Massaker ein neuer Höhepunkt im Untergrundkrieg, den sich jugoslawische Geheimdienstler und Regimegegner des Vielvölkerstaats in der Bundesrepublik liefern. Nach den Exil-Kroaten hat die Belgrader Regierung jetzt offenbar auch den Exil-Albanern aus der Republik Kosovo blutigen Kampf angesagt.
Der grüne BMW 316 fuhr rückwärts aus der Garage. Der Fahrer wollte im Schnee nicht wenden und steuerte den Wagen im Rückwärtsgang 40 Meter weiter bis zu einer Kreuzung.
Als das Fahrzeug unter einer Straßenlaterne kurz gestoppt wurde, trat aus einer Baustelle ein Mann an die rechte Seite und schoß aus etwa drei Metern Entfernung ins Wageninnere.
Ein zweiter Mann schoß ebenfalls, blieb dann neben dem Wagen stehen, um sich durch die zersplitterten Seitenscheiben hindurch von der Trefferwirkung zu überzeugen. Nachbarn, vom Lärm der Schüsse aufgeschreckt, sahen die beiden Männer fliehen.
Gespenstisch, was die Anwohner der "Habichtshöhe" in der Gemeinde Untergruppenbach bei Heilbronn dann, in der Nacht zum Montag letzter Woche, zu sehen bekamen: Der Vierzylinder lief hochtourig weiter, der Fahrer hatte noch den Fuß auf dem Gaspedal. Dann ließ er offenbar die Kupplung los, er starb. Das Auto rollte führerlos im Halbkreis nach links und prallte gegen ein geschlossenes Garagentor. Die Antriebsräder fraßen sich im Schnee fest, der Motor ging aus, es wurde still.
Im Wageninnern fand die Polizei
* den Fahrer Bardhosh Gervalla, 31. Der Jugoslawe hing, von sechs Schüssen getroffen, tot hinter dem Lenkrad,
* seinen Beifahrer Zeka Kadri, 28, durch zwei Einschüsse im Oberkörper getötet, und
* den Bruder des Fahrers, Jusuf Gervalla, 36, von ebenfalls zwei Schüssen lebensgefährlich verletzt.
Die drei Opfer waren schnell identifiziert und auch politisch einzuordnen: Exil-Jugoslawen albanischer Volkszugehörigkeit aus der Provinz Kosovo im Süden des Balkanstaates, und alle drei Agitatoren gegen die Regierung in Belgrad. Auch auf die Täter gab es gleich Hinweise. Noch am Tatort flüsterte Jusuf Gervalla, der später starb, zu Polizisten: "Das war der SDB" - der jugoslawische Geheimdienst Sluzba Drzavne Bezbednosti.
Zwölfmal war aus zwei Pistolen - Kaliber 7.65 - auf die drei Männer geschossen worden, zehn Schüsse trafen sie in Herz, Lunge und Genick. Ein Polizeibeamter vor Ort: "Das ganze sieht nach Hinrichtung aus."
Es war gängige Geheimdienst-Manier, wie der Stuttgarter Scharfschütze und Polizei-Ausbilder Siegfried Hübner meint - je vier Schüsse müssen treffen, "drei, um das Opfer festzunageln oder, wenn es steht, umzuwerfen und kampfunfähig zu machen, dann der unbedingt tödliche Nachschuß". Auch das deutete auf den SDB.
Seit vielen Jahren liefern sich jugoslawische Geheimdienstler und Regimegegner blutige Auseinandersetzungen im Ausland. In vielen Fällen haben militante Exil-Jugoslawen Botschaften, Konsulate und Repräsentanten ihres Landes gewaltsam angegriffen. Belgrad reagierte auf Mord und Terror stets mit Gleichem. Schauplatz des balkanesischen Shoot-out ist immer wieder die Bundesrepublik gewesen, und die Polizei war bislang machtlos, dem Treiben ein Ende zu setzen.
Dabei liegen die Verantwortlichkeiten zutage. Belgrad fürchtet die engagierten Exil-Gruppen als Unruheherd im Vielvölkerstaat - und bekämpft sie. Vor allem auf die Auslandskroaten haben die Geheimdienstkiller bislang die Pistolen gerichtet. In mehreren Fällen von Mord an Exil-Kroaten ist die Belgrader Beteiligung klar erwiesen.
Beispiel: Als der Kroate Franjo Goreta, selbst ein ehemaliger Geheimdienst-Mann mit Mordauftrag in der Bundesrepublik, absprang und einen Leitoffizier erschoß, schickte Belgrad ein Kommando los. Kaum hatte Goreta seine Freiheitsstrafe verbüßt, vollführten SDB-Leute ein Attentat, dem Goreta nur knapp entging.
Im folgenden Prozeß gegen die drei Täter schrieb der Richter einen allerdings bislang vergeblichen Appell an Bonn ins Urteil: "Es kann nicht hingenommen werden, daß auf unserem Boden Killeraufträge ausgeführt werden, die von fremden Staaten zur Lösung ihrer innerstaatlichen Probleme veranlaßt werden."
Neben den Kroaten sind mittlerweile auch die Exil-Albaner ins Visier der jugoslawischen Staatsstellen geraten. Seit sich im letzten Frühjahr der Widerstand in der jugoslawischen Albaner-Provinz Kosovo zu blutigen Unruhen aufschaukelte, hat Belgrad ausländische Drahtzieher ausgemacht. Vom albanischen Nachbarstaat und von Moskautreuen kommunistischen Diensten werde der Konflikt gesteuert, aber auch, so Belgrader Politiker, maßgeblich von der Bundesrepublik aus.
Tatsächlich leben allein in Baden-Württemberg an die 2000 jugoslawische Exil-Albaner, die meisten von ihnen mit politischem Asyl. Über deren Aktivitäten hatte das Stuttgarter Generalkonsulat nicht selten zu klagen.
Im Frühjahr 1981 beispielsweise gab es eine ansonsten kaum beachtete Demonstration S.52 von Albanern, die eine Abtrennung des Kosovo von Jugoslawien forderten. Als Demonstranten bemerkten, daß sie von einem Haus aus, in dem eine jugoslawische Schule ist, fotografiert wurden, gingen einige hinein und trafen dort, außer dem Fotografen, auch den jugoslawischen Generalkonsul Branco Dimitrijevic. Sie nahmen den Film mit, mußten ihn später aber der Polizei herausrücken.
Das könnte eine tödliche Verkettung bewirkt haben, denn einer der Eindringlinge, die wahrscheinlich auf dem Film abgebildet wurden, war Bardhosh Gervalla, der bei Heilbronn erschossene Fahrer.
Die Gervallas waren in der Exil-Szene bekannt. Bruder Jusuf, der für "den bewaffneten Kampf" gegen den jugoslawischen Staat gerade erst in einem Interview der "Tageszeitung" eintrat, war nach Polizei-Erkenntnissen auch der Herausgeber einer Exil-Zeitung, die sich "Zeri i Kosoves" ("Stimme des Kosovo") nennt.
Bardhosh Gervalla war schon 1974 in die Bundesrepublik gekommen. Bei der Arbeiterwohlfahrt von Nordwürttemberg machte er einen Ausbildungskurs und arbeitete seit langem in einer Betreuungs- und Sozialberatungsstelle für jugoslawische Arbeitnehmer in der Solitudestraße 44 in Ludwigsburg. Bardhosh, verheiratet, zwei Kinder, war vor allem in Gewerkschafts- und Arbeitsrechtsfragen für seine Landsleute aktiv.
Politischer Kopf der Brüder, die im Herbst 1981 das Reihenhaus in Untergruppenbach bezogen hatten, war offenkundig Jusuf Gervalla, vor allem er wurde vom jugoslawischen Generalkonsulat in Stuttgart offiziell beschuldigt, führendes Mitglied der gegen die jugoslawische Regierung kämpfenden "Rote Front" gewesen zu sein. Die Organisation war bis jetzt nur in Jugoslawien aktiv und ebensowenig wie andere Kosovo-Gruppen in den Jahresberichten des Landesamts und des Bundesamts für Verfassungsschutz aufgetaucht.
Jusuf, verheiratet, drei Kinder, soll Mitherausgeber der in Jugoslawien verbotenen Zeitung "Stimme des Kosovo" gewesen sein, für die er von seinem Wohnort aus arbeitete. Kadri, ebenfalls Journalist, war maßgeblicher Mitarbeiter des gleichen Blattes.
An der Außenwand des Einfamilienreihenhauses "Auf der Habichtshöhe 40" wurde letzte Woche eine rote Fahne mit Doppeladler und einem fünfzackigen Stern trotzig auf halbmast gesetzt - die Farben von Kosovo und zugleich die Nationalflagge von Albanien.
Welche Bedeutung Belgrad den Aktivitäten der Exil-Albaner beimißt, ergibt sich nicht erst aus dem Massaker von Heilbronn. Exemplarisch lief schon eine Großaktion ab, mit der Jugoslawiens Sicherheitsdienst Anfang letzten Jahres den Landsmann Rasim Zenelaj ins Visier nahm. Zenelaj war führendes Mitglied und Schatzmeister der "Nationaldemokratischen Liga der albanischen Treue".
Mit den Pistolenschüssen auf den Regimegegner Zenelaj, der schwerverletzt überlebte, wurde am 14. Mai letzten Jahres die neue Stoßrichtung des jugoslawischen Geheimdienstes zum erstenmal deutlich.
Um Zenelaj auszuschalten, schmiedeten die Belgrader aufwendige Pläne, heuerten mehrere Agenten an, nahmen sogar das Risiko in Kauf, offizielle Konsulatsangehörige ins Mordkomplott zu verwickeln und stille Top-Helfer zu exponieren. Der Plan scheiterte allerdings, die Beteiligten flogen auf: In dem derzeit in Frankfurt anhängigen Verfahren gegen die Verantwortlichen des Zenelaj-Attentats wird die Verwicklung jugoslawischer Amtsstellen in mörderische Emigrantenverfolgung noch einmal drastisch offenbar.
Ende der 70er Jahre war ein führender Geheimdienstler im Kosovo-Städtchen Urosevac in konsularischen Rang erhoben worden. Unter dem Namen Salih Salihi erschien er bald darauf im diplomatischen Dienst seines Landes in der Bundesrepublik, zuerst am Generalkonsulat in Hamburg, dann beim Generalkonsulat in Frankfurt. Dort ließ er sich, ausgestattet mit dem grauen Konsularausweis Nr. 6750, als Wachmann nieder. In Frankfurt wirkte schon ein anderer Geheimdienstkollege, der mit dem Ausweis 6322 als hoher Konsulatsbeamter firmierende Svetozar Mirjacic, genannt "Tozo". Hochrangiger Konfident der beiden Dienstmänner war Rade Surla, früher Partisan und zuletzt als Bauunternehmer in Frankfurt etabliert.
Surla besuchte die Konsulatsfreunde und informierte sie über das Treiben von Exil-Leuten. Einmal, so erinnert sich sein Chauffeur, bekam er selbst Besuch. Der finstere Gast (Surla zum Chauffeur: "Man muß sich vor ihm in acht nehmen") war Geheimdienstgeneral Milan Sasic.
Gleich im März 1981, unmittelbar nach Ausbruch der Unruhen im Kosovo, trat das Trio von Frankfurt in Aktion. Salihi horchte unter Auslandsjugoslawen nach den Lebensgewohnheiten des Albanien-Aktivisten Rasim Zenelaj und führte Tozo Gewährsleute zu. Auch Surla wurde tätig, als die konkrete Planung des Mordanschlags anstand. Diverse Spuren und Komplottzeugen belegen seither, wie ungeniert und massiv die Geheimdienstler vorgegangen sind.
Der erste Agent, den sie auf Zenelaj ansetzten, ein Exil-Kroate, entlarvte die staatlichen Auftraggeber durch Aussagen im Gerichtsverfahren. Der zweite Agent hielt auch nicht dicht: Ante Kujundzic war von Tozo schon als Mordschütze rekrutiert, als er sich seinen exilkroatischen Freunden offenbarte. Bald schon wußte die deutsche Polizei Einzelheiten von den Attentatsvorbereitungen.
Die Organe waren nicht sehr umsichtig verfahren. Exil-Kroate Ante Kujundzic wurde im April 1981 im Frankfurter Bahnhofsviertel von einem unbekannten Landsmann angesprochen. Er möge dringend eine "wichtige Person" anrufen und sich als "der Musikstudent" melden. Dann überreichte der Fremde eine Telephonnummer - 21 77 01 - und instruierte Kujundzic, beim Wählen jeder Zahl die Ziffer zwei zu addieren.
Unter dem Anschluß 43 99 23 meldete sich das jugoslawische Generalkonsulat, S.54 der Kontakt zu Tozo war hergestellt. Kujundzic wurde aufgefordert, den Exil-Albaner Zenelaj erst einmal auszuspähen. Als Lohn offerierte Tozo Geld, neue Dokumente und Unterstützung beim Erwerb des politischen Asyls in der Bundesrepublik.
Bei einem späteren Treff bot Tozo einen falschen Paß an, für den Fall, daß der Partner wegen einer wichtigen Sache ganz schnell das Land verlassen müßte. Kujundzic: "Mir war klar, daß ich wahrscheinlich jemand umlegen sollte." Der Agent sprang ab und informierte die deutschen Behörden. Die Polizei stellte daraufhin den bedrohten Zenelaj unter Schutz.
Um dies den Verschwörern zu zeigen, führten deutsche Beamte den bedrohten Albaner einmal sogar demonstrativ vor dem jugoslawischen Generalkonsulat spazieren. Ein andermal, bei einem Gang durch den Zoo, observierten jugoslawische Späher den Albaner nebst amtlicher Begleitung - und wurden dabei selber noch einmal auffällig von Deutschen observiert.
In Gefahr geriet Zenelaj erst durch eigenes Zutun: Er erzählte im Freundeskreis von einer weiteren Schutzmaßnahme - die Polizei hatte ihm eine schußsichere Weste verpaßt. Einer, der das erfuhr, stand im Dienst des Bauunternehmers Surla. So heckten die Jugos den Plan aus, ihren kugelsicheren Gegner in eine Situation zu manövrieren, in der er die Weste ablegte. Eine Frau sollte das bewerkstelligen und anschließend tödliche Pistolenschüsse abfeuern.
Als Helferin war bald die blonde Serbin Zorica Aleksic aufgetan. Sie lebte mittellos und ohne Arbeit in der Nähe von Darmstadt und war durch Drohungen sowie das Versprechen, einen Killerlohn von 2000 Mark zu erhalten, schnell für den Plan gewonnen. Eine Begegnung zwischen der Frau und ihrem Opfer wurde arrangiert, Rasim Zenelaj nahm die Agentin mit in sein Appartement. Als die Frau mit entsicherter Pistole aus dem Bad kam, hatte er auch die Weste nicht mehr an. Von fünf Schüssen in Herznähe getroffen, brach Zenelaj zusammen.
Die Täterin flüchtete und wurde unten am Hauseingang von Surla und seinem Chauffeur erwartet. Zorica Aleksic gab die Waffe zurück und erhielt dafür ihr Geld und ein Ticket nach Belgrad. In einem grauen Volvo brachen die drei sofort zum Frankfurter Flughafen auf.
Doch die Serbin kam nicht außer Landes. Die durch die Schüsse alarmierten Nachbarn hatten das Opfer gefunden und Notarzt sowie Polizei gerufen. Zufällig hörte den Funkverkehr einer jener Beamten mit, die zum Schutz des Albaners abgestellt waren. Eine Blitzrecherche im Freundeskreis des Opfers führte zu Zorica, die kurz darauf bei der Grenzkontrolle am Flughafen festgenommen wurde.
Die Konsulatsbediensteten Tozo und Salihi sind längst nach Jugoslawien zurückbeordert. Kontaktmann Surla konnte sich noch am Abend des Attentatstages absetzen. Eine telephonische Warnung ging ein, Surla sagte nur: "Alles klar." Dann ließ er sich von seinem Chauffeur, der Zeuge des Anrufs war, fluchtartig über die Grenze fahren, nach Straßburg ins Holiday Inn. Dort verlor sich seine Spur.
Der Mißerfolg scheint den SDB nicht entmutigt zu haben. Eine Bestätigung fand sich am 10. Oktober 1981 in Brüssel: Dort wurde ein Albaner namens Vehbi Ibrahimi von mehreren Tätern aus einer Pistole vom Kaliber 7.65 auf der Straße vor seiner Wohnung erschossen.
Seine Ehefrau, die ihn begleitet hatte, wurde durch die Schüsse schwer verletzt. Ibrahimi war der Vize-Präsident der albanischen Treue-Liga.
Deutschen Staatsschützern schien es nun angezeigt, sich nach den Attentaten auf Zenelaj und Ibrahimi auch um den Schutz des ersten Vorsitzenden der Liga zu kümmern, Emir Fazlija. Der wohnte bei Göppingen und war unter Nachbarn nur als "honoriger, älterer Mann" bekannt. Zuständige Polizisten äußerten Sorge, "daß sie den auch noch umnieten". Seither wird Fazlija abgeschirmt und ist unter seinem Telephonanschluß nicht mehr zu erreichen.
Politische Unterstützung beim Kampf gegen den jugoslawischen Untergrundkrieg finden die Polizeistellen kaum. Zwar gibt es eine Abrede zwischen Bonn und Belgrad, bei Attentaten hüben und drüben Unterstützung zu leisten. Gelegentlich werden auch Daten über Sprengstoffherkunft und Waffenkaliber ausgetauscht.
Doch wie wenig zumindest der einen Seite in Wirklichkeit an Kooperation liegt, belegen die Anschläge. Lange Zeit zum Beispiel registrierte das Bundeskriminalamt, S.55 daß bei Attentaten auf Exil-Kroaten meistens dann, wenn offenbar SDB-Leute beteiligt waren, Pistolen mit vierzügigem Lauf benutzt wurden, deren Geschosse mit Rechtsdrall fliegen - die meisten Pistolen dieser Art schießen mit Linksdrall. Die Organisatoren der Attentate hielten es nicht einmal für nötig, die Auffälligkeit zu verschleiern.
Als 1978 der jugoslawischen Polizei vier westdeutsche RAF-Mitglieder ins Garn gingen, präsentierten die Jugoslawen eine Liste mit dringend gesuchten Exil-Kroaten für ein Austauschgegengeschäft. Die Bundesbehörden lehnten ab, Belgrad ließ die RAF-Leute laufen.
Soweit überhaupt deutsch-jugoslawische Zusammenarbeit unter Polizeidienststellen stattfindet, klagt die deutsche Seite. Statt Täter zu verfolgen, lieferten die Jugoslawen oft nur Ratschläge bei der Suche nach Motiven: "Ehrenhandel", "Frauengeschichten", "Abrechnung im Bahnhofsmilieu" oder "Waffenhandel" seien doch wohl der eigentliche Streitpunkt gewesen.
Die Verwicklung des Belgrader Nachrichtendienstes pflegen jugoslawische Politiker ihren Bonner Gesprächspartnern gegenüber kategorisch abzustreiten. In diesem Sinne verlaufen von jeher auch die regelmäßigen Gespräche, die hohe Stellen des Bundesinnenministeriums mit Belgrader Kollegen führen. Innenminister Franjo Herljevic, ein alter Partisanengeneral und Weggefährte Titos, dementiert immer nur und behauptet, ein jugoslawischer Geheimdienst sei in der Bundesrepublik nicht tätig.
Der CSU-Bundestagsabgeordnete Fritz Wittmann erhielt im Herbst 1981 auf seine Anfrage nach Bonner Reaktionen auf Belgrads Verhalten auch nur eine ausweichende Antwort des Auswärtigen Amtes. Bonn äußert sich hierzu, sagte Staatsministerin Hildegard Hamm-Brücher, nur "dort, wo es begründet und zweckmäßig" ist.
Dabei gibt es an Tätigkeitsbelegen der SDB neben den diversen Gerichtsverfahren hier und da auch schon Selbstzeugnisse. In der Bonner Botschaft Jugoslawiens etwa war ein Diplomat Gesprächspartner der deutschen Polizeistellen, Polizeiattache Tomo Renac, der Anfragen immer nur nach Belgrad weiterleitete, nie aber beantwortete und meistens mit den Achseln zuckte.
Den Grund für die hinhaltende Art ahnten die Deutschen, als ein Renac-Papier, gerichtet nach Belgrad, in die falschen Hände kam.
Darin beklagte sich Renac wie ein beleidigter Geheimdienstler: "Man versucht jetzt, mit strafrechtlichen und propagandistischen Maßnahmen die Aktivität der jugoslawischen Staatssicherheit in der BRD unmöglich zu machen. Bei einem Empfang hat der Polizeipräsident von Bonn sogar auf die Spionagetätigkeit der jugoslawischen Diplomaten hingewiesen, wofür es Beweise gebe, und hinzugefügt, die jugoslawische Diplomatie in der BRD trete sehr kompakt auf. Das zwingt uns zum Schluß, daß die Arbeit unserer Punkte in der BRD immer komplizierter wird."
Auf ernsthafte Gegenleistungen der jugoslawischen Dienststellen wollen deutsche Ermittler mithin nicht bauen. Als kürzlich ein Frankfurter Staatsanwalt ankündigte, im Fall des Exil-Albaners Zenelaj werde er demnächst "Vernehmungen in Jugoslawien" anstellen, vermochten Insider ihm keinerlei Mut zu machen.
Ein Staatsschützer in Bonn: "Wir haben nur noch gelacht."
S.55 Mit Rechtsanwalt Helmut Rosebrock. *

DER SPIEGEL 4/1982
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