29.12.1980

Nur im Dschum

Viele Bundesligatrainer reagieren auf den Streß mit Gallen- und Magenleiden oder gar einem Herzinfarkt. Jeder zweite flüchtet in den Alkohol.
Die Abfahrt des Mannschaftsbusses verschlief Trainer Branko Zebec. "Der hat sich doch gestern wieder ein paar reingedonnert", berichteten einige Spieler. Der Hamburger SV fuhr ohne Trainer nach Dortmund zum Bundesligaspiel. Als Chef Zebec seine Mannschaft nicht mehr fand, jagte er mit einem Mietwagen hinterher.
Verkehrspolizei stoppte den in Schlangenlinien über die Autobahn kariolenden Wagen. Zebec verlor den Führerschein wegen Trunkenheit (3,25 Promille). Dann brachte die Polizei ihn zur Mannschaft nach Dortmund. Dort beseitigte der Trainer aufkommende Ernüchterung nochmals mit Rum, Wodka und Cognac.
In die Umkleidekabine nahm ihn seine Mannschaft nicht mit. "Setzt ihn an die frische Luft", meinte Spieler Willi Reimann. Wie genau er das meinte, weiß bis heute keiner. Immerhin: Der HSV erreichte auch ohne Zebec-Zugabe ein 2:2. Präsidium und Mannschaft hielten trotzdem zu ihm. Manager Günter Netzer: "Er ist der beste Trainer der Welt." Aber HSV-Präsident Dr. Wolfgang Klein stellte im letzten halben Jahr an seinem Trainer "eine völlig veränderte Haltung" fest.
Auch in Bochum erreichte der Trainer das Stadion im Dämmerzustand. Während des Spiels hielt er die Augen meist geschlossen. Der HSV siegte trotzdem 3:0. Danach sprach Zebec mehr dem Cognac als den Reportern zu.
"Mein Gott, der Mann sieht ja aus wie ein Toter", entfuhr es Vorstandsmitglied Müller vom TSV 1860 München nach der 1:4-Niederlage beim HSV. Trotzdem drängte es Zebec zur Pressekonferenz. Als Manager Günter Netzer ihn abhalten wollte, sagte er: "Weg, ich rede." Am Wort Vogelperspektive erlahmte sein Zungenschlag. HSV-Präsident Klein beendete die Aussprache; Zebec begab sich zur Bar.
Am nächsten Tag klagte Manager Netzer: "Ich halte das nicht mehr durch, ich werde wahnsinnig." Der HSV trennte sich von Zebec, obwohl er mit ihm 1979 Deutscher Meister, 1980 Vizemeister und nunmehr zur Halbzeit der Saison 1980/81 Tabellenführer geworden war.
"Ich kenne viele Trainer in der Bundesliga, die zur Flasche greifen", verriet Weltmeister Paul Breitner vom FC Bayern München. Der Ungar Gyula Lorant monierte sogar nach seinem ersten Spiel mit Eintracht Frankfurt: "Gibt es hier keinen Cognac?" Aber der trinkfeste Lorant stellte mit den Frankfurtern auch einen Rekord auf: 21 Bundesligaspiele hintereinander ohne Niederlage.
Hertha BSC schrieb Trainer Kuno Klötzer einen Mahnbrief: "Bitte, meiden Sie künftig Alkohol." Aber Klötzer ("Meinen Beruf kann man nur im Dschum ertragen") hatte mit dem HSV den Europapokal gewonnen und peilt nun mit Absteiger Werder Bremen den Wiederaufstieg zur Bundesliga an.
Trainer leben als schwächstes Glied der Kette zwischen Vorstand und Mannschaft besonders gefährlich. Sie sind so leicht zu feuern wie zu heuern. Keine Gewerkschaft schützt sie. Um 18 Arbeitsplätze in der Bundesliga rangeln sich fast 600 Anwärter und warten nur darauf, daß einer Fehler begeht. Falls es nicht schnell genug passiert, skandieren 20 000 oder gar 30 000 Zuschauer bis zum Eklat: "Trainer raus."
Tatsächlich flogen schon die Größten der Branche. Nach Einführung der Bundesliga 1963 hatte der erste Trainer bereits nach neun Spielen die Entlassungspapiere in der Hand: Herbert Widmayer vom 1. FC Nürnberg. Wenn seine Frau zum Metzger einholen ging, brüllten Unzufriedene: "Was, fressen will die Sau auch noch?"
Seitdem gab es 102 weitere Entlassungen, die mehr als 70 Trainer trafen. Manche flogen häufiger. "Mit spätestens 50 bin ich im Irrenhaus", mutmaßte Trainer Otto Rehhagel, 42.
Drei Trainer erlitten auf dem Höhepunkt der Krise Herzinfarkte, einer, Kurt Baluses, starb, Paul Oswald und Hermann Eppenhoff überlebten, doch sie blieben arbeitsunfähig. Helmut Johannsen und Max Merkel unterzogen sich Gallenoperationen, der Wiener Merkel später noch einer Darmoperation. S.75 Otto Knefler mußte während seiner Dienstzeit beim MSV Duisburg der "halbe Magen" entfernt werden. Danach engagierte der Klub einen anderen. Knefler: "Zwei Drittel unserer Gehälter sind Gefahrenzulage."
"Der Bundesligatrainer steht in der Streß-Tabelle ganz oben", erklärte der Bremer Psychologe Prof. Fritz Stemme. "Leistungsdruck, Status-Ungewißheit und die Angst vor der Auswechselbarkeit -- das alles trifft man in diesem Beruf an."
Den natürlichsten Schutz können die Streßgeplagten der Bundesliga selten anwenden: Kampf oder Flucht. Wenn das Nebennierenmark in extremen Streß-Situationen Adrenalin ausstößt, dürfen Trainer nicht reagieren wie andere. Das untersagt der Verband, und die Schiedsrichter wachen darüber.
Der Trainer darf nicht von seiner Bank aufspringen oder gar an den Rand des Spielfelds vordringen und womöglich rufen oder fluchen. Stets erntet er dafür Eintragungen in den Spielbericht und anschließend Geldbußen von 10 000 Mark und mehr. Allzu aufgebrachte Trainer schickt der Schiedsrichter, der den Zorn vielleicht durch seine Fehlentscheidungen erst entzündet hat, vorzeitig vom Platz.
Wer gerade nicht im Amt ist, leiht sein Fachwissen meist einer auflagenstarken Zeitung und offenbart Fehler der Sportkameraden.
Jeder zweite Trainer im Konkurrenzkampf jeder gegen jeden betäubt oder ermutigt sich mit Alkohol. Der erstgefeuerte Trainer Widmayer versuchte das Jahr 1979 zum "Jahr der Ritterlichkeit" zu proklamieren. Klubpräsidenten und Trainer stimmten zu -dennoch mußten sieben Trainer vorzeitig gehen.
Borussia Dortmunds Trainer Udo Lattek (Spezialmarke: Malteser) riskierte eine 1000-Mark-Wette, daß er "keinen Tropfen Alkohol mehr" trinken wolle, "ehe meine Elf nicht dreimal hintereinander gewonnen hat". Die Mannschaft schaffte es nicht, Lattek hielt nicht durch und gestand: "Das war die dümmste Wette meines Lebens."
Der Jugoslawe Branko Zebec (Spitzname: Fernet-Branko) trainierte zwar Bayern München zur Deutschen Meisterschaft. Doch der Diabetiker benötigt Blutzucker senkende Insulinpräparate und ist bei Alkoholgenuß bis zum komaartigen Rausch doppelt gefährdet.
Bei Eintracht Braunschweig verfolgte der in wachen Stunden außerordentlich ehrpusselige Trainer Zebec den Verteidiger Wolfgang Grzyb bis in die Kneipe "Zum gemütlichen Conny", wo der Eintracht-Verteidiger als Kellner arbeitete. Zebec warf ihn aus der Mannschaft -- und wurde selbst Stammgast in der Fußballer-Kneipe.

DER SPIEGEL 53/1980
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