22.06.1981

SCHMUGGELHi Hope Mister

Um Millionen Mark wurde der Zoll bei der Einfuhr von US-Westernpferden betrogen. Zum Schmuggelgut gehörten auch Waffen und Silbersättel, die bei deutschen Cowboy-Fans lebhaften Absatz finden.
Der Wallach "Hi Hope Mister", von der "Training Stable" Ranch in Hollister, Kalifornien, frisch ins rheinland-pfälzische Hachenberg importiert, machte seinem neuen Besitzer wenig Freude. Weil der Western-Gaul lahmte, mußte er zum Pferdemetzger.
Der Tod des Wallachs hatte Folgen. Denn am Rande eines Rechtsstreits vor dem Koblenzer Landgericht, bei dem es um Schadenersatz für das hinkende Tier ging, stellte sich für Käufer und Verkäufer gleichermaßen Peinliches heraus: Für den 10 000 Mark teuren "Hi Hope Mister" war dem Zoll eine gefälschte Rechnung über nur 1000 Mark vorgelegt worden. Der Schwindel führte Koblenzer Zollfahnder auf die Spur trickreicher Pferdehändler.
Seit 1977, so recherchierten die Beamten, sind mindestens 465 Westernpferde aus den USA unter Vorlage unterfakturierter Rechnungen eingeführt und dabei Millionen hinterzogen worden -- laut Fahndungsleiter Walter Hermsdorf "der größte Schmuggel mit Reitpferden seit Bestehen der Bundesrepublik".
Regelwidrig importiert wurden zumeist reinrassige "Quarter Horses", klassische Cowboypferde, die ihrer Schnelligkeit in Viertelmeilen-Rennen den Namen verdanken, aber auch verwandte Züchtungen wie die gescheckten Paints und Pintos.
Die Machart war einfach: Um den Zollsatz von 18 Prozent plus 6,5 Prozent Einfuhrumsatzsteuer nicht auf den tatsächlichen Kaufpreis der teuren Pferde entrichten zu müssen, verabredeten die deutschen Aufkäufer in Amerika mit den Verkäufern und den Speditionsfirmen manipulierte Zollanmeldungen.
So wurden hochtrainierte Reittiere gegenüber dem Zoll unbeanstandet mit einem Preis deklariert, "der gerade dem Schlachtwert entsprach" (Fahnder Hermsdorf). Nicht selten wurden für Pferde mit einem Wert von über 10 000 Mark falsche Zollrechnungen von nur 500 Mark vorgelegt. Hausdurchsuchungen bei 12 Gestütsbesitzern, Händlern und Rodeo-Veranstaltern in sieben Bundesländern brachten dazu fast lückenlose Beweise. Die Beschuldigten hatten in vielen Fällen neben den fingierten auch die richtigen Rechnungen fein säuberlich abgeheftet.
Vor allem dort, wo in öder westdeutscher Provinz Westernromantik gepflegt wird, wurden die Fahnder fündig; bei den Westfalen-Cowboys der "South Dakota Ranch" in Ibach bei Wuppertal ebenso wie bei den norddeutschen Reitern auf der "Run-Away Ranch" in Wildeshausen bei Bremen.
Auch der Amerikaner Alan M. Jacob aus Totterbach bei Kaiserslautern, der seit Jahren mit seinem von Tierschützern kritisch betrachteten "Rodeo USA" durch die Bundesrepublik zieht, wurde mit Erfolg gefilzt. Seine strapazierten Westernpferde, die nicht aus Übermut Bocksprünge vollführen, waren ebenfalls nicht ordnungsgemäß verzollt.
Als größten Steuersünder beim Pferdehandel entlarvten die Fahnder jedoch den Schweizer Jean-Claude Dysli. Der ehemalige Bauingenieur, der heute in Welzheim bei Stuttgart lebt, hatte auf seiner kalifornischen Ranch schnelle Quarter Horses gezüchtet und verkauft. In 55 Fällen, so räumte der Schweizer unumwunden ein, betrog er den Zoll durch Ausstellung viel zu niedriger Rechnungen.
Dyslis Kunden waren zumeist betuchte deutsche Touristen, die bei Abenteuerreisen durch die USA Gefallen an den Westernpferden fanden. Weil die Käufer bis zu 14 000 Mark pro Pferd zahlen und zusätzlich rund 6000 Mark Frachtkosten aufbringen mußten, wollten sie wenigstens am Zoll sparen.
Jean-Claude Dysli verteidigt die Zollhinterziehung als Notwehr gegen die "ungerechte Besteuerung" der in der Bundesrepublik immer beliebter werdenden US-Pferde. Sein Argument: Würden die geduldigen und nervenstarken Tiere, die auch ungeübte Reiter nicht gleich aus dem Sattel werfen, von den deutschen Verbänden als Zuchtrösser anerkannt, könne die Zollpflicht auf Antrag entfallen.
Entsprechende Bemühungen blieben aber bislang erfolglos; Western-Fans vermuten hinter der Ablehnung einheimische "Borniertheit und Herrenreitermentalität". Und Dysli, dem von der Zollfahndung "rabiate Wirtschaftskriminalität" nachgesagt wird, findet: "Ohne gefälschte Zollunterlagen wären die Pferde einfach zu teuer gewesen."
Gänzlich unverzollt gelangten auf gleichem Wege Schmuck, Waffen und Sattelzeug von den USA nach Deutschland. Immer wenn eine Fuhre Westernpferde im Jumbo-Jet von Los Angeles nach Frankfurt und Amsterdam geflogen wurde, versteckten Transportbegleiter die Schmuggelware im Pferdemist.
Silberbeschlagene Sättel (Wert: 4000 Dollar), von Navajo-Indianern gefertigte Ketten und Revolver aus dem Sezessionskrieg kamen so in deutsche Western-Shops. Die Zollfahnder stellten im nachhinein Geschmuggeltes im Wert von einer halben Million Mark sicher, darunter eine Winchester, Kaliber 30, eine Remington, Modell 94, und einen Colt .45 vom Typ "Peacemaker".
Doch nur ein geringer Teil der Wildwest-Utensilien wurde von der Fahndung entdeckt. Insider wissen, daß auf der "Equitana", der Welt größten Pferdemesse, im März in Essen tonnenweise Schmuggelgut mit großem Profit verkauft wurde.
Behilflich war den Schmugglern, daß die Zöllner dachten, es tritt sie ein Pferd. Die Tiere waren nach der Landung stets so aggressiv, daß sich bei der Abfertigung kein Beamter in die Boxen traute.

DER SPIEGEL 26/1981
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