26.10.1981

Terror von rechts

Tödlicher Schlagabtausch zwischen Neonazis und Polizisten, Festnahmen in München und Belgien -- die Konfrontation zwischen Gewalttätern aus dem rechten Untergrund und der Staatsmacht hat einen neuen Härtegrad erreicht. Nach Rote-Armee-Fraktion-Vorbild tauchen Rechtsterroristen der „Volkssozialistischen Bewegung Deutschlands“ im Ausland ab und nehmen bei ihren Aktionen auch Tote in Kauf: „Der Kampf geht weiter.“
Nur wenige Minuten vom Pariser Amüsierviertel Pigalle entfernt liegt die Rue de Douai. Dort, im Haus mit der Nummer 31, lebte, gemeinsam mit Gefährtin und Hund, ein Deutscher. Er nannte sich Werdorf.
"Etwa ein Jahr war er hier", weiß seine französische Freundin, "auch letzte Woche noch." "Doch nun", sagt sie, "ist er kaputt." Er wurde am Dienstagabend vergangener Woche in München erschossen.
Denn Werdorf hieß in Wirklichkeit Klaus Ludwig Uhl, 24, Mitglied der rechtsextremistischen "Volksozialistischen Bewegung Deutschlands/Partei der Arbeit" (VSBD/PdA).
Uhl war einer von fünf Männern, die sich in Neubiberg bei München beim VSBD-Vorsitzenden Friedhelm Busse, 52, getroffen hatten, um eine "Geldbeschaffungsaktion" zu bereden: einen Überfall auf eine Sparkasse.
Doch dazu kam es nicht. Tips aus der rechten Szene und Ermittlungen des Bundeskriminalamtes (BKA) führten dazu, daß die fünf im Südosten von München von Beamten des Sondereinsatzkommandos (SEK) der bayrischen Polizei gestellt wurden.
In der Putzbrunner Straße lieferten sich Rechtsextremisten und Beamte, mit Handgranate und Maschinenpistolen, ein Feuergefecht. Der Mann aus Paris und sein Freund Kurt Wolfgram, 21, wurden tödlich, ihr Begleiter, Peter Fabel, 18, und ein Polizist schwer verletzt. Verhaftet wurden zwei Mitglieder von Busses VSBD und ein französischer Neonazi.
Der Zugriff in der Putzbrunner Straße war gewiß ein Erfolg westdeutscher Ermittler, wie BKA-Insider loben ("Meisterleistung der Bayern"). Die blutige Auseinandersetzung allerdings hätte sich womöglich vermeiden lassen -- die Spuren von Uhl, der seit Monaten per Haftbefehl gesucht wird, lagen offen zutage. Aber seine Wohnung in der Rue de Douai, die der SPIEGEL in Stunden aufspürte, wollen die Fahnder trotz konkreter Hinweise aus Paris nicht gekannt haben. Ein BKA-Ermittler: "Das haben wir nicht gewußt."
Daß die Rechten sofort schießen, wie die RAF-Leute, war andererseits eine Erfahrung, die deutsche Polizisten erst zu machen hatten. "Der brutale Einsatz gegen Polizeibeamte", so Generalbundesanwalt Kurt Rebmann, sei eine "bislang unbekannte Erscheinung".
Mit dem neuen Härtegrad rechts unten hatten ganz offenkundig die acht SEK-Beamten, die den Citroen GS in München stoppten, nicht gerechnet. Zwar waren bei Anschlägen von Rechtsextremisten allein im vergangenen Jahr 17 Menschen ums Leben gekommen -- etwa bei einem Bombenanschlag auf das Münchner Oktoberfest oder einem Brandanschlag auf ein Hamburger Asylantenwohnheim.
Doch Feuer frei bei Festnahmeversuchen, das gab es bislang nur bei den anderen Terroristen - beispielsweise als Christof Wackernagel 1977 in einer Amsterdamer Telephonzelle oder Günter Sonnenberg und Verena Becker 1977 im badischen Singen gestellt wurden.
Die Fäden, die nach München führen, belegen aber vor allem, wie grundlegend sich das überkommene Bild von westdeutschen Neonazis gewandelt hat. Untereinander zerstrittene Träumer und Spinner, die noch Ende der siebziger Jahre die Szene prägten (ein Verfassungsschützer: "Da wollte jeder ein kleiner Führer sein"), gibt es auch noch, aber sie spielen nur noch Nebenrollen.
Bei Planung, Vorbereitung und Ausführung von Gewalttaten gibt es kaum mehr erkennbare Unterschiede zwischen Terror nach RAF-Muster und Terror von rechts. Deshalb müsse mit der "peinlichen Praxis Schluß gemacht werden", forderte der Vorsitzende des Bundestagsinnenausschusses Axel Wernitz (SPD), "den Eindruck zu erwecken, der rechte Terrorismus sei weniger gefährlich als der von links".
Auch daß Neonazis weder über "Ideologie und Sympathisanten noch S.28 internationale Beziehungen und Intelligenz verfügen", sagt Eike Hennig, Politologie-Professor in Kassel und Sachverständiger in Verfahren gegen rechte Ultras, "sind folkloristische Klischees, an denen nichts mehr stimmt".
Politologe Hennig, der im Rahmen einer Studie über "Jugend und Rechtsextremismus" Verfassungsschützer, BKA-Ermittler und 32 Rechtsextremisten interviewte, darunter auch den in München erschossenen Kurt Wolfgram, hält den Vorfall in der Putzbrunner Straße für einen "Hinweis auf einen weit fortgeschrittenen Lernprozeß", abgeguckt von jenen Terroristen, die es vorgemacht haben. Hennig: "Da ist noch mit viel mehr zu rechnen."
Unbekannt war bislang, daß Leute vom VSBD, wie Wolfgram (Hennig: "Ein intelligenter junger Mann"), politische Diskussionen führten und historische Quellen analysierten. Volkssozialisten, weiß der Professor aus Befragungen, empfinden sich als Nachfolger jener linken NSDAP-Strömungen um die in den dreißiger Jahren nicht zur Macht gekommenen Ernst Röhm und Gregor Strasser: "Die fühlen sich berufen, diesen Flügel nun an die Macht zu bringen."
Das Forum, das sie sich dafür ausgesucht haben, ist Busses VSBD und die Jugendorganisation "Junge Front" (JF). Nach eigenen Angaben verfügen diese Neonazis über tausend Mitglieder, Verfassungsschützer kennen nur 90, Politologe Hennig schätzt 200.
Den rechten Bund gründete der gelernte Schriftsetzer Busse, vorbestraft wegen Sprengstoffvergehen, nach seinem Ausschluß aus der NPD 1971 in Krefeld. Seine Vision: "Die Rechte wird in zehn bis 15 Jahren stark sein, wenn die Politspinner und Neonazi-Briefkastenfirmen weg sind."
Busse gab, bis zu seiner Verhaftung in der vergangenen Woche, "Volkssozialistische Schulungsbriefe" und monatlich die "Dritte Republik" (Auflage: 1000) heraus. Seine Grundwerte sind "Rasse, Boden, Staat, Ehre und Arbeit", die Gegner "Juden", "Fremdarbeiter", "Klerikalfaschisten" und "Bolschewisten".
"Der bayrische Löwe", das VSBD-Zentralorgan, veröffentlichte im "pril einen Leitartikel von Kurt Wolfgram: Was interessieren uns " " die Besatzer in Afghanistan, solange schwerbewaffnete Russen, " " Amerikaner, Engländer und Franzosen mitten in Deutschland " " stehen? Was stört es uns, wenn ein Demokrat in Korea " " hingerichtet werden soll, wenn von Demokraten Tausende " " Deutsche nach dem Krieg ermordet wurden? Warum sollen wir uns " " darüber aufregen, daß es in anderen Ländern politische " " Gefangene gibt, solange in der BRD junge " " national-sozialistische Freiheitskämpfer eingekerkert werden? " " Was soll uns der Dreck in anderen Ländern stören, uns steht " " die Jauche bis zum Hals! "
Im Klima solcher Vorstellungen gediehen junge Leute wie der gelernte Koch und Rechtsextremist Frank Schubert, 23. Am Heiligabend vergangenen Jahres erschoß er an der Schweizer Grenze erst einen Zöllner, dann einen Polizeibeamten und zuletzt sich selbst.
Busse-Nachruf auf das "Ideal des germanischen Menschen" bei Schuberts Beerdigung auf dem Friedhof in Frankfurt-Oberrad: "Es gilt zu rächen, zu brechen die Macht. Wir müssen bereit sein zu sterben, zu retten die Ehr'. Der Sturm bricht los, bis endlich das Reich neu erstanden ist. Wir müssen unsere Feinde hassen, wie sie uns hassen. Bereit sein, ist alles."
Zwei, die sich immer bereit hielten, waren Wolfgram und Uhl. Der eine, Wolfgram, geriet über die NPD und den Braunschweiger Terroristen Paul Otte auf den rechten Weg. Wegen Schmierereien ("Juden raus") in Bergen-Belsen wurde er 1979 zu zwölf Monaten Haft mit dreijähriger Bewährung verurteilt, im Juli tauchte er nach Frankreich ab.
Dort, in Paris, traf er Uhl, den die westdeutsche Justiz versehentlich mit Paß ausreisen ließ, obwohl er wegen Mitgliedschaft in einer "Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei" rechtskräftig zu einem Jahr Freiheitsstrafe verurteilt worden war.
Uhl kampierte erst bei französischen Rechtsextremisten, dann kam er bei einer Freundin unter. Er führte Interviews mit dem konservativen "Quotidien de Paris" ("Ich habe in allen Ländern Europas Freunde, die mich aufnehmen") und einem ARD-Fernsehteam ("Mein Name spielt keine Rolle, ich bin deutscher Nationalsozialist") und schrieb an den SPIEGEL: Er sei "für die NSDAP-Auslandsorganisation in Europa und außerhalb des Kontinents tätig", halte sich aber, wie "andere politisch verfolgte deutsche Nationalsozialisten", nicht "ständig in Frankreich auf".
Wie er das gemeint haben könnte, erschloß sich Ermittlern erst kurz vor dem Münchner Feuergefecht. Uhl gilt, nach Tips aus der Szene, als einer jener Täter, die am 11. August die Kreissparkasse in Neuenstadt bei Heilbronn überfielen und mit 90 000 Mark Beute entkommen konnten.
Wer jene "anderen" verfolgten Neonazis sind, von denen der Volkssozialist berichtete, glauben Staatsschützer seit S.29 einem kriminellen Vorfall zu wissen, der sich vier Wochen vor dem Münchner Schußwechsel im Westerwald ereignete:
Am 23. September, morgens, kurz nach acht, stürmten zwei Männer, bewaffnet mit dem Bundeswehrgewehr G 3, in die Schalterhalle der Filiale der Nassauischen Sparkasse in Rennerod im Westerwald. Einer zertrümmerte das Telephon, der andere hielt ein Dutzend Kunden und Angestellte in Schach. Während die Videoüberwachungsanlage lief, ließ sich das Duo den Barbestand von 72 811 Mark in eine weiße Plastiktüte füllen und türmte über Hinterhof und Gartenzäune.
In der Seitenstraße "Am Krautgarten" wartete eine Frau mit dunkelgemustertem Kopftuch in einem dunkelblauen Fiat. Das Kennzeichen (EMS-Z 459) war tags zuvor in Diez an der Lahn, dem Heimatort von VSBD-Mann Wolfgram, gestohlen worden.
Zwar entkam das Trio zunächst unerkannt über die Bundesstraße 54. Doch für Ermittler steht fest, daß Uhl-Freund Wolfgram dabei war. Und am Morgen nach dem Münchner Feuergefecht ging beim SPIEGEL zum ersten Mal ein Bekennerbrief von rechts ein: "Um 8.02 des 23. 9. wurde in Rennerod/Westerw. die Nassauische Sparkasse um 72 000 DM überfallen. Der Kampf geht weiter." Absender: "Schwarze Front -- Kommando Frank Schubert".
Detaillierte Angaben ("Aus dem rechten Schalter kam die Kohle in Plastiktüte, aus dem linken wurde frei durchgereicht") sprechen für die Echtheit des Schreibens. Und Leute, die es abgeschickt haben könnten, gibt es auch -- beispielsweise das Paar, das mit Wolfgram zusammengearbeitet hatte.
Kriminaltechnische Untersuchungen einer am Tatort in Rennerod gefundenen Brille ergaben Hinweise auf einen gesuchten Rechtsextremisten: den Rechtsanwaltsgehilfen Klaus-Dieter Hewicker. Der geriet, zunächst NPD-Mann, in den Dunstkreis des Terroristen Paul Otte und saß neun Monate in Haft, weil er Friedhöfe beschmiert ("SA marschiert") hatte.
Nach Verbüßung der Strafe wandten sich Hewicker und seine gleichfalls vorbestrafte Ehefrau Christiane Busses Volkssozialisten zu. Im August verschwanden beide nach Frankreich.
Zuletzt wurde das Paar in Antwerpen vermutet, wo, am Tag des Münchner Feuergefechts, eine Bombenexplosion vor einer Synagoge zwei Tote und rund hundert Verletzte forderte. BKA-Fahnder reisten sogleich nach Belgien; am Donnerstagabend wurden das Neonazi-Paar und zwei Komplizen von einer Sondereinheit der belgischen Polizei in Gent und in der Nähe von Gent festgenommen.
Daß Busses Leute im Ausland, speziell in Frankreich und Belgien, unterschlüpfen können, verdanken sie beharrlicher Kontaktpflege der Volkssozialisten mit der "Federation d'Action Nationale et Europeenne" (FA-NE) oder dem "Vlaamse Militante" Orden. Noch nie, konstatierte Bundesinnenminister Gerhart Baum kürzlich, waren "die Verbindungen deutscher Neonazis zu ihren Gesinnungsgenossen im Ausland so intensiv wie heute", es sei "gerechtfertigt, von der Existenz eines internationalen Neonazismus" zu sprechen.
Deutsche von VSBD und "Junger Front" treffen sich, mal hüben, mal drüben, beispielsweise mit Kameraden von der FANE. Besprochen werden dabei, so ein Kölner Verfassungsschützer, "Waffen-, Munitions- und Sprengstoffbeschaffungen" sowie "Planung von Anschlägen".
Die FANE ist inzwischen verboten worden. Zwar gehörten ihr nur zwischen 50 und 100 aktive Mitglieder an, das französische Innenministerium schätzt allerdings das rechtsextremistische Potential im Nachbarland auf rund 3000 Sympathisanten.
In der FANE trafen alte Kampfgefährten, wie bei Busses Volkssozialisten, oftmals mit Halbwüchsigen zusammen. Für die war, so ein französischer Insider, "München ihr Mekka". Franzosen fuhren mal nach Braunau, besuchten die Feldherrenhalle und trafen sich zu Sonnenwendfeiern. Wie manche Mitglieder der verbotenen Wehrsportgruppe des Karl-Heinz Hoffmann fuhren auch solche Kameraden in den Libanon und ließen sich im Umgang mit Waffen schulen.
Dort hatte auch Peter Hamberger für den Ernstfall geübt, jener 18jährige Volkssozialist, der mit im Münchner Citroen saß. Weil ihm Hoffmanns Regiment nicht paßte, stellte er sich im Juni auf der Deutschen Botschaft in Beirut und belastete seinen Chef Hoffmann und den gesuchten Uwe Berendt, den jüdischen Verleger Shlomo Levin und seine Gefährtin Frida Poeschke in Erlangen ermordet zu haben.
Nachdem er ausgepackt hatte, kam Hamberger auf freien Fuß -- und verschwand gleich wieder. Erst vergangene Woche, als er mit Wolfgram und Uhl, nach den Ermittlungen, einen Bankraub plante, stießen Fahnder wieder auf seine Spur.
Daß der tödliche Schlag von München womöglich Stagnation im rechten Untergrund bewirkt, ist kaum zu erwarten. Verfassungsschützer rechnen damit, daß Neonazis, die noch auf freiem Fuß im Ausland sind, von dort aus zuschlagen wollen. Der eigene Tod scheint, wie bei der RAF, einkalkuliert.
Uhls Freundin aus der Pariser Rue de Douai: "Es wird auch weiter Tote geben, aber das wird an der Bewegung nichts ändern."
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Was interessieren uns die Besatzer in Afghanistan, solange
schwerbewaffnete Russen, Amerikaner, Engländer und Franzosen mitten
in Deutschland stehen? Was stört es uns, wenn ein Demokrat in Korea
hingerichtet werden soll, wenn von Demokraten Tausende Deutsche nach
dem Krieg ermordet wurden? Warum sollen wir uns darüber aufregen,
daß es in anderen Ländern politische Gefangene gibt, solange in der
BRD junge national-sozialistische Freiheitskämpfer eingekerkert
werden? Was soll uns der Dreck in anderen Ländern stören, uns steht
die Jauche bis zum Hals!
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DER SPIEGEL 44/1981
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