31.05.1982

MEDIZINSchreck von drüben

Eine Reihe geheimnisvoller, nicht selten tödlicher Krankheiten sucht Amerikas Homosexuelle heim. Jetzt wurden die ersten Fälle in Europa beobachtet.
Die Patienten brauchen viel Zuwendung", sagt Dr. Marcus A. Conant, Chefarzt einer Spezialklinik für "Morbus Kaposi"-Kranke in San Francisco, "denn unsere Diagnose ist fast wie ein Todesurteil."
Ob es vollstreckt wird oder ob der Patient nach langem Krankenlager doch noch mit dem Leben davonkommt, läßt sich nicht vorhersagen. An "Morbus Kaposi", einer noch weithin geheimnisvollen Krebskrankheit, sterben vier von zehn Betroffenen - und sie trifft immer häufiger junge Männer einer bestimmten Gruppe: Homosexuelle, meist im Alter zwischen 25 und 30 Jahren.
Warum gerade die? "Das ist das Geheimnis", erklärt der New Yorker Internist Henry Masur, "wir wissen es wirklich nicht." Eindeutig ist nur, daß die seltene Krebskrankheit und in ihrem Gefolge eine Reihe schwerster Infektionskrankheiten derzeit in den USA wie eine Seuche grassieren.
Seit Ende letzten Jahres die ersten Meldungen in den Fachzeitschriften erschienen, hat sich die Zahl der gemeldeten Fälle verdoppelt, allein in New York City hat das Leiden seit letztem Jahr 158 Menschen befallen; in Kalifornien, vor allem in dem als Homosexuellen-Hochburg geltenden San Francisco, sind es mittlerweile 71. In den Vereinigten Staaten waren bis Mitte Mai insgesamt 335 Kaposi-Erkrankungen registriert worden - 136 Menschen erlagen dem Leiden.
Aber das sei, so vermuten die Ärzte, nur die "Spitze eines Eisberges". Zehntausende von Homosexuellen, schätzt das staatliche "Zentrum für Krankheitskontrolle" in Atlanta, US-Staat Georgia, seien womöglich schon infiziert. "Es ist", berichtete der Epidemiologe Dr. James A. Curran dem amerikanischen Kongreß auf einem Hearing, "ein äußerst wichtiges gesundheitspolitisches und medizinisches Problem" - und ein höchst rätselhaftes dazu.
Denn mehr als ein Jahrhundert lang hatte die jetzt so gefährlich expandierende Krankheit ein unbeachtetes Schattendasein geführt. 1872 waren dem k. u. k. Hautarzt Moritz Kohn Kaposi in Rumänien erstmals Patienten mit dieser merkwürdigen Krankheit aufgefallen. Ältere Juden zumeist, an deren Haut sich blaurote, krebsige Knoten bildeten, die an Zahl im Laufe von Jahren stetig zunahmen.
Der Mediziner beschrieb das Leiden mit dem Namen "Sarcoma idiopathicum multiplex haimorrhagicum"*.
Aber Kaposi konnte sich mit seinem Wortungetüm nicht durchsetzen und hatte schließlich nichts dagegen, daß die Kollegen das Krebsgeschwür einfach Kaposi-Krankheit ("Morbus Kaposi") nannten. Selten genug wurde es diagnostiziert.
In den Vereinigten Staaten war noch zu Beginn des letzten Jahres höchstens jeder zehntausendste Krebspatient ein Kaposifall - jetzt wird durchschnittlich jeden Tag ein solcher Krebs erkannt. Unter den beim Seuchenzentrum in Atlanta mehr als 300 registrierten Patienten waren nur 13 (heterosexuelle) Frauen sowie einige wenige heterosexuelle Männer, auffälligerweise meist Heroinsüchtige.
Ob die in den USA nun beobachtete Krankheit tatsächlich mit der von Kaposi beschriebenen Krebsvariante identisch ist oder vielleicht eine besonders bösartige Infektion, schon das ist freilich umstritten.
Das Kaposi-Sarkom der Homosexuellen unterscheidet sich von der herkömmlichen Erkrankung dadurch, daß sich die Herde am ganzen Körper und nicht nur an den Beinen ausbreiten. Das größte Rätsel für Seuchenforscher Curran aber ist: "Warum erst jetzt und nicht schon früher?" Homosexuelle Männer gebe es ja nicht erst seit letztem Jahr.
Auf der Suche nach der Ursache oder zumindest dem Auslöser für die Kaposi-Epidemie haben sich die Ärzte mit den Bräuchen der Homosexuellen-Szene beschäftigt: Gesucht wird ein Stoff, der nur von männlichen Homosexuellen benutzt wird, oder ein krankheitsförderndes Verhalten, das nur der Homosexuellen-Szene eigen ist. Gefunden wurden gleich ein halbes Dutzend solcher möglicher Faktoren.
Im angesehenen "New England Journal of Medicine" etwa verdächtigte ein Medizin-Professor das unter Homosexuellen weitverbreitete Hasch-Rauchen: Marihuana vermindere erwiesenermaßen die körpereigene Abwehrkraft.
Daß die Seuche irgend etwas mit der geschwächten Immunabwehr der Betroffenen zu tun haben muß, vermuten auch andere Gelehrte. Kaposi-Patienten sind höchst empfindlich gegen alle möglichen Mikroben, Pilze und Viren. Der Tod tritt oft dadurch ein, daß die Erreger sich vor allem in der Lunge ungestüm und nicht beherrschbar vermehren.
Ärzte, zu deren Klientel viele Homosexuelle zählen, berichteten zudem, daß sie unter ihren Patienten häufig Anzeichen einer Immunschwäche fanden, etwa stark vergrößerte Lymphknoten, obwohl offensichtlich keine Infektionen vorlagen.
Dies, so fürchten die Mediziner, könnte möglicherweise das Vorstadium einer Kaposi-Erkrankung oder auch einer bösartigen Lungenentzündung sein, wie sie in jüngster Zeit bei amerikanischen Homosexuellen gleichfalls gehäuft beobachtet werden.
Dieser Mangel an Abwehrkraft - medizinisch: "Immundefizit" - ist bei Dreißigjährigen ungewöhnlich. Doch ungewöhnlich sei ja auch, sagen die Kaposi-Experten, daß rund 90 Prozent ihrer Patienten sich mit "Poppers" in Hochform bringen. Das sind nitrithaltige Drogen, in Beißkapseln eingearbeitet, von denen angenommen wird, daß sie aus einem Orgasmus einen Super-Orgasmus machen. Diese Glaubenssache wird womöglich teuer bezahlt, denn Nitritmißbrauch schädigt die Blutzellen - auch jene, die der Infektabwehr dienen.
Daß diesem überlebenswichtigen System von manchen Homosexuellen nicht nur durch Hasch und Poppers zugesetzt wird, gilt als erwiesen. So benutzten vor allem Männer, die ihre Partner häufig wechseln, entzündungshemmende Cortison-Salben, um die allfälligen Schleimhautdefekte schneller zum Abheilen zu bringen. Der Wirkstoff, ein Hormon der Nebennierenrinde, setzt jedoch auch die Abwehrkraft herab. Sie nimmt wahrscheinlich auch deshalb ab, weil sogar einige Bestandteile der männlichen Samenflüssigkeit in dieser Richtung wirken.
"Vielleicht ist das die Lustseuche des 20. Jahrhunderts, nur nicht so harmlos", mutmaßt der Berliner Professor Franz Fehrenbach, ein Bakteriologe. Einen moralischen Merksatz fügt er gleich noch an: "Für die Homosexuellen hat der Herr immer eine Peitsche bereit."
Zumindest die Medizinstatistiker sind sicher, daß Homosexuelle nicht nur stärker suizidgefährdet sind, sondern auch häufiger an Infektionen erkranken, die durch Genitalkontakt weitergegeben werden können, etwa an infektiöser Gelbsucht.
Doch das "Kaposi-Sarkom" entzieht sich den herkömmlichen Vorstellungen von Ansteckung, Übertragung und erworbener Immunität. Familienmitglieder von Kaposi-Kranken, Hospital-Personal und Kaposi-Forscher sind bisher niemals erkrankt, und nur jeder fünfundzwanzigste Kaposi-Patient ist eine Frau. Gewöhnlich, so erläuterten Experten bei der Anhörung vor dem US-Kongreß, hätten jedoch weibliche Prostituierte und promiskuitive Homosexuelle dieselben Infektionen.
Und gewöhnlich breiten sich ansteckende Krankheiten auch rasch aus. In Europa erwarteten die Experten deshalb seit Monaten die ersten Kaposi-Erkrankungen im homosexuellen Milieu. Doch die ungewöhnliche Seuche ließ sich so viel Zeit, daß schon vermutet wurde, sie sei ein typisch amerikanisches Leiden und, aus welchen Gründen auch immer, der Neuen Welt allein vorbehalten.
Doch wie bei der Syphilis, die gleichfalls aus Amerika importiert wurde, erweist sich das offenbar als Trugschluß: In Barcelona und Kopenhagen wurden jetzt die ersten Kaposi-Fälle registriert. Der spanische Patient hatte drei Monate in New York gelebt, und mit der Männerliebe hängen wohl auch die dänischen Infektionen zusammen.
Die nächsten Erkrankungen erwarten Experten in den Ballungsräumen der Homosexualität: Athen, Rom, London und Berlin.
Dort hat sich die Hiobsbotschaft von drüben schon herumgesprochen. "Manchen Freunden", sagt ein Berliner Professor, "sitzt der Schrecken schon in allen Gliedern, in allen."
* Von griech. "sarcoma" = bösartige Geschwulst, griech./lat. "idiopathicum" = selbständige Krankheit, lat. "multiplex" = vielfach, griech./lat. "haimorrhagicum" = blutend.

DER SPIEGEL 22/1982
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