19.10.1981

PSYCHOLOGIEGroßer Irrtum

Der amerikanische Psychologe Skinner, einst optimistischer Zukunftsdenker, denkt um: Die von Katastrophen bedrohte Menschheit, meint er, sei nicht mehr zu retten.
Der grämlich blickende alte Mann mit der Hornbrille und dem eisgrauen Schopf lehrte die versammelten Journalisten das Fürchten. "Warum", grübelte er düster auf einer Pressekonferenz in seinem Studio, "unternehmen wir nichts, um die Welt zu retten?"
Tödlich bedroht sei die menschliche Rasse von Umweltkatastrophen und Hungersnöten, rapidem Bevölkerungswachstum und dem atomaren Holocaust. Wird die Menschheit den von ihr selbst inszenierten Untergang noch abwenden können? Der alte Mann sieht schwarz: "Ich bin sehr pessimistisch, wir sind wahrhaftig nicht dabei, unsere Probleme zu lösen."
Burrhus Frederic Skinner, 77, Verhaltenspsychologe von Weltruf und zeitlebens ein notorischer Optimist, ist auf seine alten Tage zum Zweifler geworden, der die Endzeit predigt. Wenig spricht in seinen Augen für eine Umkehr der Erdbewohner auf ihrem Weg ins Verderben: "Zu spät, ich sehe keinerlei Hoffnung mehr."
Daß der greise Psychologie-Professor, dem Anfang dieses Jahres ein Tumor am rechten Ohr entfernt werden mußte, neuerdings als Untergangsprophet auftritt, mag nicht nur an den Befunden liegen, auf die er sich beruft -- darunter etwa die Berichte des Club of Rome oder die amerikanische Regierungsstudie "Global 2000", die den raschen Verfall der irdischen Biosphäre beschreibt.
Skinners neue, rabenschwarze Weltsicht entspringt womöglich weit mehr seinen psychologischen Denkmustern, in denen Begriffe wie "Manipulation", "Verhaltenskontrolle" und "-steuerung" eine Schlüsselrolle spielen.
Offenbar, so entnimmt der Professor nun den Katastrophenberichten, lasse sich die außer Rand und Band geratene Menschheit mit den Skinner-Techniken der Verhaltenssteuerung kaum auf vernünftige Bahnen lenken: Grund genug zum Verzweifeln für den Gelehrten, der seine Wissenschaft stets mit dem Sendungsbewußtsein eines Weltverbesserers betrieben hat.
Zu Beginn seiner Laufbahn hatte Skinner Schriftsteller werden wollen. Doch dem angehenden Romancier fehlte es an der nötigen Inspiration. "Ich entdeckte die traurige Tatsache", schrieb er später, "daß ich nichts zu sagen hatte." So beschloß der junge Mann aus der Kleinstadt Susquehanna in Pennsylvania, es mit dem Studium der Psychologie zu versuchen.
Gut zehn Jahre später galt Skinner als Vordenker des sogenannten Behaviorismus, einer vor dem Ersten Weltkrieg entstandenen und speziell in den USA verbreiteten Psychologen-Schule, die psychische Reaktionen mit Hilfe negativer oder positiver Reize -- vulgo: Zuckerbrot und Peitsche -- experimentell zu ergründen sucht.
Was Skinner zunächst in Tierversuchen mit Tauben oder Ratten herausfand, klingt simpel: Das Verhalten der Labortiere ließ sich mittels "positiver Verstärker", also Belohnungen, erheblich nachhaltiger in eine erwünschte Richtung lenken als durch "aversive" Reize wie Strafmaßnahmen.
Mit ausgeprägtem Sinn fürs Praktische begann Skinner, das Prinzip seiner Dressurakte auf die Pädagogik zu übertragen. Er erfand das "programmierte Lernen" und konstruierte für seine Studenten "Lehrautomaten", die das eingefütterte Paukwissen schrittweise weitergeben. Jede neue Lektion wird dabei quasi als Belohnung für den Lernerfolg auf der vorangegangenen Stufe verabreicht -- ein Verfahren, das sich als äußerst effizient erwiesen hat und seinen Urheber berühmt machte.
Amerikanische Industrieunternehmen, Schulen und Behörden, aber auch die US-Streitkräfte übernahmen die Idee und richteten Ausbildungszentren mit Sprachlabors oder Lehrautomaten S.250 für Buchhaltung ein. Aber Skinner traute seiner Methode noch einiges mehr zu.
In der literarischen Form eines utopischen Romans -- Titel: "Walden Two" (deutsch: "Futurum Zwei") -entwarf der gescheiterte Dichter 1948 das Bild einer Zukunftsgesellschaft, in der das Leben umfassend durch verhaltenspsychologische Kontrolltechniken a la Skinner geregelt ist.
Kindererziehung, Ausbildung, Arbeitswelt, Kulturbetrieb und Freizeit sind in Skinners fiktiver "Walden"-Kolonie so organisiert, daß überall genügend lustbetonte "positive Verstärker" die Zukunftsbürger lenken und leiten -- zum Wohle des harmonischen Ganzen. Zwang und Strafen fehlen, ebenso Verbrechen, asozialer Widerstand oder Sucht und Selbstzerstörung.
Daß es in Skinners Utopia zwar friedlich und freundlich, dafür aber fad, bieder und konformistisch zugehe, notierten die Kritiker am Rande; "Walden Two", fand ein britischer Rezensent, entspräche dem Idealtyp amerikanischer Kleinstädte von der Art des Skinner-Geburtsortes Susquehanna, einer Puritaner-Siedlung, bevölkert von farblosen Ehepaaren und braven Kindern.
Auf stärkeren Widerspruch stieß das Buch bei Lesern, die in der heilen "Walden"-Welt ein idyllisches und halbwegs komfortables, letztlich aber doch menschenverachtendes Reich der Unfreiheit erblickten. Kein Zweifel: Auch Skinners übriges Lebenswerk kündet von der festen Überzeugung des Psychologen, daß menschliches Verhalten im Grunde nie etwas anderes sein kann als das Ergebnis blinder, zwanghafter Reflexe auf die jeweils herrschenden Daseinsumstände.
"Die Menschen", schrieb Skinner unlängst in der Wissenschaftszeitschrift "Science", "haben vom Beginn ihrer Geschichte an geglaubt, Herr über ihre Handlungen zu sein" -- das jedoch sei "ein großer Irrtum". In Wahrheit regiere nicht freier Wille den Lauf der Geschichte, so lehrt Skinner, sondern "die Umwelt zwingt uns, unser Verhalten auszuwählen": "Wenn es erfolgreich ist, werden wir auch in Zukunft entsprechend handeln."
Genau hier aber liegt die Quelle der Untergangsahnungen, die in jüngster Zeit das Gemüt des vordem so optimistischen "Walden"-Autors verfinstern. Ihn bedrückt die Erkenntnis, daß das jahrtausendealte verhaltenspsychologische Erfolgsrezept der Gattung Mensch mittlerweile gar nichts mehr taugt.
Denn seit sich die irdischen Lebensbedingungen immer schneller verändern, und zwar erkennbar zum Schlechteren, fehlt die erforderliche Zeit, um die richtigen, im Sinne der Arterhaltung erfolgversprechenden Anpassungsformen herauszufinden. S.251
Zudem, meint Skinner, könne die Menschheit erwiesenermaßen ihr Verhalten nur an der Realität ausrichten, die sie in der Gegenwart vorfindet. Doch beim inzwischen erreichten Tempo des Umweltwandels sei sie gezwungen, sich schon jetzt der Welt von morgen anzupassen -- für Skinner ein Unding, denn: "Die Zukunft existiert noch nicht."
Was tun? Professor Skinner, sozusagen gefangen im Käfig seiner Logik, sitzt gleichwohl nicht still, sondern rüttelt am Gitter. Ganz mag er die Hoffnung auf Rettung in letzter Minute nicht aufgeben.
Vom "caesarischen Größenwahn", den ihm einmal der Philosoph Sir Karl Popper nachsagte, ist er wohl genesen. An ein "Walden Two" als Heilmittel für die gesamte Menschheit denkt er längst nicht mehr. Man könne, erklärt er, "nicht viereinhalb Milliarden Menschen ändern", auch nicht mit wissenschaftlich verläßlichen Methoden.
Vielleicht, sinniert er vage, lasse sich noch am ehesten die gesellschaftliche Elite, der akademische Nachwuchs etwa, dazu bewegen, die bislang ehernen Gesetze der Evolution zu "transzendieren", soll heißen: ein Verhalten anzunehmen, das den Bedingungen der Zukunft schon heute Rechnung trägt.
Von der "Masse" erwartet Skinner keine Umkehr, dann schon eher von den Politikern, die er einst in einem Vorwort zu "Walden Two" noch als Dunkelmänner disqualifiziert hatte: "Wir müssen zu den Machthabern gehen", rät er -- "to the power people."

DER SPIEGEL 43/1981
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