29.03.1982

Eine liebenswerte Faschistin

SPIEGEL-Redakteur Harald Wieser über Luce d'Eramo - eine italienische Patrizierin im Nazi-Staat Luce d'Eramo hat über das Werk Ignazio Silones und einen in Italien vieldiskutierten Roman über das Innenleben einer Terror-Gruppe geschrieben. Berühmt wurde sie mit „Der Umweg": Luce d'Eramo: „Der Umweg“. Deutsch von Sarah Michel. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg; 416 Seiten; 32 Mark. einer romanartigen Autobiographie, in der die gelähmte Frau und linke Autorin ihre Vergangenheit als Bewunderin des Dritten Reichs enthüllt.
An einem Februartag des Jahres 1944 nimmt die im italienischen Como lebende Patrizierin Lucia Mangione (die nach einer späteren Ehe Luce d'Eramo heißt) zwei ihr besonders liebe Photos aus barocken Rahmen, verstaut danebst ein zerlesenes Buch in ihrem Rucksack, legt ein Zettelchen des Abschieds auf ihr Bett und verläßt auf leisen Sohlen ihr Elternhaus, "die Mahagonimöbel, das feine Porzellan, das englische Silber". Das alte Buch hat vor mehr als 150 Jahren der Königsberger Philosoph Immanuel Kant geschrieben und heißt "Kritik der Urteilskraft". Die Photos zeigen ihre Polit-Heiligen: Benito Mussolini und Adolf Hitler.
Das Reiseziel der 18jährigen Faschistin ist Deutschland. In ihrer Heimat (den Zeitungen, der Schule, der Familie) hat sie bis zum Sommer 1943 nur "Verdi-Hymnen" über das Leben im befreundeten Nazi-Staat vernommen. Als nach der Entmachtung des Duce durch den König die Zensur gelockert wird, ist mit einem Mal ein schäbiges, das Deutschland der Lager in vieler Munde. In der Kritik ihrer Landsleute an den Nazis fühlt Lucia Mangione auch auf sich selber mit Fingern gezeigt.
Sie ist die Tochter eines Staatssekretärs in der (letzten) Mussolini-Republik von Salo und könnte bei den deutschen Freunden ihrer Familie Quartier beziehen. Aber da sie zu klug ist, um nicht zu wissen, daß sie über die Gerüchte nur die Wahrheit erfährt, wenn sie die für normale Realitäten blind machende Piano-Kultur ihrer Klasse verläßt, meldet sich das bürgerliche Mädchen freiwillig in die Hölle: in den Ausländerbaracken der berüchtigten Chemie-Fabrik I. G. Farben Frankfurt-Höchst.
Die Menschen in dieser Hölle: sie sind eine ausgehungerte Internationale der aus den besetzten Ländern Deportierten. Lucia hat sich im "Baumwollkleidchen" und in "Rehlederschühchen mit Korkabsatz" auf die Wallfahrt gemacht. Nun verbringt sie, die artige Zierde der Damentees ihrer vom Standesdünkel humorlos gewordenen Mutter, den Tag und die Nächte unter einem Dach mit Kreaturen, die "ungeniert" rülpsen, "den S.199 Rotz hochziehen" und von "ekelhaft verschmierten Löffeln" essen.
Die Elitestudentin von der Universität Padua, die Plutarch im Original liest, auf dem Gymnasium eine Klasse übersprungen hat, in Frankreich erzogen wurde und spielerisch Sprachen lernt - inmitten "zusammengekrümmt dasitzender Männer und Frauen": "schwitzender, nach Maschinenöl und gekochtem Gemüse stinkender Körper".
Als Lucia Italien verließ, verband sie mit dem Faschismus die Idee einer klassenlosen Gesellschaft. In der deutschen Fabrik aber erlebt sie, daß die Nazis sogar unter ihren Sklaven ein ausgeklügeltes Klassensystem etabliert haben. Die Zwangsarbeit der "138 Aufständischen von Warschau" ist die grausamste. Die Katafalke der Russen sind die beengtesten. Auch die "Westler" können sich kaum auf den Beinen halten, aber die "zerkochten Rüben", die man den "Ostarbeitern" in den Napf schlägt, sind "kein Vergleich zu der Suppe", die etwa die Belgier zu essen bekommen.
Vielleicht um ihre schöne Idee vor der schmutzigen Realität zu retten, bietet angesichts dieser Zustände die Faschistin dem Faschismus die Stirn. Beim Fabrikdirektor Doktor Lopp ("dicke Gläser vor den tiefliegenden Augen") beschwert sie sich mit dem unerhörten Satz: "Die Verpflegung der Russen widerspricht dem nazifaschistischen Kulturversprechen." Denn zu Lucia Mangiones ideologischem Repertoire zählt die Überzeugung, daß der "tausendjährige Frieden" nur bauen kann "auf der Gleichheit der Völker".
Diese Gleichheit aber verweigern die Deutschen zuallererst ihr. Sie hat viele Feinde in der Fabrik. Sich selbst beispielsweise: ihren aristokratischen Ekel vor dem proletarischen Elend, der ihr die Solidarität mit den Opfern zu einer körperlichen Überwindung macht. Oder die politischen Gefangenen aus der europäischen Resistenzia, die in ihrem Spind das Photo des Führers entdecken, sie als eine Spionin verdächtigen und mit kleinen bösen Schlägen schikanieren.
Nahezu existentiell aber wird ihr Gerechtigkeitseifer von den Feinden bedroht, die als ihre Freunde auftreten: als Komplizen ihrer bürgerlichen Herkunft und Schutzpatrone ihres im Land der Mörder illustren Namens. Zu diesen Freund-Feinden gehört der deutsche Lagerkommandant mit "Skipullover, Schäferhund und Peitsche", der die Signorina mit der am wenigsten zermürbenden Arbeit privilegiert. Und zu diesen Freund-Feinden zählt der Direktor, der sich auf ihren Protest hin "leicht verbeugt". Jedem anderen der zu Tausenden in Höchst eingepferchten Menschen hätte dieselbe Courage einen Fußtritt eingebracht. Die Deutschen gestatten der human gesinnten Faschistin nur die Rolle einer Luxus-Jeanne-d'Arc.
Aus diesem Teufelskreis der ihr wie eine zweite Haut angewachsenen Privilegien S.200 glaubt Lucia ausbrechen zu können, indem sie sich den Deklassierten in ihrer am brutalsten gedemütigten Gestalt gleichmacht. "Halt Deine Würde hoch!" hat ihr die ahnungslose Mutter geschrieben. Nun trägt sie die Würde der Lumpen zur Schau. Demonstrativ heftet sie sich das von den Deutschen erdachte Schandmal: den "Ost-Winkel" der Russen auf die Jacke. Wie im Fieber exponiert sie sich bei der Vorbereitung eines Streiks um bessere Mahlzeiten, den aber der Lagerlautsprecher mit einem simulierten Fliegeralarm und mit dem Köder eines gekochten Eies zerstreut. Trotz dieser Niederlage hat das Mädchen unter den Gefangenen "endlich" Vertraute gewonnen. Aber die Klassensolidarität der Sieger funktioniert sogar jetzt.
Die Russin Gruschenka: "ausgemergelt, zerlumpt, aber mit Anmut"; die Französin Martine: "lebhafte Augen, bleiches Gesicht"; und wahrscheinlich auch der "Immigrant aus Apulien", der "ganz aus Nerven und Mimik bestand"bezahlen ihren Widerstand mit dem Leben. Der "Rädelsführerin" Lucia Mangione aber wird nach einer Überdosis Rattengift im "himmelblauen" 1. Klasse-Separee eines Frankfurter Krankenhauses eine Strafe zuteil, die ihrem "Rang gebührt". Auf Bitten der Deutschen sitzt "mit Monokel" der italienische Konsul an ihrem Bett und bereitet mit "wattierter Stimme" ihre "Repatriierung", die gepflegte Rückkehr in die Heimat vor.
Luce d'Eramos "Der Umweg" ist unter den autobiographischen Romanen, die das Gedächtnis der Leiden im Nazi-Staat sind, ein Ereignis ohne Beispiel. Die Französin Fania Fenelon hat sich in "Das Mädchenorchester in Auschwitz" aus dem Blickwinkel einer Jüdin erinnert. Der in Buchenwald inhaftierte Spanier Jorge Semprun (der am Drehbuch zu Costa-Gavras "Z" mitschrieb) als Kommunist, in "Die große Reise" und "Was für ein schöner Sonntag".
Sie alle hat dabei nicht nur der kühle Verstand geleitet. Wenn aber Jorge Semprun oder Fania Fenelon bei der Ausbreitung ihrer Erlebnisse Alpträume hatten, dann waren es die Alpträume vor dem Entsetzen, das sie mit der Literarisierung des Holocaust ein zweites Mal durchlebten. Bei der Italienerin Luce d'Eramo stellte sich zu dieser Erinnerungspanik des Opfers die Erinnerungspanik der vermeintlichen Täterin ein: die Angst vor dem Eingeständnis ihrer zumindest ideologischen Mitschuld.
Diese Angst hat ein Buch entstehen lassen, in dem der Leser eine Zeitlang wie in einem Labyrinth umherirrt. In der Wirklichkeit war die Reise ins Lager Höchst Luce d'Eramos "Erste Ankunft im 'Dritten Reich'". In der literarischen Erinnerung an diese Wirklichkeit verrät sie die (wie sie glaubt) beschämenden Umstände der Reise auf "Umwegen": die Freiwilligkeit ihres Tourismus ins gelobte Land auf Seite 136; die exklusive Rückkehr nach Italien auf Seite 251. Auf den vielen Seiten zuvor präsentiert sie sich als die tragische und aller Privilegien bare Heldin, die sie in Höchst nicht sein durfte, aber mit ihrer ganzen Existenz sein wollte: als ganz gewöhnliche Deportierte bei einer Flucht aus dem Konzentrationslager Dachau und als eine um ihre Jugend gebrachte Gelähmte im Sterbezimmer eines Mainzer Hospitals.
Die Auflösung des Verwirrspiels: Die Autorin hat nicht in der Chronologie der wirklichen Ereignisse berichtet, sondern in der Chronologie ihres Mutes, sich diese Ereignisse von der Seele zu schreiben. Die ihr Buch merkwürdigerweise einleitende Flucht aus Dachau (die Folge einer zweiten Ankunft im Dritten Reich) brachte sie bereits 1953 zu Papier. Den Hospitalaufenthalt in Mainz bewältigte sie 1961. Die Wallfahrt nach Höchst aber gestand sie erst 1975, nach über dreißig Jahren "mit einer dunklen Brille vor dem Gehirn". Da sie diese ihre eigenen Umwege auch den Lesern nicht erspart, werden wir eine Zeitlang mit der blanken Wahrheit belogen.
Tatsächlich hat Lucia Mangione alias Luce d'Eramo nach ihrer "Repatriierung" den Nazi-Staat erneut erlebt. Nachdem sie mit der Eisenbahn in Verona angekommen ist, zerreißt sie die Fahrkarte und beschließt, zu ihren Eltern in Como nicht zurückzukehren. Sie ist nicht nur von ihrer "Schwärmerei für die Mythologie des Regimes" kuriert, sie hat auch die Maskeraden des bürgerlichen Lebens "hassen" gelernt: "Der bloße Gedanke an die Empfänge und Konzerte: meine Mutter mit Hutschleier, ich mit Spitzenhandschuhen, die auf Hochglanz polierten Offiziere". Bereits in Höchst nämlich hat Lucia, die sich anfangs als einzige wusch und manikürte, irgendwann angefangen, "den Gestank" der Wollbinden ihrer Füße und die "schlechten Manieren" ihrer Kameradinnen "mit Genugtuung" wahrzunehmen. Nun verklärt sie die Existenz der "Aussätzigen" zur einzig legitimen Lebensart.
Als sie während ihrer Vagabundage durch die von den Deutschen immer noch besetzte Stadt Verona eine von SS-Leuten eskortierte Partisanen-Kolonne um die Ecke biegen sieht, provoziert sie die Uniformierten mit einer politischen Parole und wird kurzerhand unter die Gefangenen eingereiht. Sie bräuchte, um ihres Wegs gehen zu können, nur mit ihrem Namen zu winken: mit diesem Passepartout zur Gunst der Henker. Aber zu den paradoxen Sehnsüchten des Mädchens gehört, daß es die Verhaftung als eine "Befreiung" erlebt: "Ich wollte von den Nazis eingesperrt worden sein, damit nach und nach mein erster freiwilliger Einsatz in meinem Gedächtnis verschwamm." Also wirft sie die sie schützenden Papiere weg und wird in einem der unzähligen plombierten Waggons in dreitägiger Hunger-Fahrt "wie im Zwinger" nach Dachau verladen.
Luce d'Eramo ist eine Gegnerin der Psychoanalyse und würde dies selber anders ausdrücken: Aber ihre Fahrt nach Dachau ist ein Vatermord aus dem Bilderbuch. Woran der Name des Vaters sie in Höchst gehindert hat, das gelingt ihr namenlos in Dachau: Sie büßt den Hochmut und die galanten Lügen einer ganzen sozialen Klasse ab. Mit dieser Leidenslust entspricht sie dem religiösen Bild einer Märtyrerin. Aber eine Märtyrerin eben ist sie nicht. Natürlich entsetzt sie das "Handwerk" der "Kerkermeister", das sie an die "Aufzeichnungen aus einem Totenhaus" ihres Lieblingsautors Dostojewski erinnert: Damit die Folterer bei der Folter nicht verrückt S.202 werden, müssen sie "etwas von sich dazugeben", bis sie die Gefangenen "aus Liebe zur Kunst" peitschen.
Aber nicht weniger empören das an Stolz gewöhnte Mädchen die Leidensgenossen: "gebrochene Menschen", die sich wortlos in ihr Schicksal fügen, aber Intrigen untereinander spinnen. Einerseits bringt sie ihnen den Erlebnisneid der behüteten Jungfrau und eine "bestialische Liebe" entgegen; andererseits verachtet sie ihr Sklaventum. "Ich hasse Opfer." Sie singt das Horst-Wessel-Lied. Von den Häftlingen bezieht sie Prügel, weil sie es überhaupt riskiert. Von der SS wird die "Schlampe" traktiert, weil sie es während der Suche nach Brotrinden in den Abfalleimern und mit hintersinnigtrotziger Betonung auf "diesem Vers" singt: "Die Knechtschaft dauert nur noch kurze Zeit."
In Dachau vergehen zwölf Wochen. Als ihr Reinigungstrupp in die Münchner Kanalisation ausgeführt wird, kann sie fliehen, versteckt sich in den Katakomben eines KZ-nahen Illegalenlagers ("Thomasbräu") und begegnet der "Psychose der Gesetzlosen": gejagten Menschen "mit Augen, die nicht stillstehen können". Sie ist nun "ohne Träume" und eine von denen, über die "keiner je geschrieben hat": "mindestens drei Millionen Leute, die im Dritten Reich herumstreunten, Informationen austauschend und nach Belieben die Identität wechselnd".
Anfang 1945 nach Mainz verschlagen, geschieht das Unglück: Bei dem Versuch, einige nach einem Bombenangriff verschüttete Polen aus den Trümmern zu retten, stürzt eine Mauer über ihr ein. Ihr Gedanke: "Was für ein idiotisches Ende." Aber es ist nicht zu Ende. Lucia ist 19 und von der Hüfte abwärts gelähmt.
Zu Hause in Como hat sie dem Vater des öfteren gesagt, die "einfachen Leute" seien auch "Menschen". Der Vater hat sie daraufhin stets mit demselben Zynismus beschieden: "Das ist wie mit den Buckligen! Willst du deshalb vielleicht auch bucklig werden?" Im übertragenen Sinn des Wortes wollte sie es schon in Höchst sein, sozial war sie es in Dachau, körperlich ist sie es jetzt in Mainz. So makaber dies klingt: Den Wunsch nach Abschaffung ihrer bürgerlichen Einzigartigkeit in schmuckloser Gleichheit hat sie sich damit sozusagen übererfüllt. Aber während sie das Privileg ihrer Herkunft zu bewältigen versucht hat, indem sie sich freiwillig erniedrigte, bewältigt das nun hilflose Mädchen den Verlust seiner Privilegien, indem es seine Einzigartigkeit in einem monumentalen Narzißmus reinszeniert.
Sie soll bereits die Letzte Ölung erhalten, ist aber von unheimlicher Heiterkeit und malt ein Schild an ihre Tür, mit dem sie ins "Zimmer zur guten Laune" einlädt. Sie ist "festgenagelt inmitten von Scheiße und Urin", ihr Rücken "eine einzige Kaverne, aus der die gebrochenen Rippen" ragen, aber wie eine gute Samariterin unermüdlich dabei, ihre Leidensgenossen zu ermutigen. Sie ist für alle Zeiten "halb Frau, halb Fisch: eine moderne Sirene", aber die Männer auf der Station umschwärmen vor allem sie. Diesen Narzißmus verrät auch die Wortwahl ihrer Erinnerungen: Sie bekam nicht einfach Besuch, sie gab "Audienzen"; und die Leute gingen nicht, sie "defilierten" an ihr vorbei. Schließlich hat sie den Traum, auch "Gott" sei "gelähmt".
Diese Passionsgeschichte von der eingebildeten Göttin führt dazu, daß dem Leser ausgerechnet dort, wo er sich auf Mitleid einstellt, eine ansonsten leise Frau entgegentritt, deren laute Eitelkeiten ihn eher irritieren. Aber nur diese Eitelkeiten verliehen dem Mädchen Mangione die Kraft, "Millimeter um Millimeter meines Körpers dem Leben zurückzugewinnen" und dem "Tod des Körpers" nicht auch den Tod der Seele folgen zu lassen. Ohne ihr übersteigertes Selbstbild eines allseits geliebten Lazarettgeistes wäre Lucia gestorben.
Luce d'Eramo lebt heute 56jährig in Rom: allein in einer bescheidenen Wohnung. 1947 brachte sie einen Sohn zur Welt. Er arbeitet als Redakteur bei der linken Zeitung "Il Manifesto". Von ihrem Mann, der sie in der gemeinsamen Wohnung mit diversen Rivalinnen betrog und keine Ahnung hatte, daß seine Frau sich im Nebenzimmer Rauschgift in die Venen spritzte, ist sie lange geschieden. Eines Tages übrigens hatte er angefangen, den Refrain eines bösen Liedes zu trällern: "Ich mag gerne schwarze Augen, ich mag gerne blaue Augen, aber die Beine, aber die Beine, die mag ich noch viel mehr."
Zur Schriftstellerei kam sie durch Alberto Moravia. Sie hat eine Biographie über Ignazio Silone, der ihr bis zu seinem Tod ein enger Freund war, eine Rätsel-Reportage über die Ermordung des anarchistischen Verlegers Feltrinelli und "Nucleo Zero" geschrieben: einen Roman über das Innenleben und die Phantasien einer Terroristengruppe, den der Biennale-Direktor Carlo Lizzani verfilmt, und der im Herbst unter dem Titel "Gruppe ZERO" bei Rowohlt auch in deutscher Sprache erscheint. Sie drückt sich am liebsten erzählerisch aus, hat aber auch gleich zweimal promoviert: 1951 mit einer Arbeit über die Ästhetik des italienischen Poeten Giacomo Leopardi, 1954 über Kants "Kritik der Urteilskraft", dem philosophischen Werk, das auf dem Weg ins Arbeitslager Höchst ihre Reiselektüre gewesen ist.
Eine "Gesinnung" hat sie nicht mehr zu bieten. Aber ihre politischen Sympathien gehören der außerparlamentarischen Linken: "der progressiven Gegenkultur, die die Geister ein wenig offener gemacht" hat. Sie verfaßt gelegentlich Artikel für die Zeitung ihres Sohnes und ist Mitglied eines Komitees "Frauen für die Friedenskultur". Nichts liegt darum näher, als in der politischen Biographie der Italienerin einen eklatanten Bruch zu vermuten. Die meisten Rezensenten des "Umweg" sind auch nach diesem handlichen Interpretationsmuster verfahren. Sie entwerfen das Bild einer Frau, die ihren jugendlichen Idealen radikal abgeschworen hat - so als seien Lucia Mangione S.205 und Luce d'Eramo zwei verschiedene Personen.
Die Patrizierin aus Como aber hat nur ihre Klasse verraten, ihrem politischen Mädchentraum ist sie treu geblieben. Die Motive, die Lucia Mangione zur Faschistin haben werden lassen und die aus Luce d'Eramo eine linke Literatin gemacht haben: Es waren dieselben Motive. Die hohe Tochter hat ganz einfach an das (verlogene) Gleichheitsversprechen des Duce geglaubt. Die Geschichtsbücher der Nachkriegs-Demokratie haben uns diesen Typus des Faschisten nicht oder nur verschämt überliefert. Dies hat einleuchtende Gründe. Denn er bedrohte die bürgerliche Klassenkultur nicht im Namen einer verbrecherischen Alternative, sondern im Namen eines vielleicht romantischen und völkisch ausgebeuteten Gerechtigkeitsideals.

DER SPIEGEL 13/1982
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