24.08.1981

Das schrekliche Geheimnis

Wie die Wahrheit über Hitlers „Endlösung“ unterdrückt wurde / Von Walter Laqueur Washington hielt die Meldungen für „Phantasien“, London für „übertriebene Propaganda“ - die Wahrheit über die Massenmorde der Nazis an den polnischen Juden wurde von den Alliierten ignoriert. Das hat der Historiker Walter Laqueur, einer der besten Kenner der Judenvernichtung, in jahrelangen Recherchen ermittelt. 1981 Verlag Ullstein, Frankfurt, Berlin, Wien.
Die ersten authentischen Nachrichten über den Judenmord kamen aus Polen. Hitler hatte beschlossen, aus diesem Land die Todesfabrik Europas zu machen, und so waren es vor allem polnische Informanten, die das Verbrechen des Jahrhunderts entlarvten.
Im Sommer 1942 wurde in neutralen und alliierten Ländern ruchbar, daß es im westpolnischen Chelmno oder Kulmhof, wie es die Deutschen nannten, ein Vernichtungslager gebe, in dem Juden massenweise durch Gas umgebracht würden. Im Oktober 1941 hatte sich eine Sondereinheit der deutschen Sicherheitspolizei in Chelmno einquartiert -- seither mordete sie Juden.
Der älteste Beleg für die Existenz dieses ersten Todeslagers, der erhalten geblieben ist, stammt vom 31. Dezember 1941. Es ist eine Postkarte, die ein unbekannter Jude an einen Verwandten in Posbebice "ichtete. Er schrieb: Lieber Cousin Mote Altszul, Wie Du von Kolo" " Dabie und anderen Orten weißt, sind Juden nach Chelmno in ein " " Schloß verschickt worden. Zwei Wochen sind bereits vergangen, " " und es ist nicht bekannt, wie viele Tausende zugrunde " " gegangen sind. Sie sind weg, und Du sollst wissen, daß sie " " keine Adresse mehr haben. Man hat sie in den Wald gebracht " " und begraben. Also wende Dich an alle Juden, daß sie sollen " " beten für das jüdische Volk, und möge es Gott gefallen zu " " sprechen ein Wort: Bis hierher und nicht weiter. Achte diese " " Sache nicht gering, sie haben beschlossen, uns auszulöschen, " " umzubringen, zu vernichten. "
Ein paar jüdische Totengräber wußten genauer, was in Chelmno vorging. Sie schrieben später ihre Erlebnisse in einem sechsseitigen Bericht auf:
Man hatte die Juden in ein Schloß bei Chelmno gebracht und sie freundlich behandelt. In Gruppen führte man sie in einen großen, gut geheizten Raum und dann in einen unterirdischen Gang, an dessen Ende sich eine rampenartige Konstruktion befand.
Ein älterer Deutscher sagte ihnen, der gesamte Transport gehe in ein neues Getto; die Männer würden in Fabriken S.125 arbeiten, die Frauen im Haushalt, die Kinder würden in die Schule geschickt. Vor Beginn der Fahrt müßten sie sich und ihre Kleider desinfizieren lassen. Man sagte ihnen, sie sollten die Kleider ablegen und ihre Papiere und Wertsachen abgeben.
Sie stiegen dann auf große, graue Lastwagen, die hermetisch verschlossen wurden; während der Fahrt strömte durch einen Schlauch Auspuffgas in den Laderaum. Die Fahrer überzeugten sich dann, daß die ganze "Ladung" tot war, und kippten sie im Lubrodzer Forst in eine Grube, die zuvor von Totengräbern unter Bewachung von 30 Polizisten ausgehoben worden war.
Die Totengräber versuchten, die Außenwelt zu alarmieren und sie darüber aufzuklären, was sich in Chelmno abspielte; aus den Lastwagen, die sie zur Arbeit fuhren, warfen sie Briefe. Schließlich gelang es drei Totengräbern zu fliehen; sie meldeten sich bei Jacob Schulman, dem Rabbi von Grabow, den sie von früher her kannten.
Erregt schrieb der Rabbi am 19. Januar 1942 an einen in Lodz "ebenden Schwager: Jetzt wissen wir alles. Ein Augenzeuge, der re"n " zufällig überlebte und es fertigbrachte, der Hölle zu " " entkommen, hat mich besucht. Alles habe ich von ihm " " herausgefunden. Der Ort, wo alle zugrunde gehen, heißt " " Chelmno. Die Menschen werden auf zweierlei Art umgebracht: " " von Erschießungskommandos oder mit Giftgas. So ist es " " geschehen in den Orten Dabie, Isbica, Kujawska, Klodawa und " " anderen. Denke nicht, daß ich verrückt bin. Wehe, es ist die " " tragische, grausame Wahrheit. Reißt Euch die Gewänder vom " " Leib, streut Asche auf Eure Häupter, lauft durch die Straßen " " und tanzt den Tanz des Wahnsinns. "
Der Rabbi gab den geflohenen Totengräbern den Rat, sich nach Warschau zu wenden, wo es Leute gebe, die sich für die Chelmno-Nachrichten interessieren würden. Im Februar kamen die drei Flüchtlinge in der alten Hauptstadt Polens an.
Daß ihre Geschichte schließlich der jüdischen Öffentlichkeit in Polen und im Ausland bekannt wurde, verdankten sie einer kleinen Gruppe im Warschauer Getto, die ein geheimes Dokumentencenter und einen Nachrichtendienst unter dem Namen "Oneg Shabbat" unterhielt. Mitglieder dieses Kreises vernahmen die Totengräber und gaben deren Informationen an die illegale jüdische Presse und den polnischen Untergrund weiter.
Die treibende Kraft hinter der Oneg Shabbat war Emanuel Ringelblum, ehedem führendes Mitglied der linksmarxistisch-zionistischen Partei "Poale Zion". Er hatte an Warschauer Mittelschulen Geschichte unterrichtet und ab 1938 in einer Hilfsorganisation für Flüchtlinge aus Nazi-Deutschland mitgewirkt.
Seit dieser Zeit war er einer der führenden Männer der Bewegung für Selbsthilfe und gegenseitige Unterstützung. Mit einer Gruppe junger Leute richtete er nach der Besetzung Polens durch die Deutschen ein Archiv über die Lage der Juden in Warschau und deren Liquidierung ein. Informationen wurden auch von Flüchtlingen aus kleineren Gemeinden Polens eingeholt.
Die wöchentlichen Informationsblätter wurden an die Herausgeber jüdischer und polnischer Untergrundzeitungen verteilt, um die öffentliche Meinung über das Ausmaß der Tötungen aufzuklären. Sie sollten auch dem Ausland "als Nachrichtenquellen über die Abscheulichkeiten dienen, die der jüdischen Bevölkerung angetan wurden" -- so der US-Publizist Joseph Kermish.
Ringelblum hatte nicht nur von den Totengräbern Nachrichten über Chelmno bekommen; auch auf dem Postweg gingen ihm Informationen zu. Im Archiv des Jüdischen Historischen Instituts in Warschau werden noch heute fünf Briefe und Postkarten aufbewahrt, durch die Juden aus der Gegend von Chelmno ihre Freunde und Verwandten alarmierten.
Andere Briefe berichteten über Massaker, Deportierungen und Vergasungen in ganz Polen. Die Post im deutschbesetzten Polen funktionierte. Warnungen kamen von überallher; vielleicht glaubten die Nazis, schriftliche Hilferufe von einem Ort zum anderen fielen nicht mehr ins Gewicht, waren die Juden doch ohnehin zum Tode verurteilt.
Die Existenz dieser Briefe beweist jedenfalls, daß viele polnische Juden frühzeitig über die Endlösung Bescheid wußten. Warum aber sträubten sie sich, den Warnungen zu glauben?
Vielleicht dachten sie wie eine Frau aus Kruschniewiza, die eine Woche vor der Deportation nach Chelmno am 24. Januar 1942 ihrem Mann schrieb: "Ein großes Unheil kommt auf uns zu. Wir wissen schon, was mit uns geschieht. Besser, wenn man nichts wüßte, wenn es plötzlich über einen hereinbräche."
Aus der gleichen Haltung scheinen zwei Artikel in der Untergrundzeitung "Der Vecker" entstanden zu sein. Sie brachte als erste die Nachricht über Chelmno, griff jedoch in der folgenden Nummer die "Alarmisten und Panikmacher" an, die von demnächst bevorstehenden Deportationen aus Warschau sprächen. Solche Gerüchte seien "verbrecherisch und unverantwortlich".
Ringelblum machte sich kaum Illusionen. In seinem Tagebuch, einem der wichtigsten Dokumente der letzten Tage des polnischen Judentums, schrieb er alles auf, was er über Chelmno erfuhr. Er wußte im April auch über S.128 Belzec und im Mai über Sobibor Bescheid, die zwei anderen Vernichtungslager, die gerade zu "arbeiten" angefangen hatten.
Ringelblums Tagebuch spiegelt freilich auch seine furchtbaren Enttäuschungen wider. Als April und Mai vergangen waren, gab es immer noch kein Anzeichen dafür, daß die Informationen, die er der polnischen Exilregierung und durch sie der westlichen Welt über die erste Todesfabrik und die Morde weitergegeben hatte, wirklich ihre Adressaten erreicht hatten.
Endlich, am 26. Juni 1942, konnte Ringelblum sicher sein, daß seine Botschaften nach London gelangt waren. Er schrieb ins Tagebuch, daß die BBC am Morgen in einer Sendung "Slonim und Wilna, Lemberg und Chelmno, die wir gut kannten", erwähnt habe.
Er hatte viele Monate gewartet und sich gefragt, ob die Welt taub und stumm sei. Eine Zeitlang verdächtigte Ringelblum den polnischen Widerstand, er wolle die Tragödie der Juden verschweigen, um nicht von der eigenen abzulenken. Ringelblum notierte nun mit Genugtuung, daß die BBC-Meldung neben einzelnen Grausamkeiten zum erstenmal auch die Zahl der jüdischen Opfer erwähnt hatte.
Damit habe, meinte Ringelblum, die Oneg Shabbat eine große historische Mission erfüllt, ja vielleicht sogar Hunderttausenden von Juden das Leben gerettet. So würden die Opfer nicht umsonst gestorben sein, denn der teuflische Plan, den die Nazis hatten geheimhalten wollen, sei nun bekannt: die Vernichtung der polnischen Juden. Wenn Großbritannien angemessene Gegenmaßnahmen ergreife, ließen sich die restlichen Juden Polens vielleicht noch retten.
Ringelblums Optimismus erwies sich als ein tragischer Irrtum. Immerhin waren er und seine Gruppe die ersten, die dem Westen enthüllten, daß Osteuropas Judentum nicht mehr nur von Pogromen bedroht wurde, sondern ein neuer Akt begonnen hatte: die Ausrottung.
Es war nicht die Schuld der Oneg-Shabbat-Leute, daß keine Gegenmaßnahmen ergriffen wurden -- von den Briten oder von anderen. "m 30. Juni schrieb Ringelblum in sein Tagebuch: In den letzten " " Tagen hat die jüdische Bevölkerung unter dem Zeichen von " " London gelebt. Lange Monate haben wir uns mit der Frage " " gequält: Weiß die Welt von unseren Leiden? Und wenn, warum " " schweigt sie? Erst jetzt sehen wir den Grund dafür: London " " wußte von nichts. "
Tatsächlich machte es einige Schwierigkeiten, Meldungen aus dem deutschbesetzten Polen hinauszubringen. Meist ging das nur über die Verbindungen des polnischen Widerstandes.
Bald nach der Niederlage Polens hatte sich eine polnische Exilregierung konstituiert, die von den Regierungen der Alliierten anerkannt wurde. In Polen unterhielt sie einen Repräsentanten, den "Delegaten", der ständig mit London in Verbindung stand, wohin die Exilregierung nach dem Fall Frankreichs gezogen war.
Unabhängig davon war in Polen eine bewaffnete Widerstandsorganisation entstanden, die sich ab 1942 "Armia Krajowa" (Heimatarmee) nannte. Als militärische Organisation war die Heimatarmee zwar nicht beeindruckend, aber sie besaß in Polen ein weitgespanntes Netz von Sympathisanten und Informanten, was in unserem Zusammenhang von Wichtigkeit ist.
Die polnische Exilregierung hielt Kontakt zu Polen hauptsächlich über Agenten und Kuriere der "Special Operations Executive" (SOE), einer Sabotageorganisation des britischen Geheimdienstes. Das Polen-Referat der SOE lieferte in Zusammenarbeit mit dem Sechsten Büro des polnischen Generalstabs Waffen und Geräte nach Polen und holte Menschen aus Polen, oder brachte sie dorthin. Seit dem 15. Februar 1941 sprangen Fallschirmagenten über Polen ab, was ab Sommer 1942 zur Routine wurde.
Kuriere aus Polen hingegen hatten lange, beschwerliche Wege nach London S.130 zu bewältigen. Manche nahmen die Route über Schweden, andere fuhren quer durch Westeuropa. Mit ihren Berichten waren sie wochen-, manchmal monatelang unterwegs.
Kurze Botschaften konnten täglich nach London gefunkt werden, längere wurden außerhalb Warschaus gesendet, wo die Gefahr weniger groß war, von der deutschen Funkabwehr aufgespürt zu werden. Verzögerungen der Übermittlung waren nicht zu vermeiden.
Bis zum Juli 1942 bestand noch eine andere Verbindung von Warschau zur Außenwelt, die wichtiger war als die der SOE; die Polen hatten sie mit Hilfe von Sympathisanten aus der schwedischen Kolonie Warschaus eingerichtet. Die "Warschau-Schweden" brachten ausführliche Mitteilungen der Heimatarmee und des Delegaten nach draußen.
Carl Wilhelm Herslow und Sven Norrman, die zwei führenden Männer unter den Schweden, hatten viele jüdische Bekannte, denen sie zu helfen versuchten. 1942 drang Norrman bei einer sich zufällig bietenden Gelegenheit in das Warschauer Getto ein und machte Filmaufnahmen, bis ihm die Gettopolizei Einhalt gebot. Die Filme wurden an Mieczyslaw Thugutt (Deckname: "Anna") weitergeleitet, der damals die Stockholmer Residentur des polnischen Geheimdienstes leitete.
Herslow, ehemaliger Berufsoffizier und Militärattache in Moskau und Berlin, war Direktor des polnischen Zündholzmonopols, das zum schwedischen Ivar-Kreuger-Konzern gehörte, während Norrman die ASEA, eine elektrotechnische Gesellschaft, leitete. Beide hatten viele Jahre in Polen gelebt und identifizierten sich mit der polnischen Sache, für die sie energisch und unter großen Risiken arbeiteten.
Die von der polnischen Exilregierung veröffentlichten Berichte über die Lage im Generalgouvernement stützten sich hauptsächlich auf die Unterlagen der Schweden. Diese Lageberichte waren im ersten Halbjahr 1942 die wichtigsten Quellen, die über das Schicksal der polnischen und osteuropäischen Juden Auskunft gaben.
Die Schweden sammelten in Warschau das Material, meist Kleinbildfilme, und brachten es -- am eigenen Körper versteckt -- nach Stockholm oder übermittelten es durch die Schwedische Handelskammer. Thugutt und seine Mitarbeiter übergaben es dem britischen Geheimdienst; das Material gelangte dann nach London mit der wöchentlichen Royal-Air-Force-Maschine, die auch die Tages- und Wochenberichte der Britischen Botschaft in Stockholm beförderte.
So kann der Weg mancher Berichte aus Polen fast von Tag zu Tag verfolgt werden. Ein Brief der jüdischen Arbeiterpartei "Bund", in dem stand, daß bereits 700 000 Juden von den Deutschen ermordet worden seien, wurde in der ersten Hälfte des Mai 1942 geschrieben.
Sven Norrman übernahm den Brief in Warschau am 21. Mai, in London traf das Schreiben schon nach zehn Tagen ein -- ein Beispiel ausnehmend schneller Beförderung. Der Chelmno-Bericht erreichte London offenbar auf dem gleichen Weg, war aber viel länger unterwegs.
Es war Norrmans letzte Reise. Er wurde gewarnt, nicht nach Polen zurückzukehren. Die Gestapo verhaftete seine Kollegen ab Ende Juli 1942. Vier Schweden wurden zum Tod verurteilt, andere zu langen Gefängnisstrafen. Die Todesurteile wurden nicht vollstreckt, die meisten der mit den Schweden inhaftierten Polen aber hingerichtet.
Damit war die wichtigste direkte Verbindung zur Beförderung umfangreicher Unterlagen in den Westen abgeschnitten. Der polnische Widerstand hielt zwar weiterhin Funkkontakt mit London und versuchte, längere Texte über Mittelsleute in der Schweiz und in Istanbul zu schicken, doch die polnischen S.132 Juden hatten keine Verbindungen zu den Alliierten.
Sie konnten auch keine Kuriere entsenden -- anders als der polnische Widerstand. Sie schrieben Briefe und Postkarten in die Schweiz, nach Ungarn und in die Türkei, die oft nicht ankamen. Die Mitteilungen waren auch zu vage, weil die Schreiber das Furchtbare nur andeuten und umschreiben konnten. Von Zeit zu Zeit tauchten auch geheimnisvolle Kuriere aus neutralen Ländern auf, aber man konnte nie sicher sein, ob sie vertrauenswürdig waren.
Der polnische Widerstand hingegen war in einer weitaus besseren Lage; er konnte Nachrichten ins Ausland bringen und selber Informationen sammeln. Die Juden waren in den Gettos eingesperrt, die Polen aber konnten sich unter gewissen Einschränkungen in ihrem Land frei bewegen. Polnische SOE-Funker kamen bis nach Weißrußland und in die Ukraine, sie agierten in Kiew, Minsk, Schitomir, Pinsk und an anderen Orten.
Der polnische Widerstand konnte helfen, aber übermittelte er die Nachrichten über den Judenmord so schnell und vollständig wie möglich? Oder wurden die Nachrichten von den polnischen Stellen in London unterdrückt?
Antwort: Die Polen taten für die Juden, was sie konnten, oft unter großen Risiken und schwierigen Bedingungen. Wenn im Ausland die Nachrichten über die Massenmorde in Polen nicht geglaubt wurden, dann ist das nicht die Schuld der Polen.
Nun meinen allerdings manche polnisch-jüdischen Historiker, die Heimatarmee habe zwar London informiert, für die Unterrichtung der Juden im Inland aber hätte sie mehr tun können. Außerdem wird die Exilregierung beschuldigt, die Bekanntgabe der "Evakuierung" des Warschauer Gettos zwischen Juli und September 1942 verzögert zu haben.
Nach dieser Version machten die Polen die Morde in den östlichen, früher sowjetisch kontrollierten Provinzen bekannt, zeigten sich aber zurückhaltender bei der Nachrichtenübermittlung, als innerhalb Polens der Prozeß der Ausrottung in Gang kam. Hätten sie -- so lautet die Argumentation -bekanntgegeben, daß 400 000 Juden aus dem Warschauer Getto in ein nahe gelegenes Todeslager deportiert wurden, hätte die Welt bestimmt eine Aktion des polnischen Widerstands erwartet.
Daß es in der neueren polnischen Geschichte ein gut Teil Antisemitismus gegeben hat, ist unbestritten. Wahr ist aber auch, daß Juden nach Kriegsausbruch gerade von solchen Polen Hilfe gewährt wurde, die zuvor die erbittertsten Feinde der Juden gewesen waren.
Dies will nicht heißen, daß die Exilregierung und ihre Vertreter in der Heimat liberale Internationalisten gewesen seien, die ihre oberste Pflicht in der Hilfe für die verfolgten Juden sahen. Wenn die Polen weniger Sympathie und Solidarität für die Juden zeigten als etwa viele Dänen und Niederländer, so bewiesen sie doch bei weitem mehr Menschlichkeit als die Rumänen oder Ukrainer, die Litauer oder Letten.
Die Polen erfaßten freilich nicht sogleich, daß es um die Ausrottung aller Juden ging, aber die meisten polnischen Juden waren noch begriffsstutziger. In den Notizen Ringelblums finden sich nur zu oft Klagen darüber, daß der Ernst der Situation von den Juden nicht verstanden worden sei.
Es wäre allerdings für die Juden besser gewesen, sie hätten sich bei ihren Außenkontakten nicht gänzlich auf die Sender der Heimatarmee oder den Delegaten verlassen. Diese Abhängigkeit ist eines der vielen Rätsel jener Zeit.
Es war schwierig, im Getto Waffen herzustellen, aber weitaus einfacher hätten sich Sender bauen lassen. Es gab Dutzende von Juden, wenn nicht Hunderte, die entsprechende Sachkenntnisse hatten. Tausende arbeiteten in Werkstätten oder kleinen Fabriken. Das nötige Material hätte gestohlen oder gekauft, mit ausländischen jüdischen Organisationen ein Kode verabredet werden können.
1942 brauchte es keinen Edison oder Marconi, um einen Sender von 20 oder 30 Watt zu bauen, der im Ausland empfangen werden konnte. Der polnische Widerstand hatte etwa hundert solcher Sender; sie waren verhältnismäßig klein, und so sehr sich die Deutschen auch abmühten, es gelang ihnen nur, einige wenige aufzuspüren.
Den Juden aber fehlte jegliche Initiative dieser Art. So blieb es nachrichtentechnisch bei der fast vollständigen Abhängigkeit der Juden von den Polen.
Anfänglich hatten die Juden im Getto sogar große Schwierigkeiten, sich mit dem polnischen Widerstand in Verbindung zu setzen. Es gab sporadische Kontakte zwischen der zionistisch-sozialistischen Jugendbewegung und der Führung der polnischen Pfadfinder.
Einer von ihnen, "Hubert" (Kaminski), war Herausgeber des Informationsblattes S.134 der Heimatarmee ("Biuletyn Informacyjny"), und Ringelblums erste Nachricht vom Massenmord durch Vergasung gelangte vermutlich über diesen Kanal in den Westen.
Wichtiger waren die Beziehungen zwischen dem sozialistisch-antizionistischen "Bund", repräsentiert durch Leon Feiner, und der Polnischen Sozialistischen Partei. Feiner schickte über Funk und Kuriere der Heimatarmee Nachrichten an "Artur", den Londoner Bund-Vertreter Shmuel Zygielbojm, der nach seiner Flucht aus Polen im April 1942 nach London gekommen und zum sprachmächtigsten polnischjüdischen Sprecher im Ausland aufgestiegen war.
Feiner war Anwalt; er hatte bei einigen politischen Prozessen großen Mut bewiesen und war auch einmal verhaftet worden. "Er lebte", so beschreibt ihn der Heimatarmee-Kurier Jan Karski, "außerhalb des Gettos, konnte es aber auf geheimen Wegen betreten und verlassen, wie es ihm beliebte. Im Getto glich er im Aussehen den anderen Bewohnern, außerhalb von Mauer und Stacheldraht aber gelang es ihm, seine Erscheinung so vollkommen zu verändern, daß er bei schärfsten Kontrollen unentdeckt blieb."
Irgendwann zwischen November 1941 und Februar 1942 wurde im Informationsbüro der Heimatarmee ein "Unterausschuß für jüdische Angelegenheiten" eingerichtet, doch der Kontakt zu den Juden war immer noch spärlich. Eine regelmäßige Verbindung zwischen den Juden und London kam erst im folgenden Winter zustande, nachdem die meisten Warschauer Juden zugrunde gegangen waren.
1941 gab die Heimatarmee nur einige Lageberichte über die Verhältnisse der Juden weiter; gegen Ende des Jahres wurde dies anders, als in Warschau die Massaker im Osten Polens bekannt wurden. Nach der Meinung eines polnischen Publizisten bewegte sich der Informationsstrom allerdings langsam, und die alarmierenden Nachrichten aus Lwow, Wilna, Bialystok und Wolhynien erreichten Warschau erst Anfang 1942.
Eine Durchsicht der Akten zeigt aber, daß die antijüdischen Massaker in Litauen und in der Ukraine bereits im November 1941 bekannt waren. Ein Artikel im "Barykada Wolnosci", dem illegalen Organ einer kleinen sozialistischen Gruppe, stellte damals fest, daß in Wilna nur noch 3000 Juden am Leben seien und auch anderswo Massaker großen Umfangs stattgefunden hätten.
Ähnliche Nachrichten enthielten die Bulletins der Heimatarmee. Danach existierte das Getto in Kowno nicht S.135 mehr, waren in Minsk und Motel alle Juden getötet worden, ebenso in Polesien, Wolhynien und Pinsk.
Ein Bericht der Heimatarmee vom Oktober 1941 gab "schreckliche und abstoßende Nachrichten" aus Litauen und dem Bezirk Wilna wieder, wo die litauische Polizei mit aktiver Hilfe von Schülern und Studenten 170 000 Juden umgebracht habe.
Kurz, Informationen über die Taten der SS-Einsatzgruppen hatten Warschau längst vor Ende 1941 erreicht. Ein Bericht, der die Tage vom 16. bis 28. Februar 1942 beschreibt, registrierte Massaker von unerhörtem Ausmaß in Ostpolen, Litauen und in der Ukraine. Ein paar Beispiele:
Molodeczno: Im November 1941 erschoß die litauische Polizei alle Juden mit Ausnahme eines Arztes. Nowa-Wilejka: Alle Juden im November getötet. Stanislawow: Die Juden von Deutschen mit Hilfe der Ukrainer getötet. Kosow: Mehrere tausend Juden von der Gestapo und einem ukrainischen Bataillon getötet. Außerdem: Massentötungen von Juden in Staro-Konstantinow und Schitomir (17 000 Opfer), in Kiew 70 000.
Die schlimmsten Nachrichten stammten also zunächst aus den Gebieten im Osten, die nach dem Beginn des Rußlandkrieges von den Deutschen besetzt worden waren. Im Januar 1942 gelangten dann die ersten Informationen über die Vergasungswagen von Chelmno nach Warschau. Ende März und im April folgten Nachrichten über die "Deportationen" aus Lublin, die sofortige Tötung von 2000 Juden und den Transport von 26 000 Juden in geschlossenen Waggons nach dem Vernichtungslager Belzec.
Schon vorher hatte der "Bund" in einem langen Brief nach London das Warschauer Getto als "ein großes Konzentrationslager" beschrieben, in dem die Juden von der Welt und dem restlichen Polen abgeschnitten seien; sie stürben vielerlei schreckliche Tode, Tausende würden abtransportiert, ohne Spuren zu hinterlassen, andere vergast.
London ersuchte seinen Vertreter in Polen um Bestätigung der Gerüchte, die von Massenmorden in den östlichen Landesteilen sprachen. Die Antwort gab am 8. April 1942 der Delegat: Er bestätigte die Ermordung Tausender von Juden in Galizien, im Gebiet Wilna, in Weißrußland und Lublin; in Wilna allein, meldete er, seien 60 000 umgekommen.
Die Berichte aus Warschau lösten in polnischen Exilkreisen hektische Aktivität aus. General Wladyslaw Sikorski, der Chef der Londoner Exilregierung, benachrichtigte am 10. Juni 1942 die Regierungen der Alliierten in einem Telegramm: "Die Ausrottung der jüdischen Bevölkerung geht in einem unglaublichen Ausmaß vor sich."
Der Polnische Nationalrat, das Exilparlament, richtete einen Hilfsappell an die Parlamente der freien Welt, und am 9. Juni erklärte Sikorski in einer Sendung der BBC: "Die jüdische Bevölkerung Polens ist zur Auslöschung verdammt, getreu der Maxime: ''Schlachtet alle Juden ab, egal wie der Krieg ausgeht.'' Dieses Jahr haben regelrechte Massaker Zehntausender von Juden in Lublin, Wilna, Lwow, Stanislawow, Rzeszow und Miechow stattgefunden."
Wie aber reagierte die freie Welt? Zuerst nahmen die Zeitungen wenig Notiz davon. Schließlich kamen Nachrichten über Judenverfolgungen aus vielen Teilen Europas, und wahrscheinlich waren sie übertrieben. Daß die Juden nicht verfolgt, sondern vernichtet S.137 wurden, hatte sich noch nicht herumgesprochen.
Da erschien der Londoner "Daily Telegraph" am 25. und 30. Juni 1942 mit zwei Artikeln, die einen Wendepunkt markierten. Die Redakteure des Blattes hatten begriffen, daß die Nachrichten aus Osteuropa ein finsteres Bild ergaben: Die Greueltaten der Nazis waren keine Pogrome mehr im herkömmlichen Sinn.
Der erste Artikel begann so: "Mehr als 700 000 polnische Juden sind in den größten Massakern der Weltgeschichte abgeschlachtet worden." Das Blatt gab dann einen Überblick über die Massenausrottungen in Ostgalizien und Litauen, beschrieb die Verwendung von Gaswagen im Lager Chelmno.
Der zweite Artikel des "Daily Telegraph" trug die Überschrift: "Mehr als eine Million Juden in Europa getötet." Er kam zu der Erkenntnis, die bisher noch nicht so deutlich ausgesprochen worden war: daß es das Ziel der Nazis sei, "die jüdische Rasse vom europäischen Kontinent wegzuradieren". Die Austilgung der Juden, so schrieb das Blatt, solle sich auch auf den Westen erstrecken; in Frankreich, den Niederlanden und in Belgien habe es viele Erschießungen gegeben, Massendeportationen nach Osteuropa fänden zur Zeit statt.
Die Berichte des Blattes, zu denen der Londoner "Bund"-Vertreter Zygielbojm Material beigesteuert hatte, erregten einige Aufmerksamkeit. Die "New York Times" übernahm die Artikel des "Daily Telegraph", veröffentlichte sie allerdings nur im Innern des Blattes.
Die Redakteure wußten offenbar nicht recht, was sie davon halten sollten. Wenn es stimmte, daß eine Million Menschen umgebracht worden waren, gehörte die Nachricht auf die erste Seite; wenn aber nicht, hätte man die Berichte überhaupt nicht bringen dürfen. So kamen sie auf den Kompromiß, den Text an möglichst unauffälliger Stelle zu placieren, womit sie einen gewissen Vorbehalt ausdrückten.
Diese Haltung war nicht auf die Presse Amerikas beschränkt. Selbst der "Manchester Guardian", der viel Sympathie für die Juden gezeigt hatte, schrieb am 31. August in einem Leitartikel: "Die Deportation von Juden nach Polen bedeutet, daß jüdische Muskelkraft für die deutschen Kriegsanstrengungen benötigt wird." Mit anderen Worten: Es gehe eher um Sklavenarbeit denn um Mord.
Nicht nur der "Guardian" verhielt sich so. US-Präsident Franklin Delano Roosevelt sagte genau das gleiche. Die Unfähigkeit, das Ungeheuerliche zu begreifen, war auch keineswegs auf Zeitungen in Großbritannien oder den Vereinigten Staaten beschränkt.
Hebräische Blätter in Palästina waren genau so unglücklich über die "nicht bewiesenen und übertriebenen Gerüchte" und rügten, daß sich Nachrichtenagenturen und Korrespondenten in der Übermittlung von Greuelgeschichten und schauerlichen Einzelheiten überböten.
Am 29. Juni wurde auf einer vom Jüdischen Weltkongreß in London einberufenen Pressekonferenz über die Ermordung von Juden in Wilna, Pinsk, Bialystok, Slonim, Rowno, Lwow, Stanislawow und Lomza berichtet. Anderntags stand darüber etwas in den britischen Zeitungen, doch die meisten Berichte waren ziemlich kurz und brachten kaum Einzelheiten.
Wenige Leser hatten je von Lomza oder Stanislawow gehört, und obwohl es nun doch den Anschein hatte, daß etwas Schlimmes in Osteuropa geschah, blieben immer noch Zweifel über Umfang und wahre Bedeutung dieser tragischen Vorkommnisse.
Daran änderte auch die Protestversammlung am 2. September in der Londoner Caxton Hall nichts, auf der Zygielbojm in einer leidenschaftlichen Rede wiederholte, es seien Verbrechen begangen worden, die in der Geschichte der Menschheit ohne Beispiel seien: "In Polen wird kaltblütig ein ganzes Volk ausgerottet."
Zygielbojm machte auf viele der Anwesenden den Eindruck eines überreizten und erschöpften Mannes; als er die Rede hielt, betrug die Zahl der getöteten Juden bereits mindestens eineinhalb Millionen.
Wie hoch auch die Zahl sein mochte -- es blieb kein Zweifel mehr: In Deutschland mußte auf höchster Ebene die Entscheidung gefallen sein, alle Juden umzubringen. Wann sie getroffen worden war, konnte freilich keine Information aus Warschau oder aus Riga erhellen. Sie mußte woanders herkommen.
Tatsächlich hatte Dr. Gerhart Riegner, Vertreter des Jüdischen Weltkongresses in der Schweiz, im Juli 1942 von einem deutschen Industriellen die erste Nachricht erhalten, daß Hitler die Vernichtung des europäischen Judentums durch Vergasung angeordnet habe. S.138 "iegner sandte das folgende Kabel nach London und Washington: " " Erhielt alarmierenden Bericht, daß im Führerhauptquartier " " Plan diskutiert und erwogen wird, wonach in den von " " Deutschland besetzten und kontrollierten Ländern alle Juden, " " etwa dreieinhalb bis vier Millionen, nach Deportation und " " Konzentration im Osten mit einem Schlag ausgerottet werden " " sollen und damit die jüdische Frage in Europa ein für allemal " " gelöst wird. Stop. Zu erwogenen Methoden gehört Blausäure. " " Stop. Wir geben Information mit Vorbehalt weiter, da " " Richtigkeit nicht bestätigt werden kann. Stop. Informant " " behauptet, enge Verbindung zu höchsten deutschen Stellen zu " " haben. Seine Berichte allgemein zuverlässig. "
Manches davon war bereits bekannt, anderes ungenau: Der Plan wurde nicht mehr "erwogen", sondern war mehrere Monate zuvor beschlossen worden. Auch bestand nicht die Absicht, die Juden "mit einem Schlag" zu töten, was unüberwindliche technische Schwierigkeiten ergeben hätte. Es stimmte natürlich, daß Hitler eine Entscheidung gefällt hatte; nun wußte man endlich aus deutscher Quelle, daß es nicht um breit angelegte Pogrome ging, sondern um die "Endlösung".
Wer war der geheimnisvolle Informant? Er kam im Juli 1942 in die Schweiz; es war nicht seine erste Schweiz-Reise im Krieg. Über einen gemeinsamen Freund hatte er mit Dr. Benjamin Sagalowitz, dem Pressechef der Schweizer Jüdischen Gemeinde, Kontakt gehabt.
Der Industrielle, dem eine Fabrik mit einer Belegschaft von rund 30 000 Mitarbeitern gehörte, war ein leidenschaftlicher Feind des NS-Regimes. Aus Gewissensgründen wollte er die Welt warnen, damit etwas unternommen werden könne, Hitlers Pläne beizeiten zu durchkreuzen.
Der Mann bat den gemeinsamen Freund, die Nachricht über die Hitler-Entscheidung an Sagalowitz weiterzugeben, der aber zu dieser Zeit nicht in Zürich war. Nach seiner Rückkehr übermittelte er Riegner die Information, weil er annahm, Riegner könne Rabbi Stephen Wise in New York und Präsident Roosevelt erreichen.
Leland Harrison, der US-Gesandte in Bern, bestand darauf, zu erfahren, wer der Informant sei, und da es keinen anderen schnellen und sicheren Kanal für die Übermittlung in die USA gab, überreichte Sagalowitz dem Diplomaten einen verschlossenen Umschlag mit dem Namen des Industriellen.
Sagalowitz erinnert sich: "Dr. Riegner hat den Namen von mir nicht erfahren. Ich brachte die beiden Herren erst im Februar 1945 zusammen. Um mein Gewissen zu entlasten, erzählte ich dem Industriellen nach dem Krieg, daß ich seinen Namen dem amerikanischen Gesandten genannt hätte; er zeigte Verständnis."
Warum mag der Industrielle auch noch nach dem Kriegsende auf Anonymität bestanden haben? Es gibt zwei mögliche Erklärungen.
Er könnte ein Schweizer Diplomat oder ein Angehöriger des Internationalen Roten Kreuzes oder des Weltkirchenrats gewesen sein. Das ist aber aus einer Reihe von Gründen unwahrscheinlich.
Die zweite Möglichkeit hat mehr für sich: Als Riegner 1942 Gewißheit haben wollte, ob seinem Informanten zu trauen sei, gab man ihm durch Sagalowitz zu verstehen, daß der Industrielle schon früher Informationen über Vorgänge im deutschen Oberkommando des Heeres geliefert und das Datum für das Unternehmen "Barbarossa", den Einmarsch von Hitlers Armeen in die Sowjet-Union, genannt habe.
Das Foreign Office erhielt das Telegramm Riegners am 10. August 1942. Vier Tage später schrieb Frank Roberts von der Zentralabteilung, die Nachricht könne nicht länger zurückgehalten werden; er befürchte aber peinliche Konsequenzen, und eine Bestätigung habe man ohnehin nicht.
Das Foreign Office gab den Text dem Labour-Abgeordneten Sidney Silverman, der dann im Amt empfangen wurde. Er wollte mit Rabbi Wise in New York telephonieren, doch man bedeutete ihm, daß dies nicht in Frage komme, weil die Deutschen alle Gespräche mithörten. Er möge auch bedenken, daß jede von jüdischen Stellen unternommene Aktion "die Deutschen verärgern und sich ungünstig auswirken würde".
Nach Meinung des Foreign Office behandelten die Deutschen die Juden grausam, ließen sie verhungern und massakrierten alle, die bei dem zunehmenden Mangel an Arbeitskräften unbrauchbar seien. Aber svstematische Ausrottung, Völkermord?
Die polnischen Berichte über die weitergehenden Pläne der Deutschen wurden offenbar nicht geglaubt. Man habe, entschied das britische Außenministerium, nichts dagegen, wenn der Jüdische Weltkongreß die Riegner-Story veröffentlichen wolle, obwohl die Möglichkeit bestehe, daß dann die Juden noch mehr gequält würden.
Kurz, das Foreign Office war nicht sehr hilfreich, gab aber das Telegramm weiter. Nicht so das State Department.
Howard Elting, US-Vizekonsul in Genf, verlangte, daß Riegners Text an Rabbi Wise weitergegeben werde, doch die Europa-Abteilung des State Department widersetzte sich. Der stellvertretende Abteilungsleiter Paul Culbertson sträubte sich, das Kabel an den Rabbi weiterzugeben, und so legte es sein Mitarbeiter Elbridge Durbrow schließlich zu den Akten -- unter der Rubik "Phantasien".
Im nächsten Heft
Polens Exilregierung verschweigt die Meldungen über die Evakuierung des Warschauer Gettos - Stimme aus Warschau: "Haben die in London den Verstand verloren?"
S.124
Lieber Cousin Mote Altszul, Wie Du von Kolo, Dabie und anderen Orten
weißt, sind Juden nach Chelmno in ein Schloß verschickt worden. Zwei
Wochen sind bereits vergangen, und es ist nicht bekannt, wie viele
Tausende zugrunde gegangen sind. Sie sind weg, und Du sollst wissen,
daß sie keine Adresse mehr haben. Man hat sie in den Wald gebracht
und begraben. Also wende Dich an alle Juden, daß sie sollen beten
für das jüdische Volk, und möge es Gott gefallen zu sprechen ein
Wort: Bis hierher und nicht weiter. Achte diese Sache nicht gering,
sie haben beschlossen, uns auszulöschen, umzubringen, zu
vernichten.
*
S.125
Jetzt wissen wir alles. Ein Augenzeuge, der rein zufällig überlebte
und es fertigbrachte, der Hölle zu entkommen, hat mich besucht.
Alles habe ich von ihm herausgefunden. Der Ort, wo alle zugrunde
gehen, heißt Chelmno. Die Menschen werden auf zweierlei Art
umgebracht: von Erschießungskommandos oder mit Giftgas. So ist es
geschehen in den Orten Dabie, Isbica, Kujawska, Klodawa und anderen.
Denke nicht, daß ich verrückt bin. Wehe, es ist die tragische,
grausame Wahrheit. Reißt Euch die Gewänder vom Leib, streut Asche
auf Eure Häupter, lauft durch die Straßen und tanzt den Tanz des
Wahnsinns.
*
S.128
In den letzten Tagen hat die jüdische Bevölkerung unter dem Zeichen
von London gelebt. Lange Monate haben wir uns mit der Frage gequält:
Weiß die Welt von unseren Leiden? Und wenn, warum schweigt sie? Erst
jetzt sehen wir den Grund dafür: London wußte von nichts.
*
S.138
Erhielt alarmierenden Bericht, daß im Führerhauptquartier Plan
diskutiert und erwogen wird, wonach in den von Deutschland besetzten
und kontrollierten Ländern alle Juden, etwa dreieinhalb bis vier
Millionen, nach Deportation und Konzentration im Osten mit einem
Schlag ausgerottet werden sollen und damit die jüdische Frage in
Europa ein für allemal gelöst wird. Stop. Zu erwogenen Methoden
gehört Blausäure. Stop. Wir geben Information mit Vorbehalt weiter,
da Richtigkeit nicht bestätigt werden kann. Stop. Informant
behauptet, enge Verbindung zu höchsten deutschen Stellen zu haben.
Seine Berichte allgemein zuverlässig.
*
S.124 Photographiert von einem SS-Mann, 1942. * S.137 Mit Churchill und de Gaulle. *

DER SPIEGEL 35/1981
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