29.12.1980

Das Boot: Als Wahnsinn imponierend

Von Bittorf, Wilhelm

Wilhelm Bittorf über die Verfilmung von Buchheims Bestseller über den Krieg im Atlantik

Zwölf Männer hocken, stehen, hängen in der Zentrale des Unterseeboots. Sie haben verfilzte Sechs-Wochen-Bärte, ölig schwarze und rötlich schimmernde. Sie tragen schweißgetränkte Holzfällerhemden mit grauen Lederjacken darüber, ausgeleierte Rollkragenpullover, schmierige Overalls. Nur an den Mützen der Offiziere ist der deutsche Hoheitsadler auszumachen, der das Hakenkreuz mit Lorbeerkranz in seinen Krallen hält.

Ein lauter Schnarrton. Die Männer ziehen die Köpfe ein und warten gespannt. Eine Stimme von außerhalb: "Uuuuuund AB]"

Die U-Boot-Zentrale kippt mit einem fauchenden Geräusch jäh zur Seite und erzittert unter einem dröhnenden Schlag. Kippt von neuem mit Getöse wie ein riesiges Stahlfaß, auf das ein Dampfhammer niedersaust. Kippt schon wieder.

Die Männer in der Zentrale werden durchgeschüttelt wie Puppen auf einem Rüttelsieb. Sie klammern sich fest, rutschen trotzdem aus, stoßen sich, tun sich weh. Ihre Angst-, Wut- und Schmerzensschreie klingen äußerst authentisch. Einer der Lords hat schon eine blutende Wunde an der Stirn. Sie wirkt in dem Tohuwabohu so glaubwürdig grimmig wie dieser ganze erste Wasserbombenangriff, den "U 96" auf seiner ereignisreichen Feindfahrt über sich ergehen lassen muß.

Die Zentrale aber ist nachgebaut, wenn auch bis auf das letzte Lenzpumpenrad bis auf die kleinste Manometerskala genau. Sie steht auf dem acht Meter hohen Stahlgerüst einer eigens konstruierten Wipp-, Kipp- und Rüttelmaschine in der 25 Meter hohen Großhalle 4/5 der Bavaria in Geiselgasteig bei München.

Ein neuer Durchgang. Ein Maskenbildner hat die Kopfwunde des Matrosen "Brückenwilli" aufgefrischt -- das Blut glänzte nicht mehr richtig.

"Dunst]" ruft Wolfgang Petersen, der Regisseur, und kämmt sein schütteres Blondhaar mit den Fingern. Ein Requisiteur versprüht blauen Qualm in S.79 der Zentrale und verteilt ihn mit einem Fächer: Dunst von den Dieselmotoren im Heck, der ständig im Boot hängt. "Wir wollen, daß der Zuschauer den Gestank zu riechen glaubt, der in dieser Röhre herrscht", sagt Petersen.

Schnarrton. "Uuund AB]" Achtmal bäumt sich die Kipp- und Rüttelmaschine stöhnend und dröhnend auf wie eine Irrwitz-Version von John Travoltas mechanischem Rodeo-Bullen: acht Wasserbomben-Explosionen. In der Zentrale flackern die Lichter, platzen präparierte Anzeige-Gläser. Druckluft bläst die Bodenplatten unter den schlitternden Stiefeln der Crew hoch.

Die Männer sind Schauspieler. Aber was die beiden Kameras durch das offene Ende der Zentrale von ihren Gesichtern abfilmen, ist ein ganz ungekünsteltes Entsetzen. Der letzte Schlag der Bombenserie verhallt, und der Kommandant Jürgen Prochnow brüllt, wie es das Drehbuch befiehlt: "Nur ruhig, immer ruhig, Männer] Das ist noch gar nichts]"

Gültige Worte, weit über den unmittelbaren Anlaß hinaus. Denn die Verfilmung von Lothar-Günther Buchheims Über- und Untersee-Roman "Das Boot" ist neun Monate vor der bereits festgelegten Kinopremiere (am 18. September 1981) eine nervenzehrende Saga für sich geworden.

An Aufwand und Dauer übertrifft diese Produktion nicht nur alles, was es bisher in Westeuropa gegeben hat. Sie übertrifft sich sogar selbst: mit ihren Schwierigkeiten, aber auch mit dem, was sie -- schon jetzt erkennbar -- filmisch auf die Beine stellt; mit den Risiken, die dieses immer teurer werdende 20-plus-Millionen-Projekt läuft, aber auch mit der professionellen Härte und der technischen Durchtriebenheit, die da am Werk sind.

Schon die Grundidee ist mehr als kühn: Eine deutsche Produktionsfirma, die Bavaria, unternimmt den späten und doch nie zuvor gewagten Versuch, mit einem rein deutschen Actionfilm aus dem Kunstfilm-Getto und aus Fassbinders Moritaten-Manufaktur auszubrechen und international auf den Markt vorzudringen, auf dem die wirklich schweren Jungs des Kinogeschäfts antreten: "Krieg der Sterne" und "Das Imperium schlägt zurück" (stupende Tricks]), "Der weiße Hai" (Unterwasser-Horror]) und "Apocalypse Now" (Bomben, Leichen, sinnloser Krieg]).

Kein anderer deutscher Stoff hat so viele Anklänge an das, was in den letzten Jahren in den Kinos weltweit angekommen ist, wie Buchheims atlantische Schreckensfahrt. Männer, die sich in einem engen Gefährt weit hinauswagen, zwar nicht in den Weltraum, wohl aber ins ungleich gefährlichere Weltmeer des Weltkriegs. Männer auf einer langen Reise ans Ende ihres Verstandes (und ihres Lebens) ganz in der Art von Francis Coppolas apokalyptischem Dschungeltrip in Vietnam.

"Die U-Boote waren die ersten Raumschiffe", sagt Wolfgang Petersen, der 39jährige Regisseur, der auch das endgültige Drehbuch geschrieben hat. "Aber die Raumschiffe im Kino sind Phantasiegebilde, die in einem Science-Fiction-Märchenreich umherschwirren. Unser Boot rückt dem Publikum so real und dicht auf die Pelle, daß es mitzufahren meint. Unsere Idealvorstellung ist, daß die Kinos Spucktüten bereithalten müssen, weil die Leute bei den Sturmsequenzen seekrank werden."

"Wir brauchen spektakuläre Bilder: das brennende Meer, wenn ein Tanker getroffen wird und in die Luft fliegt. Oder Wasserbomben-Explosionen, die die Leinwand füllen und ausschauen, als ob eine Atombombe losginge", sagt Bernd Eichinger, 31, der Wunderknabe des deutschen Verleihgeschäfts, der "Das Boot" mit seiner "Neuen Constantin" in Deutschland und Österreich vertreiben und mit nicht weniger als 150 Kopien anlaufen lassen will.

Spektakuläre Bilder, erklärt Eichinger, seien unentbehrlich, wenn ein Film überhaupt beim heutigen Kinopublikum zünden solle -- und dieses sei zu 90 Prozent nun mal nur 17 bis 28 Jahre alt, action-geil und voll von einer "gewissen Lust an der Zerstörung". Eins jedenfalls bezwecke man mit dem "Boot" ganz bestimmt nicht -- "die Weltkrieg-II-Veteranen aus ihren Fernsehpantoffeln an die Kinokassen zu locken".

Die deutschen U-Boot-Leute sind von Hitler und ihrem Großadmiral Dönitz kaltschnäuzig ins Verderben geschickt worden. Von den insgesamt 42 000 Mann Besatzung der U-Boot-Flotte sind 27 500 Mann umgekommen S.80 -- zwei von dreien. Selbst bei der Totenkopf-Truppe der Waffen-SS überstieg die Todesquote nicht die Hälfte der U-Boot-Rate -- einer von dreien.

Sollen diese Opfer jetzt noch einmal verheizt werden -- für den neuesten Himmelhunde-auf-dem-Weg-zur-Hölle-Hit? Sind diese mißbrauchten Seesoldaten eine geeignete Truppe für das heutige Kino der pubertären Instinkte mit seinem blutpanschenden Grusel, mit seinen Rabauken-Possen, mit seinen Demolier-Orgien aus berstenden Gestirnen und Schrottautos?

Er bedauere, daß Verleiher Eichinger zu einer "Überbetonung des Kommerziellen" neige, sagt der Produzent des Films, Günter Rohrbach. Er ist Generaldirektor der Bavaria Atelier GmbH, die als größte deutsche Film- und Fernsehproduzentin den beiden ARD-Anstalten WDR Köln und SDR Stuttgart sowie der Bavaria Filmkunst AG gehört. Auch Rohrbach kommt vom Fernsehspiel in Köln.

Obwohl er Eichingers Spektakel-Konzept nicht teilt, ist auch der Bavaria-Direktor "überzeugt, daß es 35 Jahre nach Kriegsende möglich sein muß, unbefangener an einen solchen Stoff heranzugehen".

Aber was heißt "unbefangen"? Rohrbach: "Unser Schuldbewußtsein als Deutsche sollte uns nicht mehr hindern anzuerkennen, daß auf deutscher Seite mit unerhörter Tapferkeit gekämpft worden ist und daß es sehr viele hervorragende und integre Offiziere wie den ''Alten'' gegeben hat." Der "Alte" ist der Kommandant von U 96, den Buchheim mit zähneknirschender Bewunderung beschrieben hat.

"Gerade dann", sagt Günter Rohrbach, "wenn wir die Tapferkeit der Offiziere und Matrosen zeigen, kommen Widersinn und Grausamkeit dieses Krieges besonders eindringlich heraus. Ich bin sicher, auch für die jungen Zuschauer."

Den Krieg zu fassen nicht durch Verdammungsurteile, sondern durch beißend genaue Beobachtung, durch das detailbesessene Protokoll einer Feindfahrt, scheinbar naiv von Aktion zu Aktion forterzählt -- so hatte Lothar-Günther Buchheim schon sein Buch geschrieben. Sein unideologischer Erlebnisbericht erinnerte an "Im Westen nichts Neues", an Erich Maria Remarques starke Story von den Grabenkämpfen im Ersten Weltkrieg.

Buchheims "Boot", 1973 erschienen, erregte keinen Skandal wie Remarque: Illusionen über Waffengang und Heldentod hatte ohnehin niemand mehr. Doch mit seiner unliterarisch kraftvollen Geschichte hatte Buchheim gleichwohl ähnlichen Erfolg wie Remarque S.81 mit seinen sieben Pennälern, die Mann für Mann von der Materialschlacht verschlungen werden.

Nicht nur in der Bundesrepublik (220 000 deutschsprachige Auflage), auch im ehemals feindlichen Ausland, in den USA (35 000 Exemplare) oder Frankreich (35 000) wurde "Das Boot" mit einer fremdsprachigen Gesamtauflage von bisher mehr als zwei Millionen Exemplaren zum meistgelesenen deutschen Kriegsbuch seit "Im Westen" -- wobei es beim Publikum drinnen wie draußen zweifellos half, daß die U-Boot-Leute im Atlantik von den deutschen Kriegsverbrechen auf dem Festland weiter entfernt waren als alle anderen deutschen Soldaten.

Daß dies ein großer internationaler Stoff sei, soviel war dem damaligen Bavaria-Chef Helmut Jedele und seinem Dramaturgen Helmut Krapp klar, als sie sich die Filmrechte sicherten. Sie waren aber auch überzeugt, daß dieser Stoff nicht von Deutschen verfilmt werden dürfe, schon aus einem einzigen Grund nicht: Mehr als 60 Prozent aller Umsätze im westlichen Filmgeschäft werden an den Kinokassen der Vereinigten Staaten gemacht.

Dieser enorme heimische Markt verschafft den amerikanischen Produzenten den finanziellen Rückhalt für die Großfilme, mit denen sie dann auch international absahnen. Das heißt aber: Ein nichtamerikanischer Produzent, der einen ähnlich teuren Film herstellt, muß auch auf dem amerikanischen Massenmarkt leidlich Erfolg haben, wenn er nicht bei vollem Bewußtsein ins Fiasko schlingern will. Doch im Unterschied zu deutschen Autos und japanischer Elektronik haben in den USA nur solche Filme eine Chance, die aus Hollywood stammen oder wenigstens so aussehen.

"Das Boot" sollte eine überwiegend amerikanische Besatzung bekommen, mit Robert Redford als Kommandant von "U 96" -- das war das mindeste. Die Regie sollte ein abgebrühter Hollywooder Action-Spezialist übernehmen: John Sturges ("Die glorreichen Sieben") oder Don Siegel ("Dirty Harry") oder Sidney Pollack, der Redford bei dem CIA-Thriller "Die drei Tage des Condor" in Szene setzte.

Bavaria-Boß Jedele und Dramaturg Krapp stellten sich das in den Anfängen des Unternehmens 1975 tatsächlich so vor. Die Bavaria und eine ihr verbundene Abschreibungsgesellschaft (die "Geria") sollten den Großteil des Geldes, zirka 20 Millionen, auftreiben und bei der Produktion die Oberhoheit behalten. Der Film sollte in den Ateliers und mit dem technischen Stab der Bavaria gedreht werden -- aber von einer hochdotierten Söldnertruppe aus Amerika und nach dem Drehbuch eines Hollywood-Schreibers.

Die Bavaria-Leute hatten zunächst gar kein flaues Gefühl dabei. War nicht auch "Im Westen nichts Neues" schon 1930 von den Amerikanern ganz hervorragend verfilmt worden? Hatte nicht Regisseur Lewis Milestone aus der Agonie der deutschen Kriegsfreiwilligen den ergreifendsten pazifistischen Film überhaupt gemacht -- und einen weltweiten Kinohit dazu? (In Deutschland allerdings stürmten SA-Rüpel die Lichtspielhäuser, die ihn zu zeigen wagten, bis die Behörden der sterbenden Weimarer Republik den Film im Namen von Ruhe und Ordnung verboten.)

Doch Milestone hatte den außerordentlichen Stückeschreiber Maxwell Anderson als Dialogautor. Jedele und Krapp indes heuerten den Routinier Ronald M. Cohen an und entdeckten zu spät, daß Cohen der Überzeugung war, ein deutsches U-Boot sei ohne Nazi-Bestie so unverkäuflich wie Transsylvanien ohne Dracula.

Bei Buchheim gibt es nur einen einzigen gläubigen Hitler-Anhänger an Bord, den I. Wachoffizier. Und gerade der ist besonders gut beobachtet: kein Brutalo, sondern ein verwöhnter junger Mann aus gutem Hause, überkorrekt und etepetete, der einzige, der sich auf Feindfahrt rasiert und deshalb bei den Sailors im Bugraum "die Badenutte" heißt. Was ihm an natürlicher Zähigkeit fehlt, kompensiert er durch Haltung und gelegentliche Siegesparolen, die auch von seinen Offizierskameraden nur mit saurem Grinsen quittiert werden.

Ronald M. Cohen machte aus ihm einen Fanatiker, der rasend vor Haß mit einer Maschinenpistole auf schiffbrüchige amerikanische Soldaten schießt. Bei Buchheim dagegen sind die U-Boot-Leute vom Anblick der im ölbedeckten Meer treibenden Opfer ihrer Torpedos betroffen und verstört. Es deprimiert sie, daß sie Überlebende nicht auffischen können, nicht auffischen dürfen: Dönitz-Befehl]

Lothar-Günther Buchheim aus Weimar, einst Marinezeichner und PK-Berichterstatter, dann kunstsammelnder Renaissancemensch und Poltergeist am Starnberger See, explodierte wie ein mittschiffs getroffener Munitionsfrachter, als Ronald M. Cohen sein Skript im Sommer 1977 lieferte: "Man hat aus meinem Buch einen japanischen Remmidemmi-Film gemacht und die Deutschen als Blutsäufer hingestellt]"

Auch Jedele und Dramaturg Krapp in der Bavaria waren peinlich berührt. Krapp: "Für einen Film der Propagandaklischees gibt es auch in Amerika keinen Markt mehr. Und wenn, dann wollten wir ihn nicht machen."

Von dem viel erduldenden Bavaria-Dramaturgen beraten, setzte sich Buchheim nun trutzig selbst hin und sprach: "Was sich so ein amerikanischer Lohnschreiber S.82 abwichst, kann ich schon lange besser."

Er konnte es lange: 600 Seiten dick wurde Buchheims Drehbuch-Fassung, dick genug für einen mehr als fünfstündigen Film. Sie hatte viel Action, aber noch mehr Dialoge. "Buchheim hat die Unmittelbarkeit seines Romans nicht beibehalten können", sagt Günter Rohrbach rückblickend. Auch eine geraffte englische Version des Buchheim-Entwurfs blieb unbefriedigend -- diesmal für die US-Partner.

Die Amerikaner von der "Presman Incorporated", die das Hollywooder Söldnerkontingent organisieren sollten, verließen das "Boot", das schon vor dem Stapellauf unterzugehen schien. Wieder drohte Jedeles Ehrgeiz, aus der Bavaria mehr als eine Fernsehfabrik zu machen, an seiner fehlenden Fortüne zu scheitern. Wieder schien ihm der ersehnte Welterfolg zu entschwinden, den er schon einmal verpaßte, als er die Chance ausschlug, Bertoluccis "Letzten Tango in Paris" zu produzieren.

Aber abblasen und vergessen konnte die Bavaria das U-Projekt erst recht nicht. Denn obwohl weder ein brauchbares Skript noch ein Regisseur oder ein Darsteller für den Film existierte, waren Mitte 1978 schon mehr als sechs Millionen Mark Abschreibungsgelder der "Geria" ausgegeben. Sie waren überwiegend in das imitierte Kriegsgerät geflossen, das der Bavaria-Architekt Rolf Zehetbauer bereits hatte anfertigen lassen:

* Ein 67 Meter langes, originalgroßes Modell eines deutschen "Atlantikboots" von 750 Tonnen, Typ VII C. Aus einer T-Träger-Konstruktion und graugestrichener Holzverkleidung gebastelt, konnte diese durchaus echt wirkende Attrappe schwimmen, aber nicht tauchen. Sie sollte im U-Boot-Stützpunkt fürs Aus- und Einlaufen verwendet werden, auch für Außenaufnahmen bei leichtem bis mittlerem Seegang.

* Ein elf Meter langes Modell desselben Bootstyps, aus Stahl geschweißt und äußerst seetüchtig. Es war für stürmische Überwasserfahrten auf offenem Meer und für Trick-Hintergründe von Schlechtwetter-Szenen gedacht.

* Ein sechs Meter langes VII-C-Modell für Unterwasser-Trickaufnahmen.

* Der komplette, originalgroße Innenraum eines VII-C-Boots von den vier Torpedorohren im Bug über die Mannschaftsräume, die winzige Offiziermesse, die Zentrale bis zu den mächtigen Dieselmotoren im Heck, sektionsweise auseinanderzunehmen und zusammenzusetzen für die Innenaufnahmen im Studio.

Um solchen Aufwand kommt keiner herum, der einen vierzig Jahre zurückliegenden Seekrieg wiederauferstehen lassen will, einen Krieg, der nur ein greifbares Relikt von Buchheims Bootstyp übriggelassen hat: ein VII-C-Boot, das beim Marinedenkmal Laboe vor Kiel steht und von Ausflüglern lebhaft besichtigt wird, aber nicht mehr fahrfähig ist.

Das Boot in Laboe war Rolf Zehetbauers akribisch kopiertes Vorbild. Wundersame Geschichten werden noch heute in Geiselgasteig erzählt von den Irrfahrten der Bavaria-Techniker, die Schrottplätze in der ganzen Republik heimsuchten, um nach genau den richtigen Handrädern, genau den richtigen Rohrstücken zu fahnden.

Doch Zehetbauers Armada lag auf dem Trockenen, und niemand schien zu wissen, wie es nach dem Ausstieg der Amerikaner weitergehen sollte. Es sah ganz so danach aus, als werde es der Bavaria mit dem "Boot" ähnlich ergehen wie einst dem Deutschen Reich mit seiner unterseeischen Marine.

Denn die vor 1914 von den Deutschen entwickelten Tauchboote waren nicht nur für so viele Seeleute in ihrem Bauch eine Selbstmordwaffe. Sie waren schon im Ersten Weltkrieg Untergangsboot für ganz Deutschland -- gerade S.83 weil sie als die erste deutsche Wunderwaffe galten, seit der Kapitänleutnant Otto Weddigen am 22. September 1914 mit dem kaiserlichen "U 9" innerhalb von 30 Minuten drei britische Panzerkreuzer versenkt hatte.

Die frühen Erfolge der unsichtbaren Angreifer weckten und bestärkten schon damals die Wahnidee der deutschen Führung, das meerbeherrschende Britannien allein mit den U-Booten "in die Knie zu zwingen" (wie man den erträumten Vorgang zu benennen pflegte). Und als im Winter 1916/17 jede Aussicht geschwunden war, auf den Schlachtfeldern Frankreichs einen "Siegfrieden" gegen die Westalliierten zu erkämpfen, forderte die deutsche Oberste Heeresleitung, forderten Hindenburg und Ludendorff die Eröffnung des unbeschränkten U-Boot-Kriegs auf dem Atlantik.

Das hieß: Sämtliche Schiffe in einem riesigen "Seekriegsgebiet" rund um Großbritannien sollten fortan ohne Warnung versenkt werden, auch neutrale Schiffe, auch die Schiffe der noch nicht am Krieg beteiligten USA. Britannien sollte total blockiert und ausgehungert werden.

Der deutsche Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg plädierte im Kriegsrat des Kaiserreichs als einziger gegen diesen verblendeten Plan. Emphatisch warnte er, der unbeschränkte U-Boot-Krieg auf dem Atlantik werde unweigerlich zum Kriegseintritt Amerikas gegen Deutschland führen. Dadurch aber würden die Kraftreserven und die Siegeszuversicht der Alliierten unermeßlich gestärkt.

Bethmann Hollweg wurde von den Militärs überstimmt. Tief bekümmert erklärte der Kanzler nach der entscheidenden Sitzung einem Vertrauten, der Entschluß zum unbeschränkten U-Boot-Krieg bedeute "finis Germaniae" (das "Ende Deutschlands").

Es war in der Tat die selbstzerstörerisch verhängnisvolle Wende der neudeutschen Geschichte. Der unbeschränkte U-Boot-Krieg, im Februar 1917 eröffnet, torpedierte auf Anhieb den zuvor sehr starken inneramerikanischen Widerstand gegen einen Kriegseintritt der USA. Präsident Wilsons Kriegserklärung im April 1917 besiegelte die deutsche Niederlage und das Ende zumindest des Kaiserreichs, mochten die (viel zu wenigen) deutschen U-Boote auch nach Kräften alliierte Schiffe vernichten.

Im Unterseeboot konzentrierte sich der alldeutsche Schwachsinn dieses Jahrhunderts in seiner reinsten Form: der von den Nazis wiederholte, aber nicht erfundene Schwachsinn, gegen die Staaten der westlichen Zivilisation und die anglo-amerikanische Übermacht einen ziel- und aussichtslosen Trotz-Krieg zu führen. Mehr als für jede andere Waffengattung war der zweite Krieg für die U-Boote nichts als eine noch aberwitzigere, noch verheerendere Reprise von 1914/18 -- bis Bethmann Hollwegs "finis Germaniae" endlich erreicht war.

Weil auch Buchheims Erzählung nicht vom Nazismus handelt, sondern von der tiefsitzenden deutschnationalen Stupidität und Tapferkeit, von der blinden Logik des teutonischen Todestriebs: vielleicht ist "Das Boot" auch deshalb zum herausragenden deutschen Roman über diesen zweiten Krieg geworden.

"Der Atlantik war das schrecklichste Schlachtfeld überhaupt", sagt Buchheim. Was es heißt, sich darauf auch nur filmisch einzulassen, stand den Herren der Bavaria im Herbst 1978 grimmig vor Augen. Die Hoffnung auf ein Hollywood-Wunder mit Robert Redford war zerstoben. Das Großprojekt war schon deshalb auf die vorgesehene Art über Abschreibungs- und Bankkredite nicht weiterzufinanzieren: Kein Starname konnte als Sicherheit herhalten.

Blieb nur die Wahl, den Film auf deutsch und mit deutschem Geld zu S.84 machen. Aber wie? Helmut Jedele wollte die Bavaria-Direktion im Februar 79 an Günter Rohrbach aus Köln übergeben. Rohrbach kam schon im November 78, um ein neues Konzept zu zimmern und Millionen lockerzumachen, wo immer sie sich auftreiben ließen.

Seine Grundidee war, über die Kinoversion vom "Boot" hinaus eine sechsstündige Langfassung zu drehen, die das Fernsehen in sechs Folgen ausstrahlen kann -- aber erst vier Jahre nach der Kinopremiere. Rohrbach: "Zu diesem Plan hat das Beispiel von Francis Coppola ermutigt. Er hat erstmals beim ''Paten II'' eine Langfassung produziert, die er später erfolgreich beim Fernsehen unterbrachte."

Rohrbach machte dem Westdeutschen und dem Süddeutschen Rundfunk ein Angebot, das die beiden ARD-Sender ihrer in der Klemme sitzenden Tochter Bavaria nicht abschlagen konnten. Sie erklärten sich bereit, für sechs Stunden Feindfahrt in fernerer Zukunft jetzt schon mindestens neun Millionen Mark aufzubringen. Per Vorkasse zahlen WDR und SDR den bisher höchsten Preis pro Sendestunde.

Das ist der größte Brocken -- die Basis. Hinzu kamen zwei Millionen bayrische Filmförderung, 700 000 Mark von der Filmförderungsanstalt in Berlin. Hinzu kamen nun auch Abmachungen mit ausländischen Fernsehnetzen: BBC London, RTF Paris, RAI Rom.

Ein französischer Kino-Koproduzent schoß mehr als 1,5 Millionen Mark ein, weil er schon auf Grund des Buchheimschen Bucherfolgs in Frankreich mit der besonderen Faszination seiner Landsleute für die suizidalen grauen Haie Germaniens rechnet. Und für die deutschen Verleihrechte stellte Bernd Eichinger von der Neuen Constantin eine Vorausgarantie von 1,7 Millionen Mark.

Das ist weniger als ein Zehntel der vorkalkulierten Produktionskosten und doch für deutsche Verleihverhältnisse eine exorbitante Summe. Woraus allein schon ersichtlich wird, wie Gullivergleich die "Boot"-Verfilmung über das deutsche und europäische Kino-Liliput hinausragt.

Rohrbachs Finanzkampagne klappte gleichwohl. Denn inzwischen lag ein allerseits akzeptiertes Drehbuch vor, geschrieben von dem Filmemacher Wolfgang Petersen, der 1941 in Emden eben erst zur Welt gekommen war, als Buchheims "U 96" in See ging.

"Petersen ist der beste Erzähler unter unseren jüngeren Regisseuren, der handwerklich genaueste, der zäheste und zuverlässigste", sagt Günter Rohrbach, für den Petersen schon 1972 den Umwelt-Alarmfilm "Smog" gemacht und dann (für den NDR) etliche ungewöhnliche "Tatort"-Krimis: "Jagdrevier", "Strandgut", "Reifezeugnis".

"Direktes Sonnenlicht meiden." Eine Anweisung wie für Untote: eine der Bedingungen, denen sich die 18 Haupt- und Nebendarsteller und die 23 Komparsen der Bootsbesatzung beugen müssen, seit die Dreharbeiten mit den Akteuren im Juli 1980 begannen.

Sie müssen bleiche Gesichter haben in ihrer dämpfigen Stahlröhre und sehen tatsächlich aus wie Untote, wie Revenants vom Meeresgrund, wie fliegende Holländer der verschollenen U-Boot-Flotte, wenn sie in der Bavaria-Halle 4/5 in dem VII-C-Nachbau kauern: Lederpäckchen, Hosenträger, rotgeränderte Augen, klebrige Haare. In der Schlußphase ihrer langen Irrfahrt sind die Jungmänner mit eitrigen Entzündungen und Hautausschlag behaftet.

Der Eindruck ist um so zwingender, weil nur der Kommandant, Jürgen Prochnow, ein überregional bekanntes Gesicht hat. Alle anderen sind auf den Bühnen zwischen Bochum, Berlin, Frankfurt und Wien zusammengesucht worden. Manche haben eine spukhafte Ähnlichkeit mit den von Buchheim geschilderten Figuren: der pikfeine Erste Offizier (Hubertus Bengsch), der Leitende Ingenieur mit dem "verkniffenen Mephisto-Gesicht" (Klaus Wennemann). Auch Herbert-Arthur Grönemeyer, der Buchheims Part spielt (den Leutnant, der als Kriegsberichterstatter mitfährt), zeigt doppelgängerische Züge zur Jugendgestalt des Verfassers.

Das ist mit ein Grund, warum Buchheim nach einem Atelierbesuch am Anfang den Dreharbeiten fernblieb. "Es geht mir an die Nieren, die Jungs von damals -- ich möchte fast sagen: wiederzusehen", meint er. "Ganz unheimlich, wie bei den lässigen jungen Leuten von heute der "Typus von damals wieder zum Vorschein kommt."

BOOT/BRÜCKE ... Schwerer Sturm ... Eine riesige See bricht über die Brücke (auf dem Turm) herein. Der Anschnallgurt vom Bootsmaat WICHMANN reißt, er wird gegen das Schanzkleid geworfen. Ein gellender Schrei, der sofort gurgelnd erstickt: Eine vordere See kracht über alle hinweg. Sekundenlang brodelndes Chaos.

Keuchend kommt KRIECHBAUM aus dem abrauschenden Wasser hoch, blickt in Panik um sich: Wichmann ist verschwunden] OBERSTEUERMANN KRIECHBAUM (brüllt): "Mann über Bord]]

S.85

So steht es im Drehbuch. Aber wie dreht man so etwas?

Schon im Herbst 1979 hat Wolfgang Petersen mit dem seetüchtigen 11-Meter-Modell des U-Boots vor Helgoland Sturmaufnahmen gemacht. Kameramann Jost Vacano und seine Crew haben ferngesteuerte Filmkameras in wasserdichten Gehäusen auf den Bootsrumpf montiert. Ein im Rumpf verborgener Techniker im Taucheranzug hat das Boot bei Windstärken bis zu zehn durch die Wogen gesteuert.

Da ein Größenvergleich mit einer menschlichen Figur fehlt, wirkt das 11-Meter-Boot auf den so entstandenen Aufnahmen normal groß. Um so gewaltiger wirken die Wogen, durch die es rollt, wirken die Brecher, die über den Bug und das Vordeck mit dem Bordgeschütz hinwegschäumen, dazu noch übersprüht von peitschendem Flugwasser, das aus der Löschkanone eines (im Bild nicht sichtbaren) Helgoländer Seenotrettungskreuzers über das Modellboot fegt.

Zweite Phase, mehr als ein Jahr später: Im Atelier in Geiselgasteig steht ein originalgroßer Nachbau des U-Boot-Turms. Früher hätte hinter dem Turm (von der Studiokamera aus gesehen) eine Rückprojektionswand gehangen, auf der eine stürmische See erschienen wäre, dieweil man die Akteure auf dem Turm rhythmisch mit Wasser überschüttet und die Studiokamera beides, Rückpro-Wand und Akteure, zusammen aufgenommen hätte.

So wurde das bis vor wenigen Jahren gemacht. Wenn das Resultat mitunter leidlich echt aussah, dann nur, weil der Zuschauer es nicht besser kannte, ob auf Piratenfahrt mit Errol Flynn oder im Taifun auf der Kommandobrücke bei der Meuterei gegen Humphrey Bogart, alias Queeg, auf der "Caine".

Jetzt gibt es statt den "Rückpro" die "Aufpro", ein in England entwickeltes und von Bavaria-Trickmeister Theo Nischwitz perfektioniertes Verfahren: Realaufnahmen mit dem sturmumtosten Modellrumpf werden dabei über ein verwickeltes Spiegelsystem so nahtlos mit dem Turm im Atelier verschmolzen, daß auf dem Film der Eindruck vollkommener optischer Geschlossenheit entsteht.

Damit sich die Zuschauer vor den über das Vorschiff heranrollenden Seen genauso ducken wie Männer der Brückenwache, braucht man freilich eine entsprechend leistungsfähige Wasserwurf-Maschinerie im Atelier. Sie muß die Wassermassen, die sich in den realen Sturmaufnahmen vor dem Boot aufbauen, tatsächlich auf die Schauspieler der Brückenwache herabprasseln lassen -- heftig genug, daß glaubwürdig erscheint, wie ein Mann aus seinem Anschnallgurt gerissen wird.

Die Wasserwurf-Apparatur für "Das Boot" ist furchterregend. Sie kann mehr als eine Tonne Wasser simultan auf den Turm und die Männer auf der Brücke schleudern. Mit Bedacht haben Regisseur Petersen und sein Produktionsleiter Michael Bittins die Aufpro-Sturmaufnahmen in den Februar 1981 verlegt, ans Ende der achtmonatigen Drehzeit.

Petersen: "Wenn die Jungs, die es angeht, merken, was in den Sturmszenen auf sie zukommt, werden sie sich nach den Wasserbomben-Angriffen zurücksehnen."

Die Jungs haben auch sonst schon einiges hinter sich. Sie sind bei Sturmsequenzen im Boot von der großen Wippe durchgeschaukelt worden, die sich 40 Grad nach jeder Seite wälzte und sich ebenso steil vorn und achtern aufrichtete. Sie mußten herabfallenden Konservendosen und splitterndem Geschirr ausweichen, mußten sich krampfhaft in ihren Kojen verkanten, um nicht herauszufallen.

Sie mußten immer wieder mit dem Gebrüll "Alle Mann voraus]" Stiefel voran durch die Kugelschotten hechten und die Tritte ihrer Hintermänner verdauen. Sie wurden von einer brennenden Schalttafel gesengt und sogar mit keimenden Kartoffeln bombardiert, als S.86 der Spezialeffekte-Spezialist "Karli" Baumgartner eine Preßluft-Flasche unter die Erdäpfelkiste in einer Ecke der Zentrale montierte und den Inhalt explosionsartig hinausblasen ließ: Auch solche Wirkungen konnte eine nahe Wasserbomben-Detonation haben.

Und dann der höchst unbeabsichtigte Schock Ende Oktober bei den Außenaufnahmen vor La Rochelle-La Pallice, dem südwestfranzösischen Hafen, wo unbeschädigt und unverrückbar ein riesenhafter deutscher U-Boot-Bunker unter seiner sechs Meter dicken Stahlbetondecke überdauert.

Dorthin war das originalgroße 67-Meter-Boot der Bavaria in mehreren Sektionen auf Spezial-Lastwagen verfrachtet worden. Dort wurde es wieder zusammengesetzt, getestet und von kopfschüttelnden Einheimischen mit dem Gallierspruch kommentiert: "Les Allemands sont fous quand meme" (Die Deutschen spinnen doch).

Der gesamte Filmstab und sämtliche Darsteller reisen an. Sie erfüllen den toten Bunker mit Gespensteraktivität. Sie drehen das Auslaufen zur Feindfahrt mit dem großen Boot. Die Crew steht winkend an Oberdeck. "Dem Himmel sei Dank, daß wir das gleich am Anfang gemacht haben", sagt Wolfgang Petersen später. "Sonst hätten wir den Film wirklich vergessen können."

Sie drehen mit dem Boot bei ruhiger See und schönem Wetter draußen vor der Insel Re. Dünung kommt auf, wiegt das Boot und lockert noch unbemerkt die nur geschraubten Verbindungen zwischen den Sektionen der schwimmenden Attrappe.

Für die Nacht an einer Boje in einer Bucht der Insel Re festgemacht, zerbricht das Boot in der Dunkelheit. Bug und Vorschiff bis zum Bordgeschütz versinken. Der Rest mit dem Turm wird an den Strand getrieben und torkelt in der Brandung, als die Filmleute am Morgen die Bescherung sehen.

"Wir haben diese Lähmung oft gespielt, wenn das Boot unkontrollierbar sinkt und die Männer sicher sind, daß es jetzt aus ist", sagt Petersen. "Aber an diesem Morgen haben wir wirklich eine Ahnung bekommen, was das für ein Gefühl ist: Na, das war''s dann wohl, aus, Ende]"

Es war nicht aus. Aber die Dreharbeiten in La Rochelle mußten abgebrochen werden. Der ganze Verein mit Möbelwagen voller Requisiten kehrte nach München zurück, konnte dort aber erst drei Wochen später mit den Atelieraufnahmen fortfahren.

Die Truppe muß jedoch Ende Januar noch einmal nach La Rochelle, weil der Schluß noch fehlt: wenn Buchheims Boot angeschlagen von der Feindfahrt zurückgekrochen kommt und beim Einlaufen in La Pallice wenige Meter vor dem rettenden Bunker durch einen Überraschungsangriff britischer Jagdbomber zerstört wird. Bis dahin wird das zerbrochene Bavaria-Boot soweit wiederhergerichtet, daß es seiner endgültigen Hinrichtung durch "Karli" Baumgartners Sprengstoff-Experten zugeführt werden kann.

Folge des Malheurs: eine um vier Wochen verlängerte Drehzeit und über zwei Millionen Mark Mehrkosten.

Mit verhaltenen Stimmen fragen sich die Leute des Filmstabs untereinander, "wo der Rohrbach bloß das viele Geld hernimmt". Günter Rohrbach schweigt sich dazu aus und macht ein genervtes Gesicht. Aber er leugnet entschieden, daß das Unternehmen "Unterseeboot" wie einst "finis Germaniae" nun auch "finis Bavariae" bedeuten könnte.

Denn in allen Krisen und Klemmen gibt es etwas, woran der Bavaria-Boß, der Filmstab und die Akteure sich immer wieder aufrichten: die Vorführung der "Muster " zweimal in der Woche, wenn die abgedrehten Szenen noch ungeschnitten über die Leinwand flackern. "Dann wissen wir, daß wir ein ganz starkes Stück in der Mache haben", sagt Produktionsleiter Bittins.

Die Muster sehen tatsächlich ganz danach aus. Auch isoliert, ohne Zusammenhang und ohne die richtigen Geräusche S.87 sind die Szenen in der stickigen Stahlröhre von einer Eindringlichkeit, die auch in den besten Kriegs- und Action-Filmen der Vergangenheit nicht oft erreicht worden ist. Ein erfolgreicher U-Boot-Film der fünfziger Jahre, "Duell im Atlantik" (mit Curd Jürgens als deutschem Kommandanten und Robert Mitchum als US-U-Boot-Jäger), verblaßt daneben zu einer karnevalistischen Veranstaltung, zu schweigen von "U 47 -- Kapitänleutnant Prien", dem deutschen Nachkriegsfilm über den "Helden von Scapa Flow".

"Apocalypse Now", Coppolas Anti-Kriegs-Spektakel, wirkt im Vergleich erst recht theatralisch und hohl. Bei Petersen braucht kein kahlköpfiger, geistesgestörter Marlon Brando "Der Horror] Der Horror]" zu stöhnen. Im "Boot" sitzt Horror in jeder Pore -durch die wütende Exaktheit, mit der das Unfaßliche dargestellt und von einer Kamera festgehalten wird, die wie ein ohnmächtig mitleidender Geist zwischen den Verdammten der Tiefe schwebt.

"Es gibt sowenig einen Antikriegsfilm, wie es einen Anti-Erdbeben-Film gibt", meint der Filmverleiher Bernd Eichinger. Das ist eine Naseweisheit, wenn es heißen soll, daß auch der Krieg ein Naturphänomen sei, das periodisch und unabwendbar über die Menschen hereinbricht. Doch es stimmt in dem Sinne, daß Wolfgang Petersen keinen Film mit aufgesetzter Antikriegs- und Anti-Hitler-Phraseologie macht.

Kein Dieter Borsche erscheint mit geschmerzter Miene wie in "Kapitänleutnant Prien", um den U-Boot-Kommandanten darüber zu belehren, daß er für ein unmenschliches System kämpft, als ob der Krieg an sich ganz nett gewesen wäre, wenn es nur diese Kriegsverbrechen und diese scheußliche Judenverfolgung nicht gegeben hätte.

Im "Boot" dagegen wird der Krieg auch ohne Kriegsverbrechen zum Verbrechen, wird es durch die schiere Intensität der Bilder und "Laute. Aus dem Drehbuch, Szene 163:

BOOT/ZENTRALE ... Das Notlicht flackert. Stöhnen, hysterisches Schluchzen. Würge-, Kotzgeräusche ... Ein Gespenst ist im Kugelschott erschienen, Obermaschinist JOHANN. Sein Gesicht ist vor Angst aus den Fugen geraten. Hechelnd stößt er kleine spitze Schreie aus.

Der Alte richtet den Strahl seiner Taschenlampe in sein Gesicht.

JOHANN steigt durchs Schott, einen Tauchretter unterm Arm. Er verzerrt das Gesicht, zeigt sein Gebiß - wie ein in die Enge " getriebener Affe ...

Nicht von Argumenten wird dieser Film bewegt, sondern von einer starken und widerspruchsvollen Empfindung. Er ist durchdrungen von einem mitfühlenden Zorn über die Männer, die er schildert, von einem liebevoll-verzweifelten Zorn über den "Alten" (den knapp dreißigjährigen Kommandanten) und seine Crew, die deutlich genug spüren, daß ihre wirklichen Feinde nicht über ihnen kreisen und Wasserbomben werfen, sondern in Berlin sitzen und den falschesten aller Kriege führen. Und doch können diese Männer nichts dagegen tun, weil sie in ihren Begriffen von Pflichterfüllung, Männlichkeit und alldeutscher Vaterlandstreue noch auswegloser gefangen sind als in ihrem Boot.

Durch ihre eigene lange Leidenszeit bei den Dreharbeiten haben auch die jungen Männer der Bavaria-Mannschaft angefangen, diesen Zwiespalt nachzuerleben. Noch benommen vom letzten Alarmtauchen, faßt Jürgen Prochnow, der "Alte", seine Meinung über das "Boot" und die Verfilmung in drei karge Worte: "Als Wahnsinn imponierend."

S.84

BOOT/BRÜCKE ... Schwerer Sturm ... Eine riesige See bricht über die

Brücke (auf dem Turm) herein. Der Anschnallgurt vom Bootsmaat

WICHMANN reißt, er wird gegen das Schanzkleid geworfen. Ein

gellender Schrei, der sofort gurgelnd erstickt: Eine vordere See

kracht über alle hinweg. Sekundenlang brodelndes Chaos.

Keuchend kommt KRIECHBAUM aus dem abrauschenden Wasser hoch, blickt

in Panik um sich: Wichmann ist verschwunden] OBERSTEUERMANN

KRIECHBAUM (brüllt): "Mann über Bord]]"

*

S.87

BOOT/ZENTRALE ... Das Notlicht flackert. Stöhnen, hysterisches

Schluchzen. Würge-, Kotzgeräusche ... Ein Gespenst ist im

Kugelschott erschienen, Obermaschinist JOHANN. Sein Gesicht ist vor

Angst aus den Fugen geraten. Hechelnd stößt er kleine spitze Schreie

aus.

Der Alte richtet den Strahl seiner Taschenlampe in sein Gesicht.

JOHANN steigt durchs Schott, einen Tauchretter unterm Arm. Er

verzerrt das Gesicht, zeigt sein Gebiß - wie ein in die Enge

getriebener Affe ...

*

S.78 In der U-Boot-Attrappe, hinten Attrappenbauer Zehetbauer. * S.79 Originalaufnahme aus dem Jahr 1942. * S.85 Mit Kameramann Jost Vacano. * S.86 Oben: Erwin Leder als Obermaschinist Johann; * unten: Läusekontrolle an Bord. * S.87 Jürgen Prochnow. *

DER SPIEGEL 53/1980
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Das Boot: Als Wahnsinn imponierend