24.08.1981

Der Geist aus der Flasche

SPIEGEL-Report über die schleichende Quecksilber-Vergiftung von Wasser, Luft und Nahrung (I) Jahr für Jahr wird in Westdeutschland die Umwelt mit 370 Tonnen Quecksilber verseucht, einem Stoff, der schon in Milligramm-Mengen unheilbare Schädigungen bewirkt. Ein zweiteiliger SPIEGEL-Report analysiert das Dilemma, vor das dieses Nervengift, symptomatisch für eine Unzahl anderer Schadstoffe, die Umweltschützer stellt: Die Fahndung nach den Verursachern führt in ein düsteres Labyrinth von Verantwortlichkeiten. Ist das Gift aber erst einmal freigesetzt, läßt es sich kaum mehr einfangen - wie, im Märchen, der Geist aus der Flasche.

Es ist ein tödliches Gift von großer Hitze" -- das wußte, vor mehr als tausend Jahren schon, der arabische Alchimist Dschabir ibn Hajjan über das mysteriöseste aller Metalle. "Der Mensch, der es riecht, verliert das Gedächtnis", schrieb er, "wenn er es einnimmt, bringt es das Blut zum Stehen."

Das einzige Metall auf Erden, das bei Normaltemperatur flüssig ist, war für Plinius den Älteren, im ersten Jahrhundert nach Christi Geburt, "das stärkste aller Gifte". Dem Menschen bringe es, notierte im 16. Jahrhundert Paracelsus, "Lungenfeule, darzu Leberfeule, Magenfeule, Hirnfeule, Nierenfeule". In Shakespeares "Hamlet" spiegelt sich der Glaube wider, Quecksilber laufe "hurtig" durch "die natürlichen Kanäle des Körpers".

Doch soviel Schrecken und Staunen das silbrige Teufelszeug in der Geschichte der Menschheit auch erregte -- wirklich gefährlich wurde das überaus seltene Element, das sich allerdings in geringsten Konzentrationen in der Erdkruste wie im Wasser aller Weltmeere findet, viele Jahrtausende lang stets nur einigen wenigen.

Krepieren ließ der Umgang mit dem Glitzergift antike Spezialisten, die das Wundermittel nutzten, um Gold und Silber aus edelmetallhaltigen Sanden zu lösen, Syphilitiker, denen vom Quacksalber graue Salben aus Quecksilber verabreicht wurden, Minenarbeiter und Spiegelmacher, die unter Krämpfen dahinschieden.

Daß das chemische Element Hg

( Hydrargyrum (lat.): flüssiges Silber. )

jedoch auch Massenvergiftung bewirken kann, offenbarte sich 1953, als in Japan Dutzende von Menschen starben und Hunderte erkrankten, nachdem sie Fisch aus der quecksilberverseuchten Minamata-Bucht gegessen hatten. Doch das Atomzeitalter hat längst andere Ängste geweckt; Minamata verblaßte, auch in der Erinnerung der Westdeutschen, bald neben Namen wie Hiroshima oder Nagasaki.

Quecksilber, so mochten viele glauben, stehe für einen eher altmodischen Typ von Gefahr, die sich -- gebannt, weil erkannt -- gegenüber Stoffen wie Plutonium geradezu anheimelnd ausnimmt: Wer ein wenig Vorsicht walten läßt beim Umgang mit dem Fieberthermometer -- was sollte dem schon passieren?

Neuerdings jedoch, ein Vierteljahrhundert nach Minamata, drängt sich die von Plinius wie Paracelsus beschworene Uralt-Gefahr unversehens wieder ins Bewußtsein der Bürger. Kaum eine Woche vergeht, in der Quecksilber nicht in den Medien Meldung macht. Allein in den letzten zwölf Monaten

* wurde Flußfischern in Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein unter Androhung von 50 000 Mark Strafe behördlich verboten, mit Quecksilber verseuchte Elbaale in den Handel zu bringen;

* bezeichneten die Hamburger Wasserwerke ihr Werk Kaltenhofe, das täglich 45 000 Kubikmeter Uferfiltrat aus der Elbe zu Trinkwasser aufbereitet, wegen der Schwermetalle im Fluß als "Risikofaktor";

* ließ die nordrhein-westfälische Regierung Sportplätze sperren, in deren Aschebelag die Anteile von Quecksilber und anderen Schwermetallen S.63 die Toleranzwerte überschreiten;

* wurden auf baden-württembergischen Feldern, die mit Baggerschlamm aus dem Neckar gedüngt worden waren, überhohe Quecksilber-Konzentrationen ausgemacht;

* entdeckte das Chemische Untersuchungsamt in Hannover, daß bei 25 Prozent der überprüften Thunfischkonserven der Hg-Anteil die höchstzulässigen Werte überstieg;

* wurden schleswig-holsteinische Jäger vor Grau- und anderen Wildgänsen gewarnt, deren Quecksilber-Gehalt die Richtzahlen der Weltgesundheitsorganisation gleich um das Tausendfache überschritt;

* wiederholte das Bundesgesundheitsamt seine Mahnung, Anis-, Schaf- und Riesenchampignons dürften "zumindest nur selten" verzehrt werden, Nieren und Leber von Rindern und Schweinen seien für den menschlichen Genuß nicht mehr geeignet.

Als im Frühjahr Elbfischer, die wegen der Quecksilber-Vergiftung des Flusses gleichsam mit Berufsverbot belegt sind, mit ihren Kuttern den Strom und damit das "Tor zur Welt" (Hamburg-Werbung) blockierten, fanden sie massenhaft Zuspruch. Im Mai demonstrierten mit den Fischern an die 50 000 Menschen -- ungleich mehr, als gemeinhin gegen ein Atomkraftwerk auf die Straße gehen.

Grund genug hatten sie: Alljährlich werden in der Bundesrepublik rund 370 Tonnen Quecksilber an die Umwelt abgegeben. Und "die Tendenz des Quecksilber-Austrags muß mittelfristig bei den meisten Quellen als ansteigend angesehen werden", meldet das Umweltbundesamt -- "wenn nicht verstärkt Minderungsmaßnahmen zum Einsatz kommen".

Eine Trendwende aber ist nicht abzusehen. Die Quecksilber-Verseuchung der Bundesrepublik scheint sich vielmehr zu einem Modellfall für die Unfähigkeit einer hochspezialisierten Industriegesellschaft zu entwickeln, auch nur der gefährlichsten unter den herkömmlichen Schadstoffen Herr zu werden. Dabei ist das Element Hg nur eines von Tausenden teils kaum erforschten Chemiegiften, die Luft, Wasser und Boden zunehmend belasten.

Die Ökologiebewegung, schrieb unlängst selbstkritisch der Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU), habe sich in der Vergangenheit wohl intensiv mit der Atom- und der Verkehrspolitik befaßt, aber einen dritten ebenso aktuellen Komplex, die Gefährdung durch Gifte, "sträflich vernachlässigt". S.65 Das liege vielleicht daran, gab der BBU in seinem Verbandsblatt zu bedenken, daß diese Gefahren "längst nicht so unmittelbar und überall spürbar" seien wie Kraftwerksbauten oder Autobahntrassen.

Verwirrend aber: Wo Quecksilber, in der ursprünglichen reinen Form, mit den Sinnen wahrnehmbar ist, wird seine Gefährlichkeit von Medizinern als nur gering eingestuft. In manchen Fällen von Darmverschluß wurde das Metall früher löffelweise verabreicht.

Bei Selbstversuchen von Ärzten, die reines Quecksilber schluckten, zeigte sich, daß der Körper bis zu 93 Prozent der Menge wieder ausscheidet. Und als 1978 angeblich palästinensische Attentäter das flüssige Metall in israelische Orangen spritzten, war die psychologische Wirkung zwar ungeheuer, ernstlich zu Schaden kam jedoch niemand.

Hochgradig giftig dagegen wirken Quecksilber-Dämpfe, wie sie schon beim Zerbrechen eines Thermometers entstehen, sowie diverse organische Quecksilber-Verbindungen. Das fettlösliche Methylquecksilber etwa, das sich im Wasser durch Einwirkung von Mikroorganismen bildet, wird von Tieren und Menschen restlos absorbiert und in Muskeln und Nieren, im Nervensystem und im Gehirn zu höchsten Konzentrationen angereichert -- so wie sich der rote Tomatenfarbstoff in den Fettaugen auf der Suppe sammelt.

Methylquecksilber vermag nicht nur die biologischen Membranen zwischen Blut und Hirn zu durchdringen, sondern auch die sogenannte Plazenta-Schranke. In Minamata wurden Kinder mit Gehirnlähmung geboren, deren Mütter kaum Vergiftungssymptome zeigten. Jahrelang kam dort nahezu jedes dritte Kind mit körperlichen und geistigen Schäden, blind oder stumm zur Welt.

Der menschliche Fötus, stellt das Berliner Umweltbundesamt (UBA) in einer unlängst erschienenen Quecksilber-Studie fest, sei diejenige Lebensstufe, "in der die stärkste Empfindlichkeit gegen Methylquecksilber besteht". Tierversuche, so das UBA, sprächen überdies dafür, "daß Erbschäden durch Methylquecksilber möglich sind".

"Kranckheit so viel, dass sie nicht wol alle zu erzehlen sind" -- was Paracelsus vor 400 Jahren dem Quecksilber zuschrieb, hat die medizinische Forschung seither bestätigt. Von Kopfschmerz, Zahnfleischentzündungen, Sprach- und Konzentrationsstörungen, Übelkeit, Schlaflosigkeit, Haarausfall, Kontaktscheu, Nervosität, Schläfrigkeit und Schwindelgefühlen reichen die Folgen chronischer Methylquecksilber-Vergiftung bis hin zu ernsten Nieren- und Leberschäden, Idiotie und lebensgefährlichen Störungen des Immunabwehrsystems: Weiße Blutkörperchen werden zerstört, banale Infekte können tödlich ausgehen.

Im Endstadium der schleichenden Vergiftung verkrümmen und versteifen sich die Gelenke. "Atmende Holzpuppen" nannten die Japaner ihre Minamata-Kranken, die schließlich nicht mehr aus einer Tasse trinken oder ein Streichholz anzünden konnten.

Heilung ist schon zu Beginn der chronischen Vergiftung kaum mehr möglich -- das Quecksilber schädigt, wie Fachleute sagen, "silent", symptomlos. Bei Versuchstieren wurden unheilbare Veränderungen des Gehirns bereits zu einem Zeitpunkt festgestellt, zu dem noch keinerlei Krankheitsanzeichen manifest waren. "Zur Zeit", folgert das Umweltbundesamt, "ist man hauptsächlich auf die Prävention angewiesen."

Nicht minder tückisch mutet eine andere Eigenart des Quecksilbers an: Verwickelte biochemische Mechanismen sorgen dafür, daß winzige, kaum meßbare Mengen dieses Schwermetalls -- ähnlich wie DDT oder andere Schädlingsbekämpfungsmittel (Pestizide) -- sich im Laufe der Zeit zu lebensbedrohenden Konzentrationen anhäufen. Folge: Wann immer der Mensch Quecksilber freisetzt, macht die Natur es nicht etwa durch Verdünnung unschädlich, sondern läßt es, einem mächtigen chemischen Bumerang gleich, geballt zurückkehren.

Der Giftgehalt der Elbe etwa ist derzeit an den meisten Meßpunkten niedriger als ein Mikrogramm Quecksilber pro Liter Flußwasser; er liegt unter dem Richtwert, den die Weltgesundheitsorganisation für die Trinkwassergewinnung empfiehlt. Die Hg-Verschmutzung der Elbe entspricht damit gerade der Verunreinigung, die entsteht, wenn das Quecksilber eines einzigen Fieberthermometers (zwei Gramm) auf 25 000 Badewannen Wasser verteilt wird.

Gleichwohl bewirkt diese gering anmutende Menge, daß Aale, die in solchem Wasser schwimmen, für den Verzehr ungeeignet sind. Denn in der Nahrungskette, auf dem Wege über tierische und pflanzliche Bodenorganismen im Flußkies und Schlick, über Insekten, Mollusken, Würmer, Amphibien und Fische, nimmt der Quecksilber-Gehalt um das Vieltausendfache zu.

In der Leber und im Filet von Elbbrassen, einer Flachfischart, fanden Hamburger Forscher letztes Jahr Hg-Anteile bis zu 3000 Mikrogramm pro Kilo. Das ist das Dreifache dessen, was nach einer 1975 erlassenen Bonner Verordnung über Quecksilber-Höchstmengen in Speisefischen zulässig ist.

In Organen des Seehunds -- wie der Mensch Endglied maritimer Nahrungsketten S.68 -- entdeckten Wissenschaftler Quecksilber sowie verschiedene Pestizide in so hohen Konzentrationen, daß ein Zusammenhang zwischen zunehmendem Giftgehalt und sinkender Robben-Geburtenrate als gesichert gilt.

Im holländischen Teil des Nordseewatts schrumpfte die Zahl der Seehunde von 3000 im Jahr 1956 auf rund 400. In der Ostsee bekommen nach jüngsten Untersuchungen nur noch 27 Prozent der Ringelrobben-Weibchen Nachwuchs; früher waren es 90 Prozent. Schon mahnen holländische Zeitungen: "Erst stirbt der Seehund, dann der Mensch."

Daß die Quecksilber-Belastung der Umwelt (neben anderen Giftstoffen) auch dazu beiträgt, die rasche Reduzierung der Vogelwelt zu beschleunigen, halten Fachleute für ausgemacht -wenngleich nicht exakt zu klären ist, welchen Anteil der fahrlässige Umgang mit dem Element Hg daran hat, daß 48 Prozent der 335 deutschen Vogelarten auf den Roten Listen des Naturschutzes als "gefährdet" oder bereits "ausgestorben" registriert sind.

Immerhin fanden Forscher der Tierärztlichen Hochschule Hannover heraus, daß Hg-vergiftete Vögel in ihrem Sexualverhalten gestört sind, taube Eier bebrüten oder häufig schlicht verdummen: Einige bauten Nester ohne Boden, in die sie -- platsch -ihre Eier legen wollten.

Schweizerische Wissenschaftler, die den Gründen eines zunächst rätselhaften Graureiher-Sterbens am Flüßchen Jona im Kanton Zürich nachgingen, stellten bei den Tieren Symptome einer Schwermetall-Vergiftung fest: Sie hatten sich von giftigen Fischen ernährt. Als Ursache "von besonderer Bedeutung" ermittelte das Zürcher Amt für Gewässerschutz und Wasserbau, daß dem Fluß jahrelang unter anderem "die Abwässer von drei Zahnarztpraxen ungereinigt zugeleitet" worden waren -- mitsamt den Auswaschungen quecksilberhaltiger Amalgam-Zahnfüllungen.

"Alles ist mit allem verbunden", "Alles muß irgendwo bleiben", "Nichts ist umsonst" -- die Gültigkeit dieser von Umweltschützern verkündeten "Gesetze der Ökologie" verdeutlicht kaum ein anderes Element so nachhaltig wie das Quecksilber. Auch für die Begründung des grünen Gemeinplatzes "Naturschutz ist Menschenschutz" liefert der Stoff reichlich Exempel.

Denn keineswegs allein durch den Verzehr von verseuchten Thunfischen aus Japan oder von Aalen aus der Elbe gerät der Mensch in den Kreislauf des Nervengifts. Häufig zeitigt das Element gerade dort Folgen, wo niemand sie erwartet, bisweilen treten verborgene Zusammenhänge erst nach Jahren oder Jahrzehnten zutage.

So mußten US-Behörden 1970 ein seit langem im Handel befindliches Eisenpräparat verbieten, in dem sich überraschenderweise eine gegenüber dem Zulässigen um das Sechzigfache überhöhte Quecksilber-Konzentration fand. Die Hersteller hatten, bemüht um biologisch reine Rohstoffe, das Stärkungsmittel aus Lebern von zivilisationsfernen Seehunden gewonnen, die im Beringmeer, westlich von Alaska, geschossen worden waren.

Umweltforscher versuchten, die Reise zu rekonstruieren, die das Gift bis zu seinem Auftauchen im Reformhaus-Regal zurückgelegt hatte.

US-Papierfabrikanten, die ihr Produkt mit Quecksilber aus kalifornischen Minen gegen Fäulnis wappneten, hatten reichlich Abwässer in den Pazifik geleitet; dort wurde das Metall erst von Plankton und Kleinfischen, sodann von Lachsen und Schellfischen aufgenommen; nach diesen Fischen wiederum schnappten Seehunde, die auf ihren Wanderschaften an der US-Westküste vorbeiziehen, bevor sie sich zur Paarung im Eismeer versammeln.

Auf ähnlich verschlungenen Wegen gelangt das Gift auch in das Fleisch von Schlachttieren und Wildvögeln, die von Westdeutschen verzehrt werden. S.69 Noch immer sind in der Bundesrepublik pilztötende Mittel (Fungizide) zur Beizung von Saatgut in Gebrauch, die Methylquecksilber enthalten. Dabei hatten die Schweden schon vor Jahrzehnten die ökologischen Folgen der Saatgutbeizung zu spüren bekommen und 1966 die Anwendung dieser Mittel verboten.

Die verquecksilberten Körner werden, wie sich in Schweden zeigte, mit Vorliebe von Mäusen und Vögeln vertilgt. Vor allem Vogelräuber wie Iltis, Marder und Fuchs gehen an der vergifteten Beute zugrunde, ebenso Greifvögel, vom Turmfalken bis zum Adler, die den Nagern nachstellen.

Immer häufiger auch finden Analytiker des Bundesgesundheitsamtes in Schweinefleisch und in Hühnereiern das Doppelte oder gar das Zehnfache der laut amtlichen Richtwerttabellen üblichen Quecksilber-Anteile: Die Ursache sehen die Experten in Fischmehl aus vergiftetem Meeresgetier, das an Schweine und Hühner verfüttert wird.

Dennoch stellte das Umweltbundesamt letztes Jahr fest, daß die Hg-Belastung der Westdeutschen "weit unter den medizinisch relevanten Grenzen" liege, daß folglich "keine generelle Gefährdung der Bevölkerung" durch dieses Schwermetall bestehe.

Tatsächlich sind in der Bundesrepublik Quecksilber-Katastrophen mit Hunderten von Opfern bislang ausgeblieben -- anders als in Japan, wo die Abwässer einer Kunststoff-Fabrik das Minamata-Unglück auslösten; anders als im Irak, wo 1972 mehr als 450 Menschen nach dem Verzehr von quecksilberhaltigem Weizenbrot starben; anders auch als in Argentinien, wo 1980 Vergiftungen bei 1600 Babys bekannt wurden, deren Windeln in Wäschereien mit einem Quecksilber-Mittel desinfiziert worden waren.

Auf die Dauer freilich könnte sich die unmerklich zunehmende Belastung von Millionen Bundesbürgern durch das silbrige Gift als noch verhängnisvoller erweisen als manch eines der spektakulären Ereignisse, die im Ausland für Schlagzeilen sorgten.

Noch ist beispielsweise völlig ungeklärt, welche Spätwirkungen, bis hin zu Erbschäden, die Summe verschiedenartiger Schwermetall-Belastungen haben könnte. Die mit der Nahrung aufgenommenen Mengen des gleichfalls hochgiftigen Cadmiums etwa haben, wie das Umweltbundesamt registrierte, in der Bundesrepublik schon jetzt die Nähe jenes Grenzwerts erreicht, den die Weltgesundheitsorganisation (WHO) für vertretbar hält.

Überdies sind etliche der bundesdeutschen Höchstwerte für Schwermetalle kaum mehr zeitgemäß; einige scheinen mehr oder weniger willkürlich festgelegt.

So stützen sich einschlägige Bonner Vorschriften auf alte WHO-Stellungnahmen, denen zufolge erst bei einer Aufnahme von wöchentlich drei Millionstel Gramm Methylquecksilber pro Kilogramm Körpergewicht gesundheitliche Auswirkungen bei Erwachsenen möglich seien. Unberücksichtigt blieb, daß die WHO letztes Jahr, unter anderem nach Langzeituntersuchungen an kanadischen Indianern, "ein erhöhtes Risiko" feststellte und eine "Herabsetzung der nationalen Grenzwerte" für Methylquecksilber im Speisefisch forderte.

Eine solche Korrektur ist um so dringlicher, als die westdeutschen Fisch-Grenzwerte auf höchst zweifelhafte Weise zustande gekommen sind. Während die Schweiz und die USA als Höchstgrenze 0,5 Milligramm Quecksilber pro Kilo Fisch festgelegt haben, genehmigte der Bonner Bundesrat 1975 unter dem Druck der Fischwirtschaft und entgegen den Empfehlungen des Gesundheitsministeriums die doppelte Menge.

Sicherheit bietet die Einhaltung derartiger Höchstwerte allenfalls erwachsenen Durchschnittsbürgern; Kinder und Schwangere sind anfälliger, ebenso Bevölkerungsgruppen mit abweichenden Ernährungsgewohnheiten. Wer mehr Fisch ißt als Otto Normalverbraucher, beispielsweise täglich statt wöchentlich 200 Gramm, bringt sich selbst dann in Gefahr, wenn der Hg-Gehalt seiner Fischkost unter dem Höchstwert liegt -- von zusätzlicher Schwermetall-Aufnahme durch sonstige Speisen ganz zu schweigen.

Für viele Nahrungsmittel sind verbindliche Höchstwerte gar nicht erst vom Gesetzgeber fixiert worden. Das Ansinnen, solche Standards mit Hilfe vorliegender Daten über die Giftigkeit von Schadstoffen und über die Verzehrgewohnheiten der Bundesbürger zu errechnen, hat das Bundesgesundheitsamt (BGA) 1979 zurückgewiesen -- mit einer bemerkenswerten Begründung.

Die Festsetzung etwa von Cadmium-Höchstwerten für Nahrungsmittel würde, so das BGA, beispielsweise dazu führen, "daß mehr als 50 Prozent des derzeitigen Schweineleberangebots nicht mehr verkehrsfähig wären". "Aus gesundheitspolitischen Überlegungen" erwünschte Höchstmengen könnten folglich "die Versorgung der Bevölkerung" mit bestimmten Lebensmitteln "in Gefahr bringen".

Darüber hinaus führte das BGA gegen eine Verabschiedung verbindlicher Giftgrenzen für Lebensmittel das Argument ins Feld, die Hersteller könnten versuchen, Maximalwerte gleichsam "aufzufüllen": durch "Verschneiden und Vermischen" übermäßig giftiger mit weniger belasteten Produkten.

Weil die Verbraucher von Bonner Höchstmengen-Verordnungen folglich nur bedingt Schutz zu erwarten haben, scheint eine Verringerung der Quecksilber-Emissionen an der Quelle der am meisten Erfolg versprechende Weg. Indes: Wer sich auf die Suche nach den Verursachern der schleichenden Vergiftung, nach den Schuldigen am Schwermetall-Dilemma begibt, gerät in ein finsteres Labyrinth.

Geradezu beispielhaft spiegelt die Elbe, Westdeutschlands mit Quecksilber meistverschmutzter Strom, die Schwierigkeiten wider, der Umweltsünder habhaft zu werden.

Zwar glauben viele Anrainer ganz genau zu wissen, woher der giftige Schmutz stammt. Je nach politischer Einstellung werden mal DDR- und CSSR-Kombinate am Oberlauf, mal westdeutsche Industriekonzerne am Unterlauf der Elbe für den Schwermetall-Schmutz verantwortlich gemacht. In der linken Berliner "Tageszeitung" ("taz") finden sich beide Klischees in S.72 einer einzigen Karikatur vereint: Ein fetter Kapitalist dreht mit einer Hand den Gifthahn auf und zeigt mit der anderen anklagend gen Osten.

Die Wahrheit ist komplex. Unbestreitbar, daß die Elbe, wie Langzeitmessungen ergeben haben, bereits an der DDR-Grenze bei Schnackenburg im Tagesdurchschnitt 112 Kilogramm Quecksilber mit sich führt, ferner 186 Kilo Blei, 457 Kilo Kupfer und 3913 Kilo Zink, jährlich insgesamt genug Gift, um 85 Güterwagen zu füllen.

Hamburgs Senat -- dankbar für jeden Hinweis auf auswärtige Elbverschmutzer, der den hanseatischen Schuldanteil mindert -- ließ letztes Jahr gar den Bundesnachrichtendienst ersuchen, Informationen über Umweltdelikte der östlichen Oberlieger zu beschaffen. Chlorwerke in Schkopau (DDR) sowie in Neratovice und Novaky (CSSR), so der Hamburger Verdacht, leiteten massenhaft Quecksilber-Abwässer in Saale und Elbe.

Doch auch der Pullacher Geheimdienst wird kaum klären können, wie groß der Anteil der Ost-Industrien an der Quecksilber-Verseuchung der Elbe ist. "Niemand weiß genau", sagt Gerd Flügge von der Hamburger "Wassergütestelle Elbe", "wie hoch die Grundbelastung des Oberlaufs durch Auswaschungen von Schwermetallen im natürlichen Gestein des Einzugsgebiets ist." Flügge: "Die Gegend heißt ja nicht ohne Grund Erzgebirge."

Über die westdeutschen Quecksilber-Einleiter freilich wissen die Wasserkontrolleure auch nicht viel mehr als über die im Osten. Und manche Spur, auf die behördliche Fahnder stoßen, führt in die Irre.

Als Ende letzten Jahres die Kieler Landesregierung das Filet von 506 Fischen auf Quecksilber untersuchen ließ, zeigte sich, daß der Fang mit dem höchsten Anteil vergifteter Aale (90,9 Prozent) der Elbe bei Bielenberg entstammte.

Die Fische waren unterhalb der Chemiewerke der "Dow Chemical" bei Stade ins Netz gegangen. Beweis für Umweltkriminalität?

Keineswegs, versichert Wasserkundler Flügge: Die bei Bielenberg gefangenen Aale befanden sich auf der Laichwanderung in die Nordsee; das in ihren Muskeln angereicherte Quecksilber hätten sie mit Sicherheit bereits an ihren früheren Freßplätzen aufgenommen, in den Altarmen und in Buhnenfeldern im Mittellauf, in Nebenflüssen wie der Havel oder der Saale, zum Teil womöglich schon als Glasaal im karibischen Sargassomeer.

Monatlich vorgenommene Stichproben hätten im übrigen ergeben, daß die Abwässer etwa von Brunsbütteler Chemiewerken weniger als 0,0001 Milligramm Quecksilber pro Liter enthielten -- ein Hundertstel jenes Quecksilber-Anteils, der dem Konzern im behördlichen Erlaubnisbescheid von 1974 zugestanden worden ist.

Unabhängige Wasserexperten allerdings mißtrauen seit langem den Bekundungen der amtlichen Wassergüte-Prüfer von der "Arbeitsgemeinschaft für die Reinhaltung der Elbe", der sie "plumpe Kritiklosigkeit und Duckmäusertum vor vorgesetzten Dienststellen" vorwerfen (so die Hamburger "Umweltschutzgruppe Physik/Geowissenschaften").

Die Elbfischer halten die "Arge Elbe", gegründet von den Ländern Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein, schlichtweg für eine "Arbeitsgemeinschaft zur Vertuschung der Elbverschmutzung", ein Alibi-Unternehmen der vor allem auf Industrieansiedlung bedachten norddeutschen Landesregierungen.

Wissenschaftliche Daten über das Quecksilber im Strom werden denn auch unterschiedlich gedeutet.

Die Arge Elbe führt hohe Schwermetall-Konzentrationen im Hamburger Elbschlamm darauf zurück, daß die hanseatischen Hafenbecken als "eine Art Klärwerk der DDR" fungierten und deren Dreck auffingen. Die Arge-Kritiker dagegen vermuten als Ursache der hohen Schadstoffwerte im Hafen vor allem Quecksilber-Einleitungen aus Hamburger Betrieben.

Auf widersprüchliche Weise wird auch der Umstand begründet, daß der Elbschlick unterhalb Hamburgs weniger Hg-belastet ist als oberhalb.

Die Arge Elbe beharrt auf ihrer Lesart, der DDR-Schmutz habe sich halt schon im Hamburger Bereich abgelagert. Die Kritiker wiederum schließen von der Abnahme der Schwermetall-Anteile unterhalb von Hamburg keineswegs auf besondere Umweltfreundlichkeit der hansestädtischen Industrie, sondern schlicht auf "Verdünnungseffekte", etwa aufgrund der Durchmischung von Meer- und Elbwasser im tideabhängigen Bereich des Flusses.

Nur wenig Aufschluß brachte ein Meßprogramm, bei dem Arge-Elbe-Forscher dem Strom zwischen der DDR-Grenze und der Cuxhavener Kugelbake Hunderte von Wasserproben entnahmen. Aus den Ergebnissen ließen sich mehr Fragen als Antworten ableiten.

An einigen Sommertagen lag der Quecksilber-Gehalt des Elbwassers über viele Stromkilometer noch unterhalb der Nachweisgrenze. Plötzlich aber, in der Nähe der Industriestadt Brunsbüttel, wo Bayer und Veba Chemiefabriken S.74 unterhalten, schossen die Werte steil empor -- zum Teil bis zum Fünfzehnfachen des WHO-Wasserstandards. Ähnliches war an anderen Tagen bei Stade und im Hamburger Hafengebiet festzustellen.

Woher die jäh auftretenden "gewaltigen Mengen von Quecksilber" stammen, die mit Sicherheit nicht der DDR anzulasten sind -- Wasserprüfer Flügge vermag diese Frage nicht schlüssig zu beantworten.

Für denkbar hält er "Meßfehler im Programm". Die Möglichkeit, daß Schiffe oder Betriebe mit "stoßweisem Einleiten" von Giftwässern amtliche Kontrollen zu unterlaufen versuchen, mag Flügge zwar nicht völlig ausschließen. Doch derlei Spekulationen, beteuert er, seien nicht sein Auftrag: "Mein Revier ist die Immission", die Messung der Wasserverschmutzung, "und nicht die Emission", die Überwachung industrieller Verschmutzer. Flügge: "Uns beschäftigt nicht die Frage: Sauigelt die Industrie?"

Das herauszufinden ist in Hamburg Sache von Landesbehörden, die auf diesem Gebiet allerdings lange Zeit ebenso versagt haben wie bei der Kontrolle der Giftklitsche Stoltzenberg -ein Fall, der 1979 fast zum Rücktritt des Bürgermeisters führte.

Für die Überwachung der rund 2000 Abwassereinleitungen im Hamburger Hafengebiet war bis vor kurzem ein einziger Mann zuständig. Bevor das Aal-Verbot für Schlagzeilen sorgte, fehlte es an Personal, an Etatmitteln sowie an Laborkapazitäten für die Kontrolle von Schwermetall-Emissionen -- und offenbar auch an gutem Willen.

In den siebziger Jahren hatten die Regierungen der Elbanrainer-Länder alle Warnungen vor steigenden Quecksilber-Raten in den Wind geschlagen. Sie fürchteten offenbar, Umweltbedenken könnten ihre ehrgeizigen Pläne gefährden, an der Unterelbe ein zweites Ruhrgebiet aus dem Boden zu stampfen. Hamburgs damaliger Wirtschaftssenator Helmuth Kern: "Industrie muß her."

Schon 1972 hatte der Heidelberger Naturwissenschaftler Professor German Müller darauf hingewiesen, daß der Quecksilber-Gehalt der Elbe höher sei als der "aller anderen großen westdeutschen Flüsse". Vier Jahre später, nachdem sich die Hg-Konzentration in der Elbe gegenüber 1972 verdreifacht hatte, empfahl Müller den Norddeutschen abermals, dem Problem "besondere Aufmerksamkeit" zu widmen.

Doch die Hamburger taten die Untersuchungen des Wissenschaftlers als "ungründlich" ab. Es gebe, tönte 1976 Carl Boe, Elbexperte des Senats, "keinen Anhaltspunkt" dafür, daß der Fluß "in überschaubarer Zeit überbelastet" sein werde.

Im selben Jahr forderten Hamburger Zoologen in einer Studie, neue Industrien dürften an der Elbe nur angesiedelt werden, wenn ein "ökologischer Gesamtlastplan" über die bisherigen Belastungen aufgestellt worden sei. Insbesondere sei eine "eingehende Kontrolle" von Schwermetallen wie Quecksilber vonnöten. Sofern bislang überhaupt Daten vorlägen, kritisierten die Wissenschaftler, seien sie bisweilen "mit dem Stempel ''Nur für den internen Gebrauch'' versehen".

Ebenfalls 1976 ließen die Umweltminister der Küstenländer ein Unterelbe-Gutachten erarbeiten, das wegen seines brisanten Resultats prompt in den Schubladen verschwand: Die amtliche Einleitungsüberwachung, hieß es in dem Papier, sei "nicht ausreichend", habe nur "stichprobenartigen Charakter" oder finde "überhaupt nicht" statt. Mit "erster Priorität" müßten Lücken in der Erfassung auch der Quecksilber-Emissionen geschlossen werden -"wegen der Toxizität".

Doch mit dem Aufbau eines umfassenden Emissionskatasters begannen die Behörden auch dann noch nicht, als sich die Alarmzeichen häuften:

* 1977 wurden im staatlichen Veterinär-Untersuchungsamt Cuxhaven erstmals Spitzenwerte bis zwei Milligramm Quecksilber pro Kilo Fisch -- das Doppelte des milden Bonner Standards -- gemessen. Amtsleiter Karl-Ernst Krüger wiegelte ab: "Zu Alarm ist kein Anlaß."

* 1978 führten Elbfischer öffentlich Klage darüber, daß jeder vierte Aal aufgrund von Gifteinwirkungen durch Geschwüre wie die "Blumenkohlkrankheit" verunstaltet sei. Die Bundesforschungsanstalt für Fischerei verweigerte den Fischern die Bekanntgabe von Untersuchungsergebnissen: "Das geben Sie ja doch nur an die Pressebullen."

* 1979 wurde im Haar von Kindern auf der Hamburger Industrie- und Fischerinsel Finkenwerder überdurchschnittlich viel Quecksilber entdeckt; im östlichen Teil des Hamburger Hafens fanden Forscher außergewöhnlich hohe Arsen- und Cadmiumbelastungen.

Hamburgs Industrie sprach sich nach der Veröffentlichung der Haar-Analysen sogleich von jeglicher Mitschuld S.76 frei. Die Norddeutsche Affinerie etwa, Europas größte Kupferhütte, versicherte, das Unternehmen sei in Sachen Umweltschutz "führend in der Welt", seine Schwermetall-Emissionen seien "verschwindend minimal".

Daß dem in Wahrheit keineswegs so ist, machten nicht etwa hanseatische Behörden publik, sondern, im Sommer letzten Jahres, Geologen und Physiker einer Bürgerinitiative, die mit der Umweltschutzorganisation "Greenpeace" zusammenarbeitet.

Von einem Boot aus entnahmen sie Abwasserrohren der "Affi" Proben, deren Auswertung Sensationelles zutage förderte: Allein aus dem als Regenwasserabfluß deklarierten "Einlauf 40" des Werks strömten täglich rund zehn Kilogramm Cadmium in einen Elbzufluß, dazu etliche andere Schwermetalle wie Quecksilber.

In der Nähe des Werkes fanden die privaten Umweltschützer so hohe Schwermetall-Konzentrationen im Schlick, "daß sich der Abbau lohnen würde". Ein Kieler Doktorand maß vor der Affi Quecksilber-Konzentrationen, die um das Siebzigfache über dem geochemischen Standard lagen.

Die blamierten Hamburger Umwelt-Beamten, deren Nachmessungen den Affi-Skandal bestätigten, können freilich mit gutem Grund einen Teil der Schuld an der Abwassermisere auf Bundes- und Landespolitiker abschieben.

Das nach jahrelangem Ringen in Bundestag und Bundesrat erst 1976 verabschiedete Abwasserabgabengesetz beispielsweise begrenzt keineswegs die Schadstoffmengen, sondern setzt lediglich eine gewisse Gebühr für die Einleitung einiger weniger ausgewählter Gifte fest.

Unter dem Druck der Industrie und der CDU/CSU-Opposition im Bundesrat wurden geradezu lächerlich niedrige Beträge angesetzt: Wer ein Gewässer mit einem Kilogramm Quecksilber vergiftet -- was theoretisch genügt, um eine Million Kilogramm Fisch bis zur (allzu hohen) Höchstgrenze zu belasten --, kommt mit einer Abgabe von 600 Mark davon, ein "mäßiger Satz", wie auch Umweltminister Baum findet.

Das "skandalöse Gesetz" (Deutscher Naturschutzring), das obendrein erst Anfang dieses Jahres in Kraft trat, macht nicht die wirklich eingeleiteten, sondern die per behördlicher Einleitungserlaubnis genehmigten Schadstoffmengen zur Berechnungsgrundlage. Weil aber in den größtenteils jahrzehntealten Erlaubnisbescheiden Quecksilber oft nicht vorkommt und es den Behörden durchweg an Personal fehlt, um die Bescheide zügig zu aktualisieren, werden viele Unternehmen für ihre Quecksilber-Abwässer womöglich auf Jahre hinaus keinen Pfennig zahlen müssen.

Derlei Auswirkungen hatten Fachleute wie Benno Weimann, Präsident der Vereinigung Deutscher Gewässerschutz, bereits 1976 vorausgesagt: "Wider besseres Wissen wurde", so Weimann, "dem Druck einzelner Industriegruppen und politischer Kreise nachgegeben. Aus einem Gewässerschutzgesetz wurde ein Abwassereinleitungsgesetz."

Kaum besser geraten ist ein zweites einschlägiges Paragraphenwerk, das 1976 novellierte Wasserhaushaltsgesetz. Danach müssen Gifteinleitungen nur so weit reduziert werden, wie es "bei Anwendungen der jeweils in Betracht kommenden Verfahren nach den allgemein anerkannten Regeln der Technik möglich ist".

Welche Regeln der Technik allgemein anerkannt sind, soll in branchenspezifischen Verwaltungsvorschriften festgelegt werden, die von Bund und Ländern -- versteht sich -- mit den betroffenen Industriezweigen abgestimmt werden.

"Ein Witz", empört sich ein Hamburger Wasserkundler über das Verfahren: "Diejenigen, die verantwortlich sind für den Rückstand der Umweltschutztechnik, machen eben diesen Rückstand zum Maßstab für künftige Auflagen."

Zur Zurückhaltung bei der Überwachung von Industriebetrieben neigen behördliche Kontrolleure vielerorts aber nicht nur wegen verwässerter Gesetze, sondern wohl auch aufgrund schlechten Gewissens. "Wenn wir irgendwo auftauchen", sagt ein Oberbaurat vom Hamburger Amt für Strom und Hafenbau, "heißt es doch gleich: Reinigt doch erst mal selber eure Abwässer."

Tatsächlich mündet in Hamburg, in der Nähe der Landungsbrücken, der nach Moldau, Saale und Havel viertgrößte und allerschmutzigste Nebenfluß der Elbe: täglich Hunderttausende Kubikmeter kommunaler Abwässer, denen im Klärwerk Köhlbrandhöft nur der allergröbste Schmutz entzogen worden ist -- nicht aber, beispielsweise, Quecksilber.

Als Hamburgs Umweltsenator Wolfgang Curilla unlängst unter dem Eindruck öffentlicher Proteste flugs Wasserproben aus Hafenbetrieben und Kläranlagen auf ihren Schwermetallgehalt untersuchen ließ, stellte sich für ihn "Überraschendes" heraus: Nur bei sechs von 277 Proben aus dem Abwasser industrieller "Direkteinleiter" ergaben sich überhöhte Hg-Anteile, in den senatseigenen Klärwerken dagegen stießen Curillas Kontrolleure auf "teilweise nicht erwartete Spitzenwerte".

Die mächtigen Siele und Sammler des Hamburger Kanalisationsnetzes führen, so scheint es, zu einem der Kerne des Quecksilber-Problems: Zwar ließe sich mit erhöhtem Kontrollaufwand möglicherweise feststellen, welche Betriebe, nach Art der Affi-Hütte, hochgefährliche Abwässer direkt in Flüsse leiten. Aber es ist fast unmöglich, jene Umwelttäter aufzuspüren, die das "flüssige Silber" oder andere Gifte einfach in den Gully oder in den heimischen Ausguß schütten.

Im nächsten Heft

Die großen Verschmutzer - Quecksilber als Düngemittel - Die giftgrüne Lobby bremst Reformen - Gefährliche Zahnplomben - Pfandgebühr für Batterien?

S.62 Hydrargyrum (lat.): flüssiges Silber. * Am 16. März in Hamburg. * S.63 M.: mit Blumenkohlkrankheit; * Oben: am 16. Mai auf der Elbe; * r.: Mutter, die quecksilberverseuchten Fisch gegessen hatte, mit ihrem seit der Geburt an "Minamata-Krankheit" leidendem Kind. * S.65 In einem Hamburger Fachgeschäft. * S.68 Verschüttetes Quecksilber wird mit dem Präparat "Mercurosorb" unschädlich gemacht. * S.74 Studentische Umweltschützer bei Probenentnahmen. *

DER SPIEGEL 35/1981
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