24.08.1981

„Eine Welt, in der Schiffe über Berge fliegen“

SPIEGEL-Reporter Fritz Rumler über Werner Herzogs Dreharbeiten zu „Fitzcarraldo“ in Peru
Der neue Friedhof von Iquitos erinnert stark an sozialen Wohnungsbau. In langgestreckten Silos sind, fünf Etagen übereinander, die Särge eingemauert; wo die Wand geborsten ist, hocken fingerlange Kakerlaken.
Um die Jahrhundertwende hat man die Leute da noch anständig unter die Erde gebracht. Damals stand Iquitos, Hafenstadt am Amazonas, im Vollrausch des Kautschuk-Booms; die "Caucheros", die Kautschuk-Barone, waren die Öl-Scheichs ihrer Tage.
In einer der alten Grüfte, das rostige Gittertor quietscht natürlich, ruht ein Cauchero, dessen Name in den Annalen der Geld-Raffer und Indio-Schinder einen Spitzenplatz einnimmt. Carlos Fermin Fitzcarrald, entziffert man auf dem verwitterten Gestein, gestorben am 9. 7. 1897.
Dem Gringo irischer Abstammung war, im Jahr 1894, der Coup des Lebens gelungen. Um eine wegen Stromschnellen unerreichbare Gummi-Bonanza im Südosten Perus zu erobern, umging er einfach das Hindernis -- so: Er dampfte mit seiner "Contamana" in einen Parallel-Fluß, ließ von Indios eine neun Kilometer lange Schneise durch den Dschungel schlagen und auf diesem Wege das (zerlegte) Schiff in das gewünschte Gewässer schleppen, oberhalb der Stromschnellen.
Aus 3000 Meter Höhe liegt der Regen-Urwald wie ein puschliger Flokati-Teppich da, durchbrochen von dem lehmigen Geschlinge der Amazonas-Oberläufe. Fünf Stunden, eine Zwischenlandung, braucht die einmotorige Cessna von Iquitos zum Rio Camisea -- zu Werner Herzogs Grünem Hügel.
Ein Luft-Bild von surrealer Faszination: In das grüne Gewölle ist ein Korridor gehauen, ein massiger, altertümlicher Amazonasdampfer hängt auf halber Bergeshöh, pafft gewaltig schwarzen Rauch, Schwärme von Indios rackern sich an primitiven Winden und Seilzügen.
Im tiefsten Busch, zwischen dem Camisea und dem Urubamba, nur ein paar hundert Kilometer entfernt von Fitzcarralds historischer Fluß-zu-Fluß-Passage, läßt Herzog ein Schiff über den Hügel ziehen. "Fitzcarraldo" heißt sein Film-Unternehmen, es ist das abenteuerlichste der deutschen Kino-Geschichte.
Der Buschpilot hat die Cessna auf einer rumpligen Graspiste austanzen lassen, per "Peke-Peke", dem Indio-Flachboot mit Tuckermotor, geht es eine Stunde flußaufwärts zum Camp und zum Drehort; auf einer Sandbank dösen Alligatoren.
Was vom Himmel surreal aussah, wirkt auf Erden schlicht wahnwitzig. 160 Tonnen wiegt die "Molly Aida", penibler Nachbau eines Flußdampfers der Jahrhundertwende. Sie ist 40 Meter lang, haushoch, riesige Baumstämme dienen als Kufen, über die sie knirschend und wimmernd bergan gezerrt wird; ein Bulldozer, versteckt hinterm Hügel, zieht mit.
Ein lehmverschmierter Herzog dirigiert die Indios, Kameramann Thomas Mauch steht bis zu den Knien im Wasser, Fitzcarraldo-Darsteller Klaus Kinski schiebt den weißen Sombrero zurück und kontrolliert im Spiegel seine Züge; Indios, die nicht im Bilde sind, schrapen mit Piranha-Zähnen ihre Pfeile scharf, kauen Coca, Mütter säugen ihre Babys. Leise rauscht der Camisea.
"Ich kann mich nicht an einen Tag erinnern", sagt Herzog, "an dem nicht etwas Furchtbares passiert wäre." Wie mit "magischer Kraft" habe er bei diesem Film das Unglück angezogen, ein "Marsch am Abgrund entlang" sei es gewesen. Doch an diesem Tage scheint der Kelch an uns vorüberzugehen.
Das Künstler-Camp liegt fünf Peke-Peke-Minuten flußaufwärts. Ein Dutzend S.173 schmucker Indio-Hütten auf Pfählen, aus Bambus und Palmholz, sind zwischen die Busch-Riesen gebaut, ein blubbernder Generator erzeugt Strom für Licht und Funkstation, die besseren Etablissements haben Spülklo und fließendes Wasser.
An die zehn Nationen sind im Team vertreten, Amateure wie Profis. Der mexikanische Zwei-Meter-Mann, Box-Champ seines Landes, hat schon in "Cave Man" mitgespielt; Huerqueque, Gastwirt in Iquitos, verkriecht sich gern, von Malaria geschüttelt, in der Hängematte; Paul Hittscher, ein oller Seebär aus Hamburg, durchfurchte 20 Jahre lang die Meere, lebt seit acht Jahren als Gastronom in Iquitos und spielt Fitzcarraldos Kapitän.
Und Kinski; im Camp hat er sich den Vornamen "Adolf" erbrüllt. "Er ist viel empfindlicher als wir alle zusammen", sagt Herzog; vor allem auf den Ohren und am Magen. Er kochte sich, abseits vom Speisesaal, den er auch mal zertrümmerte, sein eigenes Süppchen, hieß das Camp ein "KZ" und verlangte in einem Zusatzvertrag: "Es dürfen sich keine Hähne im Camp befinden"; die gingen den Weg alles Fleisches.
Seit Herzog mit Kinski "Aguirre" drehte, vor zehn Jahren, auch im Dschungel, hängt er an dem Schreihals. Der habe "immer die Präsenz von etwas Genialem", sagt Herzog, und wenn man ihn ansehe, empfinde man "den Rest der Welt als geisteskrank".
Dieser Herzog, dieser Bildertürmer, ist ein sonderbarer Träumer. Er wünscht sich eine Welt, "in der Schiffe über Berge fliegen können", Menschen aus Glas sind und "so fein gebaut, daß man einen feinen Klang von sich gibt, wenn man sich berührt".
Sein Fitzcarraldo hat mit dem historischen Cauchero, außer der sensationellen Land-Schiffahrt, nichts gemein. Herzogs Held wird von einer schön fixen Idee umgetrieben: Er will "Große Oper in den Urwald bringen", Caruso, Kunst, das Schöne; heute würde er Filme drehen, so wie Herzog.
Das "Fitzcarraldo"-Drehbuch liest sich wie ein Gedicht. Fitz, wie er kurz gerufen wird, ist mit der Puff-Mutter Molly (Claudia Cardinale) liiert. Nach mancherlei kuriosen Fehlschlägen setzt er, um an Geld für seinen Traum zu kommen, schließlich auf Kautschuk und die Fahrt durchs Grüne.
Als "Eroberer des Nutzlosen" wagt er die "Herausforderung des Unmöglichen". Kopfjagende Wilde besänftigt er, ähnlich Orpheus, mit Musik, mit einer Caruso-Platte auf dem Grammophon; die Indios hieven ihn, wie den Original-Cauchero, von einem Fluß in den andern, lassen ihn aber dann in die Stromschnellen abtreiben.
"Film", sagt Herzog, der auf einem Bein 60 Kniebeugen schafft, "ist eher eine athletische Disziplin als eine akademische." Film komme gar nicht so sehr aus dem Kopf, mehr aus dem Körperinstinkt, den Beinen, den Knien. Film ist für Herzog Knochenarbeit.
Kaum ein anderer käme auf die Idee, in der Grünen Hölle ein komplettes Schiff mit relativ primitivem Gerät 1200 Meter weit über Stock und Stein zu ziehen, bei Steigungen bis zu 35 Prozent; eine Attrappe täte es auch.
Aber Herzog kann nicht schummeln, die Herstellung des Films ist identisch mit dem Film, die "elementare Gefährdung, die unmittelbare Präsenz von Fluß, Urwald, Indianern" muß sein; das könne man nicht in einem botanischen Garten oder in Hollywood-Studios drehen.
Das bringt dann mit sich, daß sich die Entstehungsgeschichte des "Fitzcarraldo" wie ein langer Frontbericht anhört, mit Flugzeugabstürzen, Toten, Verletzten, Naturkatastrophen; der Trouble fing schon vor Drehbeginn an. Denn drei Jahre bereits kraucht Herzog mit dem Projekt im peruanischen Busch herum; im ersten geplanten Operationsgebiet, am Maranon bei den Aguaruna-Indios, kam es zu Mißhelligkeiten und Mißverständnissen; "brutale Menschenrechtsverletzung" wähnten Ethnologen im Busch, "Amnesty international" schaltete sich ein, schließlich brannten Indios sein Camp nieder.
Sie hätten die Situation mit den Indianern damals falsch eingeschätzt, sagt Herzogs Halbbruder Lucki Stipetic, Mann für alles des Familienunternehmens; Verträge seien mit den falschen Leuten geschlossen worden, das Vorgehen wohl "ein bißchen zu heftig" gewesen; "Amnesty international" habe sie inzwischen rehabilitiert.
In einem in jeder Hinsicht dschungelhaften Lande wie Peru können Fehltritte S.176 fatale Folgen haben. Da züngeln nicht nur 270 Schlangen-Arten; eine Spezies bellt, eine andere kann 40 Meter lang werden. Da sind auch die neuen Fitzcarraldos auf der Jagd: nach Öl, Gold, Holz und wieder Kautschuk. Und am illegalen Kokain-Handel verdienen sich vor allem in Iquitos Schmuggler und Dealer goldene Nasen; der Umsatz am Ort wird auf zwei Millionen Dollar täglich geschätzt.
Die Opfer-Rolle, als Ausgebeutete oder Verjagte, spielen in jedem Fall die Indios. Herzog freilich ist kein Pizarro, eher ein Bizarro. Nach jedem Drehschluß bedankt er sich mit Handschlag bei den Chiefs der Statisten, und die braunen Scharen klatschen ihm Beifall; Kinski läßt sich nach Indio-Berührungen Alkohol zum Reinigen reichen.
Die Indios, sagt Herzog, "haben die Rolle von abgedankten Königen akzeptiert und daher ihre Würde". Er hat mit zwei Stämmen, Campas und Machiguengas, ordentliche Verträge abgeschlossen, und um die Zivilisations-Fernen in die Arbeit der Gringos einzuführen, spielte er ihnen Filme vor, "African Queen" auf Super-8.
An die 500 Indios strömten zeitweilig zusammen, in einem eigenen Groß-Camp; für die Logistiker, alles geht per Fluß und Flug, ein Titanenwerk. Fünf Nativos starben während der Zeit, einer ertrank, die anderen an Krankheiten; sie riefen den ständig paraten Camp-Arzt zu spät.
Fünf Schwerverletzte, einer blieb querschnittgelähmt, hinterließ ein Flugzeug-Absturz; beim Start auf der Graspiste hatte sich ein Ast im Höhenruder verfangen. Ein anderes Flugzeug ging bei der Landung zu Bruch, ohne Verluste.
Auch Attacken fremder Stämme forderten Blut. Ein Campa-Ehepaar, zum Fischen und Jagen ein paar Stunden flußaufwärts gefahren, wurde nachts überfallen. Die mannslangen Pfeile, dem Mann ging einer durch den Hals, der Frau in den Unterleib, operierte der Camp-Arzt erfolgreich heraus.
Andere Sorgen, sehr trübe, hatte Herzog mit den Gringos. Denn ursprünglich sollte ein illustres Trio die Hauptrollen spielen -- der Hollywood-Mensch Jason Robards den Fitzcarraldo, Mario Adorf den Kapitän und Rolling Stone Mick Jagger einen närrischen Buschklepper.
Ein gut Teil des Films war abgedreht, als Robards schlappmachte, vom Dschungel zermürbt; er reiste ab und kam nicht wieder. Jagger hatte sich für den Urwald komfortabel ausstaffiert, mit Betamax, ein paar Dutzend Videocassetten und Stoff für Nase und Pfeifchen. Die Dreh-Verzögerungen kollidierten dann mit seinen Terminen.
Auch Mario Adorf seilte sich ab; in bunten Blättern beklagte er die Drehstrapazen, hieß Herzog "faschistoid", einen, der "die Katastrophen sucht". Adorf: "Herzog kann nur arbeiten mit Zwergen, Freaks und Kinski."
Wahr gesprochen, Herzog fürchtet weder Tod noch Teufel, weder Schlangen, Vogelspinnen noch Alligatoren. Alligatoren-Schwänze schmecken wie Hummer, anpirschende Schlangen nageln die Indios wie nebenbei, aus der Hüfte, mit ihren Pfeilen fest.
Die dramatischste Heldensaga webt sich bereits um die Fahrt durch den "Pongo", die Stromschnelle. Da peitscht sich der Urubamba durch ein mächtiges Felsentor, und da mußte auch die "Molly Aida" durch.
Das Ur-Schiff für die "Molly Aida" hatte Herzog lange gesucht, er fand es in Kolumbien, ein Wrack, die "Narinho". Mit 500 leeren Ölfässern im Bauch schwimmfähig gemacht, ließ sich das Museumsstück, 1904 in Glasgow gebaut, nach Iquitos schleppen; nach dem Muster wurden zwei "Molly Aidas" gebaut, eine für den Berg, eine für den Pongo.
Und der Pongo hat der "Molly" und ihren Mannen schauerlich zugesetzt. Beim Donnern an die Felsen, erzählt Paul, der olle Seebär, faltete sich der Bug "wie Papier", die filmenden Künstler stürzten zu Boden, Rippenbrüche, Gehirnerschütterung, Tomaten auf den Augen -- am schlimmsten traf es den Kameramann Thomas Mauch.
"Es sah aus wie geschnittene Salami", erzählt er: Der Kamera-Griff hatte ihm die linke Hand zerspalten. Im Peke-Peke tuckerte das Team heim zur Sanitätsstation, in tiefer Nacht. Mauch ruhte auf dem Rücken, "und Paul erklärte mir die Sterne".
"Große Oper in den Urwald": Herzog, der Visionär, sieht eine innige Verwandtschaft zwischen Musiktheater und Dschungel, "in der ungeheuerlichen Übersteigerung, in der Maßlosigkeit an Gefühlen". Im "Teatro Amazonas" in der brasilianischen Provinz-Metropole Manaus ist die Maßlosigkeit Stein geworden.
Reiche Caucheros, Parvenues, wollten da mit Europa mithalten, mitten im Dschungel. Sie erbauten sich, 1896, ein Opernhaus im pseudo-klassischen Stil, mit Dachziegeln aus dem Elsaß, Marmor aus Italien, darauf eine papageienbunte Kuppel. "Die tiefste und wunderbarste Monstrosität", sagt Herzog, "die die Jahrhundertwende und der Urwald ausgebrütet haben."
Nach Gutsherrenart luden die Caucheros Kunst-Prominenz der Welt zu Gast, in Herzogs Film sogar Sarah Bernhardt und Enrico Caruso; in Wahrheit kamen beide auf ihren Welttourneen nur bis Rio de Janeiro.
Hier, im Saal voll Gold und Purpur-Plüsch, erlebt Fitzcarraldo den Opernorgasmus, der ihn süchtig macht. Und die Creme von Manaus, mit angeklebten Bärten, Mittelscheitel, Belle-Epoque-Kostümen, spielte gratis Publikum.
Die Pongo-"Molly" liegt ramponiert auf einer Sandbank, die andere "Molly" hängt am Berg; zwölf Millionen Mark hat "Fitzcarraldo" bislang gekostet. Bis November ist Drehpause, dann geht es, mit weiteren zwei Millionen Mark, ins Finale.
Hannibals Elefanten-Tour über die Alpen wirkt fast wie ein Ringelspiel gegenüber der Besessenheit, mit der Herzog um sein Busch-Epos ficht. Das Ausmaß an "Niederlagen und Demütigungen" erinnert ihn jedoch eher an eine Arbeit, "die ähnlich absurd ist wie die eines Sisyphos".
Und wenn er den "Fitzcarraldo" nicht zu Ende bringt, sagt Herzog, "gehe ich in den Dschungel, und keiner wird mich finden".

DER SPIEGEL 35/1981
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