In seiner privaten Umgebung, Elsastraße 38 c im Ost-Berliner Stadtbezirk Weißensee, war der stattliche Fünfziger bislang nicht allzusehr aufgefallen. Er ist korpulent, etwa 1,80 Meter groß, blond mit Geheimratsecken und spricht hallensisch, "ein bißchen wie Genscher".
Die Familie, Ehefrau und drei erwachsene Kinder zwischen 17 und 23 Jahren, wirkt wohl situiert. Sie hat, wie es scheint, alles, was man braucht. Als Zweitwagen steht ein Trabant vor der Tür, Vater selbst fährt Westauto, einen dunkelblauen Fiat Mirafiori mit dem Kennzeichen IB 07-08. Ab Freitag steht die Wohnung öfters leer, die Bewohner fahren zur Datscha.
Das Wochenendhaus liegt in Teupitz, südöstlich von Berlin, wo eine ganze Kolonie bewährter Systemstützen siedelt. Offiziere aus dem Ministerium für Staatssicherheit sind hier unter sich. In diese Gemeinschaft fügt sich der unauffällige Mann aus der Elsastraße gut ein, denn seine Wochenendnachbarn trifft er auch alltags:
Er heißt Horst Vogel, ist General und leitet in der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA), dem Spionageapparat des Stasi-Ministeriums, den Bereich Wissenschaft und Technik.
Als "Sektor WT" unterstehen Horst Vogel die Spionage-Abteilungen 13, 14, 15 (Beschaffung) und 5 (Auswertung), deren Agenten systematisch die Forschung und Industrie des Westens ausspähen. Sie helfen, den technologischen Rückstand des Ostblocks aufzuholen. Vor allem auf dem Gebiet der Physik, Chemie, Elektronik, Materialtechnik und Kernkraft holen Vogels Leute "buchstäblich alles, was sie bekommen können", so die Erkenntnis westdeutscher Verfassungsschützer.
Als Leiter dieses Schlüsselressorts hat sich Horst Vogel, 50, offensichtlich schon dicht an die Schwelle der Macht herangearbeitet.
Er gilt unter westlichen Nachrichtendienstlern als "Mann von morgen". Vor ihm rangiert nur noch Markus Wolf, der auch bei der Westkonkurrenz respektierte Spionagechef.
Erwartungen, daß Vogel "durchaus der Nachfolger werden könnte" (ein hochrangiger Verfassungsschützer), sind durch Vorkommnisse verstärkt worden, die dem legendären Ruf des Markus Wolf Abbruch taten.
So konnten westliche Dienststellen in den vergangenen Jahren über Eskapaden des HVA-Leiters berichten. Einmal reiste Wolf nach Stockholm, um den bayrischen SPD-Landtagsabgeordneten Friedrich Cremer, der inzwischen wegen Spionage verurteilt wurde, persönlich einzuvernehmen. In Wolfs Troß reiste auch dessen dritte Ehefrau, auf dem Nebenprogramm standen private Möbeleinkäufe und Sexkinobesuch; durch allzu statusbewußte Tarnung ("Dr. Kurt Werner") lenkte der Chef die besondere Neugier der Dienste auf sich und wurde schließlich sogar noch photographiert.
Es machte auch die Runde, daß Markus Wolf sich für seinen Bruder Konrad einsetzte, den Filmregisseur und Präsidenten der DDR-Akademie der Künste, der durch Kontakte zu DDR-Systemkritikern in Widerstreit mit dem System selbst geriet. Den schon angedrohten Ausschluß Konrad Wolfs aus "öffentlichen Funktionen unserer Gesellschaft" unterband der Bruder von der HVA.
Neben privaten Unternehmungen, die Wolfs Eitelkeit, Spezitum und Konsumeifer belegen - daheim rattert der Volvo-Fahrer ("244 GLS") mit einem russischen Geländewagen durch die Gegend -, passierte dem Spionagechef noch dienstliches Mißgeschick. Der HVA-Oberleutnant Werner Stiller konnte jahrelang unerkannt als Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes operieren. Als er am Ende überlief, schädigte er mit seinen Informationen vor allem den Kernbereich "WT".
Besuchern, die in jüngerer Zeit Zugang zum Ministerium für Staatssicherheit hatten, kam Wolf gelegentlich unerwartet weitschweifig vor. Äußerlich unterstreiche er zwar durch abgewetzten dunklen Anzug den Eindruck funktionaler Geschäftigkeit. Doch Gesprächspartnern fällt auf, daß Wolf gern auf die alten Zeiten, damals in der Sowjet-Union, kommt und ins Schwadronieren über Außerdienstliches gerät, etwa wie gerade eine Schule auf den Namen des Vaters, des Dramatikers Friedrich Wolf, eingeweiht wurde, oder über die Eigenarten seines Geländewagens Lada Niva.
Daß der Genosse Vogel den Spionagechef Markus Wolf bald ablösen könnte, macht sich, Überläufer-Berichten zufolge, in der HVA-Praxis schon bemerkbar. Die westlichen Abwehrbehörden wissen darüber dank der von Werner Stiller kopierten einschlägigen Akten aus dem Ministerium für Staatssicherheit. Danach wird Vogel so qualifiziert: "sehr ehrgeizig, geltungsbedürftig, imagebedacht, hohe intellektuelle Fähigkeiten, gute Menschenkenntnis, rhetorisch vorzüglich, sehr gutes Gedächtnis" - für amtliche Aktenleser gilt der General als "das As".
Mit mindestens einem halben Dutzend falschen Identitäten und Diplomatenpässen reist Vogel im Ausland umher, meidet aber Länder wie Frankreich und England, wo nach HVA-Erfahrung heimlich Ausweise abgelichtet werden.
Über persönliche Begegnungen mit Vogel gibt es außer den Schilderungen des Ex-Agenten Reiner Fülle, der später in die Bundesrepublik zurückkehrte, keine Berichte. Fülle war einmal von dem Stasi-General in einem Gästehaus im Thüringer Wald zum Umtrunk empfangen S.59 worden, bei dem am Ende, so Fülle, einige Gastgeber "unterm Tisch" zu liegen kamen.
Für die Vermischung von dienstlichem und privatem Bereich gibt es allenfalls am Rande Anzeichen. Ein Sohn Vogels ist im Ministerium für Staatssicherheit beschäftigt. Ein Agent mußte einmal, so wird in der HVA kolportiert, in Wien ein Farbfernsehgerät ("Dienst-Gerät") für Vogel beschaffen.
Horst Vogel ist nach Bildungsweg, Parteilaufbahn und Funktionärskarriere ein Musteraufsteiger. Er machte Abitur im Zweiten Bildungsweg und studierte an der Technischen Hochschule Leuna-Merseburg "Ingenieurökonomie".
Der Partei war Vogel schon mit 17 Jahren beigetreten, dem Ministerium für Staatssicherheit mit 24. Als SED-Mann brachte er es schon 1973 zum führenden Mitglied der "Abteilungsparteiorganisation", in der auch der spätere Überläufer Stiller wirkte. Westliche Geheimdienstler vermerken zwar, auch Vogel habe "die Entwicklung Stiller in einigen Punkten falsch gedeutet, man kann ihm da einiges in die Schuhe schieben". Doch ein Karriereknick sei nach der Überläufer-Schlappe nicht ersichtlich.
Schon zu Zeiten Stillers verdiente Vogel, damals noch Oberst, 3875 Mark. Das liegt weit über dem, was gleichrangige Offiziere der Nationalen Volksarmee (NVA) bekommen; dem Militär nämlich ist Vogel, wenn auch hoch dekoriert, nur per Dienstrang und der Form halber verbunden. Zu seinen Auszeichnungen zählen "Verdienstmedaille der NVA" in Bronze, Silber und Gold, vier "Medaillen für treue Dienste in der NVA". Weitere Ehrenränge: "Vaterländischer Verdienstorden" in Bronze, "Verdienstmedaille der DDR", Orden "Banner der Arbeit".
Der Zeitpunkt für eine offizielle Übernahme der Hauptverwaltung Aufklärung durch den "Mann von morgen" ist allerdings auch für westliche Beobachter noch nicht absehbar. Hinweise, Markus Wolf sei alt geworden und feiere außerdem bald seinen 60. Geburtstag, liefern kaum Anhaltspunkte: Wolfs Vorgesetzter, der Staatssicherheitsminister Erich Mielke, wird demnächst 75.
DER SPIEGEL 5/1982
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