26.07.1982

„Die größte Männer-Party der Welt“

Kanzler Schmidt im kalifornischen Bohemian Club
Unter riesigen Mammutbäumen, nahe einem kleinen See, steht eine rund zehn Meter hohe, moosüberwachsene Eulenskulptur. Davor sind Holzkloben zu einem Scheiterhaufen aufgeschichtet. In lange rote Gewänder gekleidete Männer tragen eine Figur herbei, bringen sie zum Scheiterhaufen und entzünden ihn unter Sang und Klang. Eine Band spielt das Lied "Heiße Zeiten in der alten Stadt".
Das Ritual findet 120 Kilometer nördlich von San Francisco statt und ist trotzdem nur bedingt Teil einer der örtlich wuchernden Kulte. Alljährlich im Juli wird mit der feierlichen "Verbrennung der Alltagssorgen" das Urlaubstreffen eines der exklusivsten und geheimnisvollsten Herrenklubs der USA eingeleitet, des "Bohemian Club" von San Francisco.
Auf dem hügeligen, gut 1000 Hektar großen Waldgelände am Russian River finden sich rund 2000 der reichsten und einflußreichsten Männer Amerikas mit ihren Gästen zum Sommerlager im Bohemian Grove ein. Ungebetenen wird jeglicher Zugang strikt verwehrt.
Zwei Wochen lang wollen sie ganz unter sich bleiben, die Wirtschaftsbosse und die - vornehmlich republikanischen - Größen des öffentlichen Lebens der USA. Hier haben sich in der Vergangenheit die Präsidenten Coolidge, Hoover, Eisenhower, Nixon und Ford den Begüterten zwecks Wahlkampfunterstützung vorgestellt; hier kann heute der Bauunternehmer Stephen Bechtel mit seinen ehemaligen Angestellten, den Reagan-Ministern Caspar Weinberger und George Shultz, plaudern, deren jetziger Boß ebenso Klubmitglied ist wie die Kabinettskollegen George Bush und William French Smith.
Der kalifornische Industrielle und Reagan-Mentor Justin Dart ist ein Bohemian, desgleichen Multimilliardär Daniel Ludwig, Weltbankchef Alden Clausen, Verleger William Randolph Hearst und H-Bomben-Vater Edward Teller.
In solcher Umgebung ist Kanzler Schmidt ein vergleichweise ärmlicher Gast. Zu dem lange geplanten Power-Wochenende hatte der neue US-Außenminister George Shultz geladen, der den Deutschen in der "Straße der Verdammten" des "Mandalay"-Camps, einem der prestigeträchtigsten der rund 120 Villen-, Hütten- und Zeltkomplexe des Bohemian Grove, unterbrachte.
Denn selbst wer nach einer Aufnahmeprozedur, die den Sicherheitsüberprüfungen des KGB Ehre machen würde, Mitglied des Bohemian Club wird, betritt beileibe keine egalitäre Gesellschaft. Zwar repräsentiert der Männerbund "das politische und soziale Fort Knox" (Grove-Kenner John van der Zee) der herrschenden Oberschicht, aber die Hackordnung wird streng gewahrt: So erhält Eintritt zu den Camps der "heavyweights" auch unter Bohemians nur, wer eine Einladung vorzuweisen hat. Neben Shultz' "Mandalay" sind das Nixons "Cave Man's"- und Reagans "Owl's Nest"-Camp. Die wenigen Künstler und Entertainer, die sich - Spaß muß sein - der Verein noch hält, haben mit dem "Monkey Club"-Camp vorliebzunehmen.
Die Sommerfrische der US-Machtelite ist eine launige Mischung aus Luxuscamping, Altherren-, Junggesellen-Party, Hausmusikabend und bester Gelegenheit, in lockerer Umgebung ein paar Geschäfte in Ordnung zu bringen.
Wenn beispielsweise der größte Baumeister für Kernkraftwerke in den USA, Stephen Bechtel, sein Quartier mit dem Boß eines der größten Elektrizitätsproduzenten teilt, steht nicht zu vermuten, daß die beiden Herren ausschließlich über gute alte Zeiten reden. Das Wer-mit-wemim-Bohemian-Grove hat sich in Amerika zum Pendant des Wer-mit-wemauf dem Lenin-Mausoleum entwickelt. Die Herren laufen sich auch außerhalb des Klubs ständig über den Weg. Außer Shultz sind drei weitere ehemalige Manager des Bechtel-Konzerns in der Reagan-Administration vertreten.
Die Sommertreffen der 110 Jahre alten Männer-Vereinigung, die laut Satzung "der Literatur, der Kunst, der Musik und dem Theater" verpflichtet ist, werden vornehmlich von Frauen aufs Korn genommen. Ihnen wird immer noch der Zugang zur "größten Männer-Party der Welt" (Hoover) verwehrt.
Frauen, so empfand es der ehemalige Kalifornien-Gouverneur und Reagan-Vorgänger Pat Brown, würden den Club nur ruinieren, denn:
"Wie könnte ich nackt von der Dusche zu meinem Zelt gehen, wenn es hier Frauen gäbe?" Sein Sohn Jerry, Nichtmitglied und derzeitiger Kalifornien-Gouverneur, hat vor einiger Zeit den Bohemian Club der Frauendiskriminierung angeklagt.
Auf einer offiziellen Anhörung im letzten Jahr brachten Klubmitglieder als Argument gegen die Zulassung von Frauen vor, daß sich die ehrwürdigen Herren auf ihren Spaziergängen an den Bäumen zu erleichtern pflegten.
Dem widersprach jetzt der deutsche Bundeskanzler. "Daß jemand an die Bäume pißt", habe er bei seinem letzten Besuch nicht gesehen, aber, so Schmidt, "die Bäume sind so groß, daß sich zwölf Männer dahinter aufstellen können".
Nicht einmal zu den Amateurtheaterspielen, den abendlichen Höhepunkten, werden Frauen benötigt. Hier, ganz unter sich, schlüpfen auch Firmenchefs gern einmal in Frauenkleider. So bekannte der grauhaarige Klubdirektor und Rechtsanwalt aus San Francisco, Maurice Delano Fuller, daß auch er als Waldnymphe aufgetreten sei, und zwar gewandet wie andere "Schauspielerinnen" auch: luftig und mit kleinen Flügeln.
In etwas ernsterer Verfassung versammeln sich die Industrie-Nymphen jeden Tag zu den berühmten "Lakeside Talks": Vorträge von Politikern, Wissenschaftlern, Schriftstellern und Militärs. Starredner in diesem Jahr ist abermals Helmut Schmidt.
Viel Provozierendes kommt bei diesen Lektionen kaum über. Sie drücken aus, was die versammelten Plutokraten ohnehin bewegt. So warnte hier 1980 der unermüdliche Edward Teller wie schon oft vor der "roten Gefahr".
Doch nicht alle Bohemian-Camps dienen nur als "Zuflucht vor den trüben Wassern der Außenwelt mit all ihrem Tumult und ihren Ängsten", wie das William Buckley, Chefredakteur des Reaganschen Lieblingsblattes "National Review", einfühlsam umschrieb. Hier traf in den 30er Jahren der Atomphysiker Ernest Lawrence beim Geschirrspülen auf den Finanzier William Crocker und erhielt 75 000 Dollar für seine Forschungen, die grundlegende Voraussetzungen zum Bau der Atombombe schufen.
Im Bohemian Grove kamen Ronald Reagan und Richard Nixon 1967 überein, Nixon den Vortritt für die Bewerbung ums Präsidentenamt zu überlassen. Und voriges Jahr kündigte Caspar Weinberger hier an, daß sich die USA nunmehr auf zweieinhalb statt auf eineinhalb Kriege vorbereiten müßten.

DER SPIEGEL 30/1982
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