19.10.1981

Nicht am Ball

Nach zwei Niederlagen gegen Polen kann die Fußballauswahl der DDR wieder nicht an der Weltmeisterschaft teilnehmen. Drei Nationalspieler waren zuvor verhaftet worden.
DDR-Trainer Georg Buschner mißtraute eher dem Dritten in der Runde für die Qualifikation zur Fußballweltmeisterschaft 1982 in Spanien: Malta. "Ich hoffe, daß es da korrekt zugeht", erklärte er vor dem entscheidenden Spiel gegen Polen in Leipzig.
Buschners Sorge schien berechtigt zu sein. In Chorzow hatte Polen die DDR mit 1:0 besiegt. Einen Heimsieg für die DDR im Rückspiel vorausgesetzt, kam es dann darauf an, wie hoch Deutsche und Polen ihr jeweiliges Spiel gegen Malta gewinnen würden. Denn bei Punktegleichstand entscheidet das bessere Torverhältnis über den Gruppensieg. Daß seine Mannschaft zuvor gegen Polen verlieren könnte, verdrängte Buschner. "Die Stimmung ist sehr gut", verriet er.
Sieben Minuten früher als die Polen erschienen die DDR-Spieler zum Aufwärmetraining auf dem Platz. "Ich habe mich noch nie so lange warm gemacht", versicherte der Leipziger Matthias Liebers im Zentral-Stadion.
Mehr als 80 000 ausgewählte DDR-Fußballfreunde und 3000 polnische Fans, denen die Veranstalter nur widerwillig Eintrittskarten und Einreisevisa ausgehändigt hatten, warteten auf den "Knüller von Leipzig" ("Deutsches Sportecho", Ost-Berlin).
Schon nach fünf Minuten führten die Polen 2:0. DDR-Spieler Frank Baum berichtete: "Zwei Fehlpässe, das ging puff-puff." Die Polen setzten gegen die überalterte DDR-Abwehr den flinken Wlodzimierz Smolarek als Sturmspitze ein. Er läuft die 100 Meter in elf Sekunden. Nur geübte Sprinter spurten schneller.
Smolarek erzielte zwei der polnischen Treffer beim 3:2-Sieg in Leipzig. Buschner: "Enttäuschendstes Erlebnis meiner Laufbahn." Es wird wohl auch das Ende der Trainer-Karriere des Historikers aus Jena sein.
Siebenmal hatte die DDR seit 1958 versucht, sich für die Endrunden um die Fußball-Weltmeisterschaft zu qualifizieren. Nur 1974, in der Bundesrepublik, waren ihre Kicker dabei.
In Hamburg besiegten die DDR-Außenseiter sogar als einzige die Equipe der Bundesrepublik durch einen Treffer des Magdeburgers Jürgen Sparwasser 1:0. Dennoch erkämpften die Bundesdeutschen ihre zweite Weltmeisterschaft. Diesmal gegen Polen reichten zwei DDR-Tore nicht, um das ersehnte Weltniveau auch im Volkssport Fußball neuerdings zu erreichen. In den wichtigsten anderen Sportarten gehört die DDR längst zur Weltspitze.
Doch diesmal, so glauben viele Fußballfans in der DDR, mißlang die Qualifikation weniger aus fußballtypischen Problemen, sondern weil der Staatssicherheitsdienst der Honecker-Republik Buschners Fußballkader zuvor um drei Spieler verkleinert hatte. Der Stasi zog Matthias Müller, 27, Träger des Vaterländischen Verdienstordens in Bronze, aus dem Verkehr.
Der Nationalspieler von Dynamo Dresden soll ebenso wie Peter Kotte, 27, gewußt haben, daß Klubkamerad Gerd Weber, 25, anläßlich einer Argentinien-Tournee die Mannschaft und die DDR für immer verlassen wollte.
Noch vor dem Abflug verhafteten ihn Stasi-Häscher auf dem Ost-Berliner Flughafen Schönefeld ebenso wie die Mitspieler Weber und Kotte. Müller und Kotte mußten sich wegen angeblicher Mitwisserschaft rechtfertigen. Alle drei gehörten der Nationalequipe an.
Weber, der 37mal für die DDR gespielt und 1976 in Montreal geholfen hatte, beim Olympia die Goldmedaille im Finale gegen Polen zu gewinnen, wurde zu sieben Jahren und sieben Monaten Haft verurteilt. Er befindet sich im Zuchthaus Bautzen. Müller und Kotte versetzte die Staatsmacht zur Bewährung zu unterklassigen Mannschaften nach Meißen und Neustadt. Außerdem leisten beide "Ehrendienst" in der Nationalen Volksarmee.
Zur gleichen Zeit schied noch ein vierter Nationalspieler aus Buschners WM-Kader aus: Gerd Kische, 29, von Hansa Rostock. Der in Scheidung lebende Verteidiger mit angeblichem Hang zu Alkoholismus und auch sonst lockerem Lebenswandel hatte Vorhaltungen eines Politfunktionärs mit einer Ohrfeige quittiert.
Auch ihn erwähnte ab sofort kein Sportbericht mehr. Eine Woche nach der Verhaftung meldete die in Dresden erscheinende "Sächsische Zeitung", daß Weber "wegen Verletzung des Statuts aus dem Deutschen Turn- und Sportverband der DDR ausgeschlossen" worden sei. Kotte, der von der Spitze der Torjägerliste der DDR-Oberliga ohne Erklärung gestrichen worden war, S.212 und Müller durften nicht mehr für Dynamo Dresden spielen.
Besonders in Dresden hatte es immer wieder Ärger für die Fußballfunktionäre der DDR gegeben. So verließ 1950 bei einem Abstecher nach West-Berlin die gesamte Mannschaft von Friedrichstadt, dem Nachfolger des Dresdner SC, die DDR in Richtung Bundesrepublik. Prominenteste Spieler der Dresdner waren die Nationalkicker Helmut Schön, der später zum Bundestrainer aufrückte, und Hans Kreische.
Nur Kreische kehrte in die DDR zurück; sein Sohn Hans-Jürgen spielte wieder für die Deutsche Demokratische Republik und Dynamo Dresden. Denn die Kreisches und später Gerd Weber besaßen etwas, was den Leistungsträgern der meisten DDR-Mannschaften fehlte: Sie entschieden in Grenzsituationen bei entscheidenden Spielen spontan auf eigenes Risiko und gaben der ganzen Mannschaft Impulse.
Dynamo-Trainer Walter Fritzsch propagierte sogar öffentlich, was Klubfunktionäre wie etwa DDR-Sicherheitschef Erich Mielke, der in Ost-Berlin den BSV Dynamo, den Stasi- und Polizei-Klub befehligte, nur widerstrebend zur Kenntnis nehmen: "Ich brauche außer Rennern auch Leute mit eigenen Ideen."
Dennoch hatten diese im DDR-Fußball seltenen Individualisten stets große Schwierigkeiten. Wann immer sich die Gelegenheit ergab, setzten sie sich auf Auslandsreisen in den Westen ab. Die Junioren-Nationalspieler Jürgen Pahl und Norbert Nachtweih verließen die Mannschaft in der Türkei. Heute spielen sie für den Bundesligaklub Eintracht Frankfurt.
Ihr Trainer Jörg Berger stand seitdem ständig unter Kontrolle, bis er eine Auslandsreise zum Absprung nutzte. Inzwischen trainiert er die Bundesligamannschaft Fortuna Düsseldorf. Beim 1. FC Kaiserslautern kam der DDR-Nationalspieler Lutz Eigendorf nach seiner Republikflucht unter.
"Mit dem Gedanken, abzuhauen und einmal in der Bundesliga zu spielen, trägt sich doch fast jeder DDR-Fußballspieler", schätzte Eigendorf die Situation seiner Sportkameraden ein. Als unlängst Borussia Mönchengladbach ein Europacupspiel beim 1. FC Magdeburg austrug, schirmte Volkspolizei Tag und Nacht das Hotel der Westdeutschen ab. Mannschaftsarzt Dr. Alfred Gerhards wurde vorübergehend festgenommen, weil er jugendlichen Fans Vereinsabzeichen schenken wollte.
Rückschläge im Fußball, dem auch in der DDR beliebtesten Sport, haben unliebsame Folgen für das SED-Regime: Fans identifizieren sich mit den erfolgreicheren Bundesliga-Stars. DDR-Bürger reisen an, wo immer Bundesligaklubs oder die Nationalmannschaft der Bundesrepublik auftreten. Auch viele Spieler der DDR-Oberliga verfolgen die Bundesliga genau -- und die Spitzengehälter der West-Kollegen.
Die Mönchengladbacher waren als erste in die DDR gereist, nachdem Webers Absetzversuch gescheitert war. Anläßlich eines Europacupspiels seines Klubs Dynamo Dresden beim holländischen Profiklub Twente Enschede soll ein Holländer Weber 50 000 Mark bar sofort und 200 000 Mark später geboten haben, falls er ihn nach Köln begleite und dort einen Vertrag unterschriebe.
Verdattert bat Weber um Bedenkzeit. In Dresden verkaufte er dann sein Haus und Auto. Die Anklage ging davon aus, daß er bei der Zwischenlandung auf dem Weg der DDR-Auswahl nach Argentinien in Amsterdam abspringen wollte. Die Mitspieler Müller und Kotte wußten angeblich Bescheid, weil er versprochen hatte, ihnen ebenfalls Angebote im Westen zu verschaffen.
Bis heute ist nie genau geklärt worden, wie der Transfer der Fußballer geplant gewesen war. Aufgeflogen sei der Handel nach Berichten von Insidern, weil ein Spielervermittler mit einem Mercedes vor Webers Haus in Dresden geparkt habe. Für die DDR-Presse galt das als "Menschenhandel und Republikflucht".
Obwohl Oberligaspieler und erst recht Nationalkicker in der DDR ebenfalls, wenngleich etwas weniger kassieren als Profis im Westen und DDR-Spitzenspieler Monatseinkommen bis zu 10 000 Mark erzielen, lockt ein Profivertrag irgendwo im Westen dennoch.
"Wenn hier Feierabend ist, nach dem Training, dann ist eben auch Feierabend", erklärte der Frankfurter Bundesligatorwart Jürgen Pahl. "Drüben jedoch gab es irgendwie immer Kontrolle, der gesellschaftliche Lebenslauf war eigentlich wichtiger als die sportliche Leistung."
Jetzt gilt es auch als sicher, daß Trainer Georg Buschner, der 1974 mit der WM-Teilnahme und dem Sieg über die Bundesrepublik zum "Herberger der DDR" hochgelobt worden war, so der frühere DDR-Spieler Otto Knefler aus Halle, in Kürze "aus gesundheitlichen Gründen" den Rücktritt einreichen wird. Auch Buschner hatte mehrmals gerügt, daß es in der "Entwicklung von Spielerpersönlichkeiten erheblichen Nachholbedarf" gibt.
Um die Nachfolge drängt sich keiner, doch deuten Indizien darauf, daß Hans Meyer, Trainer von Carl Zeiss Jena, zum neuen DDR-Trainer bestimmt wird. Denn letztes Jahr hatte er mit seiner Klubmannschaft das Europacupfinale erreicht. Im Endspiel verlor seine Equipe 1:2 gegen den UdSSR-Pokalsieger Dynamo Tiflis.
Meyer aus Jena bietet zumindest die Abkehr vom immer wieder unliebsam aufgefallenen Dresdner Fußball. Von Helmut Schön und den Kreisches, vom Trainer-Individualisten Fritzsch bis hin zum ertappten Gerd Weber bestand niemals absolute Sicherheit, ob die verdienten Sportler der Nation nicht doch insgeheim von der Linie abweichen und die Republikflucht ergreifen.
Das DDR-Fernsehen schaltete nach der Niederlage gegen Polen sofort mit dem Schlußpfiff ab, denn polnische Fans schwenkten ausgiebig ihre Fahnen. Verbürgt ist der Zuruf von verbiesterten DDR-Zuschauern an polnische Jubler: "Geht lieber arbeiten."

DER SPIEGEL 43/1981
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