15.06.1981

BEAMTEIm Auge behalten

An einem Heine-Zitat droht eine Lehrer-Karriere zu scheitern: Stuttgarts Kultusminister läßt prüfen, ob ein Dichterwort in einer Heiratsannonce gegen das Beamtenrecht verstößt.
Nach den Regeln der Landeslaufbahnverordnung wäre Erhard Jöst, 33, Studienrat für Deutsch und Geschichte am Bad Mergentheimer Deutschorden-Gymnasium, im Januar zum Beamten auf Lebenszeit ernannt worden. Doch ein Zitat des Dichters Heinrich Heine hemmt das berufliche Fortkommen des promovierten Germanisten.
Zwei Monate vor dem beamtenrechtlichen Fälligkeitstermin hatte Jöst in der örtlichen "Tauber-Zeitung" eine Heiratsanzeige einrücken lassen, die viele Mitbürger in dem katholischen Kurstädtchen im nordöstlichsten Winkel Baden-Württembergs "als Provokation" empfanden (etwa der Apotheker Peter Biggen). Jöst hatte der Bekanntgabe seiner Vermählung zwei Verse S.86 aus Heines "Deutschland, ein Wintermärchen" vorangestellt: "Und fehlt der Pfaffensegen dabei, die Ehe wird gültig nicht minder."
Diese unorthodoxe Mitteilung, auf eine kirchliche Trauung zu verzichten, brachte die Bewohner des "lieblichen Taubertals" (Fremdenverkehrswerbung) in Rage. Wochenlang tobte ein Leserbriefkrieg ("Niemand hat das Recht, öffentlich Heiliges zu verspotten, auch gelehrte Herren nicht") um das bissige Dichterwort.
Der Aufruhr um Heines "Pfaffensegen" wäre indes Provinzposse geblieben, wenn der Fall nicht mittlerweile -- wie mehrere SPD-Landtagsabgeordnete in einem parlamentarischen Antrag konstatieren -- "amtlichen Charakter" bekommen hätte.
Mehr oder minder spontan hatten sich sieben Gymnasiasten-Eltern ihren Ärger von der Seele geschrieben. Die Beschwerdebriefe adressierten sie gleich an den Stuttgarter CDU-Kultusminister Gerhard Mayer-Vorfelder höchstselbst.
Ein Vater sah durch die Hochzeitsanzeige den "Verfassungsauftrag der Schule" gefährdet; eine Mutter entsann sich, daß der Lehrer Jöst, nebenbei auch SPD-Stadtrat und Ortsvorsitzender der Jungsozialisten, schon immer im Unterricht "konsequent einseitig politische Werbung in Richtung Kommunismus-Sozialismus" betrieben habe.
Der Elternbeiratsvorsitzende Alois Tisch meldete "Zweifel" an, "ob ein Lehrer, der eine solche Meinung in dieser Art kundtut", sein Amt noch "im Sinne der Landesverfassung, des Grundgesetzes und des Beamtenrechts" ausüben könne.
Und der Apotheker Biggen, der sich bereits vor zwei Jahren über einen von Jöst in Bad Mergentheim arrangierten Auftritt des Kabarettisten Dieter Hildebrandt (Biggen: "Vom Fernsehen abgehalfterte Wühlmaus") ereifert hatte ("... blasen wir Ihr Strohfeuerchen schon aus"), kämpfte auch diesmal an vorderster Front.
"Vor solchen Lehrern" müsse man die Kinder "schützen", mahnte der Apotheker den Minister: "In welcher Art, muß ich Ihnen überlassen, und hoffe, daß ich mein Anliegen in die richtigen Hände gelegt habe."
Die Hoffnung trog nicht. Mayer-Vorfelder machte sich die Aufgeregtheit der Beschwerdeführer zu eigen: Er gab, im Januar, dem Oberschulamt Stuttgart Order, zu prüfen, ob Jöst "gegen seine Beamtenpflichten verstoßen" habe.
Die Entscheidung, wie das schlimme Heine-Zitat zu ahnden sei, will sich Mayer-Vorfelder auf jeden Fall selbst vorbehalten: Man könne, heißt es in einer Notiz des Ministerbüros an die Rechtsabteilung des Ministeriums, "den weiteren Gang der Dinge nicht allein dem Oberschulamt überlassen"; man müsse "die Sache genau im Auge behalten", S.87 denn Jöst habe "den Bogen überspannt".
Da die Zitierung eines Gedichts, das sogar in Baden-Württemberg als Schullektüre in der gymnasialen Oberstufe empfohlen ist, schwerlich für ein Disziplinarverfahren taugt, forderte das Oberschulamt die Jöst-Kritiker auf, noch mehr Belastendes vorzulegen.
Da tauchten nun plötzlich drei Jahre alte angeblich wörtlich notierte Gesprächsfetzen auf. Von Schülern kolportierte Aussagen wurden der Behörde mitgeteilt, und selbst der Schulleiter des Deutschorden-Gymnasiums, Alois Haas, erinnerte sich auf einmal, daß ihn vor Jahren eine Frau "als Mutter und Christin ... telephonisch auf Inhalte der Geschichtsstunde" des Herrn Dr. Jöst "aufmerksam gemacht" habe.
Der Betroffene erfuhr von den amtlichen Recherchen erst Ende April -mit der Bitte um Stellungnahme zu den Vorwürfen.
Obschon Jöst "in der Formulierung einer Heiratsannonce eine Privatangelegenheit" sieht, die mit seinem "dienstlichen Verhalten nichts zu tun hat", will er "bei weiteren privaten Feierlichkeiten auf die Verwendung von Heine-Zitaten verzichten, um meine berufliche Existenz nicht noch weiter zu gefährden".
So habe er "selbstverständlich" davon abgesehen, die Geburt des ersten Jöst-Kindes mittels Heine-Versen aus dem Gedicht "Die Wanderratten" anzuzeigen, wozu ihn "ein sicherlich falscher Freund" habe anstiften wollen.
Zitat: "Die radikale Rotte / Weiß nichts von einem Gotte. / Sie lassen nicht taufen ihre Brut, / Die Weiber sind Gemeindegut."

DER SPIEGEL 25/1981
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